Liebe Leser*innen,

ich hoffe, es geht euch gut und ihr beschließt dieses Jahr gesund und guter Dinge, möglichst versöhnt mit dem, was nicht gut lief und voller Vorfreude auf alles, was kommt. Ich erlebe jetzt in der Weihnachtswoche genau das, was ich mir so erhofft hatte: Im größten Trubel des Jahres nutze ich die kostbare Zeit jeder raren freien Minute, um meine liebsten Bücher aus den Lektüren der letzten zwölf Monate zu sortieren. Zum einen, damit dieser Newsletter eben doch ganz pünktlich am letzten Sonntag im Monat in euren Postfächern landet, ohne dass ich meine Weihnachtsruhe unterbreche und zum anderen, weil ich um die Wirkung weiß, die so ein literarischer Jahresrückblick jetzt mitten in der Spitze des Weihnachtsgeschäfts auf meine Kraftreserven hat. Es ist ein energetisierendes, beglückendes und gleichzeitig entschleunigendes Gefühl, ein Jahr in Büchern Revue passieren zu lassen. Ich blättere hier nochmal rein, lese dort nochmal nach, wäge Wirkungen ab, spüre Leseeindrücken nach und vergleiche meinen frischen Enthusiasmus mit dem gut abgehangenen Gefühl nun, mehrere Wochen nachdem ich das jeweilige Buch beendet habe. Welche der rund einhundert gelesenen Bücher der letzten zwölf Monate werden überdauern? Welche davon sind jetzt gleich unter den ersten zwölf Plätzen? Was bleibt (nur) gut? Was sticht nachdrücklich heraus? Nun wird Bilanz gezogen!

Doch zuvor möchte ich euch zum Ende des Jahres von Herzen danken, für all den Zuspruch – im Laden, im Leben und auf Instagram – für eure Unterstützung auf Steady, für euer Interesse an diesem Newsletter, an unseren Projekten bei blauschwarzberlin und an allem, was ich sonst für und wegen Literatur tue. Danke!

Der nachfolgende Rückblick zeigt euch nun meine zwölf absoluten Lieblingsbücher aus diesem Jahr, der Einfachheit halber (weil mir eine andere Priorisierung nahezu unmöglich gewesen wäre) in der Reihenfolge ihres Erscheinens. 

Meine Lieblingsbücher des Jahres 2021

Januar und Februar

Den Anfang machen natürlich die drei Bücher, die mich auch zu Beginn des Jahres am intensivsten beschäftigt haben: Die Kopenhagentrilogie von Tove Ditlevsen in der großartigen Übersetzung von Ursel Allenstein im Aufbau Verlag. „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“, die im dänischen Original zwischen 1967 und 1971 veröffentlicht wurden, sind im Januar und Februar erschienen. Jedes Buch für sich ist gewichtig und wertvoll, ich fasse sie trotzdem hier zusammen, denn jedes dieser Bücher hat einen Herzensplatz unter meinen Top 12. Mit dem Aufbau Verlag hatte ich zu Beginn des Jahres eine ganz wunderbare Kooperation zu diesen Veröffentlichungen. Ich wage gar zu sagen, wir haben mit unserer Zusammenarbeit die Art und Weise, wie Literatur hierzulande in den Sozialen Netzwerken Raum finden kann, ganz neu gedacht. Noch immer könnt ihr meine Livegespräche mit der Übersetzerin Ursel Allenstein und mit der Lektorin Friederike Schilbach nachträglich auf Instagram anschauen. Außerdem habe ich das #tovelesen mit zwei weiteren Livestreams zum intensiven Austausch mit den Leser*innen begleitet, auch diese Videos sind online weiterhin zu finden. Diese schöne Kooperation hat mir Raum und Zeit gewährt, mich diesem Projekt sehr ausführlich zu widmen, sie ist aber nicht der Grund, weshalb ich die Bücher hier nun nenne, das ist Tove Ditlevsens Wirkung auf mein Lesen selbst. Tove Ditlevsen (1917-1976) schreibt in den autobiografischen Romanen „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“, die Ursel Allenstein brillant aus dem Dänischen übersetzt hat, über das Aufwachsen im Kopenhagener Arbeitermilieu der 20er Jahre, über das schwierige Verhältnis zur Mutter, die Härte von Klasse, über das Nichtdazugehören und über Freundschaft. Sie schreibt über vermeintliche Aus- und Abwege, über Aufschwünge und Psychosen, über das Frau- und Künstlerinsein, über Liebe und Literatur, Mutterschaft, Abtreibung, Scheidung, über Ruhm und Rausch, über das Schreiben, über Scheitern und Befreiung. Mit ihrer mutigen Autofiktion hat sie Ende der 60er Jahre einen Grundstein für viele literarische Frauenstimmen gelegt, die ich sehr bewundere. Ich liebe diese autofiktionale, poetische, glasklare Prosa, an der sich literarisch für mich vieles nochmal ganz neu justiert, diese Trilogie ist ein Kompassbuch für mich und Tove Ditlevsens Wiederentdeckung ein großes Glück in meinem Leseleben.

