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ADHS  - der Widerspruch in sich

Heute hatte ich mal wieder ein Gespräch mit einer Patientin der Klinik, bei der unsere leitende Psychologin ADHS vermutete. Hintergrund war eine massive Selbstüberforderung bzw. "Burnout", die schon vor einigen Jahren zur Erwerbsminderungsrente geführt hat. Aber vor allem dann eben das Phänomen, dass die Patientin innerlich ständig angespannt und getrieben war und sich selber als sehr reizoffen und leicht ablenkbar beschrieb. Nun ist sie selber ausgebildete Erzieherin. Und irgendwie passt dann scheinbar so viel zur Diagnose ADHS und dann auch wieder so ganz und gar gar nicht. Beispiel : Organisationsfähigkeit Herkömmlich denkt man bei ADHS an eine Chaotin oder einen Chaoten, mit ständiger Verspätung, Prokrastination und Unfähigkeit zur Organisation. Das Gegenteil kann aber durchaus der Fall sein. Viele meiner Klientinnen sind beruflich sogar im Bereich Organisation und Planung sehr erfolgreich tätig und können sehr wohl ANDERE Menschen bzw. Organisationen hervorragend strukturieren. Aber....  Wenn es dann um die eigene Person bzw. die eigenen Bedürfnisse geht, um die Selbstregulation und Selbstorganisation, kann es schon ganz anders aussehen. Und zwar meist gar nicht so prickelnd

ADHS fällt mir besonders häufig dadurch auf, dass sich die Patienten selbst ein Rätsel sind. Und einfach nicht verstehen, warum es mal geht und dann wieder nicht. Oder warum sie für andere Menschen soviel Energie und Power haben können,  aber bei sich selbst die grundlegensten Kontrollen beim Arzt oder den Zahnarztbesuch vernachlässigen. Und dann in einer ständigen Scham gefangen sind, dass irgendwann auffliegen könnte, wie wenig man doch sein eigenes Leben im Griff hat... Man kommt so irgendwie zurecht

Das heisst aber nun nicht, dass man nicht irgendwie durch den Alltag kommt. Irgendwie ja schon. Aber eben nicht so, wie man es angesichts seines im Beruf bzw. der Ausbildung gezeigten Leistungsvermögens guten Gewissens von sich erwarten könnte. Die eigene Wohnung oder zumindest das Wohnzimmer "ordentlich halten" 

Sich um die Rechnung für die Freizeit der Tochter kümmern

Sich drum kümmern, dass man eigentlich wieder in einem Chor anfangen wollte... Es bleibt bei dem "eigentlich wollte ich doch" bzw. viele Projekte und Ideen schwirren durch den Kopf und werden dann doch nicht in Angriff genommen oder gar abgeschlossen. Dieses "irgendwie zurecht kommen" bedeutet aber auch, dass im Kopf jede Menge Baustellen und lose Enden zu bewältigen wären. Aber es nicht weniger, sondern immer mehr wird. 

Und damit dann aber auch das eigene Selbstwertgefühl immer schlechter wird, weil sich einfach keine Erfolge ergeben, keine greifbar positiven Erlebnisse haltbar bleiben und es ein ständiges Anstrengen und Kämpfen ist und bleibt. Hinzu kommt dann noch die extreme Hilfsbereitschaft bzw. Engagement für ANDERE, die dann zur Selbsterschöpfung bw. Empathie-Erschöpfung beiträgt. Denn an sich selbst denkt man irgendwie zuletzt.

"Ich dachte, das Leben ist einfach so anstrengend und ich strenge mich nicht genügend an" So oder so ähnlich schildern es mir viele meiner Klientinnen. Kein Wunder, dass  die meisten meiner Patienten nicht "wegen" ADHS bzw. Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen Hilfe suchen. Sondern eher wegen Erschöpfung, wegen ständiger Unruhe oder Depressionen. Und dann der Angst, den Anforderungen nicht (mehr) gerecht zu werden. Es gibt sehr unterschiedliche Angaben, die hoch dann der Anteil von ADHS bei ambulanten oder stationären Klientinnen und Klienten mit Depressionen sind. Irgendwo zwischen 13 und 59 Prozent wird es wohl liegen. Hängt aber auch sehr von den verwendeten Kriterien und den verwendeten Diagnoseinstrumenten ab. Aber besonders auch davon, ob man nun wirklich "dahinter" schaut, was nun sich lebenslang an Kompensationsstategien entwickelt hat.

Obershadowing - Überschatten der eigentlichen Grundproblematik

Dieses ständige Ausgleichen (können) bzw. Ausgleichen müssen ist Segen und Fluch zugleich. Einerseits schafft(e) man es ja im Leben seinen Mann bzw. seine Frau zu stehen. Und durchaus erfolgreich sich den Herausforderungen im Alltag und Familienleben zu stellen. Erfolge und Karriere im Beruf zu machen. Andererseits zahlt man dafür einen hohen Preis. Eine ständige Selbstüberforderung, eine ständige Unruhe bzw. Anspannung und die (realistische) Angst, dass man dies nicht auf Dauer durchhält. Oder eben die entsprechende Erfahrung, dass es nicht mehr geht. Also Overshadowing wird das Phänomen benannt, dass dann eine Depression/ Burnout oder vielleicht auch eine Schmerzstörung wie Fibromyalgie zwar erkannt und diagnostiziert wird, dann aber die eigentlich darunter liegenden Entwicklungs- und Lernbesonderheiten aus dem ADHS-oder Autismus-Spektrum verdecken. Welche Erfahrungen hast Du damit gemacht, dass Depressionen oder Ängste die eigentliche ADHS-Problematik überdecken?

Danke für Deine Unterstützung von ADHSSpektrum über Steady. Schon 1 Euro  im Onat hilft mir die Serverkosten bzw. Softwarekosten zu tragen bzw. über Webinare und Kurse das Wissen über ADHS weiter zu verbreiten. Wenn Du dich intensiver für ein Coaching bei mir in der Gruppe interessierst : Ab September werden wir wohl eine neue Gruppe online starten. Mehr Infos gerne bei mir unter webpsychiater@gmail.com

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