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Illustration: Tabea Ćubelić

Ausgabe 04/21

Diese Woche wurden die Nominierten für den Leipziger Buchpreis bekannt gegeben. Eine absolut weiße Liste – als würde man sich die frisch gewaschenen Bettlaken anschauen, die an der Wäscheleine hängen und pur und weiß im Wind flattern. In Leipzig ist man offensichtlich der Meinung, dass man für eine Nominierung für den Buchpreis vor allem eins sein muss: Weiß.

Die üblichen Verdächtige würden jetzt schreien: Es geht nicht um die Herkunft oder um Hautfarbe, sondern um Leistungen! In einer Welt ohne strukturellen Ausschlüsse wäre das auch wahr. Nur, wir leben nicht in dieser Welt. Für nicht-weiße Menschen sind die Türen der Literaturwelt nicht weit offen: es gibt begrenzte Plätze, sie konkurrieren nicht mit allen anderen, sondern nur gegen jene, die ebenso nicht weiß sind, weil sie gemeinsam in einer einzigen, winzigen Literaturschublade existieren. Während weiße Autor*innen, vor allem cismännliche, dieselbe Geschichte (zum Beispiel Roadtrip zweier Kumpels) Tausend Mal erzählen dürfen, ohne sich Gedanken über ihren "Alleinstellungsmerkmal" machen zu müssen, müssen nicht-weiße Autor*innen beweisen, dass sie nicht dieselbe Perspektive haben und dieselbe Geschichten erzählen wie andere ebenso nicht-weiße, mit denen sie nicht das Geringste gemein haben.

Unter diesen Bedingungen ist es selbstverständlich ein Ausdruck des strukturellen Rassismus im Literaturbetrieb, dass ausschließlich weiße deutsche Autor*innen für den Leipziger Buchpreis nominiert wurden.

Das Problem der strukturellen Ausschlüsse aus der sehr exklusiven und selektiven Literaturwelt gibt es auch in anderen Ländern, zum Beispiel in der Türkei, in der ich bis zu meinem 23. Lebensjahr lebte. Dort haben die Probleme andere Züge, zum Beispiel die Muttersprache. In der Türkei werden viele Sprachen gesprochen und einige davon sind die Sprachen der Türkei, sie gehören zu dem Ort, zu Menschen, die seit Jahrhunderten dort existieren. Das sieht der Staat allerdings nicht so und seit seiner Gründung führt sie eine Assimilierungspolitik durch alle staatslichen Institutionen. Die Verbreitung und Entwicklung anderer Sprachen wird aktiv verhindert, manche Sprachen werden sogar kritiminalisiert und jene, die diese sprechen, werden dämonisiert. Diese Assimilierungspolitik wird auch in der Literatur reproduziert, indem es beispielsweise keine Reihen in großen Verlagen gibt, die Bücher auf Kurdisch o.ä. drucken, und keine Literaturpreise ziehen Werke auf Kurdisch in Betracht.

Ich bat meinen Kollegen Miheme Porgebol, der in der Türkei lebt, eine Kolumne über dieses Problem zu schreiben, und glücklicherweise ging er meiner Bitte nach. Die Journalistin Elisabeth Kimmerle übersetzte seinen Text aus dem Türkischen ins Deutsche.

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Viel Freude bei der Lektüre und bis zum nächsten Mal,
Sibel Schick 

Widerständige Sprachen, kämpferische Literatur

Von Miheme Porgebol

2019 ging eine Bewerbung für den Behçet Aysan Lyrik-Preis der Türkischen Ärztekammer ein. Als Bewerbung hatte der inhaftierte Dichter erd Agron ein Portfolio namens “Diwan” eingereicht. erd Agron ist ein lebenslang inhaftierter Dichter und Schriftsteller, der seit 2000 aus politischen Gründen im Gefängnis ist. Die Bewerbung von erd Agron erfüllte alle Teilnahmebedingungen, doch das Manuskript war auf Kurdisch verfasst.

