Liebe Leserïnnen,

Folgendermaßen:

Rezo und Tilo Jung laden Annalena Baerbock, Olaf Scholz und Armin Laschet zum Kanzlerïnnen-Duell auf Youtube und Twitch ein mit der "Zeit" als Medienpartner. Aber Laschet sagt ab. In einem Wahlkampf, in dem Schlammschlachten fast vollständig politische Themen verdrängt haben, klingt das wie eine Fußnote. Auf den zweiten Blick ist der Vorgang durchaus bemerkenswert. Denn was sich hier abzeichnet, ist ein Culture-Clash zweier Teilöffentlichkeiten, die nicht die gleiche Sprache sprechen. Leider sind beide Teilöffentlichkeiten ausgesprochen groß und relevant.

Unter dem Hashtag #LaschetKneift beginnt sogleich eine Debatte auf Twitter. Eine Gruppe ist enttäuscht, weil Laschet ganz offenbar die Jugend und ihre Bedürfnisse ignoriere. Die andere Gruppe ist der Ansicht, dass die Absage schlau war, weil Laschet in so einem Format nichts zu gewinnen habe. Beide Gruppen haben aus ihrer Perspektive recht, da sie ganz unterschiedliche Maßstäbe an das Handeln Wahlkämpfender anlegen. Aber in der Debatten reden sie ganz fürchterlich aneinander vorbei.

Ich glaube, dass Youtube/Twitch/Tik-Tok einerseits und die klassischen Medien andererseits einfach sehr verschiedene Medienkulturen haben, die sich untereinander nicht verstehen. Das zeigt ja schon die Aufregung um die "Zerstörung der CDU". Auf Youtube ist mit "Zerstörung" gemeint, einen Standpunkt in einer Debatte kunstvoll argumentativ zu zerlegen, am besten so, dass kaum noch Widerspruch möglich ist. Viele Menschen vestehen das nicht, nehmen das Wört "zerstören" wörtlich und glauben, jemand wolle die CDU als solche zerstören – fassen das also als Drohung auf. Natürlich will niemand mit Leuten reden, von denen er oder sie sich bedroht fühlt.

Ein Beef auf Youtube funktioniert aber so, dass auf die Zerstörung eine Antwort folgen sollte, eine Rechtfertigung oder ihrerseits wieder eine Zerstörung. Das ist verwandt mit einem Hip-Hop-Battle. Der Gesichtsverlust tritt nicht ein, wenn jemand verliert, sondern wenn eine Person "kneift". Da stellt sich die Frage, ob es nicht ein zivilisatorischer Rückschritt, eine Art Ehrenritual sei, wenn die absagende Person für ihre Absage gedisst wird, wie Christoph Kappes auf Twitter anmerkt.

Aus der Perspektive der "alten" Politik- und Medienwelt muss das so wirken, aber das soziale Gefüge ist hier ein anderes: Eine "Zerstörung" ist längst nicht so brachial ist wie sie klingt. Danach darf die unterlegene Person weiter "mitspielen" und ist beim nächsten Battle vielleicht die überlegene. Beim Battle geht es darum, Auseinandersetzung verbal, rhetorisch kunstvoll und ohne physische Gewalt auszutragen. So ein Battle ist also keinesfalls mit dem klassischen Duell zu vergleichen. Im Gegensatz zum Duell wird ein Battle gerade deshalb ausgetragen, damit eine Frage anhand von Argumenten entschieden wird und nicht mit Gewalt. Beefs auf Youtube funktionieren ähnlich, auch wenn gelegentlich durchaus verbal unter die Gürtellinie gezielt wird, und im Kontext dieser Beefs sind Rezos Vidoes zu begreifen.

Aus der Sicht der Netzkultur ist Armin Laschet eine Person, die als Ministerpräsident, Vorsitzender der CDU und Kanzlerkandidat mit Macht und Autorität ausgestattet ist. Beim Kanzlerïnnenduell abzusagen wirkt für sie so, als wolle Armin Laschet anstehende politische Fragen und seine Kandidatur nicht argumentativ debattieren sondern Kraft seiner Autorität durchsetzen. In einer Welt, in der Wählerïnnen unter 50 in der Minderheit sind und dies der konkreten Regierungspolitik auch anzumerken ist, wird eine solche Autorität als sehr real empfunden.

Es ist ein wenig wie im Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Laschets Absage (und auch die Art, wie er in vielen Situationen argumentiert) steht in Diskrepanz zu der Autorität, die ihm qua Amt verliehen wurde und zwar gelegentlich in fast lächerlichem Ausmaß. Es handelt sich nicht um eine Zerstörung sondern eine Bloßstellung: Armin Laschet will Kanzler werden. Die Netz-/Jugendkultur sagt: Dann zeig doch mal was du kannst. Und Laschet will dann nicht. Rezos Kommentare mögen da von einigen wie Gejammer werden, sind aber eigentlich vor allem Spott über denjenigen, der auf dicke Hose macht aber dann kneift.

Das wäre egal, würde es sich bei Youtube, Twitch und Tik-Tok um alternative Medien irgendwelcher kleinen, wenig relevanten Gruppen handeln. Das ist nicht der Fall. Diese Medien und ihre Protagonistïnnen erreichen ein Millionenpublikum, und zwar genau diejenigen, die von klassischen Medien kaum noch erreicht werden. Und das eben auch, weil diese Gruppen spüren, dass die klassischen Medien ihre Sprache nicht sprechen und ihre Geflogenheiten nicht verstehen. Viele Kommentatorïnnen, darunter leider auch viele gestandene Journalistïnnen, zeigen mit ihrem Unverständnis dieser Abläufe, dass sie den Kontakt zu diesem Teil der Gesellschaft verloren haben.

Dabei kann ich verstehen, dass Armin Laschet bei diesem Kanzlerïnnenduell nicht mitmachen will. Die Wahrscheinlichkeit, in einem solchen Format auf Peinlichkeiten wie seine ausgedachten Klausurnoten angesprochen zu werden, ist eben höher als in den klassischen Medien.

Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.

Enno Park

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