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Tough Love

Marions Mutter stellt sie zwischen die Fronten eines Kleinkriegs, den sie mit ihrer Schwiegertochter führt. Muss Marion Stellung beziehen? 

Dear Daniel,

ich habe eine sehr schwierige Beziehung zu meiner Mutter und weiß nicht, was der richtige Weg ist, damit umzugehen. Verschiedene Therapeutinnen (meine, nicht ihre!) haben aus der Ferne eine narzisstische Störung diagnostiziert. Meine Mutter ist sehr Ich-bezogen, ihr fällt es schwer, sich in andere hineinzuversetzen; gleichzeitig denkt sie, sie sei total empathisch. Über die Jahre und die Therapiestunden habe ich gelernt,  gerade so viel Nähe zuzulassen, wie für mich gut aushaltbar ist. Den Kontakt ganz zu unterbinden, ist für mich keine Option. Nun gibt es seit einigen wenigen Jahren Nichten und Neffen meinerseits und Enkelkinder ihrerseits, die wir beide sehr lieben. Meine Mutter kritisiert vor mir seitdem ständig meine Schwägerin und ihre Art der Erziehung, die ich übrigens großartig finde. Nichts kann sie richtig machen. Die Kinder sind quasi in ständiger Gefahr, vollkommen verzogen zu werden, ihrer Meinung nach. Das geht so weit, dass meine Mutter sich sicher ist, dass die Kinder lieber Zeit mit ihr, der Oma, als mit ihrer eigenen Mutter verbringen. Vollkommener Blödsinn, aus meiner Sicht. Manchmal halte ich bei ihren Hasstiraden dagegen, doch das ist nie fruchtbar, höchstens mal für wenige Minuten. Und mich strengt es extrem an. Gleichzeitig möchte ich meiner tollen Schwägerin den Rücken stärken. Das Thema zu umschiffen ist leider nicht möglich. Was tun?

Liebe Grüße,

Marion

Liebe Marion,

danke für deinen Brief, der mich sehr nachdenklich stimmt. Erst einmal möchte ich dir mein Mitgefühl ausdrücken, das klingt nach einer schwierigen Situation. Und ich kann mir vorstellen, wie schmerzhaft es sein muss, von deiner Mutter gezwungen zu werden, so zwischen den Fronten in ihrer Auseinandersetzung mit deiner Schwägerin zu stehen.

Ich habe in den vergangenen Tagen viel darüber nachgedacht, wie eine adäquate Antwort auf dein Problem aussehen könnte. Und wie immer habe ich das Gefühl, dir noch tausend Fragen stellen oder mich mindestens ein paar Stunden mit dir unterhalten zu wollen. Deswegen habe ich kein hundertprozentig gutes Gefühl bei dem, was ich jetzt schreibe, aber ich habe den Eindruck, dass es wahrscheinlich eine adäquate Antwort ist. Ich möchte dir mit etwas entgegnen, das man als auf Englisch als „tough love“ bezeichnen würde.

Was ich vorwegnehmen möchte: Ich bin sehr beeindruckt von dem, was du schreibst. Du scheinst dich mit dir selbst und deiner familiären Geschichte lange und gut auseinandergesetzt zu haben. Du scheinst dir über die Grenzen der Persönlichkeit deiner Mutter im Klaren zu sein und zu wissen, dass du sie trotz aller Schwierigkeiten genug liebst, um sie Teil deines Lebens sein zu lassen. Das zeugt von einer großen menschlichen Reife und Stärke. Ich kenne viele Menschen, die sehr lange brauchen, um an einen solchen Punkt zu gelangen und einige, die dazu wahrscheinlich noch sehr lange brauchen werden. Allerdings habe ich den Eindruck, dass du dir nicht über die Grenzen deiner eigenen Persönlichkeit im Klaren bist. Dass du immer noch bereit bist, deine persönlichen Grenzen zu ignorieren, um einer Auseinandersetzung mit deiner Mutter auszuweichen. Dass du immer noch bereit bist, dich selbst zu ignorieren.

Wenn wir in dysfunktionalen Familien aufwachsen, fehlen uns vor allem die Dinge, die dazu nötig sind, unsere eigene Persönlichkeit zu entwickeln - Dinge wie nachhaltige Freude, emotionale Großzügigkeit, das Akzeptieren der Fehler der anderen, wirkliche Bindung, echte Empathie und die Einhaltung der Grenzen der anderen. Das ist ein überaus schweres psychologisches Erbe.

