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Good evening, Europe!

Warum ist denn jetzt schon wieder August — bzw. eigentlich ja schon fast August gewesen?! Die Zeit vergeht bekanntlich schneller, je älter man wird, und das potenziert sich noch mal, je älter das eigene Kind wird. Meins geht jetzt auch schon in die dritte Klasse und sobald die Sommerferien erstmal vorbei sind, wartet man ja eh nur noch auf Weihnachten.

Wobei: Die Zeit nach den Sommerferien, wenn es eher so langsam wieder losgeht mit der Schule, war mir immer eine der Liebsten — zumindest in der Oberstufe, ich kann mich ansonsten an absolut nichts aus meiner Schulzeit erinnern. Im Sommer 2000, als wir keine Klassen mehr hatten, sondern nur noch eine Stufe, fing ich an, an den Wochenenden mit Mitschüler*innen rumzuhängen. Wir saßen Freitagsabends am Rhein, der damals noch Wasser führte, machten Lagerfeuer, was damals noch nicht ganz so gefährlich war wie heute, tranken Bier und hörten Musik. (Wenigstens glaube ich das — auch hier traue ich meiner Erinnerung kein Stück, womöglich erinnere ich einfach die ersten Staffeln „Dawson’s Creek“, was aber auch nicht weiter schlimm wäre.)

In seinem Podcast „That’s How I Remember It“ stellt Craig Finn von The Hold Steady seinen Gäst*innen immer die Frage, ob sie Musik (konkret: Alben — googelt’s halt einfach, Gen-Z-Leser*innen!) mit bestimmten Jahreszeiten verbinden (meist: jener, in der das entsprechende Album erschien), und die Antwort einer Person, die Musik auch nur halbwegs spürt, muss natürlich lauten: „Ja, klar — wer denn nicht?!“

Mit jenem Spätsommer 2000 verbinde ich jedenfalls die „Sing When You’re Winning“ von Robbie Williams und die „Parachutes“ von Coldplay, wobei ich letztere erst zu meinem Geburtstag Ende September bekam, gemeinsam mit dem Soundtrack zu „The Virgin Suicides“ von Air (mit diesem Soundtrack verbinde ich auch entsprechend weniger den Film, der in Deutschland erst im November anlief, als vielmehr den Geschmack von Nougat-Meeresfrüchten, die ich jedes Jahr von meiner Oma zum Geburtstag bekam). Und „Dancing In The Moonlight“ von Toploader.

In meiner kleinen Podcast-Reihe „Woher kennen wir uns?“ hatte ich in den letzten Wochen wieder großartige Menschen zu Gast: den Comedian/Influencer Michael Buchinger, die Podcasterin Selma Zoronjić und heute ganz frisch Stefan Niggemeier, mit dem ich beim BILDblog, beim Oslog und bei verschiedenen, inzwischen nicht mehr existenten, Fernsehsendungen gearbeitet habe.

Es sind drei recht unterschiedliche Folgen, die mir alle großen Spaß gemacht haben: mit Michi habe ich darüber gesprochen, wie man öffentlich über sein eigenes Umfeld spricht (bzw. schreibt), ohne jede Menge Menschen vor den Kopf zu stoßen; mit Selma, deren Eltern aus Bosnien nach Hamburg kamen, habe ich über die Jugoslawienkriege gesprochen und wie wenig deutsche Journalist*innen darüber wissen, und mit Stefan hab ich eh über alles mögliche gesprochen, aber wir erzählen auch, wie wir beide schon früh wussten, dass wir einmal in den Medien landen würden.

Was macht der Garten? Das bisschen Rasen, was wir hatten, ist der anhaltenden Dürre zum Opfer gefallen, was aber auch ziemlich egal ist. Die Tomaten sind jetzt reif, die erste Chili auch bald und es kommen tatsächlich noch mal neue Erdbeeren. Nächstes Jahr pflanzen wir keine Möhren und Radieschen mehr, die schmecken irgendwie eh nicht.

