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Mit Keynes gegen den Kapitalismus

Was ist schlimmer: Kapitalismus oder Kaputtalismus? Ein neues Buch zeigt John Maynard Kenynes als Visionär eines „liberalen Sozialismus“.  

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Mit dem Kapitalismus ist das eine verwickelte Sache: Wir beklagen „ihn“, respektive die Eigenschaften, die wir „ihm“ zuschreiben, also Ungleichheit, Ausbeutung, dass er alles in Waren verwandelt, dass selbst Beziehungen kommerzialisiert werden, dass er uns von unseren wahren Bedürfnissen entfremdet, wir prangern seine Krisen an, die zu Elend führen und so weiter. Seltener feiern wir ihn für das, was wir ihm verdanken, wie Innovation, Eisenbahnen, Computer, Innentoilette, Wachstum, Wohlstandsmehrung – trotz der eindrucksvollen Bilanz der vergangenen rund 250 Jahre von Wirtschaftsentwicklung. Aber wenn er schwächelt, macht uns das auch nicht froh, im Gegenteil. Würde der untergehen, wäre das wohl ein großer Crash und Pallawatsch, was wir immer dann zu spüren bekommen, wenn es ächzt und scheppert. Noch schlimmer als ein Kapitalismus ist ein Kaputtalismus.

Das führt zu dem seltsamen Phänomen, dass Ideen zur Überwindung des Kapitalismus eher florieren, wenn es wirtschaftlich sowieso ganz gut läuft. Wenn es bergab geht, das Wirtschaftswachstum schwächelt und der Wohlstand zu sinken droht, wollen ihn alle retten und stabilisieren, den Kapitalismus. Denn schon kleine Schwächungen der Prosperität haben gehörige unschöne Auswirkungen. 

Die deutsche Gewerkschaftsbund-Vorsitzende Yasmin Fahimi hat das gerade sehr schön vorgeführt, indem sie sagte: „Aber jetzt ist nicht die Zeit für kapitalismuskritische Grundsatzdebatten, sondern für effektives Handeln in der Realität.“ Kapitalismuskritik ist also nicht angebracht, wenn es ihm schlecht geht, den Kapitalismus, sondern nur, wenn es ihm gut geht. 

Jüngst hat ja etwa meine Kollegin und Freundin Ulrike Herrmann einen Bestseller mit ihrem Buch „Das Ende des Kapitalismus“ gelandet. Dabei ist der Titel gewissermaßen ein Missverständnis. Ulrike Herrmann feiert nicht freudig „das Ende des Kapitalismus“, sondern liefert eine kühle, nüchterne Analyse, und – wenn schon – dann ist der Titel eher eine Befürchtung.