Wenn wir in dysfunktionalen Familien aufwachsen – und wie du deine Mutter beschreibst, ist davon auszugehen, dass eure Familie zumindest teilweise ein dysfunktionales Umfeld darstellt – wenn wir in solchen Familien aufwachsen, fehlen uns vor allem die Dinge, die dazu nötig sind, unsere eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Dinge wie nachhaltige Freude, emotionale Großzügigkeit, das Akzeptieren der Fehler der anderen, wirkliche Bindung, echte Empathie und die Einhaltung der Grenzen der anderen. Das ist ein überaus schweres psychologisches Erbe. Aber von diesem psychologischen Erbe kann man sich nur befreien, wenn man genau die Dinge lebt, die einem beim Aufwachsen gefehlt haben. Wenn man ein Leben führt, das genau diese Dinge ins Zentrum stellt. Wenn man auf nachhaltige Weise Raum für Freude in seinem Leben schafft, wenn man wirkliche Bindungen eingeht, wenn man lernt, andere Menschen trotz oder wegen ihrer Fehler zu lieben, wenn man lernt für sie Empathie aufzubringen – und wenn man lernt, nicht nur die persönlichen Grenzen anderer zu akzeptieren, sondern auch seine eigenen Grenzen zu verteidigen. Deinem Brief nach zu urteilen, hast du dir ein Leben aufgebaut, das vielen dieser Dinge Raum gibt. Aber in der Beziehung zu deiner Mutter scheinst du bisher auf eine wesentliche Säule deines Heilungsprozesses verzichtet zu haben: Auf die Verteidigung deiner eigenen Grenzen.

Deshalb meine Frage an dich: Wovor genau hast du Angst in der Auseinandersetzung mit deiner Mutter? Ist es der Konflikt selbst? Ein Liebesentzug, der folgen könnte? Eine von ihr instigierte „emotionale Rache“? Nach dem zu urteilen, was du schreibst, wären alle diese Möglichkeiten vorstellbar. Und alle diese Möglichkeiten wären unangenehm und wahrscheinlich sehr schmerzhaft. Aber ich habe das Gefühl, dass es mittelfristig viel schmerzhafter für dich ist, diesen Folgen einer möglichen Auseinandersetzung auszuweichen, indem du dich vor deiner Mutter verstellst und mit der Person, die du bist, hinter dem Berg hältst. Wenn du ihre selbstbezogene Fantasiewelt lieber durch Schweigen fütterst, als ihr deutlich zu machen, dass du nicht Teil dieser Fantasiewelt sein kannst.

Von diesem psychologischen Erbe kann man sich nur befreien, wenn man genau die Dinge lebt, die einem beim Aufwachsen gefehlt haben. Wenn man auf nachhaltige Weise Raum für Freude in seinem Leben schafft, wenn man wirkliche Bindungen eingeht, wenn man lernt, andere Menschen trotz oder wegen ihrer Fehler zu lieben, wenn man lernt für sie Empathie aufzubringen – und wenn man lernt, nicht nur die persönlichen Grenzen anderer zu akzeptieren, sondern auch seine eigenen Grenzen zu verteidigen.

Es ist wichtig, dir klarzumachen, dass du deine Mutter, ihre psychische Verfassung und die Szenarien, die sie für sich kreiert, nicht ändern kannst – mit großer Wahrscheinlichkeit sind ihre Verhaltensweisen selbst Reaktionen auf eine schwierige Kindheit in einem dysfunktionalen familiären Umfeld. Und es ist auch wichtig, dir klarzumachen, dass du das nicht musst, dass das schlicht nicht deine Aufgabe ist. Das heißt, was sie über deine Schwägerin und deine Nichten und Neffen denkt, ist ihre Sache. Du wirst sie nicht davon abbringen und musst es auch nicht. Aber du kannst ihr sagen, dass du nicht hören möchtest, wenn sie über deine Schwägerin herzieht. Du kannst ihr sagen, dass du, wie sie wisse, eine andere Meinung dazu hast. Du kannst ihr sagen, dass du nicht in ihre Machtspiele hineingezogen werden möchtest, weil du deinen Bruder und seine Familie genauso gern hast wie sie. Du kannst ihr sagen, dass es dir nicht guttut, wenn sie dich auf diese Weise zu involvieren versucht. Du kannst ihr sagen, dass du nicht Teil dieser Auseinandersetzung bist und es auch nicht werden möchtest. Du kannst ihr sagen, dass du nicht mit ihr darüber reden möchtest oder kannst. Grundsätzlich nicht. Und deinem Brief nach zu urteilen, musst du ihr all diese Dinge sagen. Nicht nur einmal, sondern wahrscheinlich mehrmals. Denn in der Gegenwart von Menschen, die deine persönlichen Grenzen gewohnheitsmäßig verletzen, reicht es nie, nur zu sagen, das hier, das ist meine Grenze. Man muss diese Grenze immer wieder verteidigen. Trotz aller impliziten Drohungen, trotz aller Ängste. Wenn dir das gelingt, wirst du dich mittel- und langfristig nicht nur selbst besser fühlen, deine neue Position wird auch die Dynamik eures familiären Systems positiv beeinflussen. Deshalb: Spring über deinen Schatten und trau dich, deiner Mutter zu zeigen, wo deine persönlichen Grenzen liegen, mehrmals, immer wieder. Die Front, die deine Mutter zwischen sich und deiner Schwägerin kreiert, betrifft dich nicht, dieser persönliche Krieg ist nicht dein Krieg. Und genau das musst du ihr immer wieder in aller Deutlichkeit zeigen.

Ich wünsche dir viel Kraft bei dieser schwierigen Aufgabe. Ich bin mir mehr als sicher, dass du ihr gewachsen bist. Bitte weiß, dass du damit nicht allein bist. Hab’s gut und pass auf dich auf!

Alles Liebe,

Daniel

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