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“So this is the new year, and I don’t feel any different”

Vier Tage nach Beginn des neuen Jahres warte ich noch ein wenig auf den Zauber dieses Anfangs. Ich möchte gern glauben, dass dieses Jahr gut wird, für mich selbst bin ich voller Hoffnung. Das Jahr 2023 war in Ordnung, es war weitgehend geprägt von Normalität und Alltag, etwas wonach ich mich nach mehreren emotional, körperlich und psychisch herausfordernden Jahren tatsächlich gesehnt habe.

Nach diesen Jahren habe ich immer noch das Gefühl, mich in einer Zeit der Rehabilitation und Stabilisierung zu befinden. Es ist für einige Menschen vielleicht schwer nachvollziehbar, dass Stabilitätmanchmal das höchste Lebensglück bedeuten kann, wenn man sie eine lange Zeit lang so schmerzlich vermisst hat.

Vielleicht löst der Jahreswechsel auch deshalb wenig in mir aus. Die Zeit zwischen den Jahren habe ich nicht mit Recaps und dem Schmieden neuer Pläne verbracht. Ich habe stattdessen wohl mehr als die Hälfte aller Matches der Darts WM geschaut, immer wenn zwischen den Besuchen von Familie und Freunden etwas Platz war. Stundenlang zu beobachten, wie immer wieder drei Pfeile auf ein buntes Brett treffen, ist vielleicht auch eine Meditation über die Fokussierung auf Ziele. Im Grunde hatte ich aber dieses Mal wenig Lust auf neue Ziele und Zäsuren.

Vielleicht hat sich auch meine Hoffnung, die mit Neuanfängen verbunden ist, etwas erschöpft. Wenn sich jedes Aufbäumen nach einer Krise, einem Rückschlag, einem Tief, einer Enttäuschung, einem Konflikt, einer beruflich belastenden Zeit, einer Krankheitsphase oder einer Krankheitsphase der Kinder, mit wiederkehrenden Krankenhausaufenthalten und Operationen, nach ständigem Improvisieren und Reagieren und nach so vielen gesellschaftlichen Krisen und Katastrophen, immer wieder wie ein neuer Anfang anfühlt, fragt man sich irgendwann: Wie viele Neuanfänge denn noch?, bis ich endlich einmal eine Zeit lang nur geradeaus gehen kann.

Gehen und einfach weiterzugehen, ohne immerzu zu reflektieren, ohne zu hinterfragen, was könnte noch da sein, was kann ich noch machen, wie kann ich weiter wachsen, dieses schlichte Weitermachen damit, was sich gerade richtig anfühlt, habe ich im vergangenen Jahr als etwas sehr wertvolles begriffen. Ich habe diese Stabilität mühsam erarbeitet, manches hat sich auch gefügt, und anderes, auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene, hat sich allein dadurch zum Besseren gewendet, dass es einfach nicht mehr da ist.

Weniger ist mehr gilt nicht nur für persönlichen Konsum und Besitz. Es gilt auch für Tätigkeiten, Termine, Lebensziele und manchmal auch für Beziehungen. Man nennt das subtraktives Denken. Diese Kunst besteht darin, neue Lösungen nicht durch das Hinzufügen weiterer Ressourcen oder Informationen zu finden, was allgemein die Komplexität nur weiter steigert. Sondern durch Subtrahieren, also durch das Weglassen von etwas, was vorhanden ist, oder das Vermeiden von etwas, was sein könnte oder auch durch das Verlernen von Überzeugungen, Prägungen und Ängsten, die Entwicklungen hemmen.

In einer Gesellschaft, die auf permanenter Steigerung basiert, ist dieser Gedanke gar nicht so leicht zu verinnerlichen, dass das, was da ist, schon gut genug sein könnte oder sogar zu viel ist und nach Reduzierung und Überwindung verlangt.

Ich habe mir jedenfalls für dieses Jahr nicht vorgenommen, meinem Leben etwas Entscheidendes hinzuzufügen oder nach persönlichem Wachstum und neuen Impulsen zu streben. Ich habe einige Jahre gebraucht, um einzusehen, was ich mir lange nicht glauben wollte, dass ich gut genug bin, und dass andere es auch sind.

Ich möchte einfach weitermachen mit dem, was ich tue. Es gibt keinen Meilenstein, den ich am Ende dieses Jahres erreicht haben muss. Wenn ich am Jahresende 24 genau wie am Jahresende 23 am Ufer des Sees in meiner Heimatstadt sitze, zur Linken mein Sohn, zur Rechten meine Tochter, und wir in die Weite schauen und Ich sehe was, was du nicht siehst, spielen, dann wird das ein gutes Jahr gewesen sein.

In diesem Sinne wünsche ich dir ein gesundes und zufriedenes neues Jahr mit vielen guten subtraktiven Entscheidungen.

Bis bald,
Stefan

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