Kürbisgeisternacht

„Das ist doch nicht zu glauben! Jetzt machen auch Schiffers bei diesem albernen Ami-Krams mit. Nicht zu fassen!“ Meine Großmutter steht am Küchenfenster. Schaut zum Grundstück der Nachbarn auf der anderen Straßenseite. Missbilligt die gefratzten Kürbisse auf den Torpfosten links und rechts der Einfahrt. Wirft Verachtung zur fliegenden Hexe im Geäst des alten Apfelbaumes. Spuckt trocken Richtung des Skeletts, das sich auf der Gartenbank räkelt. Zetert weiter. „Und die bettelnden Blagen in ihren Kasperkostümen kriegen wieder nichts. Da können sie mir noch so eifrig Zahnpasta auf die Türklinke schmieren. Oder den Hühnerstall mit Klopapier einwickeln, diese kleinen Deiwel. Ich mach bei diesem Humbug nicht mit!“ Nein, Lieselotte Lichter schätzt diesen uralten neumodischen Brauch überhaupt nicht. Stattdessen zieht sie an Allerseelen mit mir und einem Bollerwagen voll Tannengrün und Totenlichtern zum Friedhof. In aller Herrgottsfrühe.  Die Gräber der Verwandten winterfest machen. Ihre Eltern zuerst. Mit den beiden Steinplatten für ihre Brüder. Rudi und Willi sind im Krieg geblieben. Dann in die Nachbarschaft. Zu Mami und Papi. Ich war gerade vier Jahre alt, als der Laster sie auf der Kreisstraße ausradierte. Das ist lange her. Trotzdem sehe ich die beiden jedes Jahr wieder. In eben jener Nacht, die Großmutter für Aberglauben hält.

Ich weiß es besser. Bin jedes Jahr pünktlich an unserem Treffpunkt. Bei den großen Regentonnen vor Hartwigs Feldscheune. Dort sehe ich sie im Abendgrau wachsen. Immer größer werden. Bis sie riesigen Apfelsinen gleichen. Oder eben Kürbissen. Vorsichtig trete ich näher, um sie nicht zu erschrecken. Ein bisschen erinnern sie mich nämlich an Seifenblasen. Oder diese Raumschiffe aus den Filmen über Außerirdische. Doch sie fliegen nie davon. Wenn ich ganz nahe bin, kann ich ihre Gesichter erkennen. Ganz jung sind sie. Wie damals, an jenem Tag, als … Nach lieben Begrüßungsblicken geht es stets gleich los mit dem Erzählen und ich berichte, was in den vergangenen zwölf Monaten geschehen ist. Mami und Papi haben nicht so viel Neues erlebt und entgegnen auf meine Frage, wie es ihnen geht, nur mit einem einfach „Gut.“ Aber in der letzten Geisternacht haben sie Rudi und Willi mitgebracht. Damit wir uns einmal kennenlernen können. Meine Großonkel schauten auch gut aus. Kein rotes Loch in der Stirn. Kein weggeschossener Unterkiefer, von dem Großmutter immer bei der Gräberpflege jammert. Nein, stattdessen …

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