Die kapitalistische Wirtschaftsweise hat der Menschheit ungeheuerliche Fortschritte beschert, sich aber auch als anpassungsfähig erwiesen und konnte die sozialen Forderungen bestens integrieren. Gerade der Konsumkapitalismus lebt ja vom Massenwohlstand und kommt damit ohne einen gewissen Grad an Gerechtigkeit nicht aus. Aber dieses Arrangement funktioniert nicht mehr, so Herrmanns These, wenn wir die Klimakatastrophe abwenden wollen. Herrmann spricht die bitteren Wahrheiten an. Erstens braucht Kapitalismus Wachstum, denn Innovation und Produktivitätsfortschritte gibt es nur, wenn Unternehmen Kredite aufnehmen, in Erwartung künftiger höherer Renditen. Diese Kredite können Unternehmen aber nur zurückzahlen, wenn es Wachstum gibt. Gibt es kein Wachstum, wären Masseninsolvenzen die Folge. Und zweitens: Zu glauben, man brauche nur die Produktionsweise und etwa die Energieversorgung umstellen, dann gäbe es eben „grünes Wachstum“ und alles laufe weiter wie bisher, sei blauäugig. Erneuerbare Energien werden teuer und knapp bleiben, wenn sie auch nur annähernd die fossilen Energieträger ersetzen sollen. Der Material- und Ressourcenverbrauch muss signifikant sinken. Auch das E-Auto ist eine Sackgasse, da es viel zu viel CO-2 in der Produktion verbraucht – vom Strom, der knapp würde, ganz zu schweigen. Revolutionäre Technologien, die Energie in einem Ausmaß, das nötig wäre, speichern können – auch nicht in Sicht. Und selbst wenn sie es wären, würden sie niemals innerhalb der knappen Zeit von rund zwanzig Jahren massenhaft einsatzbereit. Herrmanns Resümee: Wenn wir den Klimacrash abwenden wollen, wird es kein „grünes Wachstum“ geben, sondern „grünes Schrumpfen“. Das ist nicht schlimm: Wir müssen nicht in Sack und Asche gehen – wenn die wohlhabenden Nationen sich mehr oder weniger mit dem Wohlstand von 1978 begnügen (Innovationen natürlich dazugedacht), dann ist das etwa der Status, auf den es zurück gehen müsste. Kein Drama, denn 1978 hatten wir es ja auch recht schön. Das Problem ist ein anderes: Wie schafft man diesen Schrumpfungsprozess, ohne dass es zu einen Wirtschaftskollaps und Massenpleiten von Unternehmen und damit Massenarbeitslosigkeit führt? Dafür gibt es kein Modell. 

Hier können Sie, wenn Sie mögen, das Gespräch nachhören, das ich mit Ulrike Herrmann im Kreisky Forum führte: 

https://www.youtube.com/watch?v=GBWpLfKXrTo (Abre numa nova janela)

In diesen komplizierten Spannungsfeldern zwischen Kapitalismusrettung und Kapitalismuskritik bewegt sich bekanntlich auch das Werk von John Maynard Keynes, des größten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Gerade dieser Tage wird es einer spannenden Re-Lektüre unterzogen. James Crotty, US-Ökonom, hat eine monumentale Studie vorgelegt mit dem Titel „Keynes Against Capitalism. His Economic Case for Liberal Socialismus“. Bereits im Anfangskapitel stellt Crotty eine Gretchenfrage: „Was Keynes trying to save capitalism or create ‚Liberal Socialism‘?“. Der Mainstream der Keynes-Apologie würde ja mehrheitlich mit „Ersteres“ antworten. Keynes habe gezeigt, dass der Kapitalismus, auf sich alleine gestellt, eben nicht zum „Gleichgewicht“ im Sinne einer stabilen Prosperität tendiere, sondern schon kleine Abschwünge zu großen Destabilisierungen führen können. In seinem Hauptwerk, der „General Theory“, hat Keynes nicht nur die Mechanismen dahinter analysiert, sondern Wirtschaftspolitikern vorgeführt, was man dagegen machen könne. 

„Keynes hat nachdrücklich bestritten, dass der Sozialismus eine Medizin für die Krankheiten des Kapitalismus wäre. Beide, die klassischen Ökonomen wie die Sozialisten, so sagte er oft, glauben an dieselben ‚Gesetze der Wirtschaft‘. Bloß, während die ersteren meinten, sie seien wahr und unausweichlich, sahen sie die anderen als wahr und inakzeptabel an. Keynes dagegen wollte zeigen, dass sie nicht wahr sind.“ Diese knappe Charakterisierung stammt von Robert Skidelsky, dem berühmtesten Wirtschaftshistoriker unserer Epoche und Keynes-Biographen. Während die klassischen Ökonomen Ausbeutung, Mangel, niedrige Löhne, Elend rechtfertigten, weil sie sie für notwendige und akzeptable Nebenerscheinungen des Kapitalismus hielten, waren die Sozialisten felsenfest davon überzeugt, dass all diese Phänomene Naturgesetze im Kapitalismus seien, sodass dieser erstens keineswegs funktionabel sei, zweitens an seine inneren Grenzen stoßen müsste und drittens so ungerecht, dass man ihn schleunigst auf den Misthaufen der Geschichte befördern sollte. Keynes wollte beweisen, dass beides einfach nicht wahr ist - oder, genauer: nicht wahr sein müsste, wenn man die richtige Politik macht. 

