Liebe Leserïnnen,

folgendermaßen:

Einige Jahre meiner Kindheit habe ich buchstäblich hinterm Deich verbracht. Nicht direkt der Nordseedeich, sondern der Emsdeich, aber doch an der Küste, eine Autostunde von der See entfernt. Hoch muss ein Deich auch am Fluss sein, für den Fall, dass sich bei Nordwestlage die See in den Mündungen staut und das Wasser flussaufwärts fließt. Natürlich sind wir bei Sturmflut rauf auf den Deich. Gucken. Dort oben stehend zu sehen, wie auf der anderen Seite das vom Sturm aufgewühlte Wasser dicht unter der acht Meter hohen Deichkrone steht, erzeugt einen tiefen Respekt vor den Naturgewalten. Es wird schlagartig klar, wie wenig fehlt, bis riesige Gebiete überflutet werden.

Die Naturgewalt der Flut und die Technik des Deichbaus haben sich tief in die Kultur der Küstenbewohnerïnnen eingegraben. Ich hatte das Glück, keine schlimme Sturmflut erleben zu müssen. 1962, als Teile von Hamburg und das Alte Land unter Wasser standen und 340 Menschen in den Fluten umkamen, war ich noch nicht auf der Welt. Aber ein Bewusstsein dafür, dass es immer wieder zu Sturmfluten kommt, nehmen in Ostfriesland Aufwachsende mit der Muttermilch auf. Katastrophen wie die Weihnachtsflut von 1717, in der weit über 10.000 Menschen umkamen, sind Teil des kollektiven Gedächtnisses. Die Sturmflut ist eine Naturgewalt, die jederzeit und willkürlich hereinbrechen kann. Sie lässt sich weder beschwören noch verhindern. Die Menschen müssen sich damit arrangieren.

Seit der Antike errichten die Küstenbewohnerïnnen ihre Dörfer auf Warften, das sind runde Hügel, auf denen üblicherweise die Kirche steht. Steigt die Flut, konnten sich alle Dorfbewohnerïnnen auf die Warft retten und warten, bis das Wasser wieder abzieht. Hinterher wurde aufgeräumt, was aufgeräumt werden musste. Der friesische Deichbau begann früh im Mittelalter. Bereits um 1300 herum war die gesamte Küste von Westfriesland in den Niederlanden bis hinauf nach Nordfriesland und Dänemark durch Deiche geschützt. Ganze Landstriche wurden durch Eindeichung dem Meer abgetrotzt. Darin liegen heute noch Stolz und bisweilen Sturheit der Ostfriesen. Wir überleben jede Flut.

Doch die Welt, in der sich die Menschen mit ihrer Kultur und Technik einerseits und die Natur mit ihren chaotischen Gewalten andererseits dichotomisch gegenüberstanden, ist untergegangen. Sie verbrannte in unzähligen Öfen, Motoren und Feuern der menschengemachten Erderwärmung. Zwar gilt weiterhin, dass eine solche Katastrophe ein Wetterereignis ist, für das niemand etwas kann. Aber es ist nicht mehr die Frage, ob Extremwetterereignisse und Katastrophen durch das ungebremste Verbrennen von immer mehr Kohlenstoff häufiger und stärker werden, sondern nur noch, wie sehr. Angefangen hat es längst. So stellt eine Studie des Potsdam-Institutes für Klimafolgenforschung 2015 fest, dass die Zahl der Wetterrekorde, die so nie zuvor gemessen worden sind, seit 1981 um 12% angestiegen ist. Zahlen dieser Art kristallisieren sich erst langsam heraus, aber Einschätzungen, wonach Jahrhundertereignisse bei zunehmender Erwärmung alle 10 bis 20 Jahre stattfinden könnten, dürften angemessen sein.

Sicherlich ist die Flutkatastrophe, die ein riesiges Gebiet von den Benelux-Ländern über Eifel, Rheinland bis zum Bergischen Land heimsuchte und bisher mehr als 100 Menschenleben kostete, ein Wetterereignis und als solches chaotisch. Niemand kann etwas dafür. Das verführt dazu, in die alten Denkmuster zu verfallen und die Katastrophe einfach als Schicksal hinzunehmen. Katastrophen passieren, Talsperren laufen über, Rettungsdienste retten Leben und das Technische Hilfswerk räumt auf. Das hat Priorität, derweil die Toten betrauert werden. Politisch ist da wenig, solange alle ihren Job machen. Wer also jetzt die Katastrophe „politisiert“, sei „pietätlos“ und „unanständig“, so verschiedene Politikerïnnen und Medien, die überwiegend dem liberal-konservativen Lager sowie dem Springer-Verlag zuzuordnen sind.

Selbstverständlich ist das perfide Klugscheißerei. Der Vorwurf an die Grünen, sie würden eine Katastrophe parteipolitisch instrumentalisieren, brach noch am selben Tag zusammen, als Armin Laschet selbst vor die Mikrofone trat und „mehr Tempo beim Klimaschutz“ forderte. Was vormittags noch als pietätlos und unanständig gelten sollte, war dann nachmittags schon die lösungsorientierte Art des Kanzlerkandidaten. Hauptsache, viele Menschen halten solche Katastrophen weiterhin für „gottgegeben“. Hauptsache niemand fragt nach Verantwortlichkeiten.

Doch wenn eine Attribution wissenschaftlich möglich ist, bedeutet das: Es gibt „Schuldige“. Die Schuld lässt sich nur bedingt bestimmten Personen zuordnen, auch wenn einige Konzernlenkerïnnen und die von ihnen korrumpierten Parteien hier verbrecherisch agiert haben und es weiterhin tun. Die Schuld ist eine der gesamten Gesellschaft, die die Klimakatastrophe mit ihrer Lebensweise, ihren Politikeïnnen, Normen und Gesetzen herbeigeführt hat, und sie trotz seit Jahrzehnten offensichtlicher Faktenlage auch weiterhin zulässt.

Die konkrete Bekämpfung der Katastrophe vor Ort ist eine Sache der Menschen vor Ort. Woanders können wir nicht viel mehr tun als Hilfe zu organisieren, zu spenden, zu kondolieren und das Leid irgendwie zu verarbeiten. Wie allerdings durch Bremsen der Erderwärmung vermieden werden kann, dass solche Katastrophen künftig immer häufiger stattfinden, ist eine politische Frage. Sie darf nicht nur, sie muss debattiert werden, damit es in einer Demokratie zu Kurskorrekturen kommen kann. Und da sich in der repräsentativen Demokratie die Einflussnahme der allermeisten Menschen auf das (Ab)Wählen von Parteien/Regierungen alle paar Jahre beschränkt, muss das Versagen von Parteien, Regierungen und Kandidatïnnen angesichts der Klimakatastrophe auch und gerade im Wahlkampf ein Thema sein. Wer das Thema jetzt aus dem Wahlkampf halten will, agiert undemokratisch und will die eigene Verantwortung kaschieren.

Im April erschien übrigens im „Spiegel“ eine knappe aber dennoch detaillierte Aufzählung, wie die letzten Bundesregierungen klimapolitisch verzögert, behindert und verhindert haben.

Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.

Enno Park

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