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Fresse ziehen macht es jetzt auch nicht besser

Der vollkommen subjektive Newsletter über Medien, Digitalgedöns und extrem viel Privatleben. Diesmal: Buzzwords und Fresse ziehen retten niemanden.

Es gibt gute Kollegas und es gibt schlechte Kollegas. Die Schlechten haben dir während deines Urlaubs 80 Mails mit wirrem Zeugs drin geschrieben. Sie wollten die Sache für sich vom Tisch haben, den Gedanken einmal los werden, damit sie ihn später nicht vergessen. Du kommst also zurück an den Schreibtisch und hast die ganze lose Scheise auf dem Tisch, dein Posteingang ein Brain Dump ohne Struktur und ohne klare Deadlines, abgesehen von der Anmerkung "natürlich erst nach deinem Urlaub", was jetzt – nach deinem Urlaub – alles und nichts bedeutet. Herzlich Willkommen im Paradies. Die guten Kollegas machen zwei Dinge. Sie begrüßen dich zurück aus dem Urlaub und bieten dir ein Was bisher geschah-Meeting zu zweit an. Die Allerbesten haben natürlich auch Gossip dabei. Exzellente Kollegas krönen das Gesprächsangebot mit "Komm erstmal an" (einem der schönsten Sätze der Welt) und setzen den Termin auf 11 oder später. Die angestauten To-Dos liegen fein säuberlich in Notion oder irgendwo sonst gesammelt und werden zusammen durchgegangen. You will be fine.

Humor und Business klingt erstmal scheiße zusammen

Mich geht das ja alles eigentlich nichts mehr an. Ich bin jetzt selbstständig und manches fehlt mir (Menschen), manches nicht (Menschen). Es ist erstaunlich, wie viel anders ist, aber doch ist es überall gleich. Eigentlich wollen die Leute nur komplexe Dinge zu Ende gedacht bekommen, ihr eigenes Brain säuberlich als Miro-Board aufbereitet haben und einfach mal extrem gut behandelt werden. Damit hat man schon die halbe Miete. Wenn man es mit vielen unterschiedlichen Unternehmen und Kulturen gleichzeitig zu tun hat, merkt man erstmal, was für 'ne Type man eigentlich ist. Ich zum Beispiel bin einerseits extrem streng mit mir bei großen Herausforderungen. Dann habe ich erst Frieden, wenn ich die Nuss geknackt habe. Andererseits steht all mein Tun auf einem sehr wichtigen Fundament: Humor. Das ist irgendwie doof zu sagen, ich bin eine humorvolle Person, aber es stimmt. Ich bin wirklich voll davon, es vergeht keine Stunde ohne ihn. Je schwieriger die Lage ist, desto wichtiger wird er. Und er trägt mich durch alles. Humor ist eine Überlebenstaktik. Dass Humor nicht nur Freizeitspaß ist, sondern auch eine Business-Technik, haben aber irgendwie noch nicht alle gecheckt. Leute wie ich sehen neben so Buzzword-Beratern (m) immer ein bisschen komisch aus. Dabei wissen wir das alles auch, aber die geilen Business-Terms versteht doch kein Schwein und es geht doch hier nicht um uns. Wenn die Scheise am Dampfen und die Lage unübersichtlich ist, hilft Humor, Abstand zu gewinnen und die Dinge auf ihre Essenz runterzubrechen – und bumms, ist der Blick wieder scharf für eine grandiose Lösung! Zusammen ist das besonders schön. Gibt mir jemand das Gefühl, nicht lustig sein zu dürfen, ruiniert das meine wertvollste Arbeitstechnik. Das Ergebnis wird mittelprächtig und niemand hatte Fun. Auf meiner Website steht: Es könnte sogar Spaß machen. Ich befürchte, in 2022 kann man damit immernoch Leute vergraulen.

  • Der Spotify-Podcast Hype & Hustle – Die OnlyFans Revolution ist jetzt in Gänze online. OnlyFans wurde ja lange als feministische Befreiung abgefeiert, ist aber am Ende natürlich trotzdem von Psychopathen hochgezogen. Immerhin: OnlyFans hat selbst wohl nie behauptet, sonderlich feministisch zu sein. Das Storytelling kommt von den Creators. Der Gründer hatte vorher eine Page namens GlamGirls, einer der Investoren hat auf früheren Websites Promi-P0rn von J. Lo, Britney oder Ben Affleck versprochen, nie geliefert und vom Traffic profitiert und viele Frauen bei OnlyFans sind wohl nur fälschlicherweise volljährig. Uff.
  • Ich war bei der re:publica und habe mehr am Pool gepimmelt als gesehen. Mein Lieblingsmoment war, als die Gruppe sagte "Gehen wir zu Talk XY?" und dann schoben wir unsere Leiber vom Strand an einen Biertisch neben der Bühne, um dort rein gar nichts zu hören und einfach woanders Bier zu bestellen. Das haben wir dann beim Talk danach genauso gemacht. Internetleute. Much cool, much informed. Thank God there's YouTube. Eva Schulz hat in Medienmachende als Marke Unternehmen geflamet, die Leute mit großer Social-Reichweite einkaufen, statt sie selbst hochzuziehen (und selbst das ist scheiße, weil Socials publikumswirksam befüllen is a job). Mark Benecke hat in beachtlichem TikTok-Tempo über den Artenschwund von Insekten gesprochen, ohne es so gut-wrenching aufzuziehen wie Tierdokus. Christian Schiffer hat in Computerspiele und der Tod endgültig damit aufgeräumt, dass Killerspiele Bock auf Killen machen.
  • Wenn ich irgendwann im Metaverse als peinliche beinlose Figur in Nintendo Wii-Optik irgendwelche Abenteuer mit euch starten will, bitte bringt mich an die frische Luft.
  • Der Hinweis "Werbung weil Namensnennung"  oder "Werbung SELBSTGEKAUFT" pflastert ab jetzt nicht mehr unseren Weg bei Insta. Unbezahlte Werbung muss nämlich nicht mehr als solche gekennzeichnet werden, beschloss der Bundestag Ende Mai. Klingt erstmal geil, weil's mir persönlich auf den Sack ging, aber ich muss mich erstmal belesen, um zu erfahren, was ich daran vielleicht wieder scheiße finden könnte.
  • Tinder hat ein Dating Glossary ✨ für Ältere ✨ veröffentlicht und ich bin mega happy, dass ich die meisten Vokabeln kenne und es ist mir egal, dass meine vielen Anglizismen meinen Dating-Erfolg bei Millenial-Bois in der Regel verringern, weil sie das sus und cray finden. Gibt's schon ein großes "Mach den Dating-Vokabeltest!"-Quizdings, wo ich mir auf meine gute Quote einsam Eins abrubbeln kann?

Das war die 12. Ausgabe des vollkommen subjektiven Newsletters über Medien, digitales Gedöns und extrem viel Privatleben. Abonniert und empfehlt HEISE SCHEISE euren kleinen Freundinnen und Freunden! Im Bild oben seht ihr übrigens meinen charismatischen Bandkollegen Markus. Hallo Markus!