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MCP – Der Newsletter #25 im Februar

Liebe Leser:innen,

wie verlockend, so eine angenehm leere Seite vor mir. Doch in mir wirbelt sofort die Vorfreude auf gute Literatur, die mir aus 148 Verlagsvorschauen der Frühjahrsprogramme entgegen gesprungen ist, die ich für euch gedreht, gewendet, gefiltert, gesichtet und die Perlen daraus gesammelt habe. (Für die Statistiker:innen unter euch: 39 Verlage der Kategorie A, 47 Verlage der Kategorie B, 62 Verlage der Kategorie C.) Diese sehr subjektive Sammlung von vielversprechenden Verlagsankündigungen möchte ich heute gern mit euch teilen. So habt ihr auf einen (sehr langen) Blick eine besondere Maria-Mischung, spart euch vielleicht ein bisschen Mühe oder erweitert euren Blick.

Diese Liste hat ganz bestimmt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber sie versammelt erstmal alle Bücher bei deren Ankündigung ich ein inneres und manchmal auch laut ausgerufenes Oh ja gefühlt habe. Ich freue mich auf alle Bücher, die ich übersehen habe und die sich von der Seitenlinie aus in mein Lesejahr schleichen oder unerwartet mit großem Nachdruck darin auftauchen. Sich mit angekündigter Literatur zur befassen, bedeutet auch immer, offen für Überraschungen zu sein. Im Gegensatz zu Lieblingsbuchlisten am Ende eines Lesejahres, ist die Vorfreude-Liste immer nur eine Momentaufnahme und ändert sich fast täglich.

Und weil ich nicht bei jedem Buch unsinnig wiederholend schreiben will, dass mich das Thema, die Sprache oder die Autorin (in seltenen Ausnahmefällen auch der Autor) interessiert, dass ich vielleicht Vorgängerbücher gelesen oder Großartiges über die Originalausgaben gehört habe, dass ich die Übersetzerin so bewundere oder ich einfach allergrößte Lust aufs Entdecken dieser neuen Stimme habe und damit ihr wirklich bequem ein paar objektivere Informationen bekommt, schicke ich euch (Auszüge der) Verlagstexte mit meiner chronologischen Liste und ergänze nur in Ausnahmefällen eigene Anmerkungen als Mariatext erkennbar.

Einschub nach getaner Arbeit: Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen, beim Entdecken und vor allem anderen ganz viel Inspiration, mit der ihr eure ganz persönliche Vorfreude-Liste zusammenstellen könnt. Ich bin für euch durch die Ankündigungen des literarischen Frühjahrs gestreift. So will ich lesen. So würde ich einkaufen. Nehmt die Liste also als Serviceleistung von Herzen und wenn ihr etwas zurückgeben möchtet, denn hierin stecken mehrere Tage (und Nächte) an Arbeit und Literaturliebe, dann freue ich mich, wenn ihr diesen Newsletter mit einer Steady Mitgliedschaft (Abre numa nova janela) unterstützen wollt. Das geht monatlich ab vier Euro und ist eine wirklich wunderbare Hilfe.

Ich freue mich aber auch, wenn ihr den Newsletter empfehlt, weiterleitet, postet oder sonst wie mit emotionalem Goldstaub überzuckert. ♡♡♡

Vor der chronologischen Erscheinungsliste kommt aber noch die allerliebste Liste: die der der Moderations- und Gesprächsvorfreude bis März. In dieser Ausgabe des Newsletters dürfen die Termine mal ganz am Anfang stehen.

Termine im Februar

Nicole Seifert: Einige Herren sagten etwas dazu. Die Autorinnen der Gruppe 47 Kiepenheuer & Witsch 8.2.

Verlagstext: Nicole Seifert erzählt die Geschichte der Gruppe 47 aus einer neuen Perspektive: der der Frauen. Ihr Ergebnis kommt einer Sensation gleich. »Einige Herren sagten etwas dazu« macht es zwingend, die deutsche Gegenwartsliteratur neu zu denken, die literarische Landschaft neu zu ordnen.
Es waren viel mehr Autorinnen bei den berühmt-berüchtigten Treffen der Gruppe 47 als Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger, aber sie sind in Vergessenheit geraten, sie fielen aus der Geschichte heraus - wie sich nun herausstellt, hatte man ihnen oftmals gar nicht erst Zutritt gewährt. Und wurden sie miterzählt, dann nicht als Autorinnen ihrer Texte, sondern als begehrenswerte Körper oder als tragische Wesen. Nicole Seifert erzählt von den Erfahrungen der Autorinnen bei der Gruppe 47, von ihrem Leben in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in der BRD und von ihren Werken. Ein kluges, augenöffnendes Buch, das sofort große Lektürelust entfacht. Schriftstellerinnen wie Gisela Elsner und Gabriele Wohmann müssen neu gelesen, Schriftstellerinnen wie Ruth Rehmann, Helga M. Novak und Barbara König neu entdeckt werden.  Ein ganz neuer Blick auf die Gruppe 47 und die Nachkriegsliteratur, der uns bis in die Gegenwart führt.


Mariatext: Ich freue mich unfassbar, gleich zwei Mal mit Nicole Seifert sprechen zu dürfen: am 6.2. bei mir im Instagram-Livestream um 20 Uhr und am Messedonnerstag, dem 21.3. in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig, den Link schicke ich euch nochmal im März-Newsletter. Dieses Buch ist eine erstaunliche Wucht bewundernswerter Recherche und gleichzeitig so soghaft und verständlich, ja leichtfüßig erzählt, eine große Empfehlung für euch alle.

Diane Oliver: Nachbarn (übersetzt von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg) Aufbau Verlag 22.1.

Verlagstext: Ein Buch, auf das die Welt 60 Jahre warten musste: große Literatur, in der Aktivismus und Poesie in explosiver Weise aufeinandertreffen.
»Nachbarn« ist eines jener seltenen Werke in der Literatur, die ihre Zeit einfangen und ihr doch weit voraus sind. Diane Oliver erkundet darin die sich wandelnden sozialen Umstände: Beäugt von den Nachbarn, fragen sich Ellie und ihre Familie, ob es richtig ist, den kleinen Bruder morgen als einziges Kind auf die Schule der Weißen zu schicken. Ein Paar wird durch rassistische Übergriffe dazu getrieben, im Wald zu leben, und entwickelt eine mörderische Wut. Meg heiratet einen Schwarzen, doch die Liebe fordert über die Grenzen der Hautfarbe ihren Preis. Über allem könnte die Frage stehen: Gibt es einen Unterschied zwischen dem, was für die Gesellschaft am besten ist, und dem, was das Individuum braucht? Oliver geht es immer um beides, um das Politische und das Persönliche, und damit um allgemeingültige Fragen unserer Existenz und unseres Miteinanders.

Mariatext: So eine furiose Wiederentdeckung erfordert einen tieferen Austausch. Es wird also zwei Livestreams und eine Leserunde geben: Am 12.2. spreche ich im Instagram-Livestream mit der Lektorin Nele Holdack und der Künstlerin Benita Bailey, die auch den deutschen Text liest. Danach gibt es eine Leserunde, ihr könnt also in eurem Tempo mitlesen. (Bis zum 7.2. läuft auch noch eine Verlosung des Aufbau Verlages unter meinem Ankündigungspost (Abre numa nova janela).) Am 16. April spreche ich dann im Livestream mit Georgina Fakunmoju und Ameena Quansah über die gemeinsame Lektüre und freue mich auf eure Kommentare und Fragen im Stream.

Jacqueline Kornmüller, illustriert von Kat Menschik in ihrer Reihe der Bibliothek der Lieblingsbücher: Das Haus verlassen Galiani 8.2.

Verlagstext: Eine poetische Geschichte voll leisem Humor über ein altes Feldsteinhaus, das sich nicht so ohne weiteres von seiner Besitzerin trennen möchte. Und über eine Besitzerin, die eigentlich fortgehen will ... 
Es gibt Menschen, die wohnen nicht nur, sondern sie werden von den Eigenarten ihres Hauses magisch angezogen. Sie wollen seine Geschichte erfahren. Sie erforschen, wann das Haus erbaut wurde, wer zuvor darin lebte und wie es dem Haus dabei erging. Für sie ist ein Haus ein geheimnisvolles Wesen, das sich nicht jedem öffnet. So geht es auch der Erzählerin dieser Geschichte, als sie ein vereinsamtes kleines Feldsteinhaus auf dem Lande bezieht. Während die raubeinige Dorfgemeinschaft sie für ihre Bruchbude belächelt, beginnt sie, das 140 Jahre alte Haus wieder zum Leben zu erwecken - vom Dachboden bis zum Kellergewölbe, vom verwilderten Gemüsegarten bis zu den uralten Obstbäumen. Doch manchmal kommt dann ein Zeitpunkt, da möchte man zu neuen Ufern aufbrechen. Als die Erzählerin nach zehn Jahren beschließt, ihr Haus zu verkaufen, muss sie feststellen: Man kann auch eine Haus-Beziehung nicht so einfach auflösen. Denn das Haus benimmt sich unerwartet widerspenstig und fremdelt, als sich die Bewerber die Klinke in die Hand geben.

Mariatext: Ich freue mich unsagbar, dass ich am 13.2. um 19 Uhr im Literaturhaus Berlin (Abre numa nova janela)die Buchpremiere moderieren und mit den beiden über lieb gewonnene Häuser, Kunst und Theater und die Liebe zur Literatur sprechen darf.


Alina Herbing: Tiere vor denen man Angst haben muss Arche Verlag 14.2.

Verlagstext: Der Herbst setzt ein, und Madeleine friert. In ihrem Zimmer steht ein qualmender Ofen, doch meist muss sie sich mit einer Wärmflasche begnügen. Madeleine lebt mit ihrer Schwester Ronja und ihrer Mutter auf einem maroden Hof im Norden Mecklenburgs. Als die Familie kurz nach der Wende von Lübeck hierherzog, erfüllte sich die Mutter ihren Traum vom antikapitalistischen Leben auf dem Land. Erst ging der Vater, dann die Brüder, nun bevölkern zahlreiche Tiere das Haus, denen die Mutter all ihre Zuwendung schenkt. Während Madeleine ihre Träume im Quelle-Katalog ankreuzt und auf das wartet, was andere die beste Zeit des Lebens nennen, bleibt den Mädchen immer weniger Raum zum Leben. Wie soll Madeleine das Haus und die Familie zusammenhalten, wenn ihre Mutter ständig weg ist und Tiere und Pflanzen
durch alle Ritzen dringen? Und wie soll sie so den Weg in eine selbstbestimmte Zukunft finden?

Mariatext: Ihr kennt dieses Knistern, wenn man einen Text liest und ihn unbedingt im Gespräch mit der Autorin noch tiefer befragen will, weil er so viel in Schwingung versetzt, so viel auslöst, einen nicht loslässt? So ein Glücksfall liegt hier vor. Am 22.2. um 20 Uhr spreche ich mit Alina Herbing im Instagram-Livestream.

Simone Meier: Die Entflammten Kein + Aber 29.2.

Verlagstext: Jo und Gina: Zwei Frauen, zwei Epochen - ein rauschhafter Roman über die Liebe und die Kunst. Frankreich und Holland um 1900. Die junge Jo van Gogh-Bonger verliert ihren geliebten Mann Theo an die Syphilis. Kurz zuvor hat sich Theos Bruder Vincent van Gogh erschossen. Jo bleibt nichts als ein Baby und Hunderte Bilder des noch unbekannten Malers. Sie beschließt, Vincent weltberühmt zu machen, und setzt damit eine gigantische Erfolgsstory in Gang. Über hundert Jahre später stößt die Kunsthistorikerin Gina auf Jos Geschichte. Und Jo nimmt sie mit in eine Welt voller Menschen, die besessen sind: von der Liebe, der Kunst und von Visionen. Ginas Vater ist Schriftsteller und versucht seit zwanzig Jahren erfolglos, sein zweites Buch zu schreiben. An seiner Seite wird Ginas Faszination für Jo selbst zu einem rauschhaften Roman über eine kurze, aber folgenreiche Liebe. Und über zwei Familiengeschichten im Zeichen der Kunst.

Mariatext: Jo van Gogh-Bonger! Ohne diese Frau wäre Vincent van Gogh nie berühmt geworden. Wir sprechen über Kunst und Recherche. Über Geschichte und gute Geschichten. Im Instagram-Livestream mit Simone Meier am 28.2. um 20 Uhr. Ich freue mich so sehr darauf!


Termine im März 1

Für den März kündigen sich in aller Kürze erstmal gute Bekannte an. Lieb gewonnene Literatur aus 2023 und Bücher, die fürs Leben bleiben.

Ich moderiere:

Simone Scharbert: Rosa in Grau bei der Salon-Lesung der Agentur-Gegensätze (Abre numa nova janela)in Königstein im Taunus am 2.3. um 19:30 Uhr.

Jarka Kubsova: Marschlande beim Literaturfestival lesen.hören (Abre numa nova janela) in der Alten Feuerwache in Mannheim am 3.3. um 18 Uhr.

Elena Fischer & Caroline Wahl. Ich spreche mit den beiden Autorinnen über ihre Debütromane aus dem vergangenen Jahr: Paradise Garden und 22 Bahnen. Bei der lit.COLOGNE (Abre numa nova janela) am 12.3. um 19:30 Uhr.

Termine im März 2

Und weiter gehts im März mit druckfrischer Literatur:

Laura Lichtblau: Sund C.H. Beck 15.2.

Verlagstext: Am Sund angekommen, ahnt die Erzählerin nicht, welche Geheimnisse die Gegend birgt. Von der nahegelegenen Insel Lykke schwappen nachts seltsame Gesänge über das Wasser ans menschenleere Festland - oder ist das nur Einbildung? Als sich das Eintreffen ihrer Geliebten weiter verzögert und die Erzählerin sich zunehmend in Fantasien verstrickt, beschließt sie, allein nach Lykke aufzubrechen. Auf der Insel merkt sie schnell, dass dort trotz des vermeintlichen Idylls etwas nicht stimmt. Die Menschen sind verschlossen, bestimmte Fragen dürfen nicht gestellt werden, und Besuch sollte besser bald wieder verschwinden. Doch die Erzählerin bleibt und findet heraus, dass dieser Ort einst Schauplatz von Zwangssterilisationen war. Plötzlich beginnt sich die düstere Geschichte der Insel mit ihrer eigenen Familiengeschichte um den Urgroßvater, der sich im Nationalsozialismus für rassenhygienische Maßnahmen stark machte, zu verschränken. «Sund» ist der entschlossene Versuch einer Geisteraustreibung, der ebenso frei und unangepasst voranschreitet wie seine Erzählerin selbst. Laura Lichtblau umkreist in ihrem zweiten Roman Lücken, wie sie nach dem Krieg in vielen deutschen Familien geschaffen wurden.

Mariatext: Auch Laura Lichtblaus neues Buch hat mich sofort in den Bann gezogen. Ich werde die Autorin im Instagram-Livestream treffen, damit wir über diesen großartigen Roman sprechen und daraus hören können. Am 7.3. um 20 Uhr.

Wir kommen. Kollektivroman von Liquid Center. LIQUID CENTER ist ein feministisches Literaturkollektiv, bestehend aus den Autorinnen Verena Güntner, Elisabeth R. Hager und Julia Wolf. Ziel ihrer Zusammenarbeit ist die Erhöhung der Sichtbarkeit feministischer Fragestellungen in der zeitgenössischen Literatur. LIQUID CENTER arbeiten interdisziplinär, dereguliert und in flüssigen Konstellationen. DuMont 13.3.

Verlagstext: Was passiert, wenn 18 Autor*innen aus mehreren Generationen sich gemeinsam über Sexualität und Begehren austauschen? Was, wenn sie dabei anonym bleiben? In einem einzigartigen Experiment verbindet >WIR KOMMEN< die Stimmen von Autor*innen verschiedener Identitäten und Herkünfte zu einem kollektiven Roman. Wir halten uns für aufgeklärt, offen und frei, doch wenn es um die eigene Lust geht, verstummen besonders Frauen und nicht-männlich gelesene Personen sehr schnell. Zu schambesetzt, zu potenziell gefährlich scheint das Thema. Dies gilt vor allem für nicht mehr junge Frauen. Die Mitglieder der Gruppe LIQUID CENTER setzen dieser Sprachlosigkeit den Kollektivroman WIR KOMMEN entgegen. Sie haben 15 Autor*innen verschiedenen Alters eingeladen, sich im Schutz der Anonymität schreibend zusammen mit ihnen über die Ausdrucksformen weiblichen Begehrens auszutauschen. So ist ein einzigartiger Kollektivroman entstanden, der gesellschaftlich verdrängte Facetten weiblicher und queerer Sexualität sichtbar macht.
Die Autor*innen: Lene Albrecht · Ulrike Draesner · Sirka Elspaß · Erica Fischer · Olga Grjasnowa · Simoné Goldschmidt-Lechner (sgl) · Verena Güntner · Elisabeth R. Hager · Kim de l'Horizon · I.V. Nuss · Maxi Obexer · Yade Yasemin Önder · Caca Savic · Sabine Scholl · Clara Umbach · Julia Wolf · und zwei Autor*innen, die anonym bleiben wollen.

Mariatext: Mit den Autorinnen Verena Güntner, Elisabeth R. Hager und Julia Wolf werde ich über Liquid Center sprechen und über diesen besonderen Kollektivroman, über weibliches Begehren und die literarischen Formen der Lust. Im Instagram-Livestream am 14.3. um 20 Uhr.

Gabriele von Arnim: Liebe Enkel oder Die Kunst der Zuversicht Kjona Verlag 18.3.

Verlagstext: »Es gehört zum Wesen der Hoffnung, dass sie enttäuscht werden kann, sonst wäre sie ja Zuversicht«, schrieb Ernst Bloch. Aber wie bleiben oder werden wir zuversichtlich in diesen fragilen Zeiten? Mit Neugier und Herzglut macht Gabriele von Arnim sich auf die Suche. Denn sie ist überzeugt davon, dass wir Zuversicht brauchen, weil sonst Chaos und Stillstand zugleich herrschen würden. Die Kunst der Zuversicht, sagt sie, kann, nein muss man üben. Wie das gelingt, verrät Gabriele von Arnim ihren Enkeln und uns allen in diesem zuversichtlichen Buch.


Mariatext: Ich freue mich wirklich so sehr, große Ehre, tiefstes Vergnügen! Ich darf Gabriele von Arnims Buchpremiere moderieren, am 19.3. um 20 Uhr im ocelot (Abre numa nova janela).

