Liebe Leser:innen, 

am Abend des 25. Mai 2020 lief die 17-jährige Darnella Frazier mit ihrer 9 Jahre alten Cousine in Minneapolis zu einem Kiosk, um Snacks für sie zu kaufen. Auf dem Weg dahin liefen die beiden an einem Polizeiauto vorbei.

Als erste Augenzeugin vor Ort begann Frazier die Szene zu filmen, die wenig später um die Welt ging: Sie zeigt, wie der 46-jährige Afroamerikaner George Floyd vom Polizisten Derek Chauvin auf den Asphalt gepinnt wird. Chauvin drückt sein Knie auf Floyds Hals. Floyd bittet ihn aufzuhören, bettelt um Hilfe, ruft nach seiner Mutter. Dann verliert er das Bewusstsein.

George Floyd überlebte diesen 25. Mai 2020 nicht. 11 Monate später wurde Derek Chauvin von einer Jury des Mordes an George Floyd schuldig gesprochen, das Strafmaß soll am 25. Juni festgelegt werden. Die Staatsanwaltschaft hat eine Strafe von 30 Jahren für ihn gefordert.

Das Video, das Darnella Frazier an diesem Tag drehte und auf Facebook stellte, war nicht nur der Funke für wochenlange Black-Lives-Matter-Proteste, sondern auch ein Beweismittel im Prozess gegen Derek Chauvin.

Am Freitag wurde sie dafür vom Pulitzer-Preis-Komitee mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet. Das US-Gremium, das die höchste Auszeichnung im Journalismus vergibt, nannte Frazier ein Beispiel für die „wichtige Rolle, die Bürger:innen bei der Suche von Journalist:innen für Wahrheit und Gerechtigkeit spielen.“ 

Damit geht die Ehrung zum zweiten Mal in Folge an eine Afroamerikanerin, die Gewalt gegen Schwarze dokumentierte: 2020 erhielt die Journalistin Ida B. Wells posthum den Special Citation Award für ihren investigativen Journalismus über Lynchmorde an Schwarzen Ende des 19. Jahrhunderts. (Ich spreche über sie in Folge 2 von HerStory).

Ich habe zur Auszeichnung für Frazier widersprüchliche Gefühle. Nicht, weil ich ihr den Preis nicht gönne. Sondern weil ich finde, dass der Preis zwar die öffentliche Dimension des Videos anerkennt, die private Dimension aber ignoriert: Trauma.

Darnella Frazier wurde als junges Mädchen an diesem 25. Mai 2020 Zeugin eines traumatischen Erlebnisses, das sie im Gerichtssaal erneut durchleben musste. Sie musste das Sterben eines Menschen mitansehen. Ich kann mir nicht ausmalen, was sie gefühlt hat, als sie ihr Smartphone in diesem Moment auf den hilflos am Boden liegenden George Floyd und den auf ihm knienden Derek Chauvin richtete. Ich persönlich kann mir das Video bis heute nicht ansehen. Ich ertrage es nicht.

Als Frazier im März dieses Jahres gegen Chauvin vor Gericht in den Zeugenstand trat, sagte sie über die Szene, die sie mitansehen musste: „Ich lag nächtelang wach und habe mich wieder und wieder bei George Floyd entschuldigt, weil ich nicht mehr getan habe, weil ich nicht physisch eingeschritten bin und sein Leben gerettet habe.“ Welche Last haben dieses Video und dessen Bedeutung auf die Schultern eines Teenagers geladen?

Als Gesellschaft tendieren wir dazu, Menschen, die in Ausnahmesituationen mutig handeln, zu Held:innen zu erklären und sie auf ein Podest zu heben. Der Mensch dahinter verschwindet schnell. Auf Facebook schrieb Frazier zum Jahrestag des Mordes an George Floyd über ihr Trauma

„Viele Menschen nennen mich eine Heldin, ich selbst sehe mich nicht so. […] Hinter diesem Lächeln, hinter den Preisen, hinter der Aufmerksamkeit bin ich ein Mädchen, das auf der Suche nach Heilung ist von etwas, an das ich jeden Tag erinnert werde. Alle reden über das Mädchen, das George Floyds Tod gefilmt hat, aber dieses Mädchen wirklich zu sein ist eine andere Geschichte.“

Wird Darnella Frazier ein Leben lang dadurch definiert werden, dass sie die letzten lebenden Momente von George Floyd gefilmt hat?

Ich sehe eine junge, traumatisierte Frau, der wir mit Held:innen-Platitüden nicht gerecht werden. Bei der wir es uns als Gesellschaft zu einfach machen, ihr Auszeichnungen zuzusprechen dafür, dass ihr Handeln die Debatte um (Polizei-)Gewalt gegen Schwarze endlich an den Punkt geführt hat, an dem ein weißer Polizist für den Mord an einem Afroamerikaner zur Rechenschaft gezogen und verurteilt wurde. Die wir mit ihrem Trauma allein lassen. 

Wir reduzieren Darnella Frazier darauf, dass sie die letzten Momente im Leben von George Floyd gefilmt hat. Und vergessen dabei, dass sie selbst ihr ganzes Leben noch vor sich hat.

