Liebe Leser:innen,

vergangene Woche war der International Day Against Homophobia, Biphobia und Transphobia (IDAHOBIT). Ausgerechnet in dieser Woche gingen die Behörden in Ghana gegen die LGBTQI+ Community vor.

Ende vergangener Woche wurden 21 ghanaische Rechtsassistent:innen in Ho City festgenommen. Sie hatten an einer Veranstaltung der Menschenrechtsgruppe „Rightify Ghana“ teilgenommen. Dort wurden sie geschult, wie sie LGBTQI+ Menschen unterstützen und Missbrauch dokumentieren können.

Besonders problematisch: Rightify Ghana beschuldigt Journalist:innen, bei der Festnahme der Ho21, wie sie die Verhafteten nennen, gemeinsame Sache mit den Behörden gemacht zu haben:

https://twitter.com/RightifyGhana/status/1397832214038159360

Die Presse sei als erstes am Versammlungsort gewesen und dort eingedrungen, habe Fotos gemacht, Banner, Bücher und Flip Charts an sich genommen und sie der Polizei als „Beweise“ übergeben, so Rightify Ghana.

In der veröffentlichten Pressemitteilung nennen die Behörden die Veranstaltung eine illegale Versammlung und werfen den Rechtsassistent:innen vor, selbst LGBTQI+ Personen zu sein und LGBTQI+ Aktivitäten zu fördern. Im schlimmsten Fall drohen den Ho21 Gefängnisstrafen bis zu 3 Jahren. Bemühungen von Anwält:innen, die Verhafteten auf Kaution freizulassen, wurden vom zuständigen Gericht bisher abgelehnt.

Laut Human Rights Watch hat Ghana ein zwiespältiges Verhältnis zu LGBTQI+ Rechten. Zwar ist gleichgeschlechtlicher Verkehr per Gesetz unter Strafe gestellt, in der Praxis kommt das Gesetz aber selten zur Anwendung. Stattdessen sind LGBTQI+ Menschen im Alltag Diskriminierung, Misshandlungen, Erpressung und Gewalt ausgesetzt.

Genau genommen verbietet das Gesetz auch nur den gleichgeschlechtlichen Verkehr unter Männern – ähnlich wie einst §175 in Deutschland, der zumindest im Gesetzestext nur Geschlechtsverkehr zwischen Männern unter Strafe stellte, Sex zwischen Frauen aber nicht explizit einschloss. Wie die Behörden in Ghana diesen Vorwurf auf eine Gruppe Rechtsassistent:innen bei einer LGBTQI+ Schulung anwenden wollen, bleibt fraglich – dass dieser Umstand die Ho21 vor einer Verurteilung schützt, aber leider auch.

Erst im Februar hatten die Behörden das erste LGBTQI+ Zentrum des Landes durchsucht und geschlossen, nachdem es gerade erst zu Jahresbeginn eröffnet worden war. Der Eingriff der Behörden soll auf Druck von Kirchenmitgliedern und Abgeordneten erfolgt sein. In der Folge erklärte die britische Organisation UK Black Pride, unterstützt von Prominenten wie Naombi Campbell und Idris Elba, ihre Solidarität mit der queeren Community in Ghana und forderte Gleichberechtigung für LGBTQI+ Menschen.

Die Organisation “Alliance for Equality and Diversity” (Afed) Ghana hat sich nun in einem offenen Brief an Ghanas Präsidenten Nana Akufo-Addo gewandt und ihn aufgefordert, die Freilassung der Ho21 zu erwirken. Am 4. Juni haben sie ihren nächsten Gerichtstermin.

Fragen, Anregungen, Wünsche? Schreibt mir an feedback@herstorypod.de

Viel Spaß beim Lesen, Jasmin

„Let’s fucking Go“: Seit den 90er Jahren kämpfen die Fußballerinnen des Women’s National Team in den USA für gleiche Bezahlung. Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaften 2019 nahm das Thema noch einmal Tempo auf: Im aktuellen Team kämpft Megan Rapinoe prominent für Equal Pay. Im Porträt spricht sie über den Kampf für gleiche Bezahlung, Kleinkriege mit der U.S. Soccer Federation und ihre Rolle als offen lesbische Athletin: „One of the greatest gifts I’ve been given is to be gay and to have this perspective” (Harpers Bazaar)

The marvellous Marvellous: Menschen, die in Zimbabwe mit Albinismus geboren werden, sind Vorurteilen und Ausgrenzungen ausgesetzt. Dazu gehört eine unzureichende medizinische Versorgung, denn Personen mit Albinismus haben ein höheres Krebsrisiko. Marvellous Tshuma, die selbst mit Albinismus geboren wurde, wusch erst Autos, um davon simple Hilfsmittel wie Sonnencreme und Hüte zu kaufen. Jetzt sammelt sie mit Social-Media-Kampagnen Gelder, mit denen sie betroffenen Krebspatient:innen Behandlungen ermöglicht. Doch Marvellous will noch mehr. (The Continent. Beim Klick auf den Link öffnet sich ein PDF des Magazins, die Story ist auf S.17)

