Die Wahrheit über das Nichtstun

Nichtstun ist verpönt. Was für Looser. Doch – ist das wirklich so? In der Natur steht das „Werden“ an 1. Stelle, nicht das „Tun“. Was ist also bei uns Menschen schiefgelaufen?

1. Warum Arbeit frei erfunden ist

Vorneweg:

Arbeit ist das Unnatürlichste überhaupt.

Getoppt wird das nur noch von der Arbeit für andere. In unser Leben gekommen ist Arbeit durch Sesshaftigkeit & Landwirtschaft, einer eigentlich unnatürliche Lebensweise. Aber wir wollten runter von den Bäumen.

Nun, von da an musste – im Wortsinn – geackert werden. Bisher lebte der Mensch – wie alle anderen Wesen auch – von natürlichen Ressourcen. Dabei hockten wir an einem reich gedeckten Tisch.   Doch das reichte uns scheinbar nicht. Weshalb? Gute Frage. 

2. Warum wir uns vom eigentlichen Leben verabschiedet haben

Die Welt wird durch 2 Bereiche bestimmt: Natur & Bewusstsein. In der Natur existiert keine Arbeit, sondern Kräfte. Kräfte, die nicht handeln, sondern bilden, die Dinge werden & entstehen lassen.   Natur ist einfach Leben, Existenz, Geschehnis.

Ganz anders bei uns modernen Menschen. Wir haben ein Bewusstsein – ein subjektives Erleben auf Basis des Glaubens an Ursache & Wirkung. Was uns befähigt, gezielt zu handeln & zu planen. Und wir besitzen Fantasie – die Gabe, sich die Zukunft ausmalen zu können.

Bewusstsein und Fantasie passen und spielen perfekt zusammen. Eine Falle – verlockend und gefährlich zugleich. 

Denn beides erzeugt Motive, Erwartungen, Absichten – Ziele, denen wir nachjagen.   Ein mächtiger Antrieb – auf den wir unser ganzes Leben ausrichten.

Wir Menschen wollen was erreichen. Doch: 

3. Warum tun wir das überhaupt?

Berechtigte Frage. Bewusstsein & Fantasie sind die Mittel, klar, aber nicht der Grund. 

Nun, von Natur aus sind Interessen und Ziele gar nicht nötig. Wir Menschen tun es, weil wir einen Sinn brauchen.

Wir können nicht einfach nur leben – ohne Motive, Absichten, Vorhaben. Alles andere würde für uns Ziellosigkeit, Nutzlosigkeit, ja – eben Sinnlosigkeit bedeuten. Damit kommen wir nicht klar. Denn das hieße ein Leben ohne Bedeutung. Doch das ist nur in unserem zivilisatorischen & wirtschaftlichen Kontext so. Diese Einstellung haben wir uns anerzogen – darauf basiert alles. Ein selbst auferlegter Zwang, ansonsten bräche die geschaffene Welt auseinander. 

4. Warum wir stets (vergeblich) versuchen, Körper & Geist in Einklang zu bringen

Natürlich ist dieser Zwang nicht. Denn Leben bedeutet, wie gesagt, einfach leben. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Körperlich gesehen, sind wir für ein natürliches Leben vollkommen ausgerüstet. Doch Bewusstsein & Fantasie treiben uns an; wir geben uns mit der Natur nicht zufrieden. Deshalb suchen wir auch ständig, Körper & Geist in Einklang zu bringen. Denn im Grunde passen sie nicht zusammen. Als körperliche Wesen wirken & fühlen wir. Als geistige denken, planen & kalkulieren wir.

Der Körper ist nicht egoistisch, der Geist schon.

Bewusstsein & Fantasie (=Ego) sowie Natur & Kräfte (= Körper) liegen daher im Dauer-Clinch. 