Keynes hat sich primär mit der Frage beschäftigt, weshalb eine Ökonomie unter ihren Potentialen bleiben kann, was insbesondere dann droht, wenn Unternehmen angesichts unsicherer ökonomischer Aussichten ihre Investitionen einschränken, etwa, wenn sie die Realisierung üblicher Profite für unwahrscheinlich halten. In solch einem Fall werden die Wirtschaftssubjekte mehr sparen als investieren, statt Vollbeschäftigung wird Arbeitslosigkeit herrschen, die Löhne werden sinken und die Beschäftigten werden nicht genug Einkommen haben, um die von ihnen hergestellten Produkte zu kaufen. Die Ökonomie bleibt also nicht nur unter ihren Möglichkeiten, sondern es wird sogar eine Spirale nach unten einsetzen, wenn nicht jemand etwas tut – und dieser jemand kann für Keynes nur der Staat sein. Das ist, sehr versimpelt gesagt, das Grundpostulat der keyneschen Konzeption. Darüber hinaus können aber die „organisierten Kapitalmärkte“, wie Keynes das nannte, also die Finanzmärkte, einen gehörigen Schuss zusätzlicher Probleme auslösen. Auf diesen herrscht Herdentrieb, „Nervosität und Hysterie“, „tierische Instinkte“ leiten die Anleger, schrieb Keynes, und fügte hinzu: „Spekulanten mögen keinen Schaden anrichten, wenn sie nur die Blasen auf dem festen Strom des Unternehmertums sind. Aber die Sache wird gefährlich, wenn die Unternehmen die Blasen auf dem Pool der Spekulation werden. Wenn die Entwicklung des Kapitalstocks einer Volkswirtschaft zu einem Nebenprodukt von Aktivitäten eines Kasinos wird, dann ist der Job wirklich schlecht gemacht.“

Der Kapitalismus, so können wir die gängige Keynes-Interpretation also zusammenfassen, gehöre nicht abgeschafft, sondern repariert. 

In „Keynes Against Capitalism“ argumentiert Crotty nun, dass diese zur Gewohnheit gewordene Interpretation falsch sei. „Die Keynesianische Revolution ist in Crottys Interpretation weit revolutionärer als man uns glauben macht“, schreibt Gary Mongiovi in einer großen Besprechung. Schon in der „General Theory“ hat Keynes argumentiert, dass der Staat mehr und mehr Aufgaben übernehmen müsste, und für eine „Sozialisierung des Investments“ plädiert. Professionelle Geldanleger würden damit ihre Geschäftsgrundlage verlieren. Es würde nachhaltig durch den Staat in den Kapitalstock einer Volkswirtschaft investiert, und der Reichtum einer Gesellschaft produktiv in jene Sektoren geleitet, die am meisten zur allgemeinen Wohlfahrt beitragen, also simpel gesagt, in nützliche Bahnen: Wohnbau, Transport, Energie, Gesundheit usw., es würden also soziale Bedürfnisse erfüllt, die lange vernachlässigt wurden.

Famose Besprechungen des Buches finden Sie etwa in der New York Review of Books (Abre numa nova janela) oder hier bei Gary Mongiovi (Abre numa nova janela).

1939 hatte Keynes in einem Interview mit dem Magazin „New Statesman and Nation“ von der Vision eines „liberalen Sozialismus“ („Liberal Socialism“) gesprochen, der gemeinschaftliche Aufgaben sowie soziale und ökonomische Gerechtigkeit realisiert, und zugleich das Individuum schütze, dessen Freiheit, aber auch dessen freie Auswahl, den unternehmerischen Elan und das Eigentum. „Die Republik meiner Imagination liegt auf der extremen Linken der Vorstellungswelt“, schrieb Keynes einmal.

