Liebe Leserïnnen,

mit 37.120 Neuinfektionen vergangenen Donnerstag und einer Sieben-Tages-Inzidenz von 191 ist die vierte Corona-Welle die bislang höchste in Deutschland. In den nächsten Tagen und Wochen geraten die Intensivstationen über ihre Kapazitätsgrenze, an der einige sowieso schon arbeiten. Dementsprechend wird sich die Zahl der Todesopfer entwickeln. Bundes- und Landesregierungen bleiben weitgehend untätig. Als Ausweg gilt derzeit die Impfung, während fast alle anderen Schutzmaßnahmen bis auf Reste aufgehoben sind. Das ist fatal:

Wir haben ungefähr 25 Millionen ungeimpfte Menschen in Deutschland, darunter etwa acht Millionen Kinder unter 12 Jahren. Selbst wenn wir jetzt sofort anfangen, sie alle zu impfen, bestünde der Impfschutz für die schnellsten erst in rund sechs Wochen, nämlich 14 Tage nach der Zweitimpfung. Dann ist Weihnachten. Natürlich dauert es in der Praxis viel länger, 25 Millionen Menschen zu impfen. Das heißt, egal wie eins es dreht und wendet: Mit einer Impfkampagne, einer Impfpflicht und/oder der Freigabe des Impfstoffes für Kinder ist die vierte Welle nicht mehr vor dem Frühjahr zu brechen. Eine solche Kampagne hätte bereits im Hochsommer beginnen müssen. Doch da liefen bereits die Planungen dafür, die Impfzentren wieder zu schließen. (Übrigens auch auf Betreiben der Kassenärztlichen Vereinigung, die in den Impfzentren eine Konkurrenz zu niedergelassenen Ärzten sieht, die ihnen das Geschäft streitig macht.)

Auch wenn wir auf jeden Fall eine Impfkampagne brauchen, damit dieser Alptraum irgendwann mal endet, bleibt überhaupt keine andere Wahl, als die bisherigen Maßnahmen wiederzubeleben: FFP2-Masken, Abstand, Lüften, Kontaktbeschränkungen, Home-Office, Fernunterricht, Schulklassenteilung bis hin zur Schließung nicht systemrelevanter Betriebe, um die vierte Welle zu brechen. Eine moralische Argumentation, wonach die Impfverweigerïnnen selber Schuld seien und jetzt halt die Verantwortung tragen, wenn sie krank werden, ist hier leider zu kurz gedacht: Wenn die Opfer der vierten Welle die Intensivstationen überlasten, bedeutet das, dass monatelang nicht mehr genügend Betten bzw. Personal für die ganz alltäglichen Verkehrsunfälle, Herzinfarkte und Schlaganfälle zur Verfügung steht. Ganz zu schweigen von den vielen Menschen, die aufgrund von „Long Covid“ langfristig erkranken, das Gesundheitssystem belasten und womöglich gänzlich berufsunfähig werden. Es ist nicht allein Problem und Verantwortung der Ungeimpften – den Schaden tragen wir alle.

Die momentan praktizierte Antwort auf die Misere lautet 2G/3G. Nur noch geimpfte (genesene und getestete) Menschen zuzulassen ist aber kein Teil der Lösung, sondern ein Teil des Problems. Denn üblicherweise wird auf 2G-/3G-Veranstaltungen so getan, als gäbe es Corona nicht. Meistens werden keine Masken getragen und keine Abstände eingehalten. Erst hieß es, dass Geimpfte nicht ansteckend seien, dann war die Sprachregelung, dass ihre Infektiosität für den Pandemieverlauf keine Rolle spiele. Das ist falsch. So untersucht eine frisch bei Lancet veröffentlichte Studie die „secondary attack rate“ in betroffenen Haushalten, also die Frage, wie viele weitere Personen sich anstecken, wenn sie in einem Haushalt mit einer Person leben, die mit der Delta-Variante infiziert ist. Bei Ungeimpften ist die Zahl 38%, bei Geimpften 25%. Zum Vergleich: Die „secondary attack rate“ des so genannten Wildtyps Anfang 2020 lag je nach Art des Haushaltes bei den damals sowieso Ungeimpften bei 12,4–17,1%. Solche Studienergebnisse liefern nur Momentaufnahmen und können in verschiedenen Haushalten und Lebensweisen sehr unterschiedlich ausfallen, aber es gibt bis auf weiteres hinreichenden Grund anzunehmen, dass geimpfte Menschen, die mit Delta infiziert sind, mindestens genauso ansteckend wenn nicht sogar ansteckender sind, als die ungeimpft Infizierten der ersten Wellen des Jahres 2020 es waren.