In der Jury gab es keine*n, der*die Kurdisch konnte und Agrons Bewerbung bewerten konnte. erd Agron selbst war sich dessen bewusst und bezeichnete die Bewerbung als einen "Protest", der sich gegen die Literaturwelt richtet. Unmittelbar nach der Bewerbung veröffentlichte der Dichter einen Text, in dem er schrieb: "Geschwisterlichkeit bedeutet, einen ontologischen Grund zu teilen, sich aus der gleichen Quelle zu ernähren und die meiste Zeit im gleichen Lauf zu fließen. Die Kurd*innen, die gegen die Assimilationspolitik und –maßnahmen der offiziellen Ideologie aufbegehren, haben jahrhundertelang die Schwestersprache Türkisch nicht als Gefahr gesehen und nicht gezögert, die Anforderungen der Geschwisterlichkeit zu erfüllen... In wie vielen Wettbewerben, die im Namen der türkischen Literatur und Kunst ausgerufen wurden, wurde wohl dem Kurdischen Platz eingeräumt, wie viele Verlage haben Bücher auf Kurdisch gedruckt, und – lassen wir die Zeitungen beiseite – wie viele Magazine haben Raum für das Kurdische geschaffen und ein kurdisches Gedicht veröffentlicht?"

erd Agron betonte, dass er sich mit dem eingereichten Manuskript nicht beworben habe: "Meine Teilnahme ist der Versuch, im Namen der kurdischen Sprache und der kurdischen Lyrik über den Hintereingang hereinzukommen. Meine Teilnahme ist ein Protest gegen die Kunst- und Literaturwelt, die die kurdische Sprache und Literatur der hegemonialen Ideologie überlässt, ein Widerspruch gegen jegliche Art von Assimilation und Bereitschaft zu Selbstassimilierung", sagte er. Damit machte er auf ein offensichtliches Problem aufmerksam, das auszusprechen sich niemand die Mühe gemacht hatte: Widerständige Sprachen, kämpferische Literatur.

Es stimmt, dass der offensichtlichste Grund für die ernsthafte Bedrohung der Sprachen in der Türkei die nationalstaatlich fundierte offizielle Ideologie und die Auferlegungen dieser Ideologie sind. Die Tatsache, dass Künstler*innen, die in einer anderen Sprache als Türkisch produzieren, vom Staat und staatlichen Organisationen nicht unterstützt werden, dass Werke in anderen Sprachen durch die Verfahren behindert oder sogar verboten werden, kann als Beweis dafür gezählt werden, dass die offizielle Ideologie in die Sprachen eingreift. Dass es an vielen Universitäten eine Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft gibt, während in den akademischen Konzepten dieser Abteilungen noch nicht einmal vergleichende Studien zu den Sprachen des eigenen Landes angelegt sind, ist ebenfalls eine traurige Tatsache.

Zu behaupten, die Behinderungen anderer Sprachen geschehe nur durch staatliche Hand, würde allerdings die andere Seite des Problems unsichtbar machen. Dass die Produktionen auch auf dem gesellschaftlichen intellektuellen Boden einer Art Zensur ausgesetzt sind, ist augenfällig. Diese Zensur ist auch in persönlichen und institutionellen Strukturen sichtbar. Wie auch in erd Agrons Erklärung deutlich wird, sind Werke, die in anderen Sprachen als Türkisch erscheinen, davon betroffen, keine Publikations- und Vertriebsmöglichkeiten zu finden.

