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Ein sehr ermutigendes Kackjahr

Na, wie war 2022? „Beschissen“, würde ich sagen, wenn ich an den Krieg in der Ukraine, die Gewalt im Iran oder die Dürre im Sommer denke. „Überraschend ermutigend“, wenn ich an all die Nachrichten und Geschichten denke, die ich mit Susan Link für unseren Podcast Erzähl mir was Gutes! zusammen gesammelt habe. Die Aktion "Out in church" fällt mir da ein (Folge 42: "Die etwas rumpelige Hotelfolge") und ihre fast schon revolutionären Auswirkungen auf die katholische Kirche in Deutschland. Die positiven Nachwirkungen der Ice Bucket Challenge auf die ALS-Forschung. (Folge 77: "Ice Buckets und Heizpuschen") Die Erhöhung des Mindestlohns in Deutschland (Folge 46: "Töröö aus Bielefeld") Oder die überraschend konkreten Ergebnisse der Artenschutzkonferenz in Montreal (Folge 78: "Rutsch rüber, Rose!"

So, und was stimmt jetzt? War's ein Kackjahr? Oder war's ein Spitzenjahr? Tja. Beides, natürlich. So wie jedes Jahr. Aber so wie jedes Jahr werden viele (und ich spreche hier selbstverständlich ausdrücklich nicht von Leuten, die in Kriegs- oder Krisengebieten leben) nur einen Teil der Nachrichten in Erinnerung behalten und die positiven weitgehend ignorieren, weil … ja, warum eigentlich? 

Weil es als betulich, esoterisch, latent religiös und unseriös gilt, über gute Entwicklungen zu sprechen? Weil man Gefahr läuft, als Tagträumer und Zwangsomptimist dazustehen? Oder weil es einfach in der Natur des Menschen liegt, sich eher mit schlechten Nachrichten zu beschäftigen?

Letzteres stimmt auf jeden Fall. Negativity Bias nennt man das: Den Hang des Menschen, eher die negativen Informationen zur Kenntnis zu nehmen und daraus Schlüsse zu ziehen, als die positiven. Es ist leider eine Tatsache: Die schlechte Nachricht ist immer die spannendere Geschichte. Zählt mal nach, wie viele gute Nachrichten ihr gerade auf der Startseite einer beliebigen Newsseite findet. Keine Angst, da seid Ihr schnell fertig. Gute Nachrichten haben einfach weniger Klick-Potential. Seiten wie Spiegel Online leben davon, mehrmals täglich neue Katastrophen zu vermelden, denn nur die generieren Klickzahlen und somit Werbeeinnahmen.

Noch deutlicher ist es in den sozialen Medien: Bei Twitter retweeten viele User täglich Posts, die sie selbst abstoßend finden, meistens mit einem kritischen Kommentar, um sich davon zu distanzieren. Sowas gibt jede Menge Likes und steigert die Reichweite, aber leider wurde Twitter dadurch in den letzten Jahren so ne Art Copyshop für Dummheit. Eine Gehässigkeits-Vermehr-Anstalt. (Wer, wie ich, immer weniger Lust darauf hat: Bei Mastodon gibt es die Funktion "Tweet zitieren" gar nicht. Eine einzige Wohltat, ernsthaft.)

Und es stimmt ja auch: Es gibt jede Menge Beschissenheit auf dieser Welt. Aber es stimmt eben nicht, dass die Welt immer schlechter wird. (Wer sich das mal sehr ausführlich und gleichzeitig unterhaltsam wissenschaftlich darlegen lassen will, dem empfehle ich das Buch "Factfulness" von Hans Rosling.) Und es stimmt auch nicht, dass nur seriös und realistisch ist, wer sich tagtäglich ausschließlich mit dem Elend in der Welt auseinandersetzt. Mindestens genauso seriös und deutlich hilfreicher wäre es, bei schlechten Nachricht auch auf positive Entwicklungen oder Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation hinzuweisen (vgl. dazu die "Scheiße plus x"-Regel aus Ronja von Wurmb-Seibels "Wie wir die Welt sehen").

Seine eigene Aufmerksamkeit wenigstens ab und zu auf positive Nachrichten zu lenken, hat nichts mit Realitätsverweigerung und Träumerei zu tun. Im Gegenteil: Positive Entwicklungen zu ignorieren, ist im Grunde Realitätsverweigerung. Außerdem finde ich es ein Zeichen von Souveränität, selbst zu bestimmen, wie viel Doomscrolling gut für mich ist und ob es nicht andere, bessere Möglichkeiten gibt, mit schlechten Nachrichten umzugehen (man kann zum Beispiel problemlos auch Hilfsgüter spenden, ohne über jede einzelne Kriegsentwicklung informiert zu sein). Und wem das noch nicht reicht: Es gibt zahllose Studien über den positiven Einfluss von guten Nachrichten auf die eigene Psyche (Mein Favorit dazu ist die Sache mit der Freudenfreude, über die wir in Folge 76 sprechen).

Wenn ich also fürs neue Jahr etwas empfehlen würde, dann ein bisschen mehr Nachrichten-Mündigkeit. Die Fähigkeit, selbst zu bestimmen, wie viel Information man eigentlich braucht und welche Art von Information gut für einen ist. Und falls Ihr Lust habt, mit einem etwas optimistischeren und damit realistischeren Blick ins neue Jahr zu gehen, empfehle ich, zum Jahreswechsel in ein paar Folgen Erzähl mir was Gutes! reinzuhören.  Dann erfahrt Ihr zum Beispiel, warum es bald weibliche Crash Test Dummys geben wird (Folge 72, "Die fränkische Hosenschleuder"). Wie ein Hamburger Rapper auf das Thema "Hostile Architecture" aufmerksam macht und auch direkt etwas dagegen unternimmt (Folge 70: "Tippelnd zur Traumfigur") Und warum kanadische Ärzte jetzt Nationalparks verschreiben können. (Folge 44: "Wellness, Watt und Würste")

Gut, und ein paar Tiergeschichten sind natürlich auch immer dabei (Folge 71: "Wenn Hummeln bummeln"), denn ... ach, als ob man das noch begründen müsste! 

Viel Spaß, guten Rutsch und auf ein ermutigendes Jahr 2023!

P.S.: Da auch Tipps und Empfehlungen zu unserem Standardrepertoire bei Erzähl mir was Gutes! gehören, hier mal eine vollkommen subjektive Liste meiner kulturellen Highlights 2022:

  • Buch: "Wie wir die Welt sehen" von Ronja von Wurmb-Seibel
  • Podcast: "Help I sexted my Boss!"
  • Album: "Harry's House" von Harry Styles
  • Serie: "Heartstopper"
  • Film: "In from the side"
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