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Fehlgeburten und andere Abschiede? Wo kommt neues Vertrauen ins Leben her?

Letzte Woche erreichte mich die Nachricht einer Frau, die im Frühjahr eine Fehlgeburt erlebt hatte und nun erneut schwanger ist. Die Schwangerschaft nach dieser Fehlgeburt fühlt sich nun einfach enorm "sorgenvoll" an. Ich erinnere mich an meine eigenen Schwangerschaften nach den Fehlgeburten und daran, wie sehr ich die "Unbeschwertheit" ungebrochenen Lebens vermisst habe. Aber ich denke zeitgleich auch an andere Krisen, die ich erlebt habe und das Gefühl wieder Fuß fassen zu müssen. "Liebe dein Leben als wäre dein Herz nie gebrochen". Aber wie nur?

Teile stammen aus meiner Antwort-email:

Da ich selbst 4 Fehlgeburten erlebt habe, ist das ein Thema, das ich wahnsinnig gut nachfühlen kann: Wie kann man wieder unbeschwert und fröhlich schwanger sein, nachdem man einmal so etwas erlebt hat? Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, dass der allererste Schwangerschaftstest für mich eine riesige Freude war: Wir sind Essen gegangen und haben den Tag blau gemacht... es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass da nicht 9 Monate später ein Baby in meinem Arm sein würde - leider kam es aber dann doch so. Daher habe ich mich bei allen anderen weiteren Schwangerschaftstests erstmal nur noch mit "angezogener Handbremse" freuen können. Mich hat immer ein bisschen das Gefühl begleitet: "sich jetzt zu freuen wäre voreilig und vielleicht auch dumm!"

Nun liegt die Zeit der Familienplanung schon ein wenig hinter mir, aber ich merke, dass dennoch das Thema "positiv in die Zukunft blicken nach Enttäuschungen" auch für mich im Moment aktueller denn je ist. Nach dem Zerbruch einer langjährigen Freundschaft stand ich  plötzlich vor der Frage: Wie gehe ich mit neuen Freundschaften um, die gerade im Entstehen sind? Und auch ich sehe mich irgendwie täglich in der Herausforderung, dass nicht meine vergangenen negativen Erlebnisse einen Schatten auf das werfen, wie es mir heute geht. Täglich kommen da wieder diese Gedanken hoch: Investier nicht zu viel, Freundschaften könnten zerbrechen! Vertrau nicht zu leichtfertig, man schaut den Menschen immer nur vor den Kopf! --

Ich habe in meiner Schwangerschaft nach der Fehlgeburt gemerkt: Ich muss dieses Erlebnis der Fehlgeburt erstmal verarbeiten und eine Schublade finden, wo ich das Thema liebevoll ablegen kann. Wenn die Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet ist, dann vermischen sich immer wieder assoziativ das alte und das neue Thema und ebenfalls die damit vergangenen Emotionen. Nach der 1. Fehlgeburt bin ich zunächst stehengeblieben bei der quälenden Frage "Warum ist das passiert?" Immer wieder haben sich in meinem Kopf die Erinnerung an den 1. Freudemoment mit Schmerz vermischt. Und dieselbe Verknüpfung ergab sich in meinem Kopf auch und immer wieder bei meiner Folgeschwangerschaft: die Erinnerung an Enttäuschung und Schmerz und ein kleiner Schwur mir selbst gegenüber "Mach nicht wieder den Fehler dich zu leichtfertig zu freuen.

Genau dieses gründliche Aufarbeiten hat mir bei meiner zerbrochene Freundschaft sehr geholfen: Ich habe versucht das Erlebte aufzuarbeiten, habe geschrieben, analysiert, was passiert war, Frieden mit offenen Fragen gemacht, Vergebung ausgesprochen. Jedes Mal, wenn ich jetzt vor der Herausforderung "neu vertrauen" stehe und bei mir die Alarmglocken schrillen, dann fällt es mir leichter, das voneinander zu trennen, indem ich sage "Okay, Sina, das war damals. Das liegt gut sortiert in der Schublade mit Erinnerungen. Das hier ist eine völlig neue Freundschaft!" Das klingt so banal, aber Ängste entstehen oft, indem wir zwei verschiene Situationen wie Transparentpapier übereinanderlegen und das alte immer noch durchscheint. Das vermischt Gefühle und Gedanken. Sich vor Augen zu führen "Nein, das alte habe ich bereits verarbeitet, das kommt wieder in die Schublade" kann beim Trennen helfen.