"Die Unsichtbarkeit nichttürkischer Sprachen und Literatur im Literaturbetrieb zeigt, dass die dominante Nation dem Sprachproblem eingeschrieben ist und tief im Inneren als natürlich empfunden wird", sagt İsmail Güney Yılmaz, Autor des Uncire Magazins, das die lasische Sprache am Leben erhalten will und belletristische Werke auf Lasisch Raum gibt. "Zweifellos gab es und gibt es bis heute in manchen Magazinen symbolische Gesten, aber diese Beispiele sind wie gesagt symbolisch. Sie streben keine Kontinuität an. In der Türkei gibt es jedoch Sprachen wie Kurdisch, Arabisch, Tscherkessisch mit wichtigen literarischen Wurzeln. Dass diese literarischen Traditionen undokumentiert bleiben und dass wichtige Magazine nicht mehr daran setzen, diesen Erfahrungsschatz bekannt zu machen, ist traurig und führt zugleich ein mangelndes Bewusstsein vor Augen", so İsmail Güney Yılmaz.

Auf der anderen Seite schieben Magazine, Wettbewerbskomitees und Verlagshäuser Personalmangel als Grund vor, keinen Raum für Produktionen in anderen Sprachen zu schaffen. Diese Rechtfertigung sei jedoch angesichts der Zeit und der Welt, in der wir leben, "nicht mehr als eine Ausflucht", so İsmail Güney Yılmaz. Selbst wenn wir diese Rechtfertigung akzeptieren, zeigt sie auch, dass dieser Betrieb die nationalstaatliche Ideologie internalisiert hat. Deshalb habe ich die Bedingungen, die diese Unsichtbarkeit verursachen, als Zensur bezeichnet. Denn es liegt auf der Hand, dass es zur Entstehung eines Werks einer Person bedarf, die dieses Werk beurteilen kann. Und wenn es jemanden gibt, der oder die diese Produktion bewerten kann, dann verliert die Rechtfertigung des Personalmangels seine Gültigkeit. Diese offensichtliche Zensur zu beseitigen sowie die Sprachen der Völker – und damit ihre Identität – zu schützen, wird nur möglich, wenn die türkischsprachige Literaturwelt das Problem aus sich heraus angeht, sich mit der eigenen hegemonialen Arroganz auseinandersetzt und die Anforderungen des gemeinsamen Lebens erfüllt.

Ob sich dieser Zustand der Unmöglichkeit anderssprachiger Literatur schnell ändern wird, ist ungewiss, aber es ist offensichtlich, dass dieses Problem in anderen künstlerischen Genres überwunden wurde. Musikgruppen wie Kardeş Türküler und Grup Yorum scheinen dieser Zensur widersprochen und die Auferlegungen der offiziellen Ideologie aufgebrochen zu haben. Auch werden wir Zeug*innen, wie die türkische Theatergemeinde – wenn auch in unzureichendem Maß – ihre Bühnen den Theaterstücken anderer Kulturen öffnen und angefangen haben, ihnen auf ihren Festivals Raum zu geben. Dass all diese Transformationen dadurch möglich wurden, dass Künstler*innen in den jeweiligen Disziplinen die Initiative ergriffen haben, ist offensichtlich. Deshalb ist es wieder an den Künstler*innen, die Literatur als das stärkste Genre, um die Sprache zu stärken und in die Zukunft zu tragen, zu transformieren. Genau deshalb fragte erd Agron auch: "Werdet ihr Intellektuellen und Poet*innen, die ihr das Herz der Menschen in der Türkei und vieler Kurd*innen eingenommen habt, das nicht sehen, werdet ihr diese Frage nicht stellen?"

Miheme Porgebol ist am 1. Mai 1989 im Bezirk Silvan in Diyarbakır geboren. Seit er elf Jahre alt war, wurde er in diversen künstlerischen Bereichen ausgebildet. Besonders interessiert er sich für Theater, Performance und zeitgenössische Kunst. Seit 2015 beschäftigt er sich mit dem Politischen der Kunst und Kunstpolitik. Zudem schreibt er in der Zeitung Yeni Özgür Politika über Kunst und Politik. Porgebol ist Kriegsdienstverweigerer und lebt in der Türkei.

Übersetzung aus dem Türkischen: Elisabeth Kimmerle

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