Liebe Leserin, lieber Leser,

der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden! Die lange Zeit des Fastens ist vorbei, die undurchdringliche Dunkelheit besiegt; nun regieren Fülle und strahlendes Licht. Ein neues Leben zieht ein und überwindet auf ewig den Tod. Allein in unseren Tagen wirkt dieser Optimismus der Schrift wenig glaubwürdig. Wir können das kommende Licht nicht sehen, befinden uns vielmehr in einer Wolke des Nichtwissens. Den Jüngern und insbesondere den Frauen um Jesus erging es allerdings ähnlich: Auch sie konnten nach den von Trauer und Gewalt geprägten Tagen der Passion nicht glauben, dass sich die Prophezeiungen des Alten Testaments, die Worte des Täufers und die Ankündigungen Jesu schlussendlich erfüllen würden. Von dieser Wirrnis erzählt das heutige Evangelium.

II) 

Frühmorgens, noch in buchstäblicher Dunkelheit macht sich Maria Magdalena zum Grab auf und findet ein geöffnetes Grab und in diesem nur Leere vor. Eine bedrohliche Kunde, die sie sogleich den versammelten Jüngern überbringen muss:

„Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ (Joh 20,2)

Von dieser Botschaft verschreckt wollen sich Petrus und der „andere Jünger“ nun auch vom Weggang des Herrn und der Leere des Grabes überzeugen:

„Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.“ (Joh 20,6-9)

Auf diese Weise stellt sich eine seltsame Situation der abwesenden Anwesenheit, der anwesenden Abwesenheit ein. Obwohl die Jünger anhand der Leinenbinden erschließen können, was sich zugetragen hat, sind sie nicht in der Lage, die Zeichen zu lesen – sie kehren unverrichteter Dinge heim. Nur Maria harrt vor dem Grab aus, wirft wieder einen Blick in das Grab und wird für ihre Treue belohnt. Zunächst erscheinen zwei Engel, die ihren Schmerz lindern sollen, anschließend der für Maria Magdalena zunächst nicht erkennbare Herr selbst:

„Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ (Joh 20,15-19)

Nicht den Jüngern, sondern einer Frau – wir dürfen hier durchaus eine Parallele zur Verkündigung des Herrn durch Gabriel erkennen – zeigt sich der Heiland. Aber nicht unverhüllt, sondern nur im Spiegel, nur rätselhaften Umrissen. Das in der Vulgata noch eindrücklicher als „noli me tangere“ gefasste Gebot des Abstands, die Nicht-Berührung, wird zum epistemischen Gebot. 

Fra Angelico, Noli me tangere, um 1440 (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Angelico,_noli_me_tangere.jpg)

Obwohl Maria Magdalena den Jüngern später berichten wird, dass sie den Herrn gesehen habe und getreu verkünden würde, was er ihr gesagt habe, bleibt Unsicherheit. Die erste Erfahrung mit dem auferstandenen Christus ist ergo keine positive, durch das Experiment hervorgebrachte, wiederholbare Erkenntnis, sondern Hinweis auf das Dunkle, Nicht-Erkennbare, das Abwesende. Aus den Zeichen muss behutsam geschlossen, der notwendige Abstand eingehalten und den Stimmen der Anderen Vertrauen geschenkt werden: Wissen von Christus als vermitteltes Wissen. Gleichsam ist dieses Wissen auch mit einer Treue zum Wissbaren selbst verbunden. Auch hier ist vor allem die affektive Bindung an den Gegenstand entscheidend: Die brennende Sehnsucht Maria Magdalenas nach dem Heiland, ihr Begehren, das Geheimnis zu lüften, schlägt in eine sorgfältige Bewahrung des Schleiers um. Die Erfüllung ihrer Sehnsucht, den Gegenstand mit Haut und Haaren zu besitzen, würde dessen Zerstörung bedeuten.

III) 

Ähnliche Gedanken notierte Etty Hillesum (1914-1943), eine niederländisch-jüdische Denkerin und Mystikerin, die 1943 im KZ Auschwitz ermordet wurde und in unseren Tagen wieder häufiger befragt wird, in ihr Tagebuch (Etty Hillesum, Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943, Reinbek bei Hamburg 1985):

„Wenn ich eine Blume schön fand, so hätte ich sie am liebsten an mich gedrückt oder aufgegessen. Wenn das schöne Stück Natur größer war, war es schwieriger, aber das Gefühl war dasselbe. Ich war zu sinnlich, ich möchte fast sagen, zu sehr aufs ,Habenwollen‘ eingestellt. Darum immer das schmerzliche Gefühl der Sehnsucht, die nie zu befriedigen war, das Heimweh nach etwas, das mir unerreichbar schien [...].“ (S. 23)

Die Schönheit, die Einzigartigkeit des Gegenstands, lässt sich auch für Hillesum nur durch epistemischen Verzicht erhalten. Erst in der Aufgabe des Anspruchs auf vollständige sinnliche Verfügbarkeit, das hier sehr plastisch geschilderte Verzehren des Anderen, lassen sich Erkenntnis und wahre Beziehung stiften. Diese Aufgabe kann wiederum Freiheit schenken, die sich in der beständigen Angst und Sorge um den Anderen nicht finden lässt:

„Und dieses Habenwollen, so kann ich es mir selbst noch am besten deutlich machen, ist plötzlich von mir abgefallen. Tausend beengende Fesseln sind zerrissen und ich atme befreit, ich fühle mich stark und schaue mich mit strahlenden Augen um. Und jetzt, da nichts mehr besitzen will und frei bin, besitze ich alles, jetzt ist mein innerer Reichtum unermesslich.“ (S. 25)

So ist auch uns dieser spezifische Optimismus, den Etty Hillesum in Gemeinschaft mit dem Evangelium verkündet, nicht mehr fremd. Auf das Kommende, das wir nicht vollständig wissen können, warten und die befreiende Kraft des Verzichts kennenlernen – ein Ostergeheimnis, das eine Brücke von der Dunkelheit ins Licht schlägt.

Im Sinne dieser Dunkelheit ist auch in dieser Woche Sektion IV noch vakant. Ein besonderes Dankeschön gilt an dieser Stelle wieder denjenigen Mitgliedern, die curasui finanziell mit einem Scherflein, einer Gabe oder einem Geschenk unterstützen sowie allen Leserinnen und Lesern!

Herzlichst

Louis Berger

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