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Ach, lieber Sven,

nun liegt die Woche der Kanzlerkandidatenkür hinter uns. Und in meinem täglichen Pendeln zwischen dem Optimismus, es könne uns gelingen, das Betriebssystem unserer Gesellschaft in einem großen emanzipatorischen Akt zu ändern, um die Welt zukunftsfähig zu machen, und dem Pessimismus, dass wir den ökonomischen und politischen, aber auch den psychischen Kräften nicht gewachsen sind, die während des System-Updates frei werden, habe ich notgedrungen einen neuen Ismus erfunden: den Naivismus.

Wenn wir wirklich glauben wollen, dass wir als viertgrößte Industrienation der Erde im Interesse eines guten Lebens für alle freiwillig abrücken von unserer herkömmlichen Vorstellung, was Wohlstand bedeutet, müssen wir uns notgedrungen die Naivität eines Kindes bewahren, das sich ein rotes Badetuch um den Hals bindet und „Ich bin Superman.“ brüllend durch die Wohnung rennt.

Weitgehend unbeobachtet hat im Dezember der Thinktank „Konzeptwerk Neue Ökonomie“ im Auftrag der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung eine Studie veröffentlicht. Das knapp 100 Seiten umfassende Papier mit dem Titel „A Societal Transformation Scenario for Staying Below 1.5°C“ buchstabiert aus, wie wir das im Jahr 2015 in Paris avisierte 1,5-Grad-Ziel einhalten können. Das Autorenteam setzt wenig überraschend auf eine Kombination aus Verhaltensänderungen und staatlichen Ver- und Geboten. Ein starker Staat setzt uns Leitplanken, innerhalb derer wir uns eigenverantwortlich bewegen können. Und wir verändern unser Bewusstsein so, dass wir nicht ständig versucht sind, die Planken mit unserem Sportwagen aus dem Weg zu rammen.

Das klingt solange gut, bis man zum Beispiel zu der Passage gelangt, an der es zur Zukunft des Flugverkehrs heißt:  (Öffnet in neuem Fenster)

„For the future we asume a cultural shift with flying once again seen as something extraordinary that is done every couple of years.“

Hast Du beim Lesen auch gehört, wie in Deinem Kopf die Visionsvase geborsten ist, die mit den schönen weinroten Tulpen? Hast Du ein rotes Badetuch in Deiner Nähe? Geh kurz suchen, ich warte so lang.

Eine Kultur, in der das Fliegen etwas Außergewöhnliches ist, das wir nur noch alle paar Jahre machen – ich kann mich an diese Zeit noch erinnern. Wir gingen ins Reisebüro, nahmen die Flugtickets mit roter Computerschrift auf Thermopapier entgegen, die uns so wertvoll waren wie Banknoten, und hatten am Flughafen das erhabene Gefühl, wir seien auf dem Weg auf einen anderen Planeten. Das war schön und romantisch, gerade weil es so außergewöhnlich war. Heute ist uns das Fliegen so romantisch wie S-Bahn-Fahren.

So viel Fantasie ich aufzubringen vermag, mir eine Welt vorzustellen, in der wir ein neues Gefühl für uns und andere entwickeln, weil wir gemerkt haben werden, dass es uns viel glücklicher macht, mit Freunden am Lagerfeuer zu sitzen statt allein vor dem Plasma-Flachbildfernseher mit 1,5 Meter Bildschirmdiagonale, so wenig Fantasie habe ich, zu glauben, dass wir Menschen bereit sein werden, wieder ins Jahr 1990 zurückzufliegen, in die Zeit von Computerschrift und Thermopapier. Noch weiß ich, ob wir das wirklich wollen sollten. Dass wir uns über alle Kontinente hinweg zwischen Berlin und Benin verbunden fühlen können, auch das macht uns zu einer Gemeinschaft. Und werden wir uns in einer 1,5-Grad-Welt im Wohnzimmer auf eine Strandmatte legen und per Zoom den Strand von Ipanema an die Wand werfen?

https://www.youtube.com/watch?v=qADo6lZTcDU (Öffnet in neuem Fenster)

Hält das jemand unter uns für realistisch? Also für wirklich realistisch, so wie in: „Im Sommer 2022 werden wir nur noch vier Stunden schlafen pro Nacht, weil an jedem Abend jemand anderes zum Tanzen im Park einladen wird.“? Für diese Prophezeiung sollten wir schonmal vorschlafen. Von der anderen können wir allenfalls träumen.

Es ist ein Dilemma, das uns in Zukunft noch öfter begegnen wird. Wir sehen das Ziel, aber kennen keinen Weg, der uns dorthin führen wird. Als würden wir vom Leben auf einer Insel träumen, die wir am Horizont sehen können, aber nicht wahrhaben wollen, dass im Wasser dazwischen unkalkulierbare Gefahren lauern. Was liegen da für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse vor uns, was für Diskussionen und Konflikte? Und wozu werden die führen?

Denn für einen Wandel zu einer 1,5-Grad-Welt brauchen wir ja nicht nur ein Bewusstsein, dessen Trotz wir nicht erliegen dürfen, wenn uns jemand sagt: "Ab jetzt bleiben wir auf dem Boden." Sondern auch einen Staat, der sich traut, beherzt durchzugreifen, und eine Regierung, die Klimaschutz ernst meint, aber dabei so klug agiert, dass sie nicht nach vier Jahren wieder abgewählt wird, weil die Leute sagen: Vorher war's doch schöner. Und damit noch einmal zurück zur Kür der Kanzlerkandidaten.