Zum letzten Buch gibt es gleich zwei Livestreams. Mit der Programmleiterin Heide Kloth von Diogenes spreche ich über die neue Reihe Tapir (Abre numa nova janela). Diese Bücher über Natur und Kultur sollen wach und gelassen machen und sind damit wohl genau das, was wir jetzt brauchen und lesen sollen. Wie etabliert man eine neue Buchreihe in so einem traditionsreichen Verlagshaus. Was für Gedanken stehen dahinter, was für Freuden und Herausforderungen? Worauf dürfen wir uns freuen im ersten Tapir-Programm? Und in näherer Zukunft? Ich spreche mit der Frau, die es wissen muss. Im Instagram-Livestream am 25.3. um 20 Uhr.

Und über mein allererstes Lieblingsbuch aus dieser Reihe darf ich gleich einen Abend später sprechen: Über Anaïs Barbeau-Lavalette: Sie und der Wald (übersetzt von Anabelle Marthe Assaf) Diogenes 20.3.

Verlagstext: Zwei Paare und fünf Kinder in einem alten Haus mitten im kanadischen Wald. Die Pandemie hat sie aus der Großstadt vertrieben, und sie lernen in der Wildnis eine neue Sprache: die der Schmetterlinge, des Farns, der Nattern und der Bäume. Anaïs, die Erzählerin, kennt diesen Ort seit ihrer Kindheit, Erinnerungen und Geschichten umschwirren sie. In einem Moment der existenziellen Verunsicherung schöpft sie Kraft aus der ungestümen, lebendigen Schönheit der Natur und bahnt sich neue Wege - als Mutter, als Künstlerin, als Liebende, als Frau.

Mariatext: Ich habe Sie und der Wald von der ersten Seite an geliebt: Ich will jetzt Glühwürmchen sehen und mit Bibern schwimmen ... Ich habe das alles vor mir gesehen, gerochen, gefühlt. Dieses Buch hat sich mit seiner ungeahnten Intensität sofort und für immer in mir verwurzelt. — So habe ich es an den Verlag geschickt, im letzten Sommer für die Vorschau. Ich freue mich so sehr, dass ich am 26.3. um 20 Uhr im Instagram-Livestream mit der Übersetzerin Anabelle Marthe Assaf über ihre Übersetzungsarbeit, über Anaïs Barbeau-Lavalette und ihr Schreiben und über diesen großartigen Text sprechen darf.

Neu im Januar

Lucie Sophie Herken: Hallo Nacht 360 Grad Verlag 10.1.

Verlagtext: Wie sieht sie aus, die Nacht? Hat sie Freunde? Wer sind ihre Freunde? Wovon träumt die Nacht? Wovor hat sie Angst? Die Nacht scheint finster und unnahbar. Sie sorgt für Dunkelheit und bringt den Schlaf. Sie spielt mit Schattenrissen, läßt Geister und Gespenster leben und Sterne leuchten. Doch wie sieht sie aus, die Nacht? Hat sie Sommersprossen und kuschlige Ohren? Kann sie lächeln? Hat sie flauschige Ohren wie ein Hase? Ein wunderschön illustriertes Buch über die Nacht, die Dunkelheit, Sterne und Träume. Es erzählt von einem neugierigen Mädchen und deren Fragen an die Nacht und zeigt, dass es manchmal gar keine Worte braucht, um andere zu verstehen. Eine faszinierende Bilderbuchreise. Ein Buch für die Zeit vor dem Einschlafen und Träumen. Ein Gute-Nacht-Buch mit Leuchteffekt. Für alle, die noch einen Moment Zeit haben vor dem Einschlafen und Träumen.

Pauline Pete: Lieblingspulli Kunstanstifter 22.1.

Verlagstext: In ihrem ersten eigenen Bilderbuchwerk erzählt Pauline Pete in wenigen Worten und großartigen Bildern von einer besonderen Beziehung eines Mädchens zu seiner
Großmutter.
Die beiden unternehmen gemeinsam eine Heißluftballonfahrt, gehen ins Museum und in die Stadt bummeln. Doch auch wenn das Mädchen allein unterwegs ist, denkt sie
an ihre Oma, wenn sie den selbstgestrickten Pulli trägt. Er steht für die enge und glückliche Bindung der beiden und spendet ihr Trost, als ein schwieriger Abschied ansteht.
Der Lieblingspulli wird gemeinsam mit all den schönen Kindheitserinnerungen viele Jahre bis ins Erwachsenenalter liebevoll von ihr aufbewahrt, bis sie ihn eines Tages weitergibt, auf dass ihr Sohn darin dieselbe Geborgenheit spüren und seine eigenen Erinnerungen und Abenteuer sammeln kann.

Mariatext: Pauline Pete! Die großartige Illustratorin von Clara Schaksmeiers wunderbarem Buch: Heute geh ich in die Schule.

Dilek Güngör: A wie Ada Verbrecher Verlag 31.1.

Verlagstext: In der Sprache ihrer Eltern heißt Ada Insel. Ada denkt, auch sie wäre eine einsame Insel. Der Umgang mit anderen Menschen ist ihr oft unangenehm; wann sie sich wie verhalten soll, kann sie schwer einschätzen. Ada will geliebt werden, nicht von allen, unbedingt aber von den anderen.
Poetisch und humorvoll erkundet Dilek Güngör in »A wie Ada« die Beziehungen ihrer Protagonistin, angefangen bei deren Kindergarten- und Schulfreundschaften bis hin zu ihren eigenen Kindern und ihrem Mann. In Miniaturen lernen wir eine stolze wie auch verletzliche Frau kennen, deren zwiespältige Sehnsucht nach Innigkeit und Verbundenheit niemandem fremd ist.

Mariatext: Liebe für Dilek Güngörs ruhigen und gleichzeitig intensiven literarischen Blick.

Alice Walker: Blüten Sammeln unter Feuer (übersetzt von Cornelia Holfelder-Von Der Tann, hrsg. Valerie Boyd) Ecco Verlag 23.1.

Verlagstext: Von ihrer armutsgeprägten Kindheit im ländlichen Georgia bis hin zu ihrem Aufstieg zu einer feministischen Vordenkerin blieb die gefeierte Dichterin und Schriftstellerin Alice Walker eine gewissenhafte Aufzeichnerin. Ihr weitverzweigtes Leben hat sie über einen Zeitraum von rund 50 Jahren in mehr als 65 Tagebüchern und Notizbüchern festgehalten. Blüten sammeln unter Feuer zeichnet ihre Entwicklung als Künstlerin, Menschenrechtsaktivistin und Intellektuelle nach, erzählt von beeindruckenden Momenten afroamerikanischer Geschichte. Das Persönliche verwebt sich in dieser Chronik eines beeindruckenden Lebens auf so vielschichtige wie aufschlussreiche Weise mit dem Politischen.

Mariatext: Die Autorin von Die Farbe Lila, über 700 Seiten ihrer Tagebücher zwischen den Jahren 1965 und 2000.

Lene Albrecht: Weiße Flecken Aufbau Verlag 24.1.

Verlagstext: Eine junge Frau reist nach Togo, im Gepäck ein Aufnahmegerät und den Auftrag, zu Flucht- und Migrationsursachen zu forschen. Vor Ort trifft sie Menschen, die ihr von sich erzählen: eine Schneiderin, die ihrer Abschiebung aus Deutschland zuvorkam, einen jungen Mann, der mit seinem Dienst im Waisenhaus hadert, und den Bibliothekar, der sie aufmerksam macht auf die Europäerinnen und Europäer, die wie Gespenster das Land bevölkern. Immer mehr zweifelt sie ihre Rolle im Land an und beginnt, sich mit ihrer eigenen Familie auseinanderzusetzen: Warum ging ein Onkel nach Nigeria und wurde dort vermögend? Warum brachte ihr Ur-Urgroßvater nur eines seiner drei Kinder aus Panama nach Deutschland? Warum weiß sie so wenig über ihre Urgroßmutter Benedetta? Lene Albrecht erzählt in ihrem Roman »Weiße Flecken« von der Suche nach ihrer Ur-Großmutter und begegnet dabei der eigenen Unsicherheit, der eigenen Verantwortung.

Janet Frame: Ein Engel an meiner Tafel (übersetzt von Lilian Faschinger) C.H. Beck Verlag 25.1.

Verlagstext: Janet Frames autogiographischer Roman erzählt die Lebensgeschichte einer der eigenwilligsten Autorinnen der Weltliteratur. Die junge Janet Frame wächst unter ärmlichen und tragischen Umständen an der Küste Neuseelands auf: ihr Bruder erkrankt an Epilepsie, und ihre beiden Schwestern ertrinken bei Badeausflügen. Nach einem Selbstmordversuch in die Psychiatrie eingeliefert, rettet die junge Autorin nur wenige Tage vor einer geplanten Hirnoperation ein Literaturpreis, und sie wird nach acht Jahren entlassen. «Ein Engel an meiner Tafel» liefert den Beweis für die lebensspendende Kraft der Literatur, erzählt von einer Autorin, die ihr Leben dem Schreiben widmete und bis zum Ende daraus Kraft schöpfte. Frames Autobiographie gehört zu den bedeutendsten Beispielen für dieses Genre im 20. Jahrhundert. Kongenial von Jane Campion verfilmt, ist dies ein bewegendes und sprachmächtiges Meisterwerk der modernen Literatur. Janet Frame zählte zu den Anwärterinnen für den Literaturnobelpreis.

Mariatext: Für Menschen wie mich ist diese Neuauflage scheinbar gemacht. Den Film nicht gesehen, das Buch nie gelesen. Jetzt ist die Zeit dafür. Habt ihr mein Herz gehört, wie es Purzelbäume schlägt vor Neugier?!

Neu im Februar

Slata Roschal: Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten Claassen Verlag 1.2.

Verlagstext: Eine Frau, die hat, was nach gängigen Kategorien eine geglückte Biographie ausmacht, sitzt in einem Hotelzimmer und denkt darüber nach, alles hinter sich zu lassen: ihren Mann, ihre Kinder, ihre Existenz, möglicherweise ihr Leben insgesamt. Zerrissen von einer unbestimmten Unzufriedenheit, getrieben von Überforderung nimmt sie einen Übersetzungsauftrag an, der alles verändert. Historische Briefe von deutschen Auswanderern zerschmettern ihr Hotel-Vakuum und im Austauch mit fremden Toten, mit unerwarteten Wegen stellt sich die Frage nach dem guten Leben überraschend anders.

Mariatext: Slata Rochal hat schon im letzten Jahr für ihr Debüt 153 Formen des Nichtseins den Bücherfrauen Literaturpreis Christine bekommen. Dieses Buch … wow!

Scholastique Mukasonga: Kibogos Himmelfahrt (übersetzt von Jan Schönherr) Claassen Verlag 1.2.

Verlagstext: Ein moderner Mythos, die literarische Karambolage all der konkurrierenden Geschichten in einem kolonisierten Land! Von Kibogo erzählt man sich in der Nacht am Feuer hinter vorgehaltener Hand. Leise lauscht man dem Geschichtenerzähler, der die Legenden der alten Hügel webt und der die verbotenen Geschichten noch zu erzählen weiß. Die, die Kirchenmissionare mit allen Mitteln auslöschen wollten. Dann aber verliert ein forscher Priester sein Amt, weil er die Evangelien mit dem Märtyrertod des Ruanders Kibogo aufmischt. Und in der kleinen ruandischen Gemeinschaft am Fuß eines himmelshohen Felsen kommt es zu einem Kampf um die Deutungshoheit über Kult, Mythos und Legende. In vier kunstvoll verwobenen Teilen erzählt die ruandisch-französische Autorin Scholastique Mukasonga feinsinnig, üppig und zugleich faszinierend bodenständig von den Wechselbeziehungen des alten ruandischen Glaubens mit dem Christentum sowie seinen Sendboten, den europäischen Missionaren.  

Paula Fürstenberg: Weltalltage Kiepenheuer & Witsch 8.2.

Verlagstext: Sie sind beste Freunde seit der Schulzeit. Jetzt, mit Anfang dreißig, teilen sie sich eine Wohnung. Max ist Architekt, sie ist Schriftstellerin und seit ihrer Kindheit chronisch krank. Immer wieder wird sie von heftigen Schwindelanfällen heimgesucht und ist auf Max angewiesen. Er ist der Gesunde, sie die Kranke. So war es schon immer. Doch dann erfährt Max vom Tod seines Onkels, und in ihm wächst eine Finsternis. Er muss ins Krankenhaus. Mit einem Mal gerät alles ins Wanken. Was der Schriftstellerin im aufkommenden Freundschaftskummer hilft, ist das Schreiben, das versuchsweise Ordnen der Vergangenheit in Listenform. Also erzählt sie ihre Geschichte, und damit auch die von Max, von der Nachwendekindheit im Osten bis in die schwankende Gegenwart. Sie denkt über die gesellschaftlichen Verhältnisse nach, die sie zu denen haben werden lassen, die sie sind, über das Kranksein – und die Sprache der Körper. Doch durch Denken und Schreiben allein lässt sich einem Kummer nicht beikommen. Dafür muss sie aufstehen und tanzen gehen, muss sie loslassen und alles vergessen. Ein paar Stunden nur, ein paar Tage. Und dann steht Max plötzlich wieder in der Tür …

Mariatext: Auf dieses Buch warte ich seit ihr Debüt Familie der geflügelten Tiger 2016 erschien.

Sofi Oksanen: Putins Krieg gegen die Frauen (übersetzt von Angela Plöger und Maximilian Murmann) Kiepenheuer & Witsch 8.2.

Verlagstext: Der russische Angriffskrieg in der Ukraine ist in hohem Maße ein Geschlechterkrieg: Russland setzt sexuelle Gewalt in der Ukraine als Waffe ein, aber Frauenfeindlichkeit ist auch ein Instrument der internen Zentralisierung der Macht in Russland. Und sie ist ein Werkzeug des Imperialsimus. Das Grauen, das Familien des Baltikums bereits  einmal erleben mussten und das bis heute Wunden in den Familien hinterlassen hat, Deportationen, Besetzungen, Terror, Folter, Nazibeschuldigungen, Vergewaltigung, wiederholt sich, aber wie nie zuor können Kriegsverbrechen dokumentiert werden, weil Journalistinnen, Richterinnen, Staatsanwältinnen und Anwältinnen beteiligt sind. Die Hoffnung besteht, dass die Straffreiheit Russlands ein Ende haben wird.In diesem sorgfältig recherchierten Essay zeigt sich Sofi Oksanen erneut als absolute Kennerin Russlands, seiner Geschichte und seiner strategischen Frauenfeindlichkeit.

Xita Rubert: Die Unordentlichen (übersetzt von Friedrike von Criegern) Berenberg 15.2.

Verlagstext: Ein Coming-of-Age-Roman aus der morschen Welt der feinen Leute, geschrieben wie von einer jugendlichen Virginia Woolf. Eine junge Frau reist mit ihrem alten Vater zu einer Preisverleihung, bei der das spanische Königpaar dabei sein wird. Preis träger ist Mr Kopp aus England, reich, exzentrisch, frivoler Studienfreund des Vaters und, wie dieser, ein berühmter Wissenschaftler am Ende seiner Karriere, wo alten Männern dicke Preise winken. Mit dabei: seine strenge Frau, Sonya, die junge Frauen für eine beklagenswerte Laune der Natur hält. Und Bertrand. Sohn? Künstler? Total Verrückter, der Grand Hotels und öffentliche Feierstunden zum Schauplatz haarsträubender Auftritte macht? Abstoßend und faszinierend für Virginia, deren Leben nach dieser Begegnung mit den Spiegelbildern ihrer selbst und ihres alten Vaters, am Ende ihrer Jugend, für immer verändert sein wird.

Mariatext: Ein Debütroman, von dem ich glaube, dass ich ihn entweder sehr lieben oder überhaupt nicht verstehen werde. Bin so, so gespannt.

Valerie Fritsch: Zitronen Suhrkamp 12.2.

Verlagstext: August Drach wächst in einem Haus am Dorfrand auf, das Hölle und Paradies zugleich ist. Der Vater, von sich und dem Leben enttäuscht, misshandelt seinen Sohn, Zärtlichkeit hat er nur für die Hunde übrig. Trost findet August bei seiner Mutter, die ihn liebevoll umsorgt. Doch als der Vater die Familie verlässt, verwandelt sich die Zuwendung der Mutter: Sie mischt August heimlich Medikamente ins Essen, schwächt das Kind, macht es krank; von seiner Pflege verspricht sie sich Aufmerksamkeit und Bewunderung. Erst Jahre später gelingt es August, sich aus den Fängen der Mutter zu befreien, ein unabhängiges Leben zu führen, erste Liebe zu erfahren. Doch wie lernt ein erwachsener Mensch, das Rätsel einer Kindheit zu lösen, in der Grausamkeit und Liebe untrennbar zusammengehören? Wie durchbricht er den Kreislauf von Lügen und Betrügen? Und was passiert, wenn sich dieser Mensch, Jahre später, an den Ursprung des Schmerzes zurückwagt?

Mariatext: Seit den Herzklappen von Johnson & Johnson wünsche ich mir, dass Valerie Fritsch nochmal über Schmerz schreibt.

Maggie Millner: Paare (übersetzt von Eva Bonné) Klett Cotta 14.2

Verlagstext: Eine Frau lebt ein gewöhnliches Leben in Brooklyn. Sie hat einen Freund. Eine Katze. Schreibt Gedichte. Und träumt: Von Verführung, Lust und Unterwerfung. Ihre Paarbeziehung hält diesen Sehnsüchten nicht stand. Als sie eines Nachts in einer Bar eine Frau kennenlernt, streift sie ihr altes Leben ab und taucht ein in eine aufregende, obsessive neue Liebe. Doch wer ist dieses neue Ich, das sich mitreißen lässt und keinen Halt mehr findet? Und woher weiß man, ob dieses neue Leben wirklich besser zu einem passt als das zurückgelassene? Maggie Millners fesselndes, verführerisches Debüt beschreibt die Zwänge, Strukturen und Fallstricke von Beziehungen, und erkundet zwischen Lyrik und Prosa die Möglichkeiten reeller und literarischer Transformation. 

Mariatext: Auch bisschen ins Cover verknallt, geb ich ja zu.

Han Kang: Griechischstunden (übersetzt von Ki-Hyang Lee) Aufbau Verlag, 14.2.