Klitoris-Kunst: Wenn es um Klitoris, Vulva und Vagina geht, herrschen noch immer erstaunlich große anatomische Missverständnisse. Lina Blatt und Noa Pfeifer gehen das Thema kreativ an: Für ihr gemeinsames Kunstprojekt „Glitterclit“ näht Pfeifer per Hand Modelle, die Klitoris, Vulva und Vagina im wahrsten Sinne des Wortes greifbar machen – und wie im echten Leben sieht jedes Modell etwas anders aus. „Glitterclit“ ist Kunst und dabei sexuelle Bildung zum Anfassen. (hessenschau.de)

Der Kampf mit dem Trauma: Im Januar 2015 wurde Corinne Rey von zwei Terroristen per Waffengewalt gezwungen, sie in die Redaktionsräume des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ zu lassen. Rey musste miterleben, wie die Terroristen 12 Menschen erschossen. Sie überlebte und marterte sich jahrelang mit dem Schuldgefühl, den Terroristen die Tür geöffnet zu haben. Rey verarbeitete ihr Trauma unter anderem mit ihrer jetzt erschienenen Graphic Novel „To Draw Again“. Heute dringt sie mit ihrer Arbeit in neue Höhen der männlich dominierten Welt der Zeichner:innen vor. (New York Times)

Vordenken und anpacken: Der Markt regele sich schon von allein, argumentierte Nobelpreisträger Milton Friedman einst. Heute sagen immer mehr Wissenschaftler:innen, dass Wirtschaft nicht unabhängig von Gesellschaft und Umwelt existiert. Die Ökonomin Katrin Muff ist eine von ihnen. Sie spricht im Interview darüber, wie Großkonzerne wie Coca Cola ihre Kernkompetenzen klima- und gesellschaftsfreundlich einsetzen können, welchem Druck sich Unternehmen heute ausgesetzt sehen und wo sie sich mehr Mut und weniger alte weiße Männer wünscht. (Die Zeit)

Hör- und TV-Tipps:

🎧  Zwei Stimmen für viet-deutsche Themen: Vanessa Vu und Minh Thu Tran podcasten seit 2018 über den viet-deutschen Alltag und sprechen dabei über Themen von vietnamesischer Küche über die Klimakrise in Asien bis hin zu Rassismus. Die Hörempfehlung gilt für den gesamten Podcast, mit dem die beiden Journalistinnen wichtige Arbeit für interkulturelles Verständnis leisten. Besonders ans Herz legen möchte ich euch die Folge „Hamburg 1980: Als der rechte Terror wieder aufflammte. Darin berichten die beiden über den Mord an Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân am 22. August 1980. Der Fall gilt als erster rassistischer Mord der BRD und ist dennoch heute kaum ein Thema. Für ihre Berichterstattung dazu wurden Vanessa Vu und Minh Thu Tran gerade mit dem CIVIS-Medienpreis ausgezeichnet. (Rice and Shine)

Die unermüdliche Helferin: Eigentlich kam Ursula Zednicek zum Tanzen auf die griechische Insel Lesbos. Doch im Sommer 2015 sah sie Hunderte Gummiboote im Wasser, die verzweifelte Flüchtlinge auf die Insel brachten. Zednicek begann den Geflüchteten zu helfen. Anfangs verteilte sie spontan Wasser und Zwieback. Dann engagierte sie sich im Flüchtlingslager Moria: Das Lager war für 3000 Menschen ausgelegt, 2020 zwängten sich dort 18.000 Menschen. Seit dem verheerenden Feuer im September 2020 sind die Zustände im Nachfolgelager Kara Tepe noch menschenunwürdiger. Statt auf Lesbos entspannt ihren Ruhestand zu verleben, pendelt Ursula Zednicek unermüdlich zwischen Bonn und Lesbos, ist Mittlerin zwischen zwei Welten. (WDR)

Die Welt auf ihren Schultern: Mit einem Schild “SKOLSTREJK FÖR KLIMATET” – Schulstreik fürs Klima – setzte sich die 15-jährige Greta Thunberg im August 2018 vor das schwedische Parlament. 3 Jahre später personifiziert Greta Thunberg eine junge Generation von Klimaaktivist:innen, die Politiker:innen und Weltöffentlichkeit mit der Wahrheit der Klimakrise konfrontieren: „Wir leben, als hätten wir mehr als einen Planeten.“ Der eineinhalbstündige Dokumentarfilm „Ich bin Greta“ ist ein intimes Porträt der Klimaaktivistin – und zeigt eindringlich, wie sich die mediale Aufmerksamkeit wie so oft auf eine Person konzentriert, dass ihre wichtige Nachricht dabei beinahe untergeht. (BR)

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