Februar

Im Februar ist „Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo im S. Fischer Verlag erschienen. Ich war sofort tief beeindruckt von dem sicheren Spiel zwischen vier hochkomplexen zeitlichen Ebenen, auf denen die Bachmannpreisträgerin vier verschiedene Adas auftreten lässt: Wir begegnen Ada, die im Jahr 1459 in Totope im Westen Afrikas ihr totes Baby betrauert, während sie der Kolonialisierung der Goldküste entgegensieht. Ada, die im viktorianischen London 1848 mathematische Visionen hat, denen auch ihr Geliebter Charles Dickens längst nicht mehr zu folgen vermag. Ada, die im Jahr 1945 im KZ Mittelbau-Dora zur Prostitution gezwungen wird. Und Ada, die heute, Schwarz und hochschwanger, nach einer bezahlbaren Wohnung in Berlin sucht. Wie Sharon Dodua Otoo diese Adas, ihre Träume, Unfreiheiten, ihre Traumatisierungen, aber auch ihren Stolz und Überlebenswillen, ihre Verletztheit, ihre Zärtlichkeit und ihr Wissen in eine soghafte Geschichte fließen lässt, hat mich sehr berührt, vor allem aber hat mich der Roman sprachlich und stilistisch enorm beeindruckt. Wen oder WAS Sharon Dodua Otoo alles erzählen, erinnern und von den Ereignissen berichten lässt, war für mich überraschend neu und literarisch hochwirksam. Da spricht ein Reisigbesen, ein Türklopfer, ein ganzes Zimmer ... und sieht all das, versteht all das, was die Adas nicht sehen oder noch nicht verstehen können. Und auch jetzt, zehn Monate nach der Lektüre staune ich über all die subtilen Verbindungen, mit denen Sharon Dodua Otoo die Ebenen miteinander verknüpft und trotzdem mit Leichtigkeit all die Adas zu einer Ada werden lässt – und vielleicht zu einem Symbol für das Frausein selbst.