Verlagstext: »Griechischstunden« erzählt die Geschichte zweier gewöhnlicher Menschen, die sich in einem Moment privater Angst begegnen. 
In einem Klassenzimmer in Seoul beobachtet eine junge Frau ihren Griechischlehrer. Sie versucht, zu sprechen, aber sie hat ihre Stimme verloren. Ihr Lehrer fühlt sich zu der stummen Frau hingezogen, denn er verliert von Tag zu Tag mehr von seinem Augenlicht. Bald entdecken die beiden, dass ein tiefer Schmerz sie verbindet. Sie hat in nur wenigen Monaten sowohl ihre Mutter als auch den Kampf um das Sorgerecht für ihren neunjährigen Sohn verloren. Für ihn ist es der Schmerz, zwischen Korea und Deutschland aufzuwachsen, zwischen zwei Kulturen und Sprachen hin- und hergerissen zu sein. 
Langsam entdecken die beiden ein tiefes Gefühl der Einheit, und ihre Stimmen überschneiden sich mit verblüffender Schönheit.

Nora Krug: Im Krieg. Zwei illustrierte Tagebücher aus Kiew und St. Petersburg (übersetzt von Alexander Weber und Nora Krug) Penguin, 14.2.

Verlagstext: Wenige Tage nach der russischen Invasion der Ukraine hat Nora Krug Kontakt aufgenommen zu zwei Menschen in Kiew und Sankt Petersburg, die ihr in wöchentlichen Gesprächen berichten, was der Krieg für sie bedeutet. Wie sie mit ihren Kindern darüber sprechen, mit Freunden und Fremden, ob sie arbeiten können und wie sie leben. Was es heißt, wenn die Heimat zerstört wird. Und wie es sich anfühlt, wenn sie einem genommen wird, weil die eigenen Überzeugungen nicht mit dem Krieg, den das Heimatland führt, vereinbar sind. Nora Krug hat 52 Wochen lang die Berichte gesammelt und illustriert. Auszüge aus den visuellen Tagebüchern wurden u.a. in Süddeutscher Zeitung und L.A. Times veröffentlicht. Dieses Buch umfasst das ganze erste Kriegsjahr. Das erste Jahr eines Krieges, von dem die Welt dachte, er würde keine sechs Tage dauern.

Mariatext: Hattet ihr auch oben beim Buch von Sofi Oksanen diesen Impuls: S*it, stimmt, dieser Krieg ist ja (auch) noch!? Deshalb brauchen wir mehr solcher Bücher.

Lyndsey Stonebridge: Wir sind frei, die Welt zu verändern (übersetzt von Frank Lachmann) C.H. Beck 15.2.

Verlagstext: Dieses Buch bringt uns die Hannah Arendt nahe, die wir für das 21. Jahrhundert brauchen. Es erzählt, wie die charismatische Philosophin zu ihrem eigenen, sehr besonderen Denken kam, und erklärt, wie wir denken sollten, wenn unsere Politik aus den Fugen gerät. Mit Leidenschaft und brillanter Expertise beleuchtet Lyndsey Stonebridge Arendts Leben und Werk, bringt sie in einen Dialog mit unserer unruhigen Gegenwart – und fordert uns dazu auf, so zu denken, wie Hannah Arendt: unerschütterlich, liebevoll und trotzig.

Mariatext: Der Untertitel Hannah Arendt Lektionen in Liebe und Ungehorsam hatte mich schon. Außerdem ist literarisches Rüstzeug mein liebstes.

Barbara Kingsolver: Demon Copperhead (übersetzt von Dirk van Gunsteren) dtv 15.2.

Verlagstext: Ein Trailer in den Wäldern Virginias. Das Land der Tabakfarmer und Schwarzbrenner, der Hillbilly-Cadillac-Stoßstangenaufkleber an rostigen Pickups, aufgegeben von sämtlichen Superhelden und dem Rest der Nation. Hier kommt Demon Copperhead zur Welt – die Mutter ist noch ein Teenie und frisch auf Entzug, der Vater tot. Ein Junge mit kupferroten Haaren, großer Klappe und einem zähen Überlebenswillen, bei allem, was das Leben für ihn bereithält: Armut, Pflegefamilien, Drogensucht, erste Liebe und unermesslichen Verlust. Es ist seine Geschichte, erzählt in seinen Worten, unbekümmert, vorwitzig, von übersprudelnder Lebenskraft. Ein mitreißender Roman über ein Leben auf Messers Schneide, in dem in jedem Moment Hoffnung aufscheint. 

Montserrat Roig: Die Frauen vom Café Nuria (übersetzt von Kirsten Brandt und Ursula Bachhausen) Verlag Antje Kunstmann 15.2.

Verlagstext: Mundeta ist eine Dame der höheren Gesellschaft von Barcelona im Fin de Siècle; ihre Tage bestehen aus Spaziergängen, Opernbesuchen, Diners und der Lektüre von Heiligenbiografien – nur ihrem Tagebuch vertraut sie ihre Träume von Freiheit, fernen Ländern und einer Liebe auf Augenhöhe an. Nach dem Tod ihres Mannes trifft sie zusammen mit ihrer Tochter jede Woche ihre Freundinnen Kati, Sixta und Patrícia im Café Nuria. Es sind die Dreißigerjahre und Spanien ist im Bürgerkrieg. Die Bewunderung ihrer erwachsenen Tochter gilt vor allem Kati, der Anarchistin und Anhängerin der Republik. Doch sie selbst ist in einer Vernunftehe gefangen, aus der es keinen Ausweg gibt. Zwanzig Jahre später schließt sich deren Tochter einer Gruppe von Studierenden an, die im Widerstand gegen das Franco-Regime aktiv sind und auch gegen verkrustete gesellschaftliche Konventionen kämpfen. Sie verliebt sich in Jordi und muss feststellen, dass die Freiheiten, die die Männer für sich in Anspruch nehmen, für Frauen noch lange nicht gelten. Anders als ihre Mutter und Großmutter will sie sich damit nicht abfinden – und trifft eine Entscheidung, die ihr Leben und das ihrer Familie für immer verändern wird.

Mariatext: Ich hab schon nach den ersten Seiten gewusst, dass ich alle Bände dieser Barcelona-Trilogie lesen möchte.

Judith Koelemeijer: Mit dem ganzen Herzen. Das furchtlose Leben der Etty Hillesum 1914 - 1943 (übersetzt von Simone Schroth) C.H. Beck 15.2.

Verlagstext: Etty Hillesum ist mit ihren Tagebüchern und Briefen weltberühmt geworden. Freimütig berichtet sie darin von ihren Liebesbeziehungen, Lektüren und Träumen – und zu Herzen gehend von der Vernichtung der Juden. Aber wer war Etty Hillesum wirklich? Judith Koelemeijer erzählt auf der Grundlage zahlreicher bisher unbekannter Dokumente das viel zu kurze, intensive Leben der jungen Jüdin, die sich keine Grenzen setzen lassen wollte, nicht in der Liebe, nicht im Denken und auch nicht in ihrem Willen, das Schicksal ihres Volkes zu teilen.

Mariatext: Etty Hillesums Texte bedeuten mir so unfassbar viel, Das denkende Herz ist eines meiner Lebensbücher.

Meri Valkama: Deine Margot (übersetzt von Angela Plöger) Frankfurter Verlagsanstalt 16.2.

Verlagstext: Der finnische Journalist Markus Siltanen zieht Anfang der 1980er Jahre mit seiner Familie von Helsinki nach Ostberlin, um dort für seine linksgerichtete Zeitung als Auslandskorrespondent zu arbeiten. Vilja, seine Tochter, verbringt ihre Kindheit in der geteilten Stadt, bis die Familie überstürzt nach Finnland zurückkehrt. Mit der Zeit lösen sich Viljas Erinnerungen an ihre Kindheit in Ostberlin auf, ähnlich wie das Land selbst. Jahre später findet Vilja nach dem Tod ihres Vaters ein verstörendes Konvolut von Briefen, unterzeichnet von einer mysteriösen Berlinerin mit dem Decknamen »Margot«, mit der ihr Vater eine leidenschaftliche Liebesbeziehung hatte. Vilja erkennt sich in dem »Kastanie« genannten Kind wieder, das in einer engeren Beziehung mit Margot gelebt haben musste. Aber welche? Und was wird verborgen? Vilja beschließt, die Unbekannte aufzuspüren, und reist nach 30 Jahren erstmals wieder nach Berlin, um Antworten zu finden. Die nach der Wende verwandelte Stadt bringt verschüttete Erinnerungen ans Licht, aber das Wichtigste scheint zu fehlen. Die spannungsgeladene Suche nach Margot reißt alle Gewissheiten ein und stellt infrage, was sie über Eltern und Kindheit zu wissen glaubte.

Eva Lindner: Mutter ohne Kind Klett Cotta 17.2.

Verlagstext: Eine Fehlgeburt ist die häufigste Schwangerschaftskomplikation. Statistisch gesehen kennt jede Person mindestens eine Frau, die während der Schwangerschaft eine Fehlgeburt erlebt hat – oder noch erleben wird. Warum kommt den meisten Betroffenen ihr Verlust dennoch wie ein katastrophaler Einzelfall vor? Die Journalistin Eva Lindner gibt Antwort: Weil wir nicht darüber sprechen. Fehlgeburten zählen zu den letzten Tabus in unserer Gesellschaft. Die Folge sind eine dürftige Studienlage, kaum Forschungsgelder, mangelnde medizinische Betreuung und fehlender rechtlicher Schutz für die Betroffenen. In ihrem Buch gibt Eva Lindner ihnen eine Stimme. Sie spricht mit langjährigen Hebammen, Gynäkolog*innen und Anwält*innen, zeigt Missstände auf und verdeutlicht die politische Relevanz von Schwangerschaftsverlusten. Sie stellt klar, was sich ändern muss, um einen längst überfälligen Diskurs in die Mitte unserer Gesellschaft zu holen.

Christina Wessely: Liebesmühe Hanser 19.2.

Verlagstext: Wenn Freundinnen sie nach ihrem Befinden fragen, verstummt sie. Seit der Geburt ihres Sohnes fühlt sie sich verloren, radikal fremdbestimmt und abgeschnitten von der Welt und ihrem alten Leben. Das winzige Kind ein Fremder, den zu lieben ihr kaum gelingen will. Warum scheint plötzlich all das, wovon sie – als Wissenschaftlerin, als Feministin, als Frau – überzeugt war, nicht mehr gültig zu sein? Christina Wessely erzählt die berührende Geschichte einer Mutterwerdung und verbindet dabei eindrucksvoll persönliche und essayistische Erkundung. Mit Intelligenz und Zärtlichkeit umreißt sie ihr Selbstverständnis als emanzipierte Frau – in Kollision mit gängigen Vorstellungen von Mutterschaft, Weiblichkeit und Liebe.

Mariatext: Über (die Komplikationen und verschiedenen Szenarien von) Mutterwerdung ist noch lange nicht genug geschrieben worden. Noch lange nicht!

Alia Trabucco Zerán: Mein Name ist Estela (übersetzt von Benjamin Loy) Hanser Berlin 19.2.

Verlagstext: Das Mädchen ist tot, die Haushälterin wird vernommen. Zum ersten Mal hören alle Estela zu. Szene um Szene offenbart sie ein schwindelerregendes Kammerspiel unüberbrückbarer Klassenunterschiede.
Sieben Jahre hat Estela im Haus der fremden Familie gelebt, hat tagein, tagaus für sie gesorgt. Die karierte Schürze ist zu einer zweiten Haut geworden, die dünnen Wände ihres Zimmers sind immer näher gerückt. Doch sie ist nicht die einzige Gefangene des Hauses: Im leeren Blick des Mädchens sieht Estela ihre eigene Einsamkeit gespiegelt. Jeder Versuch von Intimität zwischen Angestellter und Kind zerschellt an der ehrgeizigen Mutter und dem autoritären Vater, an der Brutalität der Verhältnisse. Auf engstem Raum ringen vier Menschen ums Überleben und rasen doch unausweichlich auf eine Katastrophe zu.

Lana Lux: Geordnete Verhältnisse Hanser Berlin 19.2.

Verlagstext: Wenn man seine Heimat verlassen muss, kommt es immer darauf an, wo man landet und welche Leute man kennenlernt. Faina landet in einer deutschen Kleinstadt und lernt in der Schule Philipp kennen, einen Jungen mit Wutausbrüchen, der Pflanzen lieber mag als Menschen, sich aber sehnlichst einen Freund wünscht. Faina soll dieser Freund werden, also bringt er ihr Deutsch bei, und wie man Weihnachten richtig feiert. Er macht sie zu seiner Faina. Jahre später ist Philipp der Typ mit Eigentumswohnung und fester Freundin, und Faina steht als verlassene, verschuldete Schwangere vor seiner Tür. Er lässt sie hinein, doch zu welchem Preis? Geordnete Verhältnisse ist eine Geschichte über Wut und Obsession – und eine Frau, die sich weigert, zum Besitztum eines Mannes zu werden.

Shila Behjat: Söhne großziehen als FeministinHanser 19.2.

Verlagstext: Ihren Feminismus hat Shila Behjat durch unzählige Erfahrungen erlernt und sie kämpft für eine Welt, in der Männer nicht länger das Maß aller Dinge sind. Nun ist sie Mutter zweier Söhne – die im Alltag so manches Rollenmuster ins Wanken bringen. Persönlich und ungemein berührend erzählt Behjat anhand ganz alltäglicher Situationen, wie das Leben mit zwei heranwachsenden Jungs ihre feministische Haltung verändert hat – und verortet ihre Erfahrungen und Gedanken in den Debatten unserer Zeit. Auf diese Weise stellt sie sich lange vernachlässigten Fragen der Gleichberechtigung, die nicht nur Eltern, sondern die Gesellschaft als Ganze angehen. Ein konstruktives, selbstkritisches und sehr bewegendes Debüt, das zeigt: Es ist Zeit für ein Streitgespräch – mit uns selbst!

Mariatext: Kann nur nicken. Jaja.

Karen Köhler: Himmelwärts (mit Illustrationen von Bea Davies) Hanser 19.2.

Verlagstext: Eine einzigartige literarische Stimme, umwerfend komische Dialoge und zwei mitreißende Mädchen voller kluger Ideen – das erste Kinderbuch von Karen Köhler. In einer sternenklaren Sommernacht funken Toni und ihre beste Freundin YumYum mit ihrem selbst gebastelten kosmischen Radio in den Himmel, um Kontakt zu Tonis verstorbener Mutter aufzunehmen. Toni hat große Vermissung, und Weltall-Expertin YumYum hat Experimentierlust. Bestens ausgerüstet – vor allem mit Snacks – erleben die beiden eine Nacht voller Überraschungen. Denn statt der Mutter antwortet ihnen Astronautin Zanna von einer Raumstation. Mit ihr philosophieren sie über das Dasein und die Sehnsucht, aber vor allem über das großartige Leben auf dem Planeten Erde, das uns so viel Trost und Freude schenkt.

Mariatext: Karen-Köhler-Ultra!

Adriano Sack: Noto Nagel und Kimche 20.2.

Verlagstext: Als sein Partner stirbt, reist Konrad mit Adrianos Asche nach Sizilien, wo sie sich in den letzten gemeinsamen Jahren ein Haus gekauft und eine zweite Heimat geschaffen hatten. Auf die Reise begleitet ihn der junge gutaussehende Santi, der im Gegensatz zum grüblerischen Konrad, das Leben auf die leichte Schulter nimmt. Die Insel der Gegensätze wird beide auf ihre eigene Art herausfordern. Wir erleben eine ebenso turbulente wie berührende Abschiedsreise, einen liebevollen Rückblick auf gemeinsame Jahre, ein unterhaltsames Porträt der deutschen Ex-Pats auf Sizilien und einen Ausblick darauf, wie es nach einem lebensändernden Verlust weitergehen kann. 
Adriano Sack liefert ein fulminantes literarisches Debüt, in dem das wilde Berlin auf das unberechenbare Sizilien trifft.

Marta Yustos: Femina Sapiens (illustriert von Diego Rodríguez Robredo) Midas Verlag 20.2.

Verlagstext: Spannend und wichtig: Die Prähistorie ist weiblich!Viele der archäologischen Funde, mit denen die Wissenschaft die Entwicklung des Menschen erklärt, stammen von Frauen und Mädchen. Und doch sprechen wir ausschließlich vom »Homo sapiens«, pilgern zu Ötzis Museum und glauben, alle Höhlengemälde stammten von urzeitlichen Männern ab.»Femina sapiens« zeigt die Entstehung der Menschen und verliert dabei die Frauen nicht aus dem Blick. Denn die Forschung zeigt, dass sie eine durchaus entscheidende Rolle im Zusammenleben der Urmenschen spielten. Wir stellen Ihnen Lucy, Ardi, Mrs. Ples, Benjamina, Denny und viele andere vor. Schauen Sie genau hin, schließlich sind sie sozusagen unsere Ururururururur-Großmütter!

Evelyn Steinthaler: Schau nicht hin Kremayr und Scheriau 21.2.

Verlagstext: Gefeiert, gefallen, verehrt. Wie weit sind Künstlerinnen bereit, für ihren Erfolg zu gehen? Vier Film-Diven werden in der fesselnden Analyse Teil der aktuellen Debatte um die Trennung von Künstler:in und Kunstwerk.
Was ist eine Künstlerin ohne Aufmerksamkeit? Die renommierte Autorin Evelyn Steinthaler untersucht die Geschichten von vier Diven des NS-Films. Lída Baarová, Zarah Leander, Marika Rökk und Kristina Söderbaum entschieden sich für Karrieren im Deutschen Reich und erlangten weitreichenden Ruhm. Auch nach Kriegsende wurden sie jahrzehntelang von der immensen Verehrung des deutschen Publikums begleitet.
Diesen und anderen Stars begegnen wir konfrontiert mit der Frage, wie Öffentlichkeit mit politisch problematischer Kunst umgeht. Inwieweit tragen Künstler:innen ein System mit? Wer beginnt, sich zu verantworten?

Jamaica Kincaid: Talk Stories (übersetzt von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube) Kampa 22.2.

Verlagstext: Schon kurz nach ihrem Umzug von Antigua nach New York unternimmt Jamaica Kincaid erste Schreibversuche, bleibt in der literarischen Welt vorerst aber ein Nobody. Bis sie 1974 den Herausgeber des New Yorker trifft: William Shawn zeigt sich begeistert von ihren Texten und stellt sie ein. Kincaids eigenwillig-originellen Beiträge erscheinen fortan in der »Talk of the Town«-Kolumne. Mal legt sie als Story einfach die Spesenabrechnung vor, ein andermal tippt sie ein aufgeschnapptes Gespräch über Sting ab, statt eine Konzertkritik zu schreiben. Und auch die Absurditäten des Verlagswesens schildert sie schonungslos. Mit einem feinen Gespür für Ironie und Komik hält Kincaid in ihren Kolumnen fest, wie sie die Welt der Bücher und Partys, der Mode und Popmusik kennenlernt. Erst später druckt der New Yorker auch Kincaids fiktionale Geschichten. Ihren eigenen Stil und ihren unverwechselbaren Sound hat sie da bereits gefunden. Und so dokumentieren die zwischen 1974 und 1983 enstandenen »Talk Stories«, die hier erstmals auf Deutsch versammelt sind, eindrücklich Kincaids Entwicklung von einer jungen Autorin, die selbstbewusst ihre Beobachtungen notiert, zu einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen unserer Zeit.

