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Every new beginning Comes from some other beginning’s end (Semisonic)

Good evening, Europe!

Natürlich musste man seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, mit dieser Nachricht rechnen. Natürlich sind 96 Jahre ein langes, erfülltes und hingebungsvolles Leben. Und doch hat mich die Nachricht vom Tod der Queen gestern Abend sehr traurig gemacht.

Kanzler Kohl, Papst Johannes Paul II. und Queen Elizabeth II waren die Konstanten meiner Kindheit, meiner Jugend und - im Falle der Königin - der wie auch immer genannten Zeit, in der man sich kurz vor seinem 39. Geburtstag befindet: Was auch immer ich von ihnen hielt, sie waren da, wie Möbel im Elternhaus, die man sich jetzt nicht unbedingt selbst kaufen würde, aber die eben verlässlich da waren.

Anders als Kanzler und Papst fühlte ich mich der Queen aber immer auf eine merkwürdige Art verbunden. Vielleicht, weil sie mich so sehr an meine Oma erinnerte, die vor zwei Wochen auch ihren 96. Geburtstag gefeiert hat und die 1953 in London bei den Feierlichkeiten zur Krönung von Elizabeth II dabei war — ich habe bei Instagram ein bisschen über diese Parallelen geschrieben und über den Brief, den wir zu Omis 90. Geburtstag aus dem Buckingham Palace bekommen haben. (Wenn Ihr Euch nach einem sehr viel differenzierteren Blick auf Queen, Monarchie und Kolonialismus sehnt, solltet Ihr diesen Kommentar der Geschichtsprofessorin Maya Jasanoff bei der „New York Times“ lesen; sie weiß darüber sehr viel mehr als ich und kann das sehr viel besser ausdrücken.)

In vielen Reaktionen auf den Tod der Königin ist jetzt davon die Rede, dass eine weitere Konstante weggebrochen sei in Zeiten, die sich so unstet und unsicher anfühlen, und das ist sicherlich ein Weg, es zu sehen. Es ist aber gleichzeitig vom „Ende einer Ära“ die Rede — und das trifft ja auf jeden Fall zu.

Mit Michail Gorbatschow und Elizabeth II sind innerhalb von nur neun Tagen zwei prägende Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts gestorben, vielleicht sogar die letzten beiden. Das 20. Jahrhundert, das vielleicht am 11. September 2001 endete, scheint jetzt wirklich endgültig vorbei. Dass es immer noch im Gestern verhaftete Personen wie Wladimir Putin, Donald Trump oder Ulf Poschardt gibt, ist für mich kein Gegenargument: Wir befinden uns halt in einer Phase des Umbruchs — der Kanzler („Scholz, Scholz, Scholz — nicht Kohl!“) hat die Zeitenwende ausgerufen, das Wetter fordert schon mal vorsichtig die Übergangsjacke ein, die Zukunft hat begonnen. Let’s go exploring!

Ich war in den letzten Wochen so oft in Dinslaken wie lange nicht mehr: bei Omis 96. Geburtstag, bei einem Konzert der amerikanischen Jazz-Sängerin Jacqui Naylor und bei meinem eigenen 20-jährigen Abiturtreffen.

Über Jahre (offenkundig ja: Jahrzehnte) war mein ehemaliges Gymnasium im Zentrum der Stadt ein Ort gewesen, den ich gemieden habe, ohne genau sagen zu können, warum eigentlich. Ich hatte keine relevanten Erinnerungen an meine Schulzeit, insbesondere nicht an die Jahre vor der Oberstufe. Jetzt gingen wir durch die Gänge und Räume von früher, es roch wie immer und meine Mitschüler*innen erzählten mit ihren so vertrauten Stimmen Anekdoten von damals und von Lehrern, die mutmaßlich schwere psychische Probleme hatten und regelmäßig vor der Klasse jedwede Beherrschung verloren. Heute würde man ihnen das allenfalls einmal durchgehen lassen, damals (nur noch mal zur Erinnerung: wir sprechen von den mittleren 1990er Jahren, nicht von den 1950ern) wurde das von Schulleitung und Eltern halt so hingenommen.

Und plötzlich wusste ich, dass es einen guten Grund gab, so vieles aus dieser Zeit zu vergessen oder zu verdrängen; dass meine negativen Gefühle diesem Ort gegenüber berechtigt waren. Ich hatte mir nichts ausgedacht, es war einfach nicht cool an dieser Schule. Und dieses Wissen beruhigte mich sofort.

Wir gingen raus und tranken Bier auf dem Schulhof - etwas, was unser früherer Schulleiter uns nicht einmal an unserem Chaostag (andernorts: „Abi-Streich“) erlauben wollte - und die Dämonen waren exorziert.

In der heute veröffentlichten Folge meines kleinen Podcasts „Woher kennen wir uns?“ ist die Literaturwissenschaftlerin Simone Sauer-Kretschmer zu Gast.

Wir sprechen darüber, wie man mit dem Gefühl umgeht, dass es viel mehr Bücher gibt, als man jemals wird lesen können; über die Auswirkungen der Corona-Lockdowns auf die Arbeit an der Uni; und über den 11. September 2001 in unseren Erinnerungen und in der Kunst.

https://www.youtube.com/watch?v=h0bscnWcqkU

Passen dann irgendwie immer: Pet Shop Boys.

Habt ein schönes Wochenende!

Herzliche Grüße, Lukas

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