März

„... Ich schreibe es, um die Teile von mir zurückzufordern, die ich so lange und so gründlich verleugnet habe. Ich schreibe, um das Schweigen zu durchbrechen, das ich so lange gewahrt habe. Ich schreibe es auf, damit ich mich wenigstens in meinem eigenen Leben gegenwärtig fühlen kann. Ich schreibe es, weil es das Machtvollste ist, zu dem ich mich imstande sehe.“ „Botschaften an mich selbst“ von Emilie Pine, übersetzt von Cornelia Röser, im btb Verlag ist im März erschienen und gehört seither für mich zu den wichtigsten Büchern, die ich je übers Frausein gelesen habe. In sechs Essays hat die irische Dramatik-Professorin über all das geschrieben, was sie zu der Frau gemacht hat, die sie heute ist. So viel Scham und Schweigen, Geheimnisse und Gewalt, Erwartung und Enttäuschung, so viel Druck! Ich habe diese Texte wie im Rausch gelesen, habe schwer geschluckt, ich habe (zu) viel wiedererkannt, aber ich habe vor allem eine Verbündete gewonnen. Emilie Pine benennt all die Szenen, Gefühle und Muster über die wir Frauen seit Jahren ganze Fuhren von Selbstfürsorgemechanismen und vor allem Schweigen kippen, in der Hoffnung, dass irgendwann doch etwas Gras darüber wächst. Anstatt Sexismus und gesellschaftliche Strukturen verantwortlich zu machen, suchen wir die Schuld für so viel Schmerz und Ungerechtigkeit lieber bei uns selbst, das ist lange antrainiert. Emilie Pines Texte erzählen radikal und ehrlich vom Alkoholismus ihres Vaters, von Fehlgeburt und Kinderwunsch, von ihrem jahrelang höchst schwierigen Verhältnis zu ihrem Körper, von Scheidung und Armut, von toxischen Beziehungen, von Esstörungen, von Drogen und sexueller Gewalt, vom Verlorensein, von Burnout und Depression. Das was jetzt schlicht aufgezählt wie ein ziemlich schlechter Film klingt, ist aber das genaue Gegenteil. Es ist das ermutigende Angebot, einer Frau beim Denken zuzuhören (Essays!), die sich befreit – und uns gleich mit – indem sie sich den Ängsten stellt, all das aufzuschreiben und die daraus dann große Literatur macht.

März

Ebenfalls im März erschien „An das Wilde glauben“ von Nastassja Martin, aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer bei Matthes & Seitz. Die französische Anthropologin Nastassja Martin forscht in Kamtschatka, einer in Nordostasien befindlichen Halbinsel der Russischen Förderation, zur Traumkultur des indigenen Volkes der Ewenen. Nach einer Expedition begegnet sie unerwartet einem arktischen Bären, der sie in den Kopf beißt und schwer verletzt. Nie spricht Nastassja danach von einem Unfall oder gar einem Überfall, denn für sie ist klar: Sie hat mit diesem Bären gekämpft. Was sie das Überleben kostet und was es ihr schenkt, wie das Wilde und das Zivilisierte von diesem Moment an in ihr ringen, und sich sibirische und westeuropäische Medizin um ihre Heilung streiten, davon erzählt Nastassja Martin in diesem überaus poetischen und philosophischen Bericht. Ein Buch das Mut macht, die Möglichkeiten der Selbstbestimmung auch in Schicksalsschlägen zu suchen. Ein Text, der literarische Genregrenzen sprengt und von einer bewundernswert klugen Analyse einer tiefen Versehrung in so wunderschöner Sprache – der sorgfältigen und empathischen Übersetzung von Claudia Kalscheuer sei Dank – erzählt, dass man ihn am liebsten laut vorlesen will. 

April

„Zum Fluss. Eine Reise unter die Oberfläche“ von Olivia Laing, übersetzt von Thomas Mohr erschien im April bei btb. Olivia Laing hat ihren Job und ihre Liebe verloren. Um nicht im Schmerz über diese Verluste zu verharren, macht sie sich auf den Weg und wandert in der Mittsommerwoche des Jahres 2009 am Fluss Ouse von der schlammigen Quelle, irgendwo in den Wiesen Südenglands, bis zur Mündung im Ärmelkanal. Auf den 42 Meilen denkt die Kulturkritikerin kurzweilige und kluge Gedanken, die sie plaudernd im Rhythmus des Wasserplätscherns mit uns teilt. Von der mythologisch begründeten Bedeutsamkeit der fließender Gewässer für die kulturelle Entwicklung der Menschheit, bis zur Bedeutung dieses besonderen Flusses hier für eine feministische Ikone, die wir alle im Bücherregal haben - Virginia Woolf suchte und fand den Tod in der Ouse - springt Laing elegant flüssig zwischen den Themen. Dabei wechselt sie mit Leichtigkeit zwischen zutiefst Persönlichem und historischen Persönlichkeiten. Eine sommerliche, essayistische Wanderung, begleitet von Zaunkönigen und Abendseglern und bosselnden Bienen im hohen Gras.