Mariatext: Finde den Verlagstext ganz schön schwierig, aber ich glaube, dass wir alle noch viel über Jamaica Kincaid sprechen werden. Lest sie mal besser, bevor sie den Literaturnobelpreis kriegt.

Nicole Henneberg: Gabriele Tergit. Zur Freundschaft begabt Schöffling 22.2.

Verlagstext: Wer war Gabriele Tergit, der zu Lebzeiten der literarische Erfolg verwehrt wurde und die heute als große wiederent­deckte jüdische Autorin gefeiert wird? Mit ihren so politisch mutigen wie journalistisch brillanten Gerichtsreportagen er­regte sie in der Weimarer Republik Aufsehen. Tergit war nicht nur eine couragierte Journalistin, sondern vor allem eine leidenschaftliche Schriftstellerin, die über ihr Leben und ihre Zeit berichten wollte. Das tat sie in drei großen Roma­nen, am bekanntesten davon Effingers. Sie wurde von den Nationalsozialisten gehasst, entging in der Nacht des 4. November 1933 nur knapp einer Verhaftung und musste fliehen. Doch auch im Exil, erst in Palästina, später in Lon­don, blieb sie Optimistin und baute sich mit viel Energie ein neues Leben auf. Die Tergit­-Herausgeberin und ­-Expertin Nicole Henneberg zeichnet auf Grundlage von Hunderten von Briefen der Autorin, die glücklicherweise bis heute erhalten sind, die Biographie dieser beeindruckenden Frau nach.

Mariatext: Ich durfte mal ein Gespräch mit Nicole Henneberg über Gabriele Tergits Effingers führen, das könnt ihr hier auf Instagram (Abre numa nova janela) noch anschauen. Seither denke ich: Hoffentlich schreibt sie bald eine Tergit-Biografie.

Kristin Valdez Quade: Die fünf Wunden (übersetzt von Petra Post und Andrea von Struve) Schöffling 22.2.

Verlagstext: Ausgerechnet dem arbeitslosen Amadeo Padilla wird die Ehre zuteil, die Karfreitags­-Prozession im kleinen Ort Las Peñas, New Mexico, als Jesus anzuführen. Doch plötzlich taucht seine fünfzehnjährige Tochter Angel auf und droht seine Pläne mit ihren weltlichen Problemen zu durchkreuzen: Die taffe Angel ist im neunten Monat schwanger und nach einem Streit Hals über Kopf aus dem Haus ihrer Mutter ausgezogen. Die fünf Wunden erzählt mit liebevollem Blick davon, wie die verschiedenen Generationen der Familie Padilla das erste Lebensjahr des Babys erleben: Amadeos Mutter Yolanda, die noch mit einer neuerlichen Entdeckung zu kämpfen hat, Angels Mutter Marissa, mit der Angel nichts mehr zu tun haben will, und Yolandas Onkel Tíve, das griesgrämige Oberhaupt der Familie.
Dieses wunderbare Debüt von Kirstin Valdez Quade, deren Erzählungen in der New York Times als Meisterwerke ge­feiert wurden, erscheint nun endlich auf Deutsch.

Alexandra Stahl: Frauen, die beim Lachen sterben Jung & Jung Verlag 22.2.

Verlagstext: Iris weiß nicht, was sie will, nur, was sie nicht will. Auch um zu flüchten, fliegt sie auf eine griechische Insel, überstürzt, allein, ratlos. Ausgerechnet auf eine Insel, auf der jeder Einheimische bewaffnet ist. Sie will zur Ruhe kommen und verstehen, was zwischen ihr und ihren Freundinnen Ela und Katja geschehen ist. Was die beiden überhaupt zu Freundinnen gemacht hat. Und draufkommen, warum sie Jahre mit Simon verbracht hat, obwohl sie das nie sein wollte: eine Frau in einer Beziehung, schon gar nicht mit einem Schriftsteller. Sie will nachdenken, über ihre Schwester, die hat, was ihr fehlt, und über das unvollendete Manuskript der belgischen Autorin, das sie im Kühlschrank der Künstlerresidenz findet, für die sie so lange gearbeitet hat. Und sie fragt sich, was noch wichtig ist, wenn etwas, das ihr einmal alles bedeutet hat, egal geworden ist. Und warum sie sich immer zu wenig in ihr eigenes Leben involviert hat. Frauen, die beim Lachen sterben ist ein Roman über eine Freundschaft und die Sehnsucht nach dem Leben, das sich richtig anfühlt. Über das Scheitern und das Bedürfnis, sich selbst und allen anderen eine Geschichte zu erzählen, wenn man verlassen wird. Eine Geschichte, der, wie allen Geschichten, nicht zu trauen ist.

Margaret Drabble: Mühlstein (übersetzt von Irmela Erckenbrecht) Dörlemann 22.2.

Verlagstext: Rosamund macht sich nicht viel aus der Liebe. Die wohl einzige Jungfrau im London der Swinging Sixties hätte zwar mehr als genug Gelegenheiten für heiße Affären, sitzt aber lieber über den Büchern. Und ausgerechnet sie wird nach einem mäßigen One-Night-Stand schwanger. Im ersten Schreck versucht sie die Angelegenheit mit Gin und einem heißen Bad zu beenden. Doch alles geht schief, und der Abend endet in einem großen Besäufnis. Rosamund schafft es nicht, sich gegen das Kind zu entscheiden. Na gut, dann zieht sie es eben allein auf. Auch wenn das Leben als ledige Mutter wohl nicht einfach werden wird. Nicht in ihren kühnsten Träumen hätte sie für möglich gehalten, sich so rückhaltlos in ihre kleine Tochter zu verlieben.
Als diese lebensbedrohlich erkrankt, lernt die eher hasenfüßige Rosamund sich von einer komplett anderen Seite kennen.

Mariatext: Das Nachwort dieser Wiederentdeckung stammt von Verena Roßbacher!

Olga Ravn: Meine Arbeit (übersetzt von Alexander Sitzmann und Sondermann Clara) März Verlag 28.2.

Verlagstext: Nach der Geburt ihres Sohns verliert die Schriftstellerin Anna ihren Platz in der Welt. Noch im Schwebezustand nach der Entbindung zieht sie mit ihrem schwedischen Freund Aksel und ihrem kleinen Sohn ins verschneite Stockholm. Viel zu bald fällt das Paar gegen seinen erklärten Willen in überkommen geglaubte Geschlechterrollen. Anna ist völlig eingenommen von der Realität des neuen Lebens, das ihre komplette Aufmerksamkeit verlangt. Ihr bleibt nicht einmal Zeit für einen einzigen klaren Gedanken. Die Frustration zwischen ihr und Aksel wird so groß, dass ihre Beziehung daran zu zerbrechen droht. Um ihre immer stärker werdende Angst zu bekämpfen, beginnt Anna unzählige Online-Artikel zu lesen und Kleidung zu kaufen, die sie sich überhaupt nicht leisten kann. Anna ist sich sicher, dass es nur einen Weg gibt, dem drohenden Wahnsinn zu entkommen: Sie muss lesen und schreiben. Nur so kann sie wieder ein Teil der Welt werden. ›Meine Arbeit‹ handelt von der einzigartigen und grundlegenden Erfahrung der Geburt eines Kindes. Prosa, Gedichte, Tagebuch, Briefe – jede literarische Form dient der Erkundung der Beziehung zwischen Mutterschaft und Schreiben. ›Meine Arbeit‹ ist auch: Ein Buch über Wochenbettdepression, Haushalt und Einkaufen. Vor allem aber ist es ein großer Roman über die Frage nach der Vereinbarkeit von künstlerischem Schaffen und Mutterschaft. Und darüber, wie man das beängstigende, offene Leben mit einem Kind lieben lernen kann.

Mariatext: Siehe oben bei Christina Wessely + Olga Ravn ist eine Göttin im Regal!

Verena Brüning: Windsbraut März Verlag 28.2.

Verlagstext: 47 Seefrauen überqueren in 24 Tagen auf der Brigg Roald Amundsen den Atlantik von Teneriffa nach Martinique. Eine Atlantiküberquerung mit einer Crew, die nur aus Frauen besteht – in dieser Größenordnung gab es das noch nie. Die Fotografin Verena Brüning hat diese große Fahrt mit der Kamera begleitet. Die harte Arbeit an Bord, die besonderen Momente, die Stimmung und die Schönheit des Atlantiks – all das lädt zum Träumen über eigene Abenteuer ein.

Evan Tepest: Schreib den Namen deiner Mutter Piper Verlag 29.2.

Verlagstext: »Ich wollte nie über meine Mutter schreiben, sondern über Dinge, die mich wirklich interessieren. Über die Textur des Lebens, die Dinge, mit denen ich effektiv meine Zeit verbringe, Cornflakes zum Beispiel oder Fußball. Aber wer interessiert sich schon für Cornflakes?« Alex schreibt an einem Essay. Und kommt nicht voran. Das Thema: Worüber meine Mutter und ich nicht sprechen. Ein Besuch in der glamourös kaputten Provinzvilla der überreizten Mutter soll weiterhelfen, doch er zeigt nur: Sie sprechen überhaupt nicht miteinander. Nicht über Alex- Queerness, nicht über die Antidepressiva, die sie offensichtlich beide nehmen, erst recht nicht über die Traumata der Familie. Als die Mutter Alex beim Schützenfest dann auch noch (versehentlich!) anschießt, ist klar, dass nicht nur die Arbeit am Essay gescheitert ist. 
Ein grandios lakonischer Roman darüber, was Familien trennt und zusammenhält - das Unausgesprochene.


Mechthilde Lichnowsky: Der Kampf mit dem Fachmann Wallstein 28.2.

Verlagstext: Nur allzu oft haben sie das Sagen und das letzte Wort: die Bescheidwisser, Prinzipienreiter und Standpunktvertreter, die - oft selbsternannten - Spezialisten in allen Lebensfragen. Wie diese Spezies den alltäglichen Umgang der Menschen miteinander bestimmt, führt Mechtilde Lichnowsky an vielen anschaulichen Beispielen vor. Sprachlich und analytisch ist sie dabei zweifellos an Karl Kraus geschult: die Genauigkeit des Blicks, die analytische Schärfe, das Gespür für phrasenhafte Verwendung der Sprache im Alltag. Aber was sie besonders auszeichnet ist ein wunderbarer Humor, der in seiner Leichtigkeit an Kurt Tucholsky erinnert, sowie der Mut zu pointierten und oft überraschenden Wortneuschöpfungen. Die Alltagsbeobachtungen, Reflexionen und szenischen Dialoge, teilweise mit Zeichnungen illustriert, sind von einer eindrucksvollen Lebendigkeit und einem bezaubernden Witz. Die in - man würde heute wohl sagen - »auskennerischer« Pose vorgebrachten Behauptungen des Experten werden vom blitzgescheiten Laien in ihrer Borniertheit gnadenlos entlarvt. Dieses Buch ist auch hundert Jahre nach seiner Erstveröffentlichung leicht zugänglich. Es entwickelt einen faszinierenden Sog, denn auch heute findet sich jede und jeder in der Figur des Laien und seinem aussichtslosen Kampf gegen den notorisch schwerhörigen Fachmann wieder.

Mariatext: Vom Cover geleitet Wiederentdeckungen machen. Love it.

Leonie Schöler: Beklaute Frauen Penguin 28.2.

Verlagstext: Wie Frauen Geschichte schrieben - und Männer dafür den Ruhm bekamen. Muse, Sekretärin, Ehefrau - es gibt viele Bezeichnungen für Frauen, deren Einfluss aus der Geschichte radiert wurde. Für deren Leistungen Männer die Auszeichnungen und den Beifall bekamen: Wissenschaftlerinnen, deren Errungenschaften, im Gegensatz zu denen ihrer männlichen Kollegen, nicht anerkannt wurden. Autorinnen, die sich hinter männlichen Pseudonymen versteckten. Oder Künstlerinnen, die im Schatten ihrer Ehemänner in Vergessenheit geraten sind. Lebendig und unterhaltsam erzählt die Historikerin Leonie Schöler ihre Geschichten, sie zeigt, wer die Frauen sind, die unsere Gesellschaft bis heute wirklich vorangebracht haben. Und sie verdeutlicht, wie wichtig die Diskussion um Teilhabe und Sichtbarkeit ist. Dabei wird klar: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht ein System, das ihn bestärkt; vor allen anderen steht ein System, das sie aufhält.

Thea Mengeler: Nach den Fähren Wallstein 28.2.

Verlagstext: Auf einer vormals beliebten Urlaubsinsel bleiben mit einem Male die Fähren aus und mit ihnen die Urlauber. Das Leben kommt zum Stillstand, die meisten Bewohner verlassen die Insel, nur ein paar wenige harren aus. Hoffend auf eine Rückkehr der Fähren und isoliert voneinander gehen sie den immergleichen Tätigkeiten nach. Das Leben dieser Übriggebliebenen ändert sich erst, als ein Mädchen namens Ada auf unerklärliche Weise im Sommerpalast erscheint und die Nähe zu dem ehemaligen Hausmeister sucht. Ihre Fragen nach seiner Vergangenheit und nach der der Insel führen zu einem Umbruch, der auch dann nicht mehr aufzuhalten ist, als Ada so plötzlich verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Mehr und mehr verweben sich die Geschichten der Figuren, die beginnen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen - und mit der Frage, ob eine Rückkehr der Fähren überhaupt wünschenswert ist. Thea Mengelers Roman erzählt von privaten und gesellschaftlichen Machtverhältnissen, vom (Über-)Tourismus und von den Prozessen der Rückeroberung des eigenen Lebens, des eigenen Lebensraumes. In ihrer knappen, aber feinfühligen und präzisen Sprache schildert sie die Geschehnisse auf der Insel und das Innenleben ihrer Figuren, deren Lebensentscheidungen auf dem Prüfstand stehen.

Susanne Matthiesen: Lass uns noch mal los Ullstein 29.2.

In den Achtzigern kämpften Susanne und ihre Freundinnen zwischen brennenden Barrikaden in Kreuzberg. Die Zeiten waren wild, anarchisch, frauenbewegt. Sie wollten anders leben als das spießige Westdeutschland mit seinen Kleinfamilien und Kiesauffahrten.
Mehr als dreißig Jahre später ist Kreuzberg immer noch ein Ort für Träume aller Art, doch die große Freiheit kann sich kaum jemand mehr leisten. Für Susanne und ihre Freundinnen wird es plötzlich eng, denn sie kämpfen gegen den Abstieg. Bis die alten Vorreiterinnen noch mal aufstehen und eine Revolution starten. Susanne Matthiessen erzählt von den Frauen ihrer Generation: rasant, rebellisch und tiefschwarz komisch.

Mariatext: Off topic, aber wenn ich irgendein Versäumnis meiner aktiven Buchhändlerinnenzeit bereue, dann dass ich nie ein Schaufenster mit rauchenden Frauen auf dem Cover gemacht hab.

Delfi 2 Ullstein 29.2.

Mariatext: Fatma Aydemir, Hengameh Yaghoobifarah, Enrico Ippolito und Miryam Schellbach haben im letzten August die erste Ausgabe von DELFI, des Magazins für neue Literatur, herausgebracht, in der es um Tempel ging. Band 2 trägt nun den Titel Fleisch und mitgeschrieben haben zum Beispiel Daniel Schreiber, Lin Hierse, Mely Kiyak, Sasha Marianna Salzmann und Sayaka Murata. Braucht ihr!

Teju Cole: Tremor (übersetzt von Anna Jäger) Claassen 29.2.

Verlagstext: Tunde lehrt an einer amerikanischen Universität Fotografie, aufgewachsen ist er in Lagos. Mit wachen Sinnen bewegt er sich über den Campus und durch Institutionen, denen er nie ganz selbstverständlich zugehören wird. In Bildern, in Filmen, in Landschaften, in der Musik findet er Schönheit, aber auch die Ablagerungen von Unrecht und westlicher Überheblichkeit. Was heißt es, richtig zu leben in einer Welt der Gewalt und der Oberflächlichkeit? Wie lässt sich der Brutalität der Geschichte bleibende Bedeutung abringen? Was schulden wir denen, die uns nahe sind, und was schulden wir Fremden? Tunde sucht nach Halt und nach Sinn: in seiner Kunst, in seinen Erinnerungen, als Freund und als Liebender. 


Volha Hapeyeva: Samota (übersetzt von Tina Wünschmann Matthias Göritz) Literaturverlag Droschl 29.2.

Verlagstext: Am Anfang herrscht bohrende Stille, doch das Brodeln hat bereits begonnen. Majas Forschungen über den Ausbruch eines Vulkans geraten ins Stocken. Zeitgleich findet in ihrem Hotel der Kongress zur »Regulation von Tierpopulationen« statt und sinistre Gestalten tummeln sich um sie. – Sebastian gerät in einer anderen Zeitebene mit dem düsteren Jäger Mészáros aneinander, und es geht um Leben und Tod. Die beiden hochsensiblen Protagonist*innen stehen dem Bösen in unterschiedlicher Gestalt gegenüber, kämpfen um das eigene Überleben, das von Tieren und das von Werten. Im Zentrum von Samota steht die Empathie und die Frage, warum sie so vielen Menschen fehlt oder abhandengekommen ist. Ein geheimnisvolles Buch mit Noir-Elementen und magischem Realismus, das für nicht weniger einsteht als eine bessere Welt und ein glückliches, friedvolles Miteinander.

Sarah Gilmartin: Service (übersetzt von Anna-Christin Kramer) Kein + Aber 29.2.