Was hast Du gehört? „HOLY FVCK“, das neue Album von Demi Lovato (Island Records/Universal; Apple Music, Spotify). Nachdem they genug vom Leben als Popstar hatte, kehrt Demi Lovato nun zu den Pop-Punk-Wurzeln zurück — mit ungleich tieferen und persönlicheren Lyrics. Wenn man nicht auf die Texte hört, ist es ein perfekt energiegeladenes Party-Album, wenn man auf die Texte hört, muss man (vor allem in „29“ und „Dead Friends“) erstmal einiges verpacken. In den Songs, in denen es nicht um Drogen, Tod und sexuelle Übergriffe geht, geht es dann um Masturbation, gemeinsame Orgasmen und die Liebe fürs Leben. So groß wie die thematische Bandbreite ist auch Demis vocal range. Ich würde sagen: therapy sessions in the key of emo. (Natürlich habe ich mich auch schon durch die Sekundärquellen gearbeitet, von der historisch-kritischen Einordnung bei „Switched On Pop“ bis hin zum großen Apple-Music-Interview mit Zane Lowe.)

Starker Anwärter für mein Album des Jahres ist jetzt schon „Hold On Baby“ von King Princess (Zelig Records; Apple Music, Spotify): Das ist einfach perfekter Indie-Pop mit großartigen Melodien und Texten (schon „Cursed“, das sich mit dem in Popsongs sonst unterrepräsentierten Phänomen auseinandersetzt, dass manche Freundschaften wie Liebesbeziehungen eben irgendwann enden müssen, weil man sich zu sehr auseinandergelebt hat und sich gegenseitig auf die Nerven geht, ist ein verdammtes Meisterwerk).

Was hast Du gesehen? Bei Disney+ gibt es „Light & Magic“, eine mehrteilige Dokumentation über Industrial Light & Magic, die legendäre Spezialeffekt-Firma, die mit „Star Wars“, „Terminator 2“ und „Jurassic Park“ das Kino ein paar Mal neu erfunden hat. Man darf da keine allzu kritische Auseinandersetzung erwarten, denn die Leute, die die Serie gemacht und produziert haben, sind teilweise die gleichen, die schon damals mit den ILM-Leuten zusammengearbeitet haben, und vieles hatte ich als Filmfan, der sich seit ca. 30 Jahren intensiv mit dem Blick hinter die Kulissen beschäftigt, auch schon mal woanders gesehen und gehört, aber selbst ich habe immer noch einiges Neues lernen können. Und die gezeigten Kurzfilme, die die späteren Trickfilmpioniere als Kinder und Teenager mit Freund*innen und Familie gedreht haben, sind einfach toll — besonders, wenn man ca. 30 Jahre später genau den gleichen Quatsch probiert aber nie erreicht hat.

Was hast Du gelesen? Nach dem furchtbaren Angriff auf Salman Rushdie erschien in der „New York Times“ ein Artikel von Jennifer Schuessler, in dem sie noch mal kurz auf die Geschichte der Fatwa gegen den Schriftsteller eingeht, aber auch sehr differenziert auszuloten versucht, wie es heute um die Freiheit der Literatur bestellt ist. Der Begriff „cancel culture“ taucht nur einmal in Anführungszeichen auf, steht aber ansonsten wie ein Elefant im Raum. Gerade weil Schuessler eigentlich nur ein paar Positionen referiert und wenig eigene Schlüsse zieht, hat mich ihr Text sehr zum Nachdenken angeregt.

Nach dem Tod der Schauspielerin Nichelle Nichols wurde wieder viel über die Szene gesprochen und geschrieben, in der sie als Schwarze Frau und der weiße William Shatner sich 1968 in „Star Trek“ küssten — weil es mutmaßlich der erste interracial kiss im amerikanischen Primetime-Fernsehen war. Daraufhin habe ich versucht, herauszufinden, was eigentlich der erste schwule Kuss zur Primetime im amerikanischen Network-Television war — und ob der wirklich erst 32 Jahre später in „Dawson’s Creek“ ausgestrahlt wurde. Auf der Website „Fake History Hunter“ hatte sich jemand schon die Mühe gemacht, all das sehr gründlich zu recherchieren und auch den Begriff „Kuss“ noch einmal semantisch von vielen Seiten zu beleuchten — und siehe da: it’s complicated. (Eine Untersuchung zum Nichols/Shatner-Kuss gibt es auf der Seite übrigens auch.)

Sehr schön für Linguistik-Ultras wie mich: Ein Text bei „The Face“ über die wechselnden Akzente von Prominenten und eine Würdigung der ARD-Aussprachedatenbank bei „Übermedien“.

Was hast Du gelernt? Im Großhandel gibt es „Giga-Marshmallows“ und die über dem offenen Feuer zu rösten ist genauso geil, wie es sich anhört.

https://www.youtube.com/watch?v=PmSwUCdQQC4

Habt ein tolles Wochenende!

Herzliche Grüße, Euer Lukas

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