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Fragen auf der emotionalen Weltkarte

Mir erscheint gerade alles falsch zu sein. Jeder Satz, der nichts mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine zu tun hat. Und jeder Satz, der mit diesem Krieg zu tun hat, ebenfalls. Alles ist falsch. 

„Ich bin ein kleines Licht“, sagte heute die Sängerin Balbina vor der Russischen Botschaft. Und genau so fühle ich mich. Ein kleines Licht, das nichts tun kann, außer ab und zu auf die Straße zu gehen und gegen den Krieg zu demonstrieren.  

Ich bin dieser Tage oft sprachlos. Gegen die Sprachlosigkeit spreche ich auf Instagram mit Expertinnen über diesen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Gestern zum Beispiel mit der klugen Journalistin Anastasia A. Tikhomirova. Auf die Frage, was wir als Zivilgesellschaft tun können, antwortete sie: „Meine Angst ist, dass die Leute noch zwei Wochen dranbleiben und dann das Thema vergessen. Bleibt solidarisch, geht auf die Straßen, hört zu.“

Mit diesem Newsletter möchte ich einen Raum schaffen fürs Zuhören und Lesen. Von Stimmen, die wichtig sind. Schon lange. 

„Die Tage des Krieges zählen“ von Lena Gorelik

"Wirst du schon angegriffen, weil Du Russin bist?", fragen Freund:innen, und ich zucke zusammen, und weiß nicht, warum ich das tue. Weil ich schon lange nicht mehr als Russin bezeichnet worden bin, weil ich mich nationalen Zuschreibungen verweigere, weil ich noch gar nicht daran gedacht habe, an mögliche Angriffe dieser Art? Weil mich erwischt, dass ich mich tatsächlich, seit ich die Tage des Krieges zähle, als Russin schäme, obwohl ich mich als solche niemals bezeichnen würde, obwohl ich als Kind aus Russland ausgewandert bin, obwohl ich nie wahlberechtigt war in diesem Land, und weil all das so ist, erkläre ich mir selbst: Nein, ich schäme mich als Mensch.

(...)

Wir wissen, Kriege hören nicht mit einer Waffenruhe auf, weil sie sich durch Lebensläufe ziehen und historisches Erbe bilden, wir wissen, dass sie Folgen haben, und manchmal vergessen wir jene, für die sie das länger tun als für uns.

„Ist meine Panik groß genug?“ Artikel von Kateryna Mishchenko aus Kiew vom 18. Januar 2022

 Kriegstagebuch von Juri Durkot Offenbar fördert der Krieg die Tagebuchproduktion: Inzwischen schreiben viele Menschen Tagebücher. Ich höre das immer öfter von Bekannten und Fremden. In Berlin, Warschau, Lemberg, Kiew… Vielleicht auch in Charkiw. Verschiedene Menschen, diverse Stile, persönliche Emotionen, andere Erlebnisse. Ein Tagebuch in einer belagerten Stadt unter Raketenbeschuss ist anders als ein Tagebuch in Berlin. Muss anders sein. Und ein in Charkiw geschriebener Text wird sich stark von einem Tagebucheintrag aus Lemberg unterscheiden.

Was aber alle diese Texte gemeinsam haben – sie sind verdichtete Zeit, der Schrei einer verwundeten Seele, eine Art Therapie. Als hätte Edvard Munch die verschiedenen Versionen seines berühmten Gemäldes in verschiedenen Städten gemalt und dabei unterschiedliche Farbtöne, Pinselstriche und Techniken benutzt.

Kriegstagebuch von Anastasia Magazova

„Der große Hunger und das lange Schweigen“ von Sasha Marianna Salzmann 

Ich hatte sogar Solidaritätsabende an Theatern veranstaltet, aber meine emotionale Bindung begann erst während der Gespräche mit den Frauen, den Freundinnen meiner Mutter. Als sie vor mir ihre Leben – fern jeglicher tagesaktueller Politik – ausbreiteten, füllte sich eine bis dahin graumelierte Fläche auf der Karte mit Gerüchen, Empfindungen, Bildern. Vor allem mit Fragen. Mich ging die Ukraine etwas an, nicht weil meine Vorfahren aus Odessa und Czernowitz stammen, sondern weil Menschen vor mir sassen, die davon berichteten.

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Die Grenzen meiner Emotionen sind die Grenzen meiner Welt. Für die meisten von uns, die wir im Westen wohnen, hört die emotionale Landkarte knapp hinter der Uckermark auf, man schüttelt besorgt den Kopf über die Wahlergebnisse in Ostdeutschland und die Menschenrechtslage im EU-Mitgliedsstaat Polen, und dann beginnt – zumindest unserem emotionalen Wissen nach – bereits Russland. Erst seit Dezember letzten Jahres gilt die Ukraine auch bei der breiten Bevölkerung als entdeckt.

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Meine emotionale Weltkarte füllt sich mit Fragen. Möglicherweise ist das alles, was mir zur Verfügung steht.

Balbina sagte heute auf der Bühne auch: „Ich stehe hier vor vielen kleinen Lichtern, zusammen strahlt ihr hell.“

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