Verlagstext: Kann man einen Menschen, den man liebt, auf einmal verurteilen?
Eigentlich möchte Hannah nicht im Gerichtsverfahren gegen ihren früheren Chef Daniel aussagen. Dem renommierten Sternekoch werden sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Bisher hatte Hannah die Erinnerungen an ihre Zeit im Restaurant sorgfältig verdrängt und will zehn Jahre später die scheinbare Stabilität ihres Lebens nicht gefährden. Während Hannah von der Vergangenheit eingeholt wird, ist der Angeklagte fassungslos. Wegen eines Vorfalls, dem Daniel kaum Bedeutung beimisst, ist er gezwungen, sein Restaurant im Zentrum Dublins zu schließen. Er sieht sich als Opfer von Rufmord durch eine Kellnerin, die es auf Schmerzensgeld abgesehen hat.
Zugleich muss sich seine Frau Julie, bedrängt von Paparazzi und dem drohenden Zusammenbruch der gemeinsamen familiären Existenz, der Frage stellen, ob Daniel der Mann ist, den sie zu kennen glaubte.

Neu im März

Alyson Spurgas und Zoë Meleo-Erwin: Dekolonisiert Selfcare (übersetzt von Anne Emmert) Edition Nautilus 4.3.

Verlagstext: Für Feministinnen des 20. Jahrhunderts war Selfcare ein Schlachtruf für körperliche Autonomie und politische Macht: »Meine Selbstfürsorge ist keine Selbstgefälligkeit, sondern Selbsterhaltung, und das ist ein Akt politischer Kriegsführung«, sagte Audre Lorde. Für heutige Lifestyle-Marken und Influencerinnen geht es hingegen darum, unter dem Selfcare-Label Yogakurse, Achtsamkeits-Apps, ausgefallene Ernährungs- und Körperprodukte und natürlich das dazugehörige Mindset zu einem hohen Preis zu verkaufen. Mittlerweile hat Selfcare als äußerst lukratives Geschäftsmodell nahezu jeden Bereich des Lebens infiltriert: Ernährung, Freizeit, Kultur. Sorge für dich selbst - weil du es dir wert bist (und gib dabei am besten möglichst viel Geld aus). »Dekolonisiert Selfcare« liefert eine soziologische Analyse und eine scharfe Kritik an den kapitalistischen, rassistischen Untertönen eines Konzepts, das sich von Schwarzer feministischer Überlebenstaktik in ein Businessmodell des weißen neoliberalen Feminismus gewandelt hat. Die Dekolonisierung der Selbstfürsorge, so die Autorinnen, erfordert eine umfassende Auseinandersetzung mit dem ausschließenden, aneignenden Charakter des Selfcare-Markts. Doch Aufklärung ist nur der erste Schritt in diesem Prozess. Wir müssen uns zu neuen Modellen von Selbst- und kollektiver Fürsorge bekennen, die Gesundheit, Vergnügen und Gemeinschaft ermöglichen - für alle.

Olaolu Fajembola und Tebogo Nimindé-Dundadengar: Mit Kindern über Diskriminierung sprechen Beltz Verlag 6.3.

Verlagstext: Es gibt viele Wege, Kinder zu diskriminieren - und jeder einzelne verletzt, untergräbt ihr Selbstwertgefühl und verhindert, dass sie ihr Potenzial ausschöpfen können. Ob Diskriminierung von mehrgewichtigen, queeren, behinderten, armen Menschen oder Rassismus gegen asiatische, jüdische, muslimische, Schwarze Menschen sowie Romnja und Sintizze: In diesem Buch verraten die Autorinnen - zusammen mit den Expert:innen Raúl Krauthausen, Melodie Michelberger und vielen anderen - Eltern, wie sie Kinder und Jugendliche für Vorurteile, Abwertung und Ausgrenzung sensibilisieren und sie davor schützen können. Mit zahlreichen Tipps zu hilfreichen Büchern, Medien und Spielen sowie Hinweisen, die Eltern und andere Erwachsene unterstützen, schwierige Gespräche zu führen und auch in belastenden Situationen angemessen zu reagieren.

Janka Kluge und Julia Monro: Einfach selbst bestimmt Kiepenheuer & Witsch 7.3.

Es reichen heute fünf Buchstaben und ein Sternchen, um auf eine hitzig geführte Debatte zu verweisen: trans*. Dass trans* nicht einfach ein »kontroverses Thema«, sondern die Lebensrealität zahlreicher Menschen ist, wird dabei leicht übersehen. Seit langer Zeit sind trans* Personen in unserer Gesellschaft psychischer, körperlicher und struktureller Gewalt ausgesetzt. Der unbedingt nötige Abbau dieser Diskriminierungen wird in den letzten Jahren öffentlich diskutiert, und, etwa durch das geplante Selbstbestimmungsgesetz, sogar konkret in Angriff genommen. Diese gesellschaftlichen und politischen Prozesse führen zu Fragen, Kritik und Gegenwehr. Umso wichtiger ist Aufklärung: Dieses Buch enthält 20 Texte, von Aktivist*innen, Psycholog*innen, Wissenschaftler*innen und Betroffenen, deren Stärke darin liegt, dass sie ein differenziertes, unaufgeregtes Bild dessen entwerfen, was ein Leben jenseits der Geschlechternormen ist. 

Constance Debré: Love me tender (übersetzt von Max Henninger) Matthes & Seitz 7.3.

Verlagstext: Eine steile Karriere, angesehene Familie, Ehemann und Kind - Constance Debré hat all das und wendet sich davon ab. Sie entschließt sich zu einem Leben, das schon viele Männer vor ihr gewählt haben: Sie scheidet ihre Ehe, widmet sich ausschließlich dem Schreiben, verzichtet auf die materiellen Sicherheiten einer festen Wohn- oder Arbeitsstelle und geht mit immer anderen Frauen ins Bett. Doch anders als so viele Männer will sie den Kontakt zu ihrem Kind nicht abbrechen - das erwirkt ihr Ex-Mann, nachdem er von ihrer Homosexualität erfahren hat. In einem langwierigen Sorgerechtsstreit kämpft sie um ihren Sohn, der sich immer weiter von ihr entfernt. Während sie auf die finale Entscheidung des Familiengerichts wartet, taumelt Debré zwischen einer Vielzahl von Gefühlen: Angst vor dem Verlust des Sohnes neben Akzeptanz für dessen Entscheidung, dem Verlangen nach unverbindlichem Sex und dem Bedürfnis nach engeren Verbindungen, einer tiefen inneren Leere und zugleich einer nie zuvor gekannten Freiheit.
Ohne Zurückhaltung und in prägnanten Sätzen ringt die Autorin um Antworten auf Fragen von Mutterschaft, Identität und Liebe und geht dabei hart ins Gericht mit gesellschaftlichen Normen, Glaubenssätzen, bürgerlichen Institutionen und nicht zuletzt mit sich selbst.

Mariatext: Boah!!!

Dana von Suffrin: Nochmal von vorneKiepenheuer & Witsch 7.3.

Verlagstext: Was hält eine Familie zusammen, in der es nur Fliehkräfte zu geben scheint und alles darauf hinausläuft, dass etwas zu Bruch geht? Am Ende nur die eigene Geschichte. Dana von Suffrin hat einen virtuosen Roman über modernes jüdisches Leben zwischen München und Tel Aviv geschrieben.
Der Tod ihres Vaters und die Auflösung seiner Wohnung bringt für Rosa vieles in Bewegung, bei dem sie eigentlich froh war, dass es geruht hatte. Denn die Geschichte der Familie Jeruscher ist ein einziges Durcheinander aus Streitereien, versuchten oder gelungenen Fluchten, aus Sehnsüchten und enttäuschten Hoffnungen und dem vergeblichen Wunsch, irgendwo heimisch zu werden. Nun ist alles wieder da: die Erinnerungen an ihre irrwitzige Kindheit in den 90ern, an das Scheitern der Ehe der Eltern und die Verwandtschaft in Israel, aber auch ihre verschwundene ältere Schwester, mit der sie aus gutem Grund gebrochen hatte. Kraftvoll und mit großartigem schwarzen Humor erzählt Dana von Suffrin von einer deutsch-jüdischen Familie, in der ein ganzes Jahrhundert voller Gewalt und Vertreibung nachwirkt - und von zwei Schwestern, die sich entzweien und wieder versöhnen, weil es etwas gibt, das nur sie aneinander verstehen.

Stefanie de Velasco: Das Gras auf unserer Seite Kiepenheuer & Witsch 7.3.

Verlagstext: Mit unverwechselbarem Sound und großem Witz erzählt Stefanie de Velasco in ihrem neuen Roman von drei Frauen, die keine Lust auf das Lebensmodell haben, das für sie vorgesehen ist. Kessie, Grit und Charly haben den Fortpflanzungsdrang ihrer Altersgenoss:innen seit jeher mit amüsierter Verwunderung beobachtet. Einen Kinderwunsch hat keine von ihnen je verspürt. Auch nicht das Bedürfnis, sich in eine monogame Paarbeziehung zurückzuziehen und nur noch als Wir durch die Welt zu laufen. Doch einige überraschende Ereignisse stellen nun, mit Mitte vierzig, noch einmal alles infrage: Charly, eine erfolglose Schauspielerin, bekommt ein Rollenangebot in einer anderen Stadt. Und stellt fest, dass sie schwanger ist - von wem, weiß sie nicht so genau. Grit fliegt aus ihrer WG und muss zu ihrem Freund ziehen, der sich das schon lang wünscht. Doch sie will ein Zimmer für sich allein, besser noch eine ganze Wohnung. Während ihr Freund auf der Suche nach ihrem zukünftigen Nest am Berliner Wohnungsmarkt verzweifelt, findet sie Zuflucht in einem Schrebergarten. Kessie kommt derweil ihrer Jugendliebe Nazim näher, als sie in die alte Heimat fährt, um ihre kranke Mutter im Pflegeheim einzugewöhnen. Der einzige Partner, der in den letzten Jahren an ihrer Seite war, war ihr Hund Pan. Jede der drei Frauen steht vor einer Entscheidung. Und die Gesellschaft scheint sehr genau zu wissen, wie sie ausfallen sollte.

Stig Dagermann: Gebranntes Kind (übersetzt von Paul Berf) Guggolz 8.3.

Verlagstext: Bengt, ein junger Mann aus dem Arbeiterviertel Stockholms, der gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht, gerät durch den unerwarteten Tod seiner Mutter aus dem Gleichgewicht. Sein Vater Knut hat eine neue Frau kennengelernt, Gun, die im Stadtteilkino Eintrittskarten verkauft. Bengt weigert sich jedoch zu akzeptieren, dass sein Vater eine neue Person in ihren geschützten Alltag einlässt, dass das Leben auch ohne seine Mutter weitergeht. Mit lodernder Eifersucht steigert er sich in die radikale Verurteilung seines Vaters und in die fieberhafte Ablehnung der neuen Frau hinein - und immer deutlicher wird, wie stark er selbst sich zu ihr hingezogen fühlt. In einer intensiven psychologischen Innenschau, die Bengts adoleszente Abgründe sichtbar macht und einem beim Lesen den Atem verschlägt, lässt Stig Dagerman uns teilhaben an den Obsessionen seines Helden, an dessen Verweigerung und unbändiger Wut auf die ganze Welt. Der Feinsinn, mit dem Dagerman seine Figur bis in die verstecktesten Winkel ausleuchtet, zeigt sich auch in der Sprache, die vibriert vor Spannung, schillert zwischen niederdrückender Dunkelheit und hell aufleuchtender Sehnsucht nach Befreiung, zwischen sanftem, fast weinerlichem Selbstmitleid und zerstörerischer, rücksichtsloser Brutalität. Paul Berf navigiert uns Lesende mit seiner beeindruckend standfesten Übersetzung durch die inneren Erschütterungen und Kämpfe des Protagonisten Bengt - Stig Dagerman hat eine unvergessliche, aufwühlende Figur geschaffen, die im Roman keine Versöhnung erfährt und auch nach beendeter Lektüre noch lange keine Ruhe gibt.

Mariatext: Klingt nach einem typischen Guggolzbuch. (Und das ist ein großes Kompliment.)

Deniz Ohde: Ich stelle mich schlafend Suhrkamp 11.3.

Verlagstext: Ich stelle mich schlafend erzählt von den dunklen Seiten einer Liebe - und die Geschichte einer Befreiung. Ein eindringlicher Roman über den Versuch einer Auslöschung, eines Femizids, und über die Frage, ob es eine Begegnung gibt, die den Kern eines Menschen unwiederbringlich verändert.
Das Haus, in dem Yasemin bis vor kurzem gelebt hat, steht nicht mehr. Es musste bis auf die Grundmauern abgerissen werden. Von der Wohnung, die sie zuletzt mit ihrem Freund Vito geteilt hat, sind nur Erinnerungen übrig. Die Geschichte der beiden reicht bis in ihre Jugend zurück: Beide wachsen im selben Hochhauskomplex auf, und Yasemin verliebt sich mit dreizehn in den drei Jahre älteren Nachbarn. Von klein auf fasziniert von Glaubensfragen und Spiritualität, versucht sie durch einen Liebeszauber, Vito für sich zu gewinnen. Doch nach einem Sanatoriumsaufenthalt, wo ihre Skoliose behandelt wird, geht sie auf Distanz. Zu fremd ist ihr der eigene Körper, zu groß die Scham wegen ihres Korsetts. Erst zwanzig Jahre später, als die mühsam aufgerichtete Wirbelsäule droht sich wieder zu stauchen, begegnen sie sich erneut. Yasemin hält dieses späte Aufflammen der Jugendliebe für Schicksal. Aber dann zeigt Vito sein Inneres, das bedrohlich ist und leer.

Mariatext: So gespannt ich diesen zweiten Roman von Deniz Ohde erwarte, so großen Respekt habe ich vor ihm.

Ariane Pinel: Sommer auf der Fahrradinsel (übersetzt von Nele Deutschmann) mairisch Verlag 12.3.

Verlagstext: Ein kleines Mädchen und die große Frage: Wie wäre eine Welt ohne Autos? In den Sommerferien fährt Zoé zu ihrer Cousine Louise. Louise lebt auf einer Insel, und zwar auf einer ganz besonderen: Es gibt dort keine Autos, sondern alle fahren mit dem Fahrrad - die beiden Mädchen erleben einen großartigen Sommer voller Abenteuer und Zoé lernt, unabhängig und frei zu sein. Zurück in der Stadt darf sie wegen der vielen Autos nicht mehr mit dem Rad fahren - zu gefährlich, sagen ihre Eltern. Doch Zoé findet: Alle sollten nur noch mit dem Fahrrad fahren. Sie beschließt, zur Insel zurückzukehren - und plötzlich nehmen die Dinge ihren Lauf ... Ein Buch für kleine und große Fahrrad-Fans ab 4 Jahren. Liebevoll erzählt und illustriert von Ariane Pinel.

Mariatext: Muss sofort nach Hiddensee.

Mirrianne Mahn: Issa Rowohlt 12.3.

Eigentlich will Issa diese Reise gar nicht antreten. Schwanger sitzt sie im Flugzeug nach Douala, angetrieben von ihrer Mutter, die bei der bevorstehenden Geburt um das Leben ihrer Tochter fürchtet. In Kamerun, dem Land ihrer Kindheit, soll sie den heilsamen Weg der Rituale gehen, unter den Adleraugen ihrer Omas. Doch so einfach ist das alles gar nicht, wenn man in Frankfurt zu Schwarz und in Buea zu deutsch ist. Der Besuch wird für Issa eine Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und der Gewissheit, dass sowohl Traumata als auch der unbedingte Liebes- und Lebenswille vererbbar sind. Kunstvoll verwebt Mirrianne Mahn die Schicksale von fünf Frauen miteinander, deren Leben mehr als ein Jahrhundert auseinanderliegen und doch über die Linien koloniale Ausbeutung und Streben nach Selbstbestimmung verbunden sind. Ein empowerndes, ein kraftvolles, ein eindringliches Debüt.

Rony Othmann: Vierundsiebzig Rowohlt 12.3.

Verlagstext: Nach ihrem Debüt Die Sommer legt Ronya Othmann den zweiten Roman vor: ein Zeitzeugnis von internationaler Relevanz.
«Ich habe gesehen. Das Ich ist ein Zeuge. Es spricht, und doch hat es keine Sprache.» So beschreibt sie den Vorgang des Erzählens. Sie will eine Form finden für das Unaussprechliche, den Genozid an der êzîdischen Bevölkerung, den vierundsiebzigsten, verübt 2014 in Shingal von Kämpfern des IS. 
Vierundsiebzig ist eine Reise zu den Ursprüngen, zu den Tatorten: in die Camps und an die Frontlinien, in die Wohnzimmer der Verwandten und weiter in ein êzîdisches Dorf in der Türkei, in dem heute niemand mehr lebt. Es geht darum, hinzusehen, zuzuhören, Zeugnis abzulegen, Bilder und Berichte mit der eigenen Geschichte zu verbinden, mit einem Leben als Journalistin und Autorin in Deutschland. Ronya Othmann erschafft ein Werk von ungeheurer Dichte, notwendiger Klarheit und Härte. Ihre Stimme ist eine der Diaspora, die auch in den Lesenden tiefe Spuren hinterlässt. 

Vigdis Hjorth: Ein falsches Wort (übersetzt von Gabriele Haefs) S. Fischer 13.3.

Verlagstext: Das Schlimmste passiert dort, wo wir uns sicher fühlen: in der eigenen Familie. Was nach dem plötzlichen Tod des Vaters zunächst wie ein Erbstreit zwischen Geschwistern aussieht, wird für die ältere Schwester Bergljot zu einem Kampf um die jahrzehntelang verdrängte Wahrheit. Es geht nicht um Geld und Besitz. Es geht darum, wem die Vergangenheit gehört. Mit unverwechselbarer Konsequenz erzählt Vigdis Hjorth von der Sehnsucht nach Anerkennung, von der Kraft der Befreiung und von der Frage, ob wir unserer eigenen Geschichte vertrauen dürfen.
Mit »Ein falsches Wort« gelang Vigdis Hjorth der internationale Durchbruch. Der Roman löste in Norwegen einen Skandal um die Wahrhaftigkeit von Literatur aus, gewann eine Vielzahl von Preisen und festigte Hjorths Status als eine der bedeutendsten Autorinnen unserer Zeit, die 2023 für den International Booker Prize nominiert war und deren Werk in 20 Sprachen übersetzt ist.

Mariatext: Vigdis Hjorth. Neue Göttin im Regal.

Michelle Steinbeck: Favorita park x ullstein 14.3.

Verlagstext: 'Es tut mir leid, deine Mutter wurde getötet.' Mit diesen Worten beginnt Filas Odyssee zwischen Lebenden und Toten: von der Schweiz, in der sie aufgewachsen ist, nach Italien, das ihre Großmutter als junge Frau verlassen hat und wohin ihre Mutter verschwunden ist. Fila zeichnet die Wege der beiden Frauen nach, begleitet von den Gestalten, denen sie unterwegs begegnet: revolutionäre Amazonen, faschistische Deserteure und der Geist einer jungen Bäuerin mit durchschnittener Kehle. Der Roadtrip auf den Spuren ihrer geheimnisvollen Mutter führt sie zum mutmaßlichen Mörder - und mitten ins Herz des Zirkels, der das Land kontrolliert. Fila sitzt in der Falle. Aber sie ist nicht allein.

