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Worte finden, wofür es keine gibt

Es war der Tag des Angriffs auf die Ukraine. Nach einem Abend, an dem ich mit  der Journalistin Rebecca Barth sprach und sie später aus der Ost-Ukraine schrieb: „Ich habe ein ganz schlechtes Bauchgefühl“. Nach dieser Nacht startete Putin den Angriffs-Krieg auf die Ukraine. Und während ich mich durch die Nachrichten scrollte, selbst keine Worte dafür hatte, dachte ich an die Worte, die ich meinem Kind sagen müsste. Muss ich?

Niemand muss. Aber ich wollte. Und ich finde, wir sollten. Ich bin Mutter eines 8-jährigen Kindes und ich finde, Kinder haben ein Recht darauf, informiert zu sein. Wir sprechen auch sonst über Politik und das Weltgeschehen. Also jetzt auch. Aber wie genau geht das, mit Kindern über den Krieg sprechen? Darüber denke ich seit diesem Tag verstärkt nach. Und zwar nicht, weil der Krieg plötzlich so nah ist und mir vorher alle Kriege und Verbrechen auf der Welt egal gewesen wären. Sondern weil die Dimension gerade beängstigend ist. 

Annalena Baerbock sagte: „Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht.“ Diese Perspektive teile ich nicht. Der Twitter-User @gemuellert schrieb: „Ich glaube nicht, dass wir heute in einer anderen Welt aufgewacht sind. Uns wurde nur brutal die Brille geputzt.“

Ich habe keine allgemeingültigen Antworten gefunden auf die Frage, wie wir Kindern erkären sollen, was wir selbst nicht verstehen. Aber ein paar Beispiele, wie es gehen könnte. Dabei finde ich wichtig: Jedes Kind ist individuell, Eltern sind individuell. Vielleicht können diese Beispiele helfen, einen Weg zu finden. Worte zu finden, wofür es keine gibt. 

An diesem Tag schauten wir die Logo-Kindernachrichten. Während ich einen Kloß im Hals hatte, schaute sich mein Kind die Moderatorin ganz genau an und fragte: „Meinst du, das ist Lippgloss oder Lippenstift?“ Damit war das Thema erstmal erledigt. 

Ich habe viel gelesen über die Kommunikation mit Kindern über Krieg. Die wohl wichtigste Sache, in der sich alle einig waren: Wir sollten Kindern nichts aufdrängen. Wenn sie etwas wissen wollen, werden sie fragen. 

Der Entwicklungspsychologe Moritz Daum erklärt bei Zeit Online, wie wir Kindern den Krieg erklären können. Und er sagt auch, dass wir dazu stehen sollten, wenn wir keine Worte haben.  Daum: „Man darf den Kindern ruhig sagen, dass Krieg etwas wahnsinnig Kompliziertes ist und dass man auch als Erwachsener Krieg oft nicht ganz versteht“.

Daum sagt auch, dass Ängste größer werden, wenn man nicht darüber spricht: „Man kann Kinder nicht ständig von allem fernhalten. Sie kriegen es sowieso mit“. Er empfiehlt, Fragen zu beantworten, nicht zu lügen, sondern zu sagen, wie es ist. Je nach Alter des Kindes entsprechend. Es geht um Ehrlichkeit – selbst wenn es traurig ist.

Hier gibt es ein paar Tipps, wie solche Gespräche konkret aussehen könnten

Immer wieder empfohlen werden auch Kindernachrichten – mit dem wichtigen Zusatz, Kinder nicht alleine schauen zu lassen, sondern dabei zu sein und danach ein Gespräch anzubieten.

In einer kleinen Instagram-Umfrage bestätigten mir Eltern genau das. Ich fragte, wie Eltern mit ihren Kindern über den Krieg sprechen. Die Antworten: „So ehrlich wie möglich“. „Fragen beantworten, nicht zu viel Input geben, keine Bilder.“ „Altersangemessen und ehrlich.“ „Dass es riesigen Streit gibt auf der Welt und keiner wirklich gewinnt oder im Recht ist. Und dass wir den Leuten versuchen zu helfen, die dazwischen geraten.“ „Ich bin am Ende meiner Ideen, wie ich ihre Angst auffangen kann. Denn ich habe auch Angst.“ Und dann immer wieder diese Antworten: „Mit Hilfe von Logo. Und wir zünden Kerzen an oder basteln Friedenstauben.“ „Offen und ehrlich mit der Hilfe von Logo.“ „Logo hilft, wir reden offen, authentisch. Aber es ist schwer.“ „Uns helfen Logo und Kindernachrichten.“

Kindernachrichten sind nicht nur gut für Kinder. Mir selbst helfen Kindernachrichten auch, weil sie so gut erklärt sind. Oft besser als die für Erwachsene.  Wir brauchen viel mehr Formate wie Kindernachrichten. Nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene. Information, aber verständlich. Und verständliche Antworten auf alle Fragen. Selbst wenn die Antwort lautet: Ich weiß es nicht.

Besonders berührt hat mich in den vergangenen Tagen das Interview mit Michael Roth bei Logo, er ist Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag. Roth schafft es, kindgerecht auf Kinderfragen zu anwtorten. Davon können wir uns alle etwas abschauen. Hier ein Teil seiner Antwort auf die Frage, inwiefern uns der Krieg betrifft:

Es betrifft ein Land in unserer Nachbarschaft, mit dem wir sehr eng zusammenarbeiten. Das sind unsere Freundinnen und Freunde dort.

Hier findet ihr weitere Berichte, Interviews und Erklärvideos: Angriff auf die Ukraine – eure Fragen (KiKA) Konflikt in der Ukraine – was ist da los? (neuneinhalb, WDR) Logo vom 24. Februar 2022 mit Michael Roth Kann es zu einem neuen Weltkrieg kommen? Erklärvideo von Logo

Und der vielleicht wichtigste Link: Wenn euch Nachrichten beunruhigen (Logo)

Ein Tipp aller Expert*innen ist, selbst aktiv zu werden. „Wir können Geld spenden an Organisationen, die vor Ort helfen. Wir können auf eine Demonstration gehen, um zu sagen, dass wir Frieden wollen und dass wir uns Sorgen um die Menschen machen“, sagt Kerstin Stellermann Strehlow, Kinder- und Jugendpsychiaterin. 

Für's Aktivwerden habe ich hier noch ein paar Links für die Eltern: 6 Dinge, die du für die Ukraine tun kannst, außer zu spenden Organisationen in der Ukraine Zimmer frei für Ukrainer*innen Demonstrationen #StandWithUkraine

In der ersten Ausgabe meines Newsletters wollte ich eigentlich über ein anderes Thema schreiben: Kunst. Das kommt mir aber gerade nicht richtig vor. Der Newsletter ist mein Denkraum – deshalb teile ich, worüber ich gerade nachdenke. Und ich freue mich, wenn wir zusammen denken. Was denkst du?

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