Juni

Im sommerhellen Juni erschien einer der düstersten Romane, die ich in diesem Jahr gelesenen habe: „Die Frauen“ von Evie Wyld, in der Übersetzung von Tanja Handels bei Rowohlt. Im englischen Original heißt das Buch „The Bass Rock“ benannt nach dem unbewohnten Felsen vor der sturmumtosten Küste Schottlands. Auf dem Festland in North Berwick begegnen wir in diesem wunderbar vielschichtigen Roman zu drei verschiedenen Zeiten drei verschiedenen Frauen: Sarah wird vor vielen Jahren als Hexe verschrien durch die Wälder gejagt. Ruth zieht nach dem Krieg frisch verheiratet mit ihrem Mann und den Stiefsöhnen in ein düsteres Anwesen direkt am Strand, noch ist sie glücklich. Und Viv hat in der Gegenwart noch immer Mühe, ihre Unabhängigkeit in einer Beziehung aufgehen zu sehen, auch wenn sie nun fast Vierzig ist. Die Lebenswege dieser drei Frauen verknüpfen sich im Schatten des Bass Rock miteinander und mit uns allen. Obwohl man bei Romanen, die auf mehreren Ebenen spielen ja insgeheim immer eine Lieblingsebene, eine bevorzugte Stimme, einen liebsten Handlungsstrang hat, war ich hier völlig ausgewogen bei allen drei Protagonistinnen in erster Reihe über 500 Seiten permanent anwesend. Das Buch spielt mit den Elementen von Schauer und Grusel, aber es erzählt die dramatische Geschichte von (zu) klugen Frauen, die wütenden Männern ausgeliefert sind, von Femizid und Misogynie, von Hass und Gewalt. Wie Evie Wyld dort hinein auch noch einen zutiefst absurden, komischen, humorvollen Ton webt ohne, dass die Stimmung des Buches je ins Rutschen kommt, ist geradezu brillant und funktioniert auch in Tanja Handels Übersetzung sehr, sehr gut.

September

Naja Marie Aidt ist eine dänische Schriftstellerin und Dichterin. Sie wurde auf Grönland geboren und lebt heute in Brooklyn. Sie hat vier Söhne. Carl ist Mitte Zwanzig, als er sich 2015 auf einem Drogentrip aus dem Fenster stürzt. Von dem, was eigentlich nicht erzählbar ist, handelt „Carls Buch“, übersetzt von Ursel Allenstein, im September bei Luchterhand erschienen. Ich habe selten etwas gelesen, was so übergriffig auf die Leser*innen wirkt, was im Wortsinn wirklich so aus den Seiten herausgreift. Dieses Memoir ist auch in seiner Tyografie jenseits dessen, was einfach fassbar ist. Detaillierte Berichte, sich stetig Wiederholendes, Verse, Tagebucheinträge, Beschwörendes, Kursives, dazwischen luftige Fragmente, lose Erinnerungen, zusammenhängende Überlegungen, Sätze, die in der Luft hängen bleiben, Gedichte, fett Gedrucktes, das sich liest, als würden sich Worte einbrennen, Variationen von Schriftart- und -größe, manche so klein, dass sie kaum lesbar scheinen, Verschwindendes, all das beinhaltet dieses schmale Buch. Und doch ist dieses Memoir ein Kunstwerk im Ganzen, etwas an dessen Vollständigkeit kein Zweifel besteht. Dieses Buch zeigt eine Mutter, eine Autorin, die ihre Worte erst wieder finden muss, der die Luft und die Sprache wegbleiben, die überhaupt ganz neue Wege finden muss, um von dem zu erzählen, was man nicht erzählen will und doch um jeden Preis muss. Es ist nicht genug zu bewundern, wie sicher und treffend Ursel Allenstein dieses Buch, diesen unvergleichlich intensiven Text ins Deutsche übertragen hat.