Mariatext: Da ist sie wieder! Nach ihrem Debüt 2016 Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch. Ein Jahr scheinbar für gut gewendete, innig geprüfte zweite Romane, die genug Zeit hatten zu reifen. Was für ein gutes Zeichen.

Robin Wall Kimmerer: Ehrenhafte Ernte (übersetzt von Elisabeth Ranke) Aufbau Verlag 14.3.

Verlagstext: Mit »Geflochtenes Süßgras« eroberte Robin Wall Kimmerer die Herzen und Bestsellerlisten. Wie niemand vor ihr brachte sie darin die Fäden zum Leuchten, durch die sämtliche Lebewesen - Mensch, Tier und Pflanze - auf geheimnisvolle Weise miteinander verwoben sind. Die poetischsten Geschichten ihres Weltbestsellers sind nun in einer liebevoll illustrierten Geschenkausgabe versammelt. In ihrem wichtigsten Text »Die ehrenhafte Ernte« lehrt uns die Botanikerin den Weg der Indigenen: Demut, Dankbarkeit und Respekt gegenüber einer Natur, von der wir nicht nur nehmen sollten, sondern der wir viel zurückzugeben haben.

Begoña Gómez Urzaiz: Mütter die gehen (übersetzt von Christiane Quandt) Aufbau Verlag 14.3.

»Begoña Gómez Urzaiz zeigt uns das, was jenseits unserer schnellen Urteilslust über Mütter, die gehen, liegt. Nämlich das Leben. In all seiner Fülle und Verschiedenheit, mit allem Wunder und allem Schmerz. Ich bin dankbar, dass es dieses Buch gibt.« Maria-Christina Piwowarski

Mariatext: Ja. Jaja. Und das Cover! Ihr erinnert euch?

Carolin Rosales: Die Ungelebten Ullstein 14.3.

Verlagstext: Die dreifache Mutter Jennifer Boyard hat die Leitung des Familienunternehmens übernommen. Ihr Vater Bernd war über Jahrzehnte einer der großen Produzenten in der Schlagerbranche und ist nach wie vor sehr präsent. Da droht eine Sängerin mit einer Klage wegen Vergewaltigung. Bernd reagiert routiniert auf die Vorwürfe, doch Jennifer beginnt zu begreifen, dass ihre Geschichte als Bernds Tochter unwiderruflich mit dem Schicksal der Betroffenen Lorelei verknüpft ist.

Lena Högemann: So wollte ich mein Kind nicht zur Welt bringen Ullstein 14.3.

Verlagstext: Die Geburtshilfe steckt in einer tiefen Krise. Nahezu die Hälfte der Gebärenden macht belastende Erfahrungen im Kreißsaal: Eingriffe werden über ihren Kopf hinweg entschieden, sie erleben psychische und physische Gewalt, Vernachlässigung und Fremdbestimmung – und werden danach mit diesem verstörenden Erlebnis alleingelassen. Wie können Schwangere sich schützen und Betroffene das Geschehene verarbeiten? 

Luca Mael Milsch, Sieben Sekunden Luft Haymon 14.3.

Verlagstext: Wie jeden Morgen sitzt Selah auf der Veranda und wartet in die Stille hinein. Drei Monate sind vergangen, seit Selah sich krankgemeldet hat, um zu verschwinden. Doch die gewünschte Einsamkeit wird unerwartet zur Triebfeder für Vergangenes und Verdrängtes: Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, ist Selahs Beziehung zur Mutter von Erwartungsdruck, Schweigen und Scham geprägt - sie begleiten Selah bis ins Erwachsenenalter hinein. Als die Mutter im Sterben liegt und Selah längst ein Leben mit der eigenen Familie führt, werden die noch immer klaffenden Wunden offenbar. Da sind ungewollte Erlebnisse und Entscheidungen, die wie Phantome an der Haut kleben. Eine Bringschuld, auch wenn Selah gar nicht weiß, wem gegenüber eigentlich. Und Glaubenssätze, die so tief verankert sind, dass deren Abschütteln Lebensaufgabe ist. Luca Mael Milsch schreibt von Fragilität, die zur Stärke wird, von einer Welt voller Ambivalenzen, von der Sehnsucht nach einer selbstbestimmten Verortung in einer starren Struktur. Und darüber, was von uns übrigbleibt, wenn alles andere verschwindet.

Franziska Gänsler: Inseln im Licht Kein + Aber 14.3.

Verlagstext: Als ihre kleine Schwester verschwindet, ist Zoey selbst noch ein Kind. Jetzt, zwanzig Jahre später, sind ihre Erinnerungen daran bruchstückhaft und widersprüchlich. Warum wurde nie nach der Schwester gesucht? Nach dem Tod der Mutter reist Zoey an die französische Atlantikküste, wo sie zu dritt gelebt haben, bevor diese eine Nacht alles veränderte. Zoey ahnt: Sie muss ihre Erinnerungen neu sortieren, die wie Inseln im Licht aus dem Meer ragen und die tief unter der Oberfläche miteinander verbunden sind.

Frei Sein herausgegeben von Tanja Raich Kein + Aber 15.3.

Verlagstext: Wir alle wollen es sein: frei! Gut also, dass die Freiheit im Grundgesetz verankert ist. Nur: Wir meinen sehr unterschiedliche Sachen damit. Das gleiche Wort, inbrünstig gerufen aus unterschiedlichen Kehlen: von Abgeordneten sämtlicher Parteien, von Demonstrierenden jeglicher Gesinnung, von sehr vielen Menschen mit sehr unterschiedlichen Zielen.
Haben wir die »Freiheit, frei zu sein« (Hannah Arendt)? Was bedeutet Freiheit für das Individuum wirklich? Und welche Rückschlüsse lassen sich daraus für die Gesellschaft ziehen? Zwanzig Autor:innen begeben sich auf Spurensuche in ihrem eigenen Leben und gewähren erhellende und überraschende Einblicke in zentrale Aspekte wie Konsum, Körper, Populismus, Arbeit, Klasse, Literatur und Liebe.

Mariatext: Ich liebte schon die von Tanja Raich herausgegebene Anthologie Das Paradies ist weiblich.

Maxi Obexer: Unter Tieren Frankfurter Verlagsanstalt 5.3.

Verlagstext: »Unter Tieren« ist ein sinnlicher, berührender Roman, in dem es um die tiefe Verbundenheit zwischen Mensch, Tier und Natur geht - und um die Frage, die kein Mensch und kein Tier je versteht: warum zur einen Hand, die tötet, nicht die andere kommt, die tröstet.
In einem Bergdorf in den Dolomiten wächst Agnes, die bei ihrer Tante Antonia zurückgelassen wird, in der Gesellschaft von Tieren auf und findet in der Mischlingshündin Pirat ihre engste Gefährtin. Mit ihr folgt sie den Fährten tief in die Wälder und Berge. Während Antonia an dem bäuerlichen System zerbricht, das sie selbst aufrecht erhält, kehrt die inzwischen erwachsene Agnes ins Dorf zurück, um einen Neuanfang zu wagen.

Mariatext: Ich bin über das Buch gestolpert, als ich die Moderation der Buchpremiere von Mystische Fauna von Marica Bodrožić vorbereitet habe. Findungen!

S. Corinna Bille: Meerauge (übersetzt von Lisa Künzli) Rotpunktverlag 15.3.

Verlagstext: Marthe macht Ferien an der Côte d'Azur. Dort begegnet die verheiratete Schweizerin dem jungen Fischer Marceau, und die Liebe bricht wie eine Naturgewalt über die beiden herein. Für kurze Zeit gibt sich
das ungleiche Paar dem Liebesrausch hin. Doch als Marthe ein Jahr später zurückkehrt, ist auch Marceau verheiratet. Einzig sein Bruder, der Marthe wie ein Doppelgänger ihres Geliebten vorkommt, lässt sie weiterträumen, bis die Liebe im dritten Sommer endgültig erlischt.
Dass Marthe unverkennbar Züge der Autorin trägt, zeigt ein Brief von S. Corinna Bille aus dem Sommer 1950: »Ich habe da einen echten Freund. Das ist ein junger Fischer aus der Gegend. Ein einfaches Wesen, absolut wunderbar.« Meerauge ist aber nicht nur eine melancholische Liebesgeschichte, sondern auch das Porträt eines Landes kurz nach dem Weltkrieg, der noch durch alle Köpfe spukt, und einer Zeit, in der Kolonialismus und Rassismus kaum hinterfragt werden. Zu Billes Lebzeiten unveröffentlicht, erschien Meerauge 1989 postum in einer stark gekürzten Version. Rund siebzig Jahre nach der Niederschrift macht die Übersetzerin Lis Künzli diesen literarischen Schatz erstmals in seiner ursprünglichen Form zugänglich.

Mariatext: Corinna Bille war schon vor Jahren ein leseempfehlender Hinweis Stefan Weidles an mich. Was Stefan empfiehlt, bleibt.

Pirkko Saisio: Gegenlicht (übersetzt von Elina Kritzokat) Klett-Cotta 16.3.

Verlagstext:  Eine Abiturientin verlässt ihre Geburtsstadt Helsinki, um in der fernen Schweiz die Liebe und Anerkennung zu finden, die ihr in ihrem sozialistischen Elternhaus versagt geblieben ist. Doch in der Fremde erkennt sie, dass ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit sie immer enger in ihrem Korsett verschnürt, statt sie daraus zu befreien. In leuchtender Prosa erzählt Pirkko Saisio davon, wie viel es als Frau aufzugeben gilt, um wahrhaft unabhängig zu sein.

Mariatext: Nach zwanzig Jahren entdecken wir diese finnische Ausnahmeautorin und ihr Werk nun dank Elina Kritzokats meisterhafter Übersetzung auch hier. Das rote Buch der Abschiede hat mich atemlos beeindruckt zurückgelassen, nun gehen wir also noch tiefer in die Literatur Pirkko Saisios hinein.

Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann: Drei Ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat Hanser 18.3.

Verlagstext: Drei Freundinnen, ein Küchentisch, vor den Fenstern die Nacht: Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann reden. Über sich als "Ostfrauen", was auch immer diese Schublade bedeutet, über das Glück krummer Lebensläufe, über die Gegenwart mit ihrer sich ständig reindrängelnden Vergangenheit. Es wird getrunken, gelacht und gerungen, es geht um Erinnerungsfetzen und Widersprüche, um die Vielschichtigkeit von Prägungen und um mit den Jahren fremd gewordene Ideale. Im japanischen Volksglauben gibt es Geister, die aus achtlos weggeworfenen Dingen geboren werden - "wie sähe der Dinggeist der DDR aus?", fragen die drei. Ihr Buch ist dem Erinnern und dem Sich-neu-Erfinden gegenüber so gewitzt und warmherzig, wie es jede große Gesellschaftsdiskussion verdient.

Toxische Pommes: Ein schönes Ausländerkind Zsolnay Verlag 18.3.

Verlagstext: »Was hat uns das neue Leben gekostet? Meinen Vater seine Stimme, meine Mutter ihre Lebendigkeit. Und mich?«
Vor dem Krieg in Jugoslawien flüchtet die Familie in ein Einwanderungsland, das keines sein möchte. Dieses Buch erzählt von der Beziehung zwischen einer Tochter, deren einziger Lebenssinn darin besteht, die perfekte Migrantin zu werden, und ihrem Vater, der sich bei dem Versuch, ihr das zu ermöglichen, selbst verliert. Erstmals gibt es die großartig lakonische Toxische Pommes in Romanform. Seit der Corona-Pandemie ist sie in den sozialen Medien mit satirischen Kurzvideos über die schönen und hässlichen Seiten der Gesellschaft erfolgreich, und seit kurzem steht sie mit ihrem Kabarettprogramm auch auf den analogen Bühnen.

Maren Kames: Hasenprosa Suhrkamp 18.3.

Verlagstext: »Wenn das alles gewesen ist, ziehe ich aus!«, ruft da eine und macht sich in ihren Meilenstiefeln, ihren Reisesocken davon. Auf der Rückbank: ein Hase. Es geht einmal quer durch die Zeit, die Zeitalter und hinaus, ins knalldunkle All. Im Strichflieger durch den Himmel und die Erinnerung: an zwei Großmütter, eine helle, eine dunkle, eine heile, eine wunde. Einen Großvater, seine furchigen Hände. Einen Bruder und seinen Baum. An rasende Träume, krumme Märchen und einen Purple Rain.
Maren Kames' Hasenprosa ist quecksilbrig und herznah. Sie ist voller »Punk, Punk, Punk« und Zärtlichkeit. Fein Gesponnenes steht neben präzise gebannter Weltwahrnehmung. Wir hören Glenn Gould und Billie Eilish, sehen Lionel Messi durchs Universum dribbeln und seilen uns mit dem Hasen von Fixsternen ab. Ein Buch wie ein Kindheitssommer, ausschweifend, »sturzoffen« und leuchtend schön.

Mariatext: Das ist ja wohl der schönste Klappentext des Jahrhunderts?

Svetlana Lavochkina: Carbon (übersetzt von Diana Feuerbach) Voland & Quist 18.3.

Verlagstext: Donezk, das schwarze Juwel der Ukraine - Eden und Sodom zugleich, im Kohlerausch brodelnder Tiegel, unwendbares Schicksal im Osten Europas. Die Leserschaft wird auf die doppelte Odyssee zweier Abenteurer geschickt: auf das des feurigen Schmieds Alexander und das der scheuen Linguistin Lisa, deren Wege sich an der Schwelle zum Krieg im Donbas kreuzen. Nur einer der beiden ahnt, dass die Begegnung weit über ihren vordergründigen Zweck hinausreichen wird.
Thriller, Lovestory, Lebenslauf, historische Windrose, Handwerkerlied, Ontologie der ostukrainischen Seele - »Carbon« ist all das zugleich, ein in polyphonen Versen verfasstes Gebet für die geliebte, geschundene Stadt.

Simone Scharbert: du alice. eine anrufung Edition Azur 18.3.

Verlagstext: Seit ihrem postum erschienenen Tagebuch gilt Alice James als eine Ikone des frühen Feminismus. Und doch ist ihr Name bis heute weitgehend unbekannt. Erst wenn die Sprache auf ihre Brüder kommt, den Romancier Henry James sowie den Philosophen und Psychologen William James, oder auf Susan Sontag, die ihr ein Theaterstück widmete, weiß man sie einzuordnen. In Simone Scharberts Prosadebüt nimmt Alice James endlich die zentrale Position ein, die ihr zeitlebens nie zustand: Sie selbst ist die Adressatin dieser Anrufung. In einem reißenden Strom von Bildern, Assoziationen und Zitaten wird die Tragödie dieses Lebens greifbar: Die Geschichte einer Frau, die in einem intellektuellen Haushalt aufwächst, der aber der Zugang zu Bildung und Studium verwehrt bleibt. Einer Frau, die gegen das Stigma der Hysterie-Diagnose ankämpft, von den Brüdern benutzt als Material für ihr Schreiben und ihre Studien, von den Ärzten als Testobjekt für pseudowissenschaftliche Therapiemethoden. Einer Frau, in deren dysfunktionalem, von Krinoline, Mieder und gesellschaftlichen Konventionen eingeschnürtem Körper ein intellektuell wacher Geist wohnt.

Mariatext: Simone Scharbert ist eine so wichtige Stimme in meinem Regal und in meinem Ohr. Ihre Zugänge zu Sprache und Stimme, zu Stille, zu Rhythmus gehören zum bewundernswertesten, was ich in der Literatur kenne. Wenn sie Worte findet, um Werke und Biographien aus dem Vergessen zu holen, höre ich staunend zu. Lerne ich mit allen Herzkammern. Dieses Buch war bald nach dem ersten Erscheinen vergriffen, nun ist es endlich wieder lieferbar.

Tove Janson: Fair Play (übersetzt von Birgitta Kicherer) Kampa 20.3.

Verlagstext: Mari ist Schriftstellerin, Jonna Grafikerin. Sie leben im selben Haus mit Blick auf den Hafen Helsinkis, nur der Dachboden trennt ihre Wohnungen voneinander. Eine tiefe Zuneigung verbindet die beiden Frauen, die so unterschiedlich sind und sich vielleicht gerade deshalb so gut ergänzen. Seit Jahrzehnten arbeiten, lachen und streiten sie miteinander, im Winter in ihren Ateliers, im Sommer auf einer winzigen Schäreninsel. Sie versäumen Dinnerpartys von Freunden, um stattdessen Fassbinder-Filme zu schauen, fahren gemeinsam mit dem Bus durch Arizona, machen Videos von leeren Karussellen und Haien und reflektieren dabei immer wieder ihre Beziehung und ihr Altern. Selbst wenn es nur darum geht, neue Bilder an die Wand zu hängen, erzählt Fair Play vom ewigen Geben und Nehmen, von Kompromissen und Kommunikation, Missverständnissen und Verstimmungen und von dem Wandel, den eine Beziehung durchläuft, wenn die Menschen sich verändern.

Mariatext: Wieder eine Neuauflage. Die Erfinderin der Mumins ist mir ohne Mumins am liebsten.

Stephan Roiss: Lauter Jung und Jung 20.3.

Verlagstext: Leon lebt wie im Rausch, Rausch, sucht Entgrenzung in der Fremde und probt den Aufstand daheim. Bis er von weither zu spät zurückkommt, als seine Mutter stirbt. Selbstvorwürfe quälen ihn, Erinnerungen suchen ihn heim, verbittert zieht er sich zurück. Selbst Vio und Milena, die beiden ungleichen Freundinnen, können daran nichts ändern, und auch nicht, dass ihre gemeinsame Punkband vor einem Durchbruch steht. Als Leon erfährt, dass er Krebs hat, folgt er einer Einladung nach Venedig, wo ihn ein alter Freund in die Kunst der Meditation einführt. Doch die Reise, auf die Leon sich begibt, endet nicht dort, sondern geht weiter, quer durch Italien, bevor er schließlich auf der Vulkaninsel Stromboli landet. Unverhofft findet er sich in einer Welt wieder, in der die Liebe schamlos ist, die Gitarren wieder fiepen und dröhnen und eine Versöhnung mit dem Leben möglich scheint.
Lauter ist voller Wut und Hoffnung. Lauter feiert das Leben in Versenkung und Ekstase. Lauter ist der Ruf nach mehr, immer noch mehr, und endlich nach Stille.