Bei niedrigen Fallzahlen, wie wir sie im vergangenen Sommer hatten, mag das nicht so wichtig sein, aber bei der aktuell hohen und weiterhin steigender Inzidenz sieht das ganz anders aus. Restaurants, Clubs, Kneipen und Kinos sind gemeinschaftliche Aerosolbäder, in denen Geimpfte sich fröhlich gegenseitig infizieren. Das Risiko junger und gesunder Geimpfter, dabei schwer zu erkranken, ist verschwindend gering. Aber sie tragen das Virus halt in andere Bereiche, wo sie die 25 Millionen Ungeimpften infizieren können. Also im Fall von 2G. Bei 3G sind die Ungeimpften praktischerweise gleich vor Ort dabei.

2G/3G hat so, wie wir es anwenden, noch viele anderen Schwächen: Menschen fälschen Impfpässe. Impfpässe und Tests werden an vielen Orten nicht ernsthaft überprüft. Oder Menschen sind einmalig mit Johnson & Johnson geimpft und bräuchten eigentlich eine Auffrischungs-/Booster-Impfung, haben aber trotzdem einen Impfpass, der sie als „vollständig geimpft“ ausweist. Eigentlich müssten alle getestet werden, auch die Geimpften. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass 2G-/3G-Veranstaltungen sicher sind. Im Gegenteil ist es recht wahrscheinlich, auf 2G-/3G-Veranstaltungen früher oder später auf infektiöse Menschen zu treffen. Zugleich schadet 2G/3G dem gesellschaftlichen Zusammenhalt, weil Menschen sich diskriminiert fühlen – und zwar nicht nur Ungeimpfte, sondern auch Geimpfte, die Abstand und Masken einfordern. „Bleib halt weg, wenn du Angst hast“, ist nicht das gesellschaftliche Klima, das ich mir wünschen würde. 

Geimpfte Menschen fühlen sich unter 2G-Bedingungen oft sicher, weil ihnen monatelang eingetrichtert wurde, dass 2G sicher sei. Dabei können ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankung durchaus trotz Impfung schwer an Covid19 erkranken. Das passiert sehr viel seltener, als bei Ungeimpften, aber es passiert. Etwa 10-20% der Menschen, die wegen Covid19 ins Krankenhaus eingeliefert werden, sind geimpft. Die meisten von ihnen sind alt und/oder in schlechter gesundheitlicher Verfassung. Diese Menschen werden durch die 2G-Regeln nicht hinreichend geschützt. Weil dort nur selten auf Masken und Abstand geachtet wird, tragen diese Menschen auf 2G-Veranstaltungen sogar ein besonderes Risiko. 2G/3G heizt die Pandemie an.

Selbstverständlich heißt das nicht, dass Impfen sich nicht lohnt. Im Gegenteil. Geimpfte Menschen infizieren sich weniger leicht. Wenn sie infiziert sind, sind sie weniger und für kürzere Zeit ansteckend. Impfungen wirken deshalb bremsend auf das Infektionsgeschehen. Die Gefahr, schwer an Covid19 zu erkranken oder womöglich daran zu sterben, ist um Größenordnungen kleiner. So viele Menschen wie möglich sollten deshalb geimpft werden. Aber wir schaffen es eben nicht mehr rechtzeitig für die vierte Welle. Um diese zu brechen, muss zu den alt bekannten Maßnahmen zurückgekehrt werden.