September

Natürlich steht „Allein“ von Daniel Schreiber, im September bei Hanser Berlin erschienen, auch auf meiner Lieblingsbuchliste dieses denkwürdigen Jahres. Als Leserin und als Buchhändlerin, die die Wirksamkeit ihrer Empfehlungen in intensiven Gesprächen bestätigt bekommt, ist mir dieses Buch unendlich wichtig. Die romantische Beziehung wird uns von klein auf als das unbedingt zu Erreichende vermittelt. Vollkommenheit und Glück können wir angeblich nur im Narrativ der großen, lebenslangen Liebe erlangen. Was aber, wenn wir in der Mitte unseres Lebens oder noch später feststellen, dass sich aus keiner unserer Liebesbeziehungen diese eine entwickelt hat, mit der wir den Rest unseres Lebens verbringen werden. Was, wenn wir allein sind? Was, wenn wir allein geblieben sind oder das Alleinsein sogar ganz bewusst gesucht haben? Was ist ein gutes Leben in dieser heutigen Zeit? Wie kann ein erfülltes Leben ohne Liebesbeziehungen gelingen? Was sind hilfreiche Strategien bei Einsamkeit? Und wo liegt der Gewinn eines unabhängigen Lebens? Wie schon in seinen grandiosen Büchern Nüchtern und Zuhause, lotet Daniel Schreiber nun in auch in seinem dritten Essay anhand von persönlichen Erlebnissen große gesellschafliche Fragen aus. Mit wachem Geist und einer großen Leidenschaft für kluge Theorien und gute Literatur, mit einem tröstenden Verständnis für seelische Tiefen und einem klaren Blick auf die menschlichen Möglichkeiten, hilft dieses Buch uns dabei, uns selbst ein wenig besser in der Welt zu verorten. Es ist ein Ankerbuch! 

Oktober

Dieser wunderschöne, zweisprachige Gedichtband musste unbedingt in die Aufzählung meiner Jahreslieblinge, auch wenn ich ihn schon im letzten Newsletter als Liebling des Monats sehr ausführlich besprochen hatte. „Watching with Closed Eyes. A Collection of Poems on Love and Grief“ heißt der Lyrikband von Dóri Varga im englischen Original. Ivna Žic hat ihn übersetzt und in der zweisprachigen Ausgabe des Aki Verlages, trägt er den –nach einem meiner liebsten Gedichte darin benannten – Titel „Erden“. Dóri Vargas Gedichte strömen tatsächlich ohne verkopfte Umwege, wie durch unsichtbare Wurzeln ganz direkt in meine lyriklesende Herzklappe. Sie sind zutiefst weiblich, erzählen vom Mond und vom Meer, von Liebe und Verlust und schaffen eine wärmende Verbundenheit, die wir in diesen Tagen wohl alle besonders nötig haben. Die wunderschöne Gestaltung mit einem Coverfoto von Annelies Štrba trägt ganz bestimmt dazu bei, dass diese Gedichte nicht mehr aus der Hand gelegt werden. Aus dem Sinn gehen sie ohnehin nicht mehr.

Oktober

Lea Schneider ist Lyrikerin, Übersetzerin, Herausgeberin und Autorin, sie ist eine Komplizin. Lea Schneider gehört zu den klügsten Stimmen im Literaturbetrieb, die ich kenne. In diesem schmalen Band der Essayreihe Edition Poeticon aus dem Verlagshaus Berlin, geht sie mutig und persönlich der „Scham“ auf den trübschlammigen Grund und schafft bewundernswerte Klarheit in einem Gefühl, das wir alle kennen. Scham, die oft selbst im Erinnern nicht zu ertragen ist, mit der wir still und klein gehalten werden (sollen), wird aus der dunklen Ecke der Wortlosigkeit geholt und bei ruhigem Tageslicht unaufgeregt betrachtet. Was wir dann dort sehen, ist überaus staunenswert und komplex. Scham wird endlich neu gedacht und neu besprochen. Dieses Büchlein ist so schmal und in anderthalb Stunden durchgelesen, aber es hallt lange nach und verändert unsere Gedanken zu einem der mächtigsten Gefühle, die es gibt.