Mariatext: Seit Stephan Ross 2020 mit Triceratops so einen sprachgewaltigen Eindruck bei mir hinterlassen hat, warte ich auf dieses neue Buch von ihm.

Johanna Hedman: Das Trio (übersetzt von Paul Berf) Luchterhand 20.3.

Verlagstext: Drei Freunde in ihren Zwanzigern: Thora, Hugo und August. Sie stammen aus verschiedenen Welten. Aber in zwei magischen Sommern erleben sie eine Liebe fürs Leben. Thora, einzige Tochter einer charismatischen Stockholmer Industriellenfamilie. August, angehender Künstler, seit Jahren ihr bester Freund und manchmal auch mehr. Hugo, gleichermaßen fasziniert wie verängstigt von dieser neuen und privilegierten Welt, in die er unvermittelt als Untermieter von Thoras Eltern gestoßen wird. Bald sind die drei unzertrennlich und verbringen jede wache Minute miteinander: in Cafés, auf Radtouren, in Paris, London, Berlin. Unter der Oberfläche lauern starke Gefühle; Themen wie Identität, Klasse und Liebe brechen auf. Das fragile Gleichgewicht zwischen ihnen droht schon bald zu zerbrechen, aber noch ist alles in der Schwebe, noch ist alles möglich.

Claire Keegan: Reichlich spät (übersetzt von Hans-Christian Oeser) Steidl 26.3.

Verlagstext: Freitag, der 29. Juli in Dublin. Das Wetter ist wie vorhergesagt, die Stadt vor Cathals Bürofenster liegt in gleißendem Sonnenschein. Nach einem scheinbar ereignislosen Tag mit Budgetlisten und Bürokaffee nimmt Cathal den Bus nach Hause. Die Landschaft zieht an ihm vorüber, die waldigen Hügel, auf denen er noch nie gewesen ist, und er denkt an Sabine. Die ein bisschen schielt und die gut kochen kann, die auch im Winter barfuß am Strand spazieren geht, die die Hügel besteigt. Die zu viel Geld ausgibt und zu viel Raum einnimmt und zumindest über die Hälfte von allem bestimmen will. Die Frau, mit der er hätte sein Leben verbringen können, wäre er ein anderer Mann gewesen. In dieser kleinen Geschichte eines gescheiterten Paares erzählt Claire Keegan vom großen Thema Misogynie. Und wie sie das tut: kein Wort überflüssig, jeder Satz von durchscheinender Klarheit. Meisterhaft!

Mariatext: Ich finde es so grandios, wie sich diese Autorin durchgesetzt hat: Die Erstauflage der deutschen Übersetzung von Das dritte Licht hat 2013 quasi niemanden interessiert und jetzt ist sie berechtigt nicht mehr wegzudenken aus dem zeitgenössischen Kanon irischer Literatur. Auch eine mutmachende Geschichte.

Nastassja Martin: Im Osten der Träume (übersetzt von Claudia Kalscheuer) Matthes & Seitz 28.3.

Verlagstext: Nach ihrer sehr persönlichen Erzählung An das Wilde glauben führt auch Nastassja Martins neues Buch wieder nach Kamtschatka, wo die Lesenden auf alte Bekannte stoßen: die Even. Doch in Im Osten der Träume reflektiert die Anthropologin nun die ganze Geschichte ihrer Zeit mit den Even. Nach ihrer Feldforschung bei den Gwich'in in Alaska erscheint es Martin notwendig, sich auf die andere Seite der Beringstraße und des ehemaligen Eisernen Vorhangs zu begeben. In Kamtschatka lernt sie ein Even-Kollektiv kennen, das in der Sowjetunion gezwungen war, in Kolchosen sesshaft zu werden, und nach dem Zusammenbruch des Regimes beschloss, in den Wald zurückzukehren, um eine autonome Lebensweise neu zu erfinden. Diese beruht auf Fischfang, Jagd und Sammeln: ganz untypisch für die Even, die ursprünglich kleinere Rentierherden hüteten. Nastassja Martin begleitet sie und beschreibt, wie das Kollektiv den Dialog mit den Tieren und den Elementen wieder aufnimmt, wobei Träume eine essenzielle Rolle spielen. Mit ihrem neuen Alltag reagiert diese Gruppe auf die jahrzehntelangen Verheerungen, die eine koloniale Machtpolitik ihr zugefügt hat. Und zugleich versucht sie, eine Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart zu finden, während in unmittelbarer Nachbarschaft die Zeitbombe einer bevorstehenden Naturkatastrophe in Gestalt eines zügellosen Nickel-Extraktivismus längst zu ticken begonnen hat.

Neu im April

Marica Bodrožić: Die Rebellion der Liebenden btb Verlag 11.4.

Verlagstext: Marica Bodrožić geht in sechs sehr persönlichen Essays der Frage nach, wie wir gerade unter dem Eindruck alltäglicher Gewalt und fortlaufenden Unrechts zu einer neuen Offenheit im Denken, zu mehr Menschlichkeit gelangen können. Überall auf der Welt wird das Recht auf Unversehrtheit mit Füßen getreten, jeden Tag aufs Äußerste missbraucht. Was braucht es, um Veränderungen anzustoßen? Wer nur das Alte beibehalten will, wählt zwangsläufig einen Weg ins Unglück. »Um Veränderung wahrnehmen und sie zulassen zu können, ist es vonnöten, die eigene Verletzlichkeit zu kennen«, schreibt Bodrozic. Ihre Essays sind ein eindrucksvolles Plädoyer für ein friedliches Miteinander - in der geistigen Tradition von Martin Luther King oder Erich Fromm. »Wir bleiben unser Leben lang verletzlich. Es gibt eine Güte, die hinter der Grausamkeit liegt. Sie kann nicht durch die Gewalt abgetötet werden.«

Mariatext: Niemand nordet meinen menschlichen Kompass so poetisch und klug wie Marica Bodrožić.

Nora Ephron: Heartburn (übersetzt von Ursula Gaïl) Kein + Aber 12.4.

Verlagstext: Ein köstlicher moderner Klassiker über die Ehe, Verrat, Loyalität - und bittersüße Rache. Im siebten Monat ihrer Schwangerschaft erfährt Rachel, dass ihr Mann in eine andere Frau verliebt ist und sie mit ihr betrügt. Die Tatsache, dass diese Frau einen »Hals so lang wie ein Arm und eine Nase so lang wie ein Daumen« hat, ist kein Trost. Aber manchmal ist Essen ein Trost, denn Rachel ist Kochbuchautorin, und zwischen dem Versuch, Mark zurückzugewinnen, und dem Wunsch, ihn umzubringen, bietet sie uns einige ihrer Lieblingsrezepte. Heartburn ist eine Achterbahnfahrt der Liebe, des Verrats, des Verlusts und - am befriedigendsten - der Rache.

Mariatext: Wieder so eine Rettung für mich: den Film nie geschaut, das Buch nie gelesen, jetzt ist meine Chance. Und eure!

Ling Ma: Glückscollage (übersetzt von Zoë Beck) Culturbooks 15.4.

Verlagstext: Freudvoll zerstört Ling Ma sämtliche unserer sorgfältig aufgebauten Illusionen. In »Glückscollage« erzählt die Autorin des weltweiten Erfolgs »New York Ghost« acht Geschichten von Menschen, die sich ihren Weg durch den Wahnsinn und die Wirklichkeit unserer kollektiven Illusionen bahnen: Eine Frau, die mit all ihren Ex-Freunden zusammen in einem Haus lebt. Eine zerstörerische Freundschaft, die sich um eine Droge dreht, die unsichtbar macht. Ein uraltes Ritual, das einen von allem heilen kann - wenn man sich nur lebendig vergraben lässt.

Colombe Schneck: Paris-Trilogie (übersetzt von Claudia Steinitz) Rowohlt 16.4.

Verlagstext: Eine Romantrilogie, die auf überragende Weise von den großen Themen im Leben einer Frau erzählt - Körper, Sexualität, Klasse, Herkunft, Freundschaft, Liebe, Tod. Colombe wächst in den Achtzigerjahren als Kind linksliberaler jüdischer Eltern in der Pariser Bourgeoisie auf. Als sie mit siebzehn ungewollt schwanger wird, reißt sie das jäh aus der Sorglosigkeit ihrer Existenz und der Gewissheit, alles haben zu können. Es ist die erste große Zäsur in ihrem Leben. Die zweite: der viel zu frühe Tod ihrer besten Freundin Héloïse, mit der sie seit der Schule eng verbunden war. Die beiden besuchten die besten Schulen und Universitäten, waren beruflich erfolgreich, und dennoch führten sie ein merkwürdig unemanzipiertes Leben. Warum ist das so? Die dritte Zäsur ist eine unerwartet intensive Liebe, mit fünfzig Jahren, vielleicht die glücklichste ihres Lebens überhaupt. 
Colombe Schneck erzählt stets persönlich und doch auf frappierende Weise exemplarisch. Sie schaut mit kühlem Blick auf ihr Milieu und voller Emotionen auf ihr Leben. 

Mariatext: Liebe schon alles daran. Und dann lese ich weiter in der Autorinnenbiografie: Schriftstellerin wurde sie eher durch Zufall, nachdem sie entdeckte hatte, dass ihr Großvater von seinem Liebhaber ermordet worden war, der ihn in Stücke zersägt in einem Koffer durch Frankreich bugsierte. Seitdem ist Colombe Schneck besessen von der Wahrheit und hat viel über die Geheimnisse ihre jüdisch-großbürgerliche Familiengeschichte geschrieben …

Mareike Fallwickl: Alles so still Rowohlt 16.4.

Verlagstext: Ein großer feministischer Gesellschaftsroman über Widerspruchsgeist und Solidarität  An einem Sonntag im Juni gerät die Welt aus dem Takt: Frauen liegen auf der Straße. Reglos, in stillem Protest. Hier kreuzen sich die Wege von Elin, Nuri und Ruth. Elin, Anfang zwanzig, eine erfolgreiche Influencerin, der etwas zugestoßen ist, von dem sie nicht weiß, ob es Gewalt war. Nuri, neunzehn Jahre, der die Schule abgebrochen hat und versucht, sich als Fahrradkurier, Bettenschubser und Barkeeper über Wasser zu halten. Ruth, Mitte fünfzig, die als Pflegefachkraft im Krankenhaus arbeitet und deren Pflichtgefühl unerschöpflich scheint.
Es ist der Beginn einer Revolte, bei der Frauen nicht mehr das tun, was sie immer getan haben. Plötzlich steht alles infrage, worauf unser System fußt. Ergreifen Elin, Nuri und Ruth die Chance auf Veränderung?

Mariatext: Am 15.4. machen Mareike und ich einen Instagram-Livestream und sprechen über ihr neues Buch! Ich freu mich schon sehr darauf!

Hiromi Ito: Hundeherz (übersetzt von Irmela Hijiya-Kirschnereit) Matthes & Seitz 18.4.

Verlagstext: Die letzten zwei Jahre im Leben eines Familienhunds, durchzogen von Erinnerungen und mit Seitenblicken auf den gebrechlichen Vater der Erzählerin - Stoff für ein Buch, das viele Fragen stellt und so nüchtern-prosaische wie poetische Antworten bereithält. Die drei Töchter der Erzählerin und ihr Mann, der »Hundehasser«, aber auch die drei Hunde, der Vogel und alle anderen Haustiere bilden eine Familie mit einzigartigen Persönlichkeiten. Ihnen allen verleiht die Autorin eine Stimme, begibt sich auf ihre Augenhöhe und zeichnet in kuriosen wie rührenden, amüsanten und nachdenklichen Anekdoten das Bild dieser besonderen Familienkonstellation, wobei oft ein übler Gestank über der Szene liegt. Dabei überlegt sie: Was bedeuten Fürsorge, Verantwortung und Zuneigung zwischen Mensch und Tier? Wie weit reicht das gegenseitige Verstehen? Wo sind Grenzen, wo werden sie überschritten? Das offenbart sich am südkalifornischen Familienwohnsitz ebenso wie in Japan, wo der alte Vater die Tage mit seinem Hund verbringt.  Mit Geduld und Zurückhaltung wird hier beobachtet und zugleich mit Witz, Selbstironie und Sprachgewalt aus den ineinandergreifenden Perspektiven von Mensch und Hund erzählt. Selten hat jemand so offen und schonungslos über Leben und Sterben nachgedacht.

Mariatext: Der Dornauszieher hat mich 2021 so begeistert, gerade weil er so viel moderner und radikaler war, als der Klappentext damals vermuten lies. Ich habe mir damals geschworen, genau zu schauen, ob Irmela Hijiya-Kirschnereit noch mehr von Hiromi Ito übersetzt und siehe da …

Chukwuebuka Ibeh: Wünschen (übersetzt von Cornelius Reiber) S. Fischer 24.4.

Verlagstext: Für den jungen Obiefuna, der im Nigeria der 2010er-Jahre aufwächst, sind Liebe und Verlangen untrennbar mit Schuld und Ablehnung verwoben. Als sein Vater Zeuge eines intimen Moments zwischen ihm und einem anderen Jungen wird, verbannt er den Sohn in ein christliches Internat, das von strenger Hierarchie und Gewalt geprägt ist. Allem Vertrauten entfremdet, begibt sich Obiefuna auf die Suche nach Verbundenheit. Seine Mutter Uzoamaka ringt indessen darum, ihn, den wichtigsten Menschen in ihrem Leben, nicht zu verlieren. Chukwuebuka Ibeh, der Shootingstar der nigerianischen Literatur, lässt mit »Wünschen« ein aufwühlendes und feinsinniges Porträt unserer Gegenwart entstehen - eine vielschichtige Geschichte über Liebe, Einsamkeit und die Frage, ob ein freies Leben möglich ist, wenn Politik tief in unser Herz und Bewusstsein gedrungen ist.

Mariatext: Cornelius Reiber hat auch Ein Geist in der Kehle von Doireann Ní Ghríofa übersetzt. Aber nicht nur deshalb habe ich dieses Debüt schon tief berührt und beeindruckt gelesen. Mehr dann zum Erscheinen.

Gilda Sahebi: Wie wir uns Rassismus beibringen S. Fischer 24.4.

Verlagstext: Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Gilda Sahebi zeigt in ihrer klaren Analyse: Wir alle denken rassistisch. Mit Extremismus hat das nichts zu tun. Sondern es ist Konsequenz politischer und gesellschaftlicher Strukturen, die unser Denken und unser Handeln formen. Wo Mehrheits- und Minderheitsgesellschaften aufeinandertreffen, bilden sich fast zwangsläufig rassistische Denkmuster und Strukturen - außer man steuert bewusst dagegen. In Deutschland tut man das nicht. Der Rassismus-»Vorwurf«: Er wird abgetan. Lieber empört man sich, als eine ernsthafte Debatte zu führen und tatsächliche Probleme zu lösen. Gilda Sahebi analysiert die Spezifika des deutschen Rassismus. Dafür blickt sie zurück bis ins Deutsche Kaiserreich und verfolgt die roten Fäden rassistischen Denkens, die sich von damals bis in die Debatten unserer Gegenwart - etwa um die Staatsbürgerschaft, den Nahostkonflikt oder Migration - ziehen. Sie zeigt, wie wir rassistische und spaltende Narrative stetig weitertragen, uns Rassismus immer wieder beibringen - und damit die Demokratie gefährden.

Sibilla Aleramo: Eine Frau (übersetzt von Ingrid Ickler) Eisele Verlag 25.4.

Verlagstext: Die unbeschwerte Kindheit von Sibilla Aleramo findet ein abruptes Ende, als sie sich mit siebzehn Jahren in einen Arbeiter aus der Glasfabrik ihres Vaters verliebt, ungeplant schwanger wird und heiraten muss. Plötzlich Mutter und Ehefrau, sieht sie sich gefangen in den patriarchalen Strukturen der damaligen Zeit – so wie ihre eigene Mutter und alle Frauen, die sie kennt. Doch statt sich den Erwartungen an ihre neue Rolle zu fügen, strebt sie nach Freiheit, Selbstbestimmung und einem Leben voller Bildung und Literatur. Sibilla Aleramo ist eine Frau – und doch fängt sie das Schicksal einer ganzen Generation von Frauen ein und beschreibt authentisch und mit außergewöhnlicher Intensität, wie sich ihre Protagonistin aus den Fesseln der Tradition befreit und ihre eigene Identität findet.
Eine Frau ist nicht nur das eindringliche Porträt der italienischen Gesellschaft um die Jahrhundertwende, sondern auch ein Manifest für Gleichberechtigung in jedem Sinne – und inspiriert so noch heute, über die Grenzen der eigenen Lebensumstände hinaus zu denken.

Mariatext: Mein belesener Freund Tobias Schiller (@tobiborns) hat mir vor Jahren eine vergriffene Ausgabe von Una Donna geschenkt. Ich freue mich so, dass es jetzt eine neue Übersetzung und angemessene Ausgabe dieses Klassikers gibt. Mehr als rechtzeitig zum Buchmesse-Gastland Italien in diesem Herbst.

Julia Fritzsche: Oben ohne Edition Nautilus 29.4

Verlagstext: Nippel sind langweilig - oder erotisch. Normal - oder skandalös. Alltag - oder Gerichtssache. Was den feinen Unterschied macht, ist das Geschlecht des Menschen, an dem der Nippel hängt. Und es ist auch dieser feine Unterschied, der den Nippel immer wieder zu einem Politikum macht.
Als Gabrielle Lebreton sich 2022 an einem Wasserspielplatz oben ohne neben ebenfalls halbnackten Männern sonnen will, wird sie ermahnt, die Polizei wird gerufen und sie verliert im Nachgang vor Gericht. Im gleichen Jahr erstreiten Aktivist*innen in Göttingen, dass in Schwimmbädern alle Geschlechter oben ohne baden dürfen - allerdings nicht am Wochenende. Und während Social-Media-Konzerne sich beim Eindämmen von Hate Speech und Fake News schwer tun, müssen weibliche Nippel sorgfältig zensiert werden. Aus Angst wovor eigentlich? Julia Fritzsche blickt zurück in die Geschichte der Ver- und Enthüllung menschlicher Körper, um Rückschlüsse auf einen politischen Kampf im Heutezu ziehen. Wann wurde die weibliche Brust erotisch, wann dominierte historisch Scham und wann Befreiungsdrang? Was macht den Protest von Femen zum Skandal, was ist das Anliegen hinter #freethenipple und was haben die feministischen Diskurse um »oben ohne« und Kopftücher miteinander zu tun? Wie die aktuellen Kämpfe ausgehen, ist offen. Klar ist aber: Der Umgang mit Nippeln ist politisch - und es geht um mehr als um die Badeordnung.