„Liberaler Sozialismus“ oder „demokratischer Sozialismus“, diese Begriffe sind wohl austauschbar. Keynes wird ungefähr etwas vorgeschwebt haben, wie das, was etwa durch den revolutionären Reformismus des Roten Wien verwirklicht worden – oder besser: begonnen – worden war. 

Zu den berühmtesten und zugleich verstörendsten Texten der Wirtschaftstheorie zählt das Manuskript eines Vortrages, den John Maynard Keynes im Jahr 1930 gehalten hat, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise. Er trägt den Titel „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“ und wagte, mitten im Elend der Großen Depression, einen Blick in die Zukunft. Keynes wollte, dass wir uns von der Misere nicht täuschen lassen: Zwar habe die kapitalistische Wirtschaftsmaschinerie gerade einen Kolbenreiber erlitten, mit unerhörter materieller Not als Folge, aber gerade in den vergangenen 200 Jahren habe der Reichtum der Menschheit sich dramatisch vervielfacht. In den nächsten 100 Jahren, so Keynes' Prognose, werde der Lebensstandard in den fortschrittlichen Ländern „achtmal so hoch sein (...) wie heute“. Das wäre aber nicht bloß eine gewissermaßen mathematisch-statistische Vervielfachung, sondern würde eine eminente Transformation nach sich ziehen: Es bedeutet, so Keynes, „dass die Menschheit dabei ist, ihr ökonomisches Problem zu lösen.“ Die materielle Knappheit wäre Geschichte, mit dramatischen Folgen: Reichtum wäre „nicht länger von so hoher gesellschaftlicher Bedeutung“, mit allen Veränderungen für die „moralischen Maßstäbe“, die das nach sich ziehen würde, vielleicht gäbe es noch immer Leute, die besessen wären von Gier und Reichtumsakkumulation, „aber wir übrigen werden nicht mehr verpflichtet sein, ihnen Beifall zu spenden und sie zu ermutigen.“ Die allgemeine Haltung würde sein, dass „Habsucht und Geiz ein Laster (...), die Liebe zum Geld verächtlich ist.“ Keynes lag mit seiner Prognose nicht ganz richtig – um es vorsichtig auszudrücken. Der Reichtum der Menschheit hat sich zwar dramatisch vervielfacht und wir haben das Potential zu einem allgemeinen Wohlstand erreicht, aber mit den Möglichkeiten stiegen auch die Bedürfnisse. Wir stehen sogar seit eineinhalb Jahrzehnten vermehrt vor Krisen, die alles zu verschlingen drohen – von der Finanzkrise bis zur Krise zunehmender Ungleichheit. 

Die Fragen, die Keynes umkreiste, sind auch heute noch virulent – um nicht zu sagen, wieder virulenter. Wie können wir eine Wirtschaftsweise etablieren, die Wohlfahrt wachsen lässt und ein gutes Leben ermöglicht? Wieweit muss der Staat die Wirtschaft steuern, um nötige Investitionen aus dem Griff von privaten Investitionsmärkten zu befreien? Wieviel „privat“ können wir uns leisten, wenn wir sehen, dass plötzliche Instabilitäten fatale Auswirkungen auf Einkommen und Kaufkraft haben, sodass es für viele sogar schwierig wird, ihre Wohnungen zu heizen? Und wie geht das alles zusammen mit der Jahrhundertaufgabe des ökologischen Umbaus, um die Klimakatastrophe abzuwenden? Geht das alles? Und wie stellt man sicher, dass ein „starker Staat“ dann nicht zur Quelle von Kommandowirtschaft und Gängelei wird, sondern zum Hüter von menschlicher Freiheit? 

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