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Wenn du etwas vergisst, läuft in deinem Gehirn alles nach Plan

Du liest Das Leben des Brain und erfährst Woche für Woche, was du übers Gehirn wissen solltest. Heute: Warum wir vergessen müssen, um uns erinnern zu können.

Machen wir uns nichts vor: etwas zu vergessen ist meistens nervig. Ob der Geburtstag des besten Freundes, die Butter für die Sauce Hollondaise oder den Schlüssel auf der Kommode im Flur. 

Seit etwa zehn Jahren fangen Forscher:innen an, das Vergessen anders zu sehen: Nicht mehr als Fehler, sondern als Voraussetzung dafür, dass unser Gedächtnis überhaupt funktioniert.

Schauen wir uns kurz zwei Experimente an, die zeigen, dass Vergessen kein Unfall ist, sondern ein aktivier Vorgang im Gehirn. 

Ronald Davis und seine Kolleg:innen trainierten Fliegen darin, Elektroschocks mit bestimmten Gerüchen in Verbindung zu bringen und diese Gerüche später zu vermeiden (logisch, tut ja auch weh). Anschließend aktivierten sie in den Fliegen Nervenzellen, die auf den Botenstoff Dopamin reagieren. Die Folge: Die Fliegen vergaßen den Zusammenhang zwischen Geruch und Gefahr ziemlich schnell wieder. Wenn die Forscher:innen die Dopamin-Neuronen nicht aktivierten, sondern blockierten, konnten sich die Fliegen an den Zusammenhang erinnern und vermieden weiterhin die fiesen Gerüche. Die Fliegen haben also vergessen, weil Nervenzellen aktiv waren.

Und in einem Experiment mit Ratten, bei dem die Nager sich an die Position von Objekten erinnern mussten, fanden die Forscher:innen heraus, dass beim Vergessen bestimmte Rezeptoren an Nervenzellen entfernt werden, weshalb sich die Verbindungen zwischen diesen Zellen auflösen. Als sie das durch Infusionen blockierten, vergaßen die Ratten die Objekte nicht mehr. Um zu vergessen, müssen Ratten also proaktiv Rezeptoren zerstören.

Nochmal, weil das wichtig ist: Man hat Fliegen dazu gebracht, etwas zu vergessen, und Ratten dazu gebracht, etwas nicht zu vergessen. Vergessen, sagt Oliver Hardt (einer der Forscher), „ist kein Gedächtnisverlust, sondern eine Funktion des Gedächtnisses“. 

Vergessen ist keine Schwachstelle

Unser Gehirn ist kein Computer mit begrenztem Speicherplatz. Es besteht aus ca. 86 Milliarden Nervenzellen, jede davon ist über ca. 10.000 Synapsen mit anderen Nervenzellen verbunden – da kann man schon so einiges speichern.

Aber um Entscheidungen zu treffen, müssen wir Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können. Das können wir nur, weil wir uns nicht jedes Detail merken, sondern lediglich die für uns wichtigen Informationen. Das ist auch deshalb wichtig, weil unsere Entscheidungen so gut wie nie auf vollständigen Informationen beruhen. Um also eine Entscheidung treffen zu können, nutzen wir unsere gespeicherten Erfahrungen und Fakten über uns und die Welt. Würden wir uns alles merken, hätten wir viel zu viele Erfahrungen und Fakten zur Auswahl, und könnten uns wahrscheinlich nie entscheiden.

Vielmehr funktioniert es so: Entweder bleibt das Unwichtige direkt draußen – hätten unsere Vorfahren sich beim Angriff eines Säbelzahntigers nur an die plüschigen Ohren und die hellbraunen Tatzen erinnert, gäbe es uns heute nicht. Oder Unwichtiges wird von Neuem überschrieben: Zum Beispiel, wenn wir uns merken, wo wir heute Morgen unser Auto im Parkhaus geparkt haben. Die Information, wo unser Auto die letzten 30 Male stand, ist unwichtig, kann also weg. Und unser Gehirn sorgt aktiv dafür, dass es auch weg kommt. 

Mit unserem Gedächtnis ist es wie mit einem Stück Holz: Erst, wenn wir etwas Holz wegschnitzen, entsteht eine Figur daraus. Die Leerstellen sind keine Schwachstellen, sondern notwendig. Vergessen ist kein Fehler.

Das war's erst mal!

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