Ich habe "gezieltes Verarbeiten" bei meinen Kaiserschnittgeburten gebraucht. Für mich funktionierte das methodisch gut, der Sache einen konkreten "Raum" zu geben. Ich habe mir ein Schulheft gekauft und habe da rein meine Gedanken zum Kaiserschnitt geschrieben, emails reinkopiert mit Nachrichten von Freundinnen, die ich hilfreich fand (ein "Hauptsache das Kind ist gesund" war eine nicht-hilfreiche Nachricht für mich, deswegen habe ich solche Kommentare gelöscht und stattdessen eingeklebt "Ich verstehe, dass du traurig bist, weil du dir eine schöne Geburt gewünscht hast. Es ist völlig legitim, dem verpassten 1. Kennenlernmoment hinterher zu trauern und trotzdem dankbar für eure gesunde Talita zu sein"). Ich habe dort Fotos aus dem Krankenhaus reingeklebt, die nie ins Familienalbum gedurft hätten und dazu geschrieben "Da sehe ich traurig und glücklich zugleich aus!"... Ich hoffe es wird ein bisschen verständlich. Der Sache einfach einen Raum geben und sich immer beim wieder Aufploppen der Erinnerungen liebevoll daran zu erinnern, dass man es nicht immer wieder verarbeiten muss, sondern es auch mal ruhen lassen darf, weil es seinen Raum bekommen hat, hat die ewigen Gedankenspiralen gestoppt. Es hat mir auch sehr geholfen, bei wieder hoch kommender Traurigkeit das Heft zur Hand zu nehmen, darin zu blättern und es dann wegzulegen. Äußerlich wie innerlich. Neben der Erkenntnis "Die Gedanken und die Traurigkeit durften Raum haben, aber das ist die Vergangenheit, jetzt schaue ich nach vorne" war das konkrete "weglegen können an seinen Platz" eine äußere Handlung, die das unterstrichen hat.

Vielleicht hilft so ein kleines "Erinnerungsheft" auch bei anderen schmerzhaften Erfahrungen und Verlusten? Man könnte aufschreiben, wie der Moment des positiven Tests war, eine Liedzeile einkleben, die die Traurigkeit besonders ausdrückt, oder einen Brief an das Baby schreiben, das man nie kennenlernen durfte. Auch Fotos können helfen... vom positiven Test, von einem Ort, wo man bei Traurigkeit gerne hingeht oder vom Strampler, den man schon überschwänglich gekauft hatte.

Ich weiß, dass es wahnsinnig schwer ist, neue Dinge mit positiven Gedanken anzugehen, wenn negative Erfahrungen im Hinterkopf sind. Aber mir hat sehr die Erkenntnis geholfen: Jeder Tag darf seine eigenen Gefühle haben. Sollte es wieder zu einer Fehlgeburt kommen, wird der Schmerz darüber NICHT kleiner, weil ich mich zu Beginn weniger gefreut habe. Das ist einfach so! Ich war bei jeder Fehlgeburt erschüttert, ob ich mich gefreut habe im Vorfeld (bei der 1. Fehlgeburt) oder nicht. Auch die 2. Fehlgeburt tat wieder weh, obwohl ich mich da vorsorglich nicht so sehr gefreut hatte. Es machte keinen Unterschied. Deswegen habe ich bei den Folgeschwangerschaften beschlossen: ich freue mich heute. Sollte die Schwangerschaft nicht intakt sein, wird "morgen" (im Sinne von "Tag in der Zukunft") der Moment sein, wo ich traurig bin. Ich versuche immer mehr mir vor Augen zu führen, dass meine ängstlichen Gedanken und Sorgen nicht die Realität sind, dass sie deswegen gar keinen Effekt haben, außer mir die Freude und Leichtigkeit des Heute zu nehmen. Und das Gedankenexperiment darf man auch mal wagen: Stell dir vor, du hast in ein paar Monaten dein Baby im Arm: wäre es da nicht traurig, wenn du zurückschaust und die Schwangerschaft nur sorgend verbracht hast?

Manche Gedanken muss man einüben, aber ich finde das hilfreich, mir vor Augen zu führen, dass ich meine Gefühle bezüglich der Vergangenheit anschauen und ablegen kann, dass meine Gefühle bezüglich meiner Gegenwart gefühlt und bewusst gestaltet werden dürfen (Hey... ich bin schwanger! DAS IST WUNDERVOLL! Hey, es ergeben sich neue Freundschaften, das ist so wertvoll) und meine Gefühle bezüglich der Zukunft, haben einzig und allein ihren Platz in der Zukunft. Ich wünsche euch ganz viel Frieden mit vergangenen Ereignissen und ganz neu die Fähigkeit dem Jetzt ein ehrliches Lachen zu schenken. 

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