Es gab in diesen schon jetzt legendären Tagen des politischen Gemetzels einen hochinteressanten Moment. Bei der Pressekonferenz der CSU, in der Generalsekretär Markus Blume und Parteichef Markus Söder durch die dornige Blume erklärten, dass sie sich von einem Präsidiumsbeschluss der CDU für Armin Laschet überhaupt nichts sagen ließen, zog sich Söder immer, wenn er nicht sprach, die Maske über den Mund. Auch dann, wenn völlig klar war, dass ein Journalist nur eine Frage stellen würde, und obwohl niemand in seiner Nähe stand. Vielleicht befürchtete er, dass jemand vom Rand des Presseraums auf die Bühne springen und ihn abbusseln würde vor lauter Vorfreude auf den ersten CSU-Kanzler in der deutschen Geschichte. Aus Söders Sicht plausibel. Aber bei Lichte betrachtet auch nicht realistischer als der Strandnachmittag im eigenen Wohnzimmer.

Die Geste war reine Show.  Sie sollte uns sagen: „Seht her, wie konsequent ich im Kampf gegen die Pandemie bin. Geht alle hinter mir in Deckung. Ich werde das Virus ganz allein aufhalten mit meiner Supersöder-Maske mit dem bayerischen Löwen.“ Er wollte sich damit präsentieren als der, der sehr bewusst, sehr strukturiert und sehr anders als der Konkurrent aus Düsseldorf mit der Pandemie umgeht.

Von solchen Inszenierungen lebt Söders Karriere. Sein politisches Handeln ist immer auch darauf ausgerichtet, wie es bei uns ankommt. Für ihn zählen nicht nur Inzidenzwerte, sondern auch sein Marktwert. Dabei steht Bayern im Kampf gegen Corona in der Summe auch nicht besser da als Nordrhein-Westfalen. Und trotzdem glaubt eine Mehrheit der Deutschen, Söder sei der bessere Kanzler. Weil er uns genau die Welt verkauft, auf die wir hoffen.

Der Politikwissenschaftler Joachim Behnke schrieb in dieser Woche: (Öffnet in neuem Fenster)

Es ist nun mal kein Charaktertest, wenn jemand etwas Gutes und Richtiges tut, wenn es ihm nützt, sondern nur dann, wenn er es auch dann noch tut, wenn ihm daraus Nachteile entstehen könnten.

Markus Söder müsste sein neues Image als umsichtiger Landesvater auch beim Klimaschutz einlösen, auch wenn er wüsste, dass es ihm schaden könnte. Doch er würde uns niemals mit einem persönlichen CO2-Budget belästigen, das wir eigenverantwortlich verwalten dürfen. Das fordert der Post-Wachstums-Vordenker Niko Paech seit langem. (Öffnet in neuem Fenster) Danach stünden uns in Deutschland pro Person 200 Tonnen zu, errechnet aus 2,5 Tonnen pro Jahr mal 80 Jahre. Zweieinhalb Tonnen! Im Moment liegt unser jährliches Budget bei zwölf. Weil: Ipanema.

Söder würde sich vielmehr auf jede Bühne stellen und mit buntem Licht die Botschaft ins Publikum strahlen: „Seht her, wie konsequent ich in meinem Kampf gegen die Erderwärmung bin. Geht alle hinter mir in Deckung. Ich werde die Erderwärmung ganz allein aufhalten.“ Mit dem Ergebnis, dass er den Deutschen zum Beispiel Wasserstoff als neues Zaubermittel präsentieren würde und der Franz-Josef-Strauß-Flughafen in München im Zweifel eher eine Startbahn mehr bekäme als eine weniger. Er müsste ja sonst befürchten, abgewählt zu werden. Da kann er noch so sehr mit einem Baum schmusi-schmusi machen. (Öffnet in neuem Fenster) Denn auch das – reine Show: Wetten, dass Supersöder auch deine Welt retten wird?

Du hast in Deinem Brief von vergangener Woche den schönen Begriff Hoffnungsmaschine verwendet und suchst bewusst nach den Momenten des Trosts. Das gefällt mir. Aber wir merken auch in der Pandemie, wie stark die Fliehkräfte sind, die auf unser kollektives Bewusstsein wirken. In der viel größeren Herausforderung der Erderwärmung werden diese Kräfte ungleich monströser ausfallen. Wir brauchen deshalb einen Naivismus, mit dem wir diese Maschine täglich füttern können. Wir wissen, wie sehr wir uns auf dem Marsch in eine andere Zukunft selbst im Weg stehen werden, und binden uns trotzdem jeden Morgen ein rotes Tuch um die Schultern.

Denn es gibt da draußen genug Menschen, die jeden Tag ihre Welt zu einem schöneren Ort zu machen versuchen, und darauf hoffen, dass sich damit die Welt insgesamt verändert. Was hinter den Kulissen passiert, ist bedeutsamer als jede Show.

Dein Kai

https://www.youtube.com/watch?v=EKZOoAcHtrQ (Öffnet in neuem Fenster)

(Musik: junk-e-cat – "Treature")

 

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