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Warum du andere Menschen zum Denken brauchst

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute: über die Macht von sozialer Interaktion.

Wir starten mal wieder mit einem Test. Schau dir mal diese vier Spielkarten an:

Ich stelle jetzt mal eine These auf und sage: Wenn auf der Vorderseite eine gerade Zahl steht, dann ist die Rückseite rot. Hier kommt deine Aufgabe: Welche der vier Karten oben musst du umdrehen, um herauszufinden, ob meine These stimmt? Du darfst aber nur die Karten umdrehen, die man umdrehen muss, um die These zu testen. Drehst du eine Karte unnötig um, verlierst du.

Menschen schneiden bei dieser Ausgabe miserabel ab. Untersuchungen haben gezeigt, dass nur etwa 10 Prozent der Proband:innen die Aufgabe richtig lösen. Warum ich die Aufgabe hier gestellt habe und welche Antwort korrekt ist? Dazu gleich mehr.

Seit elf Ausgaben geht es in diesem Newsletter um eine Erkenntnis: Denken findet nicht nur im Gehirn statt. Unser Denken wird maßgeblich beeinflusst: von unserem Körper, von Bewegungen, unserer Gestik und unserer Umgebung. Den wichtigsten Punkt habe ich mir für die letzte Folge dieser Serie aufgehoben.

Natürlich können wir allein denken, und manchmal erfordert ein bestimmtes Problem oder Projekt auch einsames Drauf-herum-Denken. Unsere Gehirne haben sich aber entwickelt, um mit anderen Menschen zu denken: um Geschichten mit ihnen auszutauschen, mit ihnen zu streiten, zu debattieren, ihnen die Liebe zu gestehen. Wenn wir sozial denken, denken wir anders – und oft besser – als wenn wir nicht sozial denken.

¿hablas español?

Ein Beispiel: Bei einer Studie (Öffnet in neuem Fenster) der Universität Washington zeigte eine Lehrerin neun Monate alten Babys Spielzeuge und sagte dazu, wie die Spielsachen auf Spanisch hießen. Forscher:innen untersuchten eine Kleinigkeit: wie oft der Blick der Babys zwischen den Spielsachen und der Lehrerin hin- und herging. Warum? Bei Babys gelten diese Augenbewegungen als Merkmal für soziale Interaktion. Nach zwölf Sitzungen verglichen die Forscher:innen, wie sehr die Gehirne der Kinder auf spanische Worte reagieren. Das Ergebnis: Die Babys, die am häufigsten zwischen der Lehrerin und dem Spielzeug hin- und hergeschaut hatten, zeigten auch die meisten Anzeichen dafür, dass sie Spanisch gelernt hatten.

In einer 2019 veröffentlichten Studie (Öffnet in neuem Fenster) verfolgten die Autor:innen den intellektuellen Fortschritt von mehreren hundert Doktoranden in den Naturwissenschaften über einen Zeitraum von vier Jahren. Sie fanden heraus, dass die Entwicklung entscheidender Fähigkeiten (z. B. das Aufstellen von Hypothesen, das Entwerfen von Experimenten und die Analyse von Daten) eng mit dem Austausch der Student:innen mit ihren Kommilitonen im Labor zusammenhängt – und nicht mit der Anleitung, die sie von ihren Mentoren erhalten.

Der Vorteil der sozialen Kodierung

In ihrem Buch „The Extended Mind“ schreibt Anne Murphy Paul: „Diese neurowissenschaftlichen Erkenntnisse reihen sich ein in eine ganze Reihe von Erkenntnissen aus der Psychologie und der Kognitionswissenschaft, die alle auf eine verblüffende Schlussfolgerung hindeuten: Wir denken am besten, wenn wir sozial denken.“

Sie erklärt auch, warum das so ist: „Das Gehirn speichert soziale Informationen anders als nicht-soziale Informationen. Soziale Erinnerungen (Öffnet in neuem Fenster) werden in einer anderen Region des Gehirns kodiert. Hinzu kommt, dass wir uns an soziale Informationen genauer erinnern (Öffnet in neuem Fenster), ein Phänomen, das Psychologen als Vorteil der sozialen Kodierung bezeichnen.“

Trotzdem gehen wir in weiten Teilen weiterhin davon aus, dass Denken ein Prozess ist, der allein stattfindet. Was dürfen Schüler:innen während Prüfungen in Schulen auf keinen Fall machen? Genau: mit anderen interagieren. Gedacht wird immer noch allein! Wenn du eine Sache aus dieser Newsletter-Serie mitnehmen solltest, dann: Wenn du wirklich effektiv denken oder lernen willst, solltest du dich an allem Möglichen bedienen, das du um dich herum finden kannst: deine Hände, die Natur, deine Beine (zum Bewegen) und vor allem andere Menschen.

So hättest du das Rätsel sofort gelöst

Zurück zur Aufgabe oben, bei der die Allermeisten miserabel abschneiden. Ändert man eine Kleinigkeit bei dem Experiment, schießt der Anteil der Menschen, die das Rätsel lösen können, plötzlich in die Höhe, auf ganze 75 Prozent! Worin besteht diese Änderung?

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Kategorie Wie das Gehirn lernt

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