Alice Ceresa: Der Tod des Vaters (übersetzt von Marie Glassl) Diaphanes 30.4.

Verlagstext: Eine Familie versammelt sich zur Beerdigung des Vaters: Der Patriarch ist tot, der Thron in der familiären Hierarchie unbesetzt. Und doch lebt er weiter, bleiben alle in den sinn­entleerten ­Gesten einer vergangenen Gemeinschaft gefangen, wandeln wie Puppen, haltlos und beinahe komisch umher, denn die Hölle der bürgerlichen Familie - die eigentliche Protagonistin dieser Geschichte - lebt weit über den Tod hinaus…In einer ebenso nüchternen wie magischen Sprache, frei von Sentimentalität oder ­autobiographischem Gestus entlarvt Alice Ceresa die Mechanismen einer zeitlos erscheinenden sozialen Wirklichkeit. In ihrer sezierenden Analyse verwandelt sich das Leben in die Parodie des gesellschaftlichen Gefängnisses, aus dem der Tod des Vaters dennoch einen Ausweg weist: »Am Ende wird die Familie endlich explodieren« und den Weg freigeben für Töchter »so unabhängig und herausragend, dass sie die Welt beherrschen werden«. Die Publikation bildet den Auftakt für weitere Publikationen dieser unbedingt (wieder-)zuentdeckenden Autorin.

Neu im Mai

Max Czollek: Gute Enden Verlagshaus Berlin 1.5.

Verlagstext: »falls jemand eine kapsel füllt
die zwanziger jahren dieses jahrtausends zu bewahren
möchte ich, dass wir uns daran erinnern
wie traurig wir gewesen sind«
Kein Weichzeichner, keine Küsse im Sonnenuntergang, keine Violinen - keine Versöhnungsgeste: Traurigkeit. Das ist das Wort, das im Zentrum von Max Czolleks Gedichtband steht. Sie ist das Ergebnis und der Ausgangspunkt eines kritischen Blicks auf die Gegenwart - und eine neue Perspektive in Max Czolleks poetischem Arbeiten. Bewusst geht er in die schmerzhaften Erfahrungen des Lebens hinein, um unserer Zeit ehrlich und schonungslos ins Auge zu sehen. Anstatt Gefühle von Hilflosigkeit, Enttäuschung und Verzweiflung zu übergehen, sie auszublenden, treten die Gedichte in sie ein. Die Schauplätze werden weit aufgespannt: Von Vancouver über Venedig, Friedrichshain und Florida, Prag und Pompei bis Trier und Tel Aviv: Überall begegnen uns Spuren vergeblicher Hoffnung, Zwischenlager für toxisch gewordene, verworfene Menschheitsvisionen. Als Echo steht über allem der Titel: Gute Enden. Die Suche nach Zuversicht, nach den Gute Enden gestaltet sich als vergebliche, aber notwendige Reise durch die Zeilen. Nicht die Frage, »was jetzt?« treibt Max Czollek um, sondern seine Antworten auf die Frage, »Wie sind wir zu dem geworden, als was wir heute enden?«.

Mariatext: ich bin gespannt, wer den Band illustrieren wird. Dank meines jahrelangen Lyrik-Abos beim Verlagshaus verpasse ich das aber sowieso nicht. Lyrik ist in diesem Newsletter leider ohnehin viel zu kurz gekommen. Vielleicht mache ich mal eine Sonderausgabe dazu?

Christine Lavant und Werner Berg: Über fallenden Sternen Wallstein 2.5.

Verlagstext: In ihren Briefen stehen die Liebenden sofort in Flammen - die Dichterin Christine Lavant und der Maler Werner Berg
Die schicksalhafte Liebesbeziehung zwischen Christine Lavant und Werner Berg in den Jahren 1950 bis 1955 fand in Hunderten von Briefen ihren Niederschlag. Die Briefe dokumentieren eine existenzielle künstlerische Verbindung jenseits aller Konventionen, die beide Künstler wiederholt bis an den Rand des tödlichen Zusammenbrechens forderte. Nach der Trennung verstummte Christine Lavant als Dichterin. Die vollständige Edition der jahrzehntelang gesperrten Briefe lässt Höhen glücklichen Gefühlsüberschwangs und Abgründe der Verzweiflung nachfühlen und stellt allein aufgrund des enormen Umfangs und der kein Tabu scheuenden Offenheit fraglos eine Sensation dar. Die Briefe geben Einblick in Träume und Hoffnungen, Aufschwünge und Abstürze, Glück und Verzweiflung zweier besonderer Menschen.

Sandra Newman: Das Verschwinden (übersetzt von Milena Adam) Eichborn 31.5.

Verlagstext: In nur einem Augenblick verschwinden auf der ganzen Welt alle Menschen mit einem Y-Chromosom - urplötzlich, ohne jede Spur. Auch Jane hat ihren Mann und ihren kleinen Sohn verloren. Voller Panik sucht sie die einzige Person auf, von der sie sich Hoffnung verspricht: Evangelyne, die charismatische Anführerin einer politischen Untergrundbewegung, mit der sie eine alte Freundschaft verbindet. Gemeinsam erschaffen sie und all die übrigen Frauen eine völlig neue Gesellschaft - eine friedliche, sichere Welt. Doch dann tauchen höchst verstörende Videos der verschwundenen Männer und Jungen auf, und als Jane einen Weg erkennt, sie zurückzuholen, muss sie sich fragen: Wäre sie bereit, diese neue Welt dafür zu opfern?

Liesbet Dill: Tagebuch einer Mutter Rowohlt 14.5.

Verlagstext: Eine literarische Wiederentdeckung von großer erzählerischer und emotionaler Kraft, ein mitreißendes Leseerlebnis. Ein Roman über Mutterschaft, über Möglichkeiten, über Lebensentwürfe von Frauen.
Oliva Nordeck lebt nach dem Kriegstod ihres Mannes nahezu mittellos und allein mit vier kleinen Kindern. Jahrelang schlägt sich die Familie mehr schlecht als recht in einer namenlos bleibenden mitteldeutschen Stadt durch, bevor sie schließlich ein kleines, baufälliges Häuschen am Stadtrand beziehen. Hier hat Oliva alle Hände voll zu tun mit den großen und kleinen Katastrophen des Alltags als alleinerziehende Mutter von vier äußerst lebhaften Teenagern, deren Eigenheiten und Bedürfnissen sie immer wieder mit großer Gelassenheit, Verständnis und Selbstaufopferung begegnet. Nur hier und da gelingt es ihr, ein paar Minuten Zeit für sich selbst zu stehlen, um auf ihrem geliebten Flügel zu spielen, Bücher zu lesen oder selbst kleine literarische Versuche zu unternehmen, die sie dann heimlich an Zeitungen verschickt. Und immer wieder gerät sie in Situationen, in denen sie die Möglichkeiten eigener Selbstverwirklichung gegen das Glück ihrer Kinder abwägen muss ...

Mariatext: Die von Magda Birkmann und Nicole Seifert herausgegebene Reihe rororo Entdeckungen ist in vollem Umfang erwartungsfrohe Pflichtlektüre. Auf dieses Buch freue ich mich aber ganz besonders.

Rivka Galchen: Jeder weiß, dass deine Mutter eine Hexe ist (übersetzt vonGrete Osterwald) Rowohlt 14.5.

Verlagstext: Ein fesselnder Roman über den wohl bekanntesten deutschen Hexenprozess gegen Katharina Kepler, die Mutter des Astronomen und Physikers Johannes Kepler, erzählt aus der Sicht einer starken, unabhängigen Frau. Leonberg, 1618: Die Pest grassiert, Krieg wird ausbrechen, Angst und Misstrauen herrschen. Der kaiserliche Astronom und Protestant Johannes Kepler ist mit den gewagten Thesen seines heliozentrischen Weltbildes bei den württembergischen Herrschern nicht sonderlich beliebt und muss ins Exil. In der Zwischenzeit hält man sich in Leonberg an seiner Mutter Katharina schadlos. Rivka Galchen schreibt aus Sicht «Kätherlin» Keplers, der Sicht einer unabhängig denkenden, im besten Sinne «eigenwilligen» Frau von dem historisch belegten, langjährigen Hexenprozess (1615-21) und stellt sich und uns die Frage, wie wirkmächtig selbstständig handelnde Frauen in der Historie waren. In Galchens neuem Roman prallen Welten aufeinander, politisch, religiös und gesellschaftlich, an einem historischen Wendepunkt vor dem Dreißigjährigen Krieg, Pest und einsetzender Renaissance.

Mariatext: Der Fall war auch Thema in Maria Popovas Findungen. Ich hab mich so gefreut zu sehen, dass es einen eigenen Roman dazu gibt und bin nun gespannt auf die Übersetzung.

Jhumpa Lahiri: Das Wiedersehen (übersetzt von Julika Brandestini) Rowohlt 14.5.

Verlagstext: Von der Sehnsucht nach einer besseren Welt und vom Fremdsein in der schönsten aller Städte: Rom. Das neue Buch der vielfach ausgezeichneten Pulitzerpreisträgerin und «Meisterin der Kurzgeschichte» (Die Welt). Ein Mann erinnert sich an eine Sommerparty, die eine andere Version seiner selbst zum Leben erweckt hat. Ein Paar, das von einem tragischen Verlust heimgesucht wird, kehrt nach Rom zurück, um Trost zu suchen. Eine Außenseiterfamilie wird aus dem Wohnblock vertrieben, in dem sie sich niederzulassen gehofft hat. Eine Treppe in einem römischen Viertel verbindet das tägliche Leben der unzähligen Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt. 
Dieses Buch ist ein eindrucksvolles Fresko von Rom, der verführerischsten Stadt von allen: widersprüchlich, in ständigem Wandel und ein Zuhause für diejenigen, die wissen, dass sie nicht ganz dazugehören können, sich aber trotzdem dafür entscheiden. «Das Wiedersehen» ist ein meisterhaftes Werk einer der großen Schriftstellerinnen unserer Zeit. Jhumpa Lahiri hat es in ihrer geliebten Wahlsprache Italienisch verfasst und erzählt wie keine andere von Heimat und Zugehörigkeit.

Mariatext: Ich liebe die Texte, die von Jhumpa Lahiri aus dem Italienischen übersetzt wurden. Zuletzt war das Wo ich mich finde (übersetzt von Margit Knapp).

Unter Frauen. Geschichten vom Lesen und Verehren herausgegeben von Anna Humbert und Linda Vogt Rowohlt 15.5.

Verlagstext: Welches Buch liebt unsere Lieblingsschriftstellerin, welche Autorin hat ihr eigenes Schreiben begleitet, geformt, verändert?  Diese Anthologie tut das, was Männer schon immer, vielleicht auch einmal zu oft gemacht haben: literarische Vorbilder feiern. In Unter Frauen werden jedoch ausnahmslos Autorinnen zelebriert. Schriftstellerinnen schreiben über Schriftstellerinnen, die prägend für ihr eigenes Werk sind, über Bücher, die wir alle lieben, und über welche, die kaum eine von uns in ihrem Bücherregal stehen hat.
Ein kleiner Kanon von großen Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Ein Manifest der weiblichen Solidarität, Bewunderung und Inspiration. A book of one's own.
Mit Beiträgen von Gabriele von Arnim, Simone Buchholz, Ulrike Draesner, Mareike Fallwickl, Yael Inokai, Rasha Khayat, Mirrianne Mahn, Daria Kinga Majewski, Jacinta Nandi, Deniz Ohde, Jovana Reisinger, Ruth-Maria Thomas, Kathrin Weßling und einem Vorwort von Maria-Christina Piwowarski.

Mariatext: «So eine Sammlung habe ich mir immer gewünscht. Ich freue mich auf jede Entdeckung! Was für ein herausragendes und sinnstiftendes Buch!» Maria-Christina Piwowarski (Es war mir so eine Ehre, das Vorwort schreiben zu dürfen ich hab mich in so viele Schreibende und Beschriebene (neu) verliebt.)

Anika Landsteiner: Sorry not sorry. Über weibliche Scham Rowohlt 14.5.

Verlagstext: Was hat Scham mit Weiblichkeit zu tun?
Scham zu empfinden ist vollkommen normal, ganz unabhängig vom Geschlecht. Doch Frauen schämen und entschuldigen sich besonders oft:  für den eigenen Körper, weil sie als zu erfolgreich gelten, Single sind oder kinderlos bleiben. Anika Landsteiner hat eben dieses Phänomen auch bei sich festgestellt und geht der Frage nach, warum das so ist. In klugen, persönlichen Texten über alle Aspekte ihres Lebens - von Arbeit über Krankheit und Sexualität bis hin zur Auseinandersetzung mit ihrer Biographie - reflektiert sie über Selbstwert, Grenzüberschreitungen und darüber, dass sie sich nicht mehr kleinmachen lässt, weder von sich selbst, noch von anderen.

Mariatext: Ich hab letztes Jahre eine Lesung zu einem Roman von Anika Landsteiner moderieren dürfen und dachte so oft: was für eine coole, kluge, genaue Denkerin. Von der würde ich auch ein Sachbuch lesen.

Kirsty Loer: Einekurze Geschichte queerer Frauen (übersetzt von Janine Malz) Aufbau 15.5.

Verlagstext: Queere Frauen gibt es schon immer, aber sie wurden seit, nun ja, schon immer aus der Geschichte herausgeschrieben. Historiker gibt es auch schon eine Weile, und die längste Zeit waren sie, nun ja, Männer. Daraus folgt: Männer schrieben die Geschichte auf, die sie für wichtig hielten - und das war meist ihre eigene. Wie Frauen die Geschichte prägten, wurde als unwichtig abgetan, und dass queere Frauen überhaupt existierten, wollte auch niemand zugeben. Gut, dass Kirsty Loehr es besser weiß: Sie hat die Geschichte durchforstet nach Frauen, die Frauen liebten, und die nicht »nur Freundinnen« waren. Ihr Buch lässt uns queere Frauen entdecken, die in ihrer Zeit das Patriarchat herausforderten, und bringt uns dazu, die uns vertraute Geschichtsschreibung komplett über Bord zu werfen.
Von Virginia Woolf, Marlene Dietrich und Hildegard von Bingen bis zur andalusischen Prinzessin Wallada bint al-Mustakfi und der lesbischen Jüdin Annette Eick.

Stephanie Harrison: The New Happy Orion 16.5.

Verlagstext: We all want to be happy. This goal drives everything that we do. Why, then, are so many of us so unhappy? It's not your fault. You have been told a lie: that achieving your own success will make you happy. This is "old happy," society's incorrect definition of happiness.
The truth is that happiness comes from helping other people to live happier lives. Accompanied by revelatory artwork that explains key concepts, New Happy takes you through the process of unwinding Old Happy, uncovering your own gifts, and using them to both improve your life and the world at the same time. If you have ever asked yourself, "Who am I really?" "When will I be happy?" or "What am I supposed to do with my life?" this book is for you.
Through an inspiring blend of art and science, New Happy will forever change the way that you see yourself and the world. Whether you're wondering what career you should choose, navigating a life transition, going through a difficult time, teaching your kids what matters most, or simply hoping to experience more joy every day, New Happy offers the proven path to a happier life and a better world.

Mariatext: Der Newsletter hierzu war ein Tipp von meiner Freundin Clara Schaksmeier. Eine tägliche Dosis Unterstützung, gerade jetzt in der Selbstständigkeit. Ich hab freudig entdeckt, dass es bald ein Buch dazu geben wird.

Brüste herausgegeben von Linus Giese und Miku Sophie Kühmel Tropen Verlag 18.5.

Verlagstext: Wer mit Brüsten durch die Welt geht, weiß: sie bedeuten immer etwas. Aber warum eigentlich? Brüste werden nie übersehen, aber selten wirklich angeschaut. Sie können wachsen und schrumpfen, sie formen uns und wir formen sie. Mit ihrer Ab- oder Anwesenheit verändert sich unser Selbstverständnis und auch, wie wir von außen wahrgenommen werden. Sie beeinflussen unsere Gender Performance, unser Selbstbewusstsein, unsere Haltung und unsere Silhouette. Dieses Buch trägt ihnen Rechnung.
Mit Beiträgen von Daniela Dröscher, Antje Rávik Strubel, Bettina Wilpert, Nils Pickert, Sarah Berger, Dr. Michaela Dudley, Biba Nass, Angela Lehner, Kirsten Achtelik, Audrey Naline.

Audrey Magee: Das Habitat (übersetzt von Nicole Seifert) Nagel & Kimche 21.5.

Verlagstext: Ein Londoner Künstler und ein französischer Linguist landen im Sommer 1979 auf einer abgelegenen irischen Insel. Der Künstler ist angereist, um die zerklüfteten Klippen im Atlantik zu malen, der Linguist, um den Niedergang der irischen Sprache zu verfolgen. Jeder der Männer will die unberührte Insel und seine Bewohner für sich alleine haben: Der eine, um sie in Ruhe zu malen und endlich ein besonderes Kunstwerk zu schaffen, der Andere, um eine Sprache zu retten, die gar nicht die seine ist. Die Spannung zwischen den beiden zieht im Laufe des Sommers Kreise über die gesamte Insel.
Vor dem Hintergrund Nordirlandkonflikts, erzählt der Roman vom harten Leben der Inselbewohner und von ihren Träumen - die sie über die harschen Grenzen ihrer abgeschiedenen Realität hinausführen.

Selby Wynn Schwartz, Wir waren Sappho (übersetzt von Luca Mael Milsch) Schöffling 23.5.

Verlagstext: »Was wir wollten? Fürs Erste das, was der anderen Hälfte der Bevölkerung allein durch ihre Geburt zugestanden wor­den war.«
In ihrem für den Booker­-Preis nominierten Roman beleuch­tet Selby Wynn Schwartz ein zu Unrecht vergessenes Kapitel feministischer Geschichte: Von der italienischen Frauen­rechtlerin Lina Poletti über Colette und Sarah Bernard bis zur großen Virginia Woolf verknüpft sie Schicksale his­torischer Persönlichkeiten zwischen Italien, Griechenland, London und Salons in Paris. Ihre übersprudelnd kreative fiktionalisierte Biografie folgt den Erlebnissen einer Gruppe genialer Feministinnen, Queers, Künstlerinnen und Schrift­stellerinnen der Jahrhundertwende, die sich allesamt nicht ins Frauenbild ihrer Zeit fügen wollen, auf ihrem Weg zu Freiheit und Selbstbestimmung. Wie ein Leuchtturm steht die antike Dichterin Sappho über alledem, ihre Lyrik dient den Protagonist*