Doch der Staat unternimmt trotz dramatisch steigender Zahlen gerade nichts. Im Gegenteil, es wirkt geradezu so, als sei die vierte Welle von unseren Politikerïnnen bewusst in Kauf genommen worden. Anders ist die Corona-Politik der letzten Wochen nicht zu erklären. Wer kann, schützt sich selbst, lässt sich impfen, trägt weiter Maske und achtet auf Abstand, geht nicht in Restaurants, Kinos oder Kneipen, testet sich vor privaten Zusammenkünften und besteht darauf, dass die anderen sich auch testen – und erntet dafür von den Mitmenschen oft genug Augenrollen, Häme und Unverständnis. 

Mehr können wir individuell nicht tun. Bei allem anderen können wir leider nicht darauf vertrauen, dass der Staat uns schützt. Menschen in Pflegeeinrichtungen können sich nicht dagegen wehren, wenn ihre Pflegerïnnen ungeimpft sind und die nötigen Sicherheitsmaßnahmen nicht einhalten. Kinder unter 12 Jahren bekommen Impfungen nur „off-label“, wenn sie hartnäckige Eltern haben. Minderjährige sind überhaupt einem eventuellen Querdenkerïnnentum der Eltern ungeschützt ausgeliefert. Vollkommen schutzlos sind Kinder im Schulunterricht. Test- und Maskenpflicht gibt es nur noch vereinzelt, Luftfilter-Anlagen sind weiterhin die Ausnahme, und Kleingruppen sowie Fernunterricht wurden fast überall abgeschafft. Am Arbeitsplatz sind alle dem guten Willen ihrer Arbeitgeberïn ausgeliefert, wenn sie vor Ort ausreichende Schutzmaßnahmen haben oder von Zuhause arbeiten möchten. Die staatlich verordneten Schutzmaßnahmen genügen nicht und Arbeitgeberïnnen haben wenig Anreize, diese überzuerfüllen. Ihre Rechtslage ist derzeit eher paradox: Angenommen, eine Arbeitgeberïn möchte eine betriebliche Weihnachtsfeier unter 2G-Bedingungen durchführen. Es ist streng genommen nicht möglich, weil Arbeitgeberïnnen den Impfstatus ihrer Angestellten gar nicht abfragen dürfen

Politikerïnnen kümmern sich derzeit nicht. Es wirkt, als ducken sich gerade alle, damit die Situation möglichst bald vorüberzieht, ohne dass jemand persönlich damit in Verbindung gebracht wird. Die Bildung einer neuen Bundesregierung ist keine Entschuldigung, schließlich ist die alte noch geschäftsführend im Amt. Wahlen können an so einer Situation nichts ändern. Abgesehen davon, dass gerade erst eine Bundestagswahl war: Von der Union über FDP, SPD und Grünen bis hin zur Linken praktizieren gerade alle Parteien über ihre Regierungsbeteiligungen in den Ländern im Großen und Ganzen die gleiche Corona-Politik. Nur die AfD nicht, die regiert zwar nirgends, aber ist noch schlimmer.

Ein schönes Restwochenende wünscht

Enno Park

P.S.: Auf Twitter hat jemand den eventuell letzten guten Corona-Witz gemacht. 

https://twitter.com/SarahSurgey1/status/1444592424668520451

P.P.S.: Gefällt dir dieser Newsletter oder was ich auf Twitter und anderswo schreibe?

👉  Dann unterstütze mich hier! 👈

Als Dankeschön gibt es sorgfältig ausgewählte und kommentierte Zusammenstellungen aktueller Links zu Beiträgen in Technikkultur, Digitalität, Netzpolitik und angrenzenden Themen. Deine Unterstützung hilft mir sehr, meine Texte auch in Zukunft weitestgehend ohne Paywall zu veröffentlichen. Ich danke herzlich!

Kommentare sind nur für Mitglieder zugänglich. Nimm an der Diskussion teil …