Der Spagat zwischen Vorbild und Blödsinn

Die wohl mit unter größte Frage der Elternschaft, wie man nach der Geburt des Kindes neben dem Leben als Elternteil auch wieder man selbst wird und sein kann, beschäftigt wohl die aller meisten Eltern nachdem ihre Babys aus dem Babyalter heraus sind, sich langsam auch Richtung Kindergartenalter bewegen und von Tag zu Tag etwas selbständiger werden und uns Eltern eben auch als absolute Vorbilder ganz klar identifizieren und benennen können. Nur wie findest du denn überhaupt die Lösung für den Konflikt zwischen Vorbild sein und einfach ich sein?

Mir geht es um die Frage, die mir aus meiner Community gestellt worden ist, wie man den Konflikt zwischen dem Mutter/Vater-Sein und dem man selbst sein eigentlich bewältigt. Banale Fragen wie, ich liebe Schokolade, weiß aber dass ich meinen Kindern einen verantwortungsbewussten Umgang damit vorleben soll. Ich hasse Karotten, weiß aber dass es so wichtig ist, meinen Kindern vorzuleben Gemüse ist wichtig, nahrhaft und gesund. Ich fluche gerne beim Autofahren weil dass einfach ein Ventil für all meinen Frust ist, will aber nicht dass meine Kinder die bösen Wörter aufschnappen, möchte mich aber auch nicht verstellen. Und so weiter, und so weiter. Wo genau findet sich hier nun die Balance zwischen einer vorbildlichen Elternschaft und seinem eigenen Selbst, das vielleicht nicht so vorbildlich und normorientiert lebt und nicht immer den Gesellschaftlichen Werten entspricht?

Kinder haben ein wahnsinnig feines Gespür dafür, was echt ist und was nicht. Wer sich verbiegt und wer nicht. Meine persönliche Vermutung ist, dass sie so feinfühlig und intuitiv sind, weil sie eben selbst so unverbogen, ehrlich und echt sind. An Kindern hat noch keiner rumgedrückt und gedreht, sie in Schubladen gepresst, ihnen mal mehr und mal weniger sinnvolle Werte und Normen auferlegt. Die Frage die sich mir hier nun stellt, ist: Was genau wollen wir unserem Kind denn eigentlich vorleben?

Jeder Mensch wächst mit Werten und Normen auf, bekommt Dinge von seinen Eltern vorgelebt, wird so über sein ganzes Leben lang in Formen gepresst und in Schubladen gesteckt. Ich sehe es entspannt wenn mein 5 jähriges Kind „scheiße“ ruft, du vielleicht nicht und findest es wäre unerzogen und das gehört sich nicht. Und weißt du, das schöne an all diesen Werten und Normen ist, dass sie eben so verschieden sind, und uns auch zu dem machen was wir eben sind.

Und jetzt kommt das Beste: Wir alle, sind genau so wie wir sind, einfach echt verdammt gut.

Du liebst es, dich durch Fastfood-Restaurants zu schlemmen willst aber deinen Kindern doch ein Vorbild mit gesundem Essverhalten sein? Dann sei genau das, einfach beides. Lass deine Kinder an deinem Leben teilhaben, nimm sie mit. Eine Achterbahn besteht aus Berg- und Talfahrten, das Leben auch. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, und es wäre mehr als geheuchelt unseren Kindern das vorzuleben obwohl wir hinter ihrem Rücken einen Blödsinn auf unsere eigenen, vermeintlich so wichtigen, Regeln geben.

Wäre es nicht viel sinnvoller ehrlich und echt zu kommunizieren und mit unseren Kindern ins Gespräch zu gehen? „Wisst ihr was? Ich liebe Burger, und heute will ich unbedingt Burger mit euch essen! Und Eis und Pommes und Limonade! Aber, mir ist auch sehr wichtig, dass ihr wisst, das auf Dauer dieses Essen unserem Körper nicht gut tut! Versteht ihr? Trotzdem möchte ich dass wir es gemeinsam genießen und schlemmen!“ - „Du Trottel!! Fahr doch endlich mal zu da vorne! …. Oh Mensch Kinder, jetzt bin ich wieder voll in Fahrt und sag ganz gemeine Sachen zu fremden Menschen. Das ist eigentlich wirklich nicht gut. Dieser Verkehr nervt mich gerade so, und das langsame Vorankommen auch, aber der vor mir kann auch gar nichts dafür.“

Fang doch an nicht mehr so hart mit dir selbst ins Gericht zu gehen. Am besten fahren wir damit, unseren Kindern doch das vorzuleben was wir einfach sind. Ob sie später einmal damit konform gehen, entscheidet sich dann schon, und darauf hast du, in vielen Dingen, sowieso keinen langfristigen Einfluss. Und von einem erlernten Schimpfwort oder einer Woche voller Fastfood wird das Leben der Kinder nicht ruiniert.

Ruinieren könnten wir es, wenn wir nicht ehrlich sind. Wenn wir Kinder täuschen, ihnen falsche Tatsachen vorspielen, sie nicht als vollwertige, und vor allem gleichwertige (nicht gleichberechtigte) Menschen ansehen und ihnen zu wenig zutrauen. Zu wenig Verständnis, zu wenig Können, zu wenig Vertrauen. Kinder, auch ganz die Kleinen verstehen nämlich wirklich unglaublich viel. Das sollten wir nicht unterschätzen und uns immer wieder vor Augen führen.