Aber all die anderen Bücher?

Was ist nun aber mit diesem und jenem Buch, das hast du doch auch mal besonders gelobt, könnten jetzt einige von euch denken. Oder: Und zu anderen Titeln hast du noch gar nichts gesagt. Wie wahr! Es war stellenweise äußerst schwierig, diese Liste hier zu erstellen, denn es hat natürlich bedeutet, Bücher ausschließen zu müssen. Bei manchen musste ich hierfür regelrecht mit mir ringen. Aber ich fand eine Liste meiner zwölf liebsten Bücher muss diesen Preis kosten dürfen. 

Und ich möchte zu gern darauf verweisen, dass mein lieber blauschwarzberlin-Kollege Ludwig Lohmann und ich neulich in unserem Literaturpodcast Letzte Lektüren die Dezemberfolge erneut mit „60 Büchern in 60 Minuten“ (zu meinem neuen Lieblingsgrauburgunder) aufgenommen haben. Da solltet ihr auf jeden Fall noch ganz viel kurzweilig vermittelte Inspiration für Bücher aus diesem Jahr finden.

Zwischenjahreslektüre

Und den Abschluss für diesen Newsletter und für dieses Jahr macht die Aussicht auf ein paar ruhige Tage, in denen ich, wie schon im Zeit-Podcast Frisch an die Arbeit angekündigt, tatsächlich in einem einzigen Roman versinken will. Weil das, was mich herausfordert eben auch das ist, was mir die Motivation für all das liefert, was ich tue. Ich freue mich jetzt sehr auf die über 800 Seiten von Hanya Yanagiharas neuem Roman „Zum Paradies“, der in Stephan Kleiners Übersetzung am 11. Januar im Claassen Verlag erscheinen wird.

Die Literatursprechstunde auf Instagram pausiert übrigens im Januar. In den Highlights sind die über 150 Fragen nach Buchtipps aus der Geschenkesprechstunde aus dem November und Dezember aber weiterhin gespeichert. Seit Juli 2019 biete ich die Literatursprechstunde nun an und auch im neuen Jahr werde ich (voraussichtlich) an jedem ersten Samstag im Monat einen Fragesticker einstellen und dann einige Fragen am darauffolgenden Sonntag mit Buchtipps beantworten. Aber ich freu mich aufs ausgiebige Wintern und eine kleine Auszeit im Januar.

Dafür werde ich für die Abonnent*innen auf Steady wieder regelmäßig Texte veröffentlichen, ich danke euch an dieser Stelle von Herzen für das Verständnis der Dezemberpause.

Und ich freue mich jetzt schon sehr auf den digitalen Besuch bei diek_aiserin im Instagram-Livestream am 2.1. um 19 Uhr. Kommt doch dazu, wir machen es uns schön und feiern in das neue Jahr. 

Das neue Jahr! Möge es gute Literatur und gute Begegnungen bereithalten. Ich wünsche euch von beidem nur das Beste. Wenn ich zur guten Literatur etwas beitragen kann, lasst es mich sehr gern wissen.

Doch zuvor wünsche ich euch natürlich (wenn ihr feiert) einen schönen zweiten Weihnachtstag und ein paar wunderschöne Momente in dieser zauberhaften Nichtzeit zwischen den Jahren. 

Wenn ihr möchtet, und das hoffe ich sehr, dann lesen wir uns an dieser Stelle wieder am letzten Sonntag im Januar.

In der Zwischenzeit freue ich mich über eure Kommentare und Gedanken zu diesem Newsletter. Lasst mich gern wissen, wo unsere Lieblingsbuchlisten sich überschneiden. Wenn euch der Newsletter gefallen hat, leitet ihn gern weiter.

Alles Liebe und ein gutes Lesen

Maria

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