Fragen, Anregungen, Wünsche? Schreibt mir an feedback@herstorypod.de

Viel Spaß beim Lesen,  Jasmin

Feministin und Sexistin: „Du bist nicht wie die anderen Mädchen“ verstand Lea Schönborn einst als größtes Kompliment. Sie wollte kein typisches Mädchen sein, sie empfand diese Rolle als einengend. Dann fragte sie sich, warum sie andere Frauen wegen ihrer Weiblichkeit beurteilt. Und ihr wurde klar: Sie wurde zur Sexistin sozialisiert. „Ich bewerte andere Frauen auf die Weise, auf die Männer Frauen bewerten, sogar mich selbst“. Ein ehrlicher und kluger Text darüber, wie das Patriarchat auch Feministinnen noch unterbewusst manipuliert. (Krautreporter)

30 Frauen gegen Wasserverschwendung: Eslam Abu Jamous lebt in einem Flüchtlingscamp in Jordanien. Aufgrund des akuten Wassermangels im Land rationiert die Regierung das Wasser für palästinensische und syrische Geflüchtete und öffnen die Leitungen nur 10 Stunden in der Woche. Undichte Rohre und leckende Hähne verschwenden kostbares Wasser – aber Frauen dürfen Klempner nur ins Haus lassen, wenn Männer anwesend sind. Abu Jamous und andere Frauen im Camp Jerash machten einen Crashkurs im Klempnern und lösen die Probleme jetzt mit Rohrzangen und Schraubenschlüsseln selbst. Längst sind sie mehr als nur Klempnerinnen. (taz

4 Frauen und Shakespeare: Shakespeare ist den Briten, was den Deutschen Goethe ist. Aber wie wird das dominante kulturelle Erbe eines weißen Autors für ein vielfältiges Publikum zugänglich? Die vier Gründerinnen der britischen Mawa Theater Company wollen Shakespeare aus der Perspektive von schwarzen Frauen betrachten und in ihren Aufführungen Themen wie Abstammung, Klasse, Frauen-Freundschaften und Kolonialisierung aufarbeiten. (Guardian)

3 Frauen für die Weltmeere: Seit 1977 setzt sich die Sea Shepherd Conservation Society (SSCS), für den Schutz der Meere und von Meeressäugern und gegen illegale Fischerei ein. Zum World Oceans Day am 8. Juni erzählten drei Frauen von ihrer Arbeit mit Sea Shepherd: Forscherin Eva Hidalgo sprach über die Kampagnen der Umweltschutzorganisation, Kapitänin Mar Casariego über die Rettung eines Buckelwals aus einem illegalen Fischernetz, Sea Shepherd Global Co-Dirktorin Lamya Essemlali über ihre größte Sorge für die Weltmeere: „I can live without fish, the ocean can’t“. (Vogue

Eine Frau und die Liebe für alle: „Liebe ist halal – Liebe ist erlaubt“ heißt die Kampagne der Berliner Menschenrechtsanwältin und Imamin Seyran Ateş. Sie wendet sich damit gegen die Diskriminierung von LGBTQ+ Personen in muslimischen Gemeinschaften. Sie fordert: „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“. Ateş, geschäftsführende Gesellschafterin der liberalen Berliner Ibn Rushd-Goethe Moschee, wurde für ihr Engagement angeschossen und lebt seit 2006 unter Polizeischutz. Über ihre Arbeit erschien gerade die Dokumentation „Seyran Ateş: Sex, Revolution and Islam“ von der türkisch-norwegischen Filmemacherin Nefise Özkal Lorentzen. Im Porträt spricht Ateş über ihr Verständnis des Islam, den Trailer zum Film gibt’s hier auch. (xtra)

Hör- und TV-Tipps:

🎧   Ein Marsch gegen Angst und für Selbstbestimmung: Angela Maxwell verließ am 2. Mai 2014 das Haus einer Freundin in Bend, Oregon, und lief los – erst am 16. Dezember 2020 kehrte sie zurück. Dazwischen legte sie rund um den Globus mehr als 31.000 Kilometer zurück. Ein Jahr, nachdem sie ihre Reise begonnen hatte, erlebte sie den Alptraum einer allein reisenden Frau: Sie wurde vergewaltigt. Danach stand sie vor der Entscheidung, die Reise abzubrechen oder in sich die Stärke zu suchen, um weiterzumachen. Hier erzählt sie, warum sie weiterlief und was sie auf ihrer Reise gelernt hat. (Nightlife, ABC Australia)  Mit Dank an Ainhoa Achutegui für den Hinweis auf Angela Maxwell via Twitter.

📺 „Celebrate, don’t just tolerate queer culture.“: Lesben haben hart dafür gekämpft, sich sichere Orte zu schaffen. Lesbische Bars spielen dabei eine zentrale Rolle: „In der queeren Kultur ist die Bar deine Familie, deine Freunde, dein Dating Pool.“ Der Kurzfilm „The Lesbian Bar Project“ blickt auf die Bedeutung lesbischer Bars in den USA, wie sie sich mit der queeren Community weiterentwickeln und wie Bareigentümerinnen für ihren Fortbestand kämpfen – nicht nur als Bars, sondern als Gemeindezentrum. (Lesbian Bar Project

📺 Karriere in einer Männerdomäne: Frauen hätten die bessere Technik und Männer ließen sich viel zu schnell ablenken, sagt die frühere Athletin Ana Diang über Frauen im Nationalsport im Senegal: „Lutte“ heißt die traditionelle Form des Ringens, deren Athlet:innen nicht nur um den Sieg, sondern auch um Ehre und den sozialen Aufstieg kämpfen. Frauen sind in dem Sport eine Seltenheit. Die 16-jährige Fatou hat sich trotzdem – oder genau deshalb? – dafür entschieden. (Sport Inside, ARD) Mit Dank an Nora für den Tipp zum Video.

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