Liebe Leserïnnen,

folgendermaßen:

Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Berlin starten diesen Sommer das digitale Schulzeugnis im Testbetrieb. Wenn diese Nachricht überhaupt wahrgenommen wurde,  zog sie eher enttäuschte Reaktionen nach sich. Das soll jetzt die Digitalisierung der Schule sein?

Es gibt kaum einen Bereich in der Gesellschaft, der aus technischer Sicht dermaßen vorgestrig ist wie das öffentliche Schulwesen. Weil es um Informationsvermittlung und den Umgang mit Informationsmedien geht, spielen Bücher, Hefte, Arbeitsblätter sowie Lesen und Schreiben eine sehr wichtige Rolle im Unterricht. Wenn es weiterhin darum gehen soll, den eigenständigen Umgang mit Informationsmedien zu vermitteln, müssen digitale Medien künftig eine ebenso wichtige Rolle im Unterricht spielen. Das und nichts anderes ist das zentrale Versprechen der Digitalisierung von Bildung. Dass Kinder nicht mehr so schwere Ranzen voller Bücher schleppen oder fast wie selbstverständlich im Notfall auf Heim- und Wechselunterricht umgestellt werden kann, sind die Effekte, die sich als Folge einstellen und zeigen, warum wir das überhaupt alles machen.

Dieses Digitalisierungsversprechen wurde bisher allenfalls rudimentär eingelöst und entsprechend konsterniert reagieren manche Leute, wenn ihnen das digitale Schulzeugnis als "Fortschritt bei der Digitalisierung von Bildung" verkauft wird. Das ist tatsächlich ein Bisschen ungerecht, denn die digitalen Zeugnisse bringen ja durchaus was, vor allem für die Abschlussjahrgänge. Die sollen eines Tages keine papiernen Kopien mit ihrer Zeugnisse umständlich und teuer von Notarïnnen oder öffentlichen Stellen beglaubligen lassen, sondern verschicken einfach das digitale, mit Echtheitszertifikat versehene, Zeugnis mit ihrer Bewerbung per E-Mail. Also super Sache, danke, go for it.

Moment. Stand da wirklich "Blockchain"?

Ja, da steht wirklich "Blockchain". Die Bundesdruckerei, die Infrastruktur fürs digitale Schulzeugnis bereitstellen will, nicht die Zeugnisse selbst aber Tokens in einer Blockchain ablegen, wo die dann auf Richtigkeit geprüft werden sollen. Das ist eine dieser dummen Ideen, an denen deutlich wird, warum das Land dringend eine bessere Digitalbildung benötigt.

Ein kleiner Exkurs zu Blockchains, ich versuche wirklich, mich kurz fassen: 

Blockchains sind nicht besonders neu sind und hießen im vergangenen Jahrhundert noch "Hash-Ketten", was natürlich kein Name war, der sich besonders für einen Hype eignet. Die Blockchain, wie wir sie heute kennen, kam mit dem Bitcoin auf. Der Bitcoin benötigte einen Mechanismus, um sicher zu stellen, dass niemand sein virtuelles Geld einfach erfindet oder kopiert. Deshalb kam Bitcoin-Begründer Satoshi Nakamoto auf die Idee, die "Kontoführung" in aller Öffentlichkeit stattfinden und alle mitmachen zu lassen. Es gibt eine verteilte, öffentliche Liste aller Transaktionen aller Beteiligten, aus der sich jederzeit berechnet lässt, wer wieviel Bitcoin besitzt. Diese Liste ist in Blöcke unterteilt, und jeder Block bekommt eine kryptografische Prüfsumme, die im folgenden Block gespeichert wird. Möchte ich ausrechnen, ob der Inhalt eines Blockes korrekt ist, muss ich lediglich die Prüfsumme berechnen und mit der vom folgenden Block vergleichen. Diese Liste, die dem Journal in der Buchhaltung entspricht, gehört niemanden und existiert in vielen Kopien. Um diese Kopien identisch zu halten, wurde ein kompliziertes Verfahren namens "Mining" entwickelt, das schrecklich viel Energie verbraucht, was alle, die in Zeiten der Klimakatastrophe noch mit Bitcoin spekulieren, automatisch zu Arschlöchern macht. (Für andere Kryptowährungen und Blockchain-Systeme muss das nicht gelten.)

Die Blockchain löst also genau ein Problem: Eine Internet-Währung, die ohne zentrale Instanz wie eine Bank oder eine Notarïn auskommt. Will ich Daten firmenintern und nicht öffentlich speichern, brauche ich keine Blockchain. Kann ich sicher gehen, dass Daten korrekt sind, weil sie mir von einer Bank, einer Notarïn oder einer anderen vertrauenswürdigen Stelle genannt werden, brauche ich keine Blockchain. Habe ich lauter unzusammenhängende Einzeldaten und keine fortlaufenden Transaktionen wie bei einem Bankkontoweiterhin kaum Klassenzimmer mit Luftreinigungsanlagen ausgestattet werden, brauche ich keine Blockchain. Ich kann das alles per Blockchain erledigen, aber das wäre ungefähr so, als würde ich mit einem 7,5-Tonnen-Lkw zum Bäcker um die Ecke fahren, um meine Sonntagsbrötchen zu holen.

Aber wie wird jetzt sicher gestellt, dass das digitale Schulzeugnis keine Fälschung ist? Mit einem kryptografischen Zertifikat. Ein Beispiel: Wenn wir im Browser das Online-Banking aufrufen, möchten wir sicher sein, dass wir tatsächlich mit unserer Bank verbunden sind und mit niemand anderem. Das stellt ein ditigales Zertifikat sicher, das die Bank an den Browser überträgt und dessen Echtheit kryptografisch überprüft werden kann. Und das funktioniert seit mittlerweile Jahrzehnten ausgezeichnet ohne Blockchain. 

Online-Banking funktioniert also ohne Blockchain. Digitale Impfausweise benötigen keine Blockchain. Abstimmungssysteme benötigen keine Blockchain. Digitale Schulzeugnisse benötigen keine Blockchain. Firmen, die ausdrücklich Blockchain-Systeme als Lösung für Probleme anbieten, die keine Blockchain brauchen, sind Scharlatane. Wenn sie mit dem Begriff "Blockchain" werben, ist die wahrscheinlich hoch, dass ihr Business-Modell darin besteht, Unwissende mit wolkigen Buzzwords auszunehmen.

Und an dieser Stelle ist er dann doch wieder berechtigt, der Ärger darüber, dass unter dem Stichwort "Ditigalisierung der Bildung" unnötiges Geld für obskure Blochchain-Systeme verbraten wird, auch wenn das digitale Zeugnis an sich eine gute Idee ist. Besonders ärgerlich ist das, wenn ganz grundlegende Basics nicht ausreichend finanziert sind. Zum Beispiel dass – eins verzeihe mir an dieser Stelle den Whataboutismus – trotz nahender vierter Corona-Welle und ungeimpfter Kinder weiterhin kaum Klassenzimmer mit Luftreinigungsanlagen ausgestattet werden. Ich wette, wenn jemand den Verantwortlichen blockchainbasierte Luftfilter anbietet, geht das ratzfatz.

Und damit, liebe Leserïnnen, wünsche ich ein schönes Restwochenende.

Enno Park

P.S. in eigener Sache: Wer diesen Newsletter oder meinen sonstigen Output auf Twitter und anderswo gut findet und meine Arbeit gerne unterstützen möchte, kann das hier tun. Ich danke herzlich.

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