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Kleiner Knigge zur richtigen Nutzung des Internets

Mein guter Kumpel Marcel benutzt jetzt auch Instagram. Kürzlich war er ganz verstört. Er hatte gesehen, dass ich dort sehr ehrliche, sehr zerbrechliche Worte übers Reisen allein geschrieben hatte. In meinem Urlaubsbericht an ihn hatte ich darüber wiederum überhaupt nicht gesprochen. "Warum erzählst du das denen und nicht mir?", hatte er gesagt. Mein Herz zersprang in 1.000 Stücke. Es gibt einige gute und einige schlechte Gründe dafür. Meine erste, recht hilflose Antwort: "Marcel, ich hab schon ins Internet geschrieben, bevor ich dich kannte".

Dass seit einigen Jahren diese beiden Seiten verschmelzen, dass echte Freunde jetzt auch digitale sind und manchmal auch umgekehrt, dass das alles plötzlich der Karriere hilft und wir Chats (waren mal Spaß) jetzt zum Arbeiten benutzen – es ist manchmal wild. Keine:r hat uns gesagt, wie das geht. Deshalb habe ich vor einiger Zeit angefangen, mir eigene Regeln à la Knigge aufzuerlegen, an die ich mich mehr oder weniger halte. Ein kleiner Auszug meiner No-Gos. 1. Stories posten, wenn eine Freundin auf Antwort wartet Lena fragt per DM, wann du Zeit hast. Sie fehlt dir auch, ihr habt es euch ewig vorgenommen. Statt ihr zu antworten, postest du Insta Stories. Vor ein paar Jahren machte ich es mir zur Regel, zuerst private Nachrichten von Menschen zu beantworten, die sehen können, was ich stattdessen augenscheinlich lieber tue. Ich weiß, es ist hart. Es gibt nichts Verlockenderes, als einer anonymen Masse gerade deinen letzten Take on Toxic Positivity ans Herz zu legen, statt sich um Logistik zu kümmern. Aber Lena ist für dich da, wenn du sie brauchst. Lena trocknet deine Tränen. Lena lacht an den richtigen Stellen. Lena comes first. 2. Smartphone checken in Begleitung Kennst du diesen Moment, wenn du ein rauschendes Gespräch führst, dich schweren Herzens aufs Klo abmeldest, dich kurz vor Abbiege zur Klotür nochmal umdrehst und wumms, hängt deine Begleitung schon am Telefon? Uff! Let's not do it anymore. It messes with people's heads. Es wird der Geilheit des Gesprächs nicht gerecht. Ich kenne den Impuls selbst, keine Frage, aber das Leben wurde besser, als ich mein Handy (wenn es schon unbedingt sein muss) erst dann rausholte, als die Person auch wirklich außer Sichtweite war. Plus: Telefon nach angemessener Zeit auch wieder weglegen, um diesen wertvollen Menschen auch wieder gebührend am Tresen zu begrüßen. 3. Sehr subtil Leute mögen bei Instagram und Twitter Dein Flammen-Emoji jedes Mal, wenn ich ein Bild poste, ist super, ehrlich! Dein Fav bei jedem Tweet – Gold! Aber frag doch einfach mal nach 'nem Bier oder teile Gedanken zu einem Post, der dich zum Schwingen gebracht hat. Oder sag bei jeder 7. Flamme: Uff, du schnieke Ding, wie kann man so schlau UND so hot sein. Haha, naja. Knigge-Idee: Verbindlicher miteinander sein, auch mal vier Worte schreiben nach Jahren wertschätzenden Kontakts. Offen sagen, was man aneinander mag. Nicht immer Mommy Cool spielen. Ich hab mir das selbst vorgenommen. Extrem schwer, weil ich natürlich extrem cool bin. Wir waren und sind alle in einer Pandemie, wir brauchen jetzt Love. 4. Chats auf Arbeit in Echtzeit nutzen Nichts gibt mir mehr Anxiety als "Hey, how are you?" oder "Guten Morgen!" und dann nichts weiter bei Slack von losen Kolleg:innen. Ich weiß, dass du gleich was von mir willst, also schieß los und guck nicht auf diese Weise, ob ich genau in jener Sekunde available bin. Schöner: "Guten Morgen! Alles gut? Wann darf ich dich heute mit XY behelligen?" oder "Hallo Katrin! Mir ist aufgefallen, dass XY. Wie denkst du darüber? Es eilt etwas. Meinst du, du schaffst es, dich bis UHRZEIT dazu zu äußern?" – und warte auf Antwort, die du in der Regel sowieso schnell bekommst. Achso, übrigens: Komm nicht einfach mit dem Rechner an jemandes Platz für eine Überraschungstask. Kündige dich wenigstens ganz kurz schriftlich oder mündlich an. It's a matter of respect. 5. E-Mails hinrotzen, weil du busy bist Nur weil du eine "Von meinem iPhone gesendet"-Signatur eingestellt hast, kannst du beim Umstieg zwischen U5 und S3 immerhin das Bare Minimum machen. Auch wenn es in diesem Setting kaum so anmutet: Du kommunizierst immernoch mit einem Menschen. Schreib nicht "LG", die Zeit für die vollen vier Buchstaben von "Gruß" hast du jetzt auch noch. Kürz dich nicht mit deinen Initialen ab, lass deinen Namen dann lieber gleich weg. Schreib deine E-Mail nicht komplett in den Betreff , wenn du nicht mein Dad bist. Das ist wie SCHREIBEN IN VERSALIEN – hört sich beim Lesen echt fies an. Sag auch bei Anweisungen "Bitte" und nach Erhalt einer Leistung "Danke", wenn du ein Mann bist (als Frau machst du es sowieso). Bleib cool. Alle sehen auch so, dass du gestresst bist. Vielleicht ja ein Format wert für übrige Newsletter? Ein Tipp pro Woche? Es gibt noch hunderte sinnvoller Knigge-Ideen, wir sollten sie alle aufschreiben.

Heute entfällt das digitale Update. Es ist sowieso nichts Spannendes passiert. Elon Musk ist immernoch völlig drüber. Facebook ist voller Fake News aus Russland. Carsten Maschmeyer und Axel Täubert haben mit "Die Start-up Gang" ein Kinderbuch geschrieben, das hoffentlich niemand lesen wird. Der übliche Wahnsinn. Bleibt mir gewogen, teilt HEISE SCHEISE mit Freunden, wenn ihr sie mögt (sowohl die SCHEISE, als auch die Freunde) – und verratet mir eure ganz eigenen inoffiziellen Knigge-Regeln fürs Internet!