Nachtbienenschwarm

Onkel Franz ist der älteste Mann im Dorf. Sogar im gesamten Landkreis, obwohl der ziemlich groß ist. Übermorgen wird er 106 Jahre alt. Dabei ist er noch gut beieinander und war nie richtig krank. Nur ein bisschen tatterich ist er in letzter Zeit geworden. Das mit seinem hohen Alter führt er auf seine Bienen und ihre Stiche zurück. Gleich als er aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war, hat er mit der Imkerei angefangen. Bis heute stehen die Körbe von damals hinten in seinem Garten. Unter den Jasminsträuchern, von Rittersporn und Fingerhut bewacht. Franz hat sie selbst gebaut. Aus Weidenzweigen. Rund wie ein Zuckerhut sind sie. Nicht so hässlich wie die neueren Kästen, die mich an die Hochhäuser der Städte erinnern. Auch seine Bienen sind etwas Besonderes. Es sind nämlich Nachtbienen, die im Abendrot aufstehen, um auszuschwärmen, und erst im Dämmermorgen zurückkommen. In den Dunkelstunden dazwischen suchen sie die Blüten der Nachtschatten auf: Stechapfel und Bilsenkraut. Tollkirsch und Engelstrompete. Die Tomaten ebenfalls. Und natürlich die Kartoffeln. Deren Acker wartet nur wenige Meter von den Körben entfernt.

Schwarz wie die Finsternis ist auch der Honig der Nachtbienen. Doch ebenso wenig wie ihr Gift bedeutet er nicht den Tod. Sondern gerade das Gegenteil. Das Leben. Vielleicht gar das ewige? Wenn ich mir so den fidelen Imker anschaue … Der daher sehr besorgt um seine Völker ist. Fand er früher am Morgen einen Stock leer vor, brach er umgehend auf, um sie zurück zu locken. Lauthals stolperte er dann durch die Landschaft und sprach immer, immer wieder einen geheimnisvollen Vers in einer ganz komischen Sprache. Meistens hatte er bald Erfolg und flugs folgten ihm seine verirrten Immen. Nachhause. Seit zwei Jahren mache ich das für ihn. Er hat mir die Zaubersätze genau aufgeschrieben, weil ich mir so etwas einfach nicht merken kann. „Kirst, imbi ist hûcze nû fliuc dû, vihu mînaz …“ Und so weiter. Und so fort. Wenn ich sie spreche, die magischen Worte, komme ich mir ein bisschen wie Pastor Ludewig vor, wenn er in seiner Kirche den Segen erteilt. Natürlich gebe ich mir stets große Mühe, da ich hoffe, dass …

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