5. Warum wir ausgenutzt werden – von anderen & uns selbst

Da wir mit Bewusstsein & Fantasie Sehnsüchte entwickeln können & diese verwirklichen wollen, wurde das schon von jeher ausgenutzt. Man schuf & schafft nach wie vor Begehrlichkeiten durch Versprechen – so werden wir zu willigen Anhängern & Arbeitern. Man stilisiert Erwartungen zu Verheißungen & „das Tun“ zum höchsten Ideal. „Alles ist möglich“ & „Du kannst Deine Träume leben“, etc. – den wenigsten gelingt das, die meisten erfüllen lediglich die Erwartungen anderer. 

Und jenen, die für andere arbeiten, wird auch noch eingeredet, sie wären an ihrer Situation selbst schuld.

Im Gegensatz dazu wird Nichtstun nicht nur als Sinnlosigkeit betrachtet, sondern direkt mit Faulenzen übersetzt. Das ist das gesellschaftliche Stigma, denn jeder muss funktionieren, um die allgemeinen Erwartungen zu erfüllen & zu bedienen. Das Räderwerk soll laufen.

6. Warum wir uns zum Tun zwingen (müssen)

Ja, das Tun – das durchzieht aus diesem Grund so ziemlich alle bekannten Lebenskonzepte. Überall wirkt der Glaube an das Prinzip von Ursache & Wirkung. Tu was, dann tut sich was. Von nichts kommt nichts. Das Nichts können wir nicht akzeptieren (weshalb uns auch der Tod so zu schaffen macht). Selbst Meditation ist ein aktives Tun – durch Übung & Konzentration soll man einen Zustand erreichen, den wir eigentlich alle schon haben/hatten. Als kleine Kinder ruhen wir noch in uns selbst, können die Zeit vergessen & im Jetzt aufgehen. Besser kann das Meditation auch nicht lehren. 

Aber je älter man wird, desto mehr geht’s in den Erwartungs-Zwang.

Mittlerweile ist es so, dass wir „faul zu sein“ tun müssen. Alle Lehren wie „Carpe diem“, „Genieße den Augenblick“, „die Kunst des Loslassens“, etc. sind ebenfalls aktive Handlungen. Wir genießen nicht – das haben wir verlernt. Wir tun genießen. Und Corona zeigt ganz deutlich, dass wir das Nichtstun nicht (mehr) können. Wir kommen nicht mehr klar. Es muss ja immer weitergehen. Ein Zwang. 

7. Warum es keine Lösung gibt

Aus diesem Hamsterrad – oder besser: Teufelskreis – können wir nicht aussteigen. Wir sind nicht mehr fähig, uns in die Natur zu integrieren – wir würden an unserer eigenen Unzufriedenheit scheitern. Und zudem schlicht verhungern. Denn:

Über die Ökonomisierung der Welt haben wir ein System von Abhängigkeiten erschaffen.

Das keinen Ausstieg erlaubt – und nur wenigen dient, muss man leider hinzufügen. Durch unser Bewusstsein sind wir uns zwar klar darüber & mittels unserer Fantasie können wir uns zudem ein Leben im Nichtstun vorstellen. Ab & an nehmen wir uns sogar eine Art „Auszeit“, heißt: wir tun Ruhe machen. Aber mehr bleibt uns nicht.  

8. Oder vielleicht doch?

Eigentlich bräuchten wir gar nichts erreichen, denn wir sind schon da. Das Leben & jeder Moment haben, was sie brauchen. Und: 

Man kann nicht mehr tun als zu leben.

Das zu begreifen, ist schon ein guter Ansatz. Als ein bis heute überlebender Krebspatient ist mir das klar geworden.

So viele Dinge im Leben sind unwichtig. Nichtstun heißt auch nicht „Faulenzen“, sondern „absichtslos“ sein.      Die Dinge akzeptieren, nicht verändern wollen. Das Leben annehmen, nichts erwarten. Sich alles entwickeln lassen, nicht eingreifen. Ja, keine Ziele zu haben, sondern sich schon angekommen fühlen. Klingt irgendwie schon nach fernöstlicher Philosophie, für mich aber ist das einfach Nichtstun. Und das „tue“ ich gerne. Euer|schwarzmann

Teaser-Bild: shinta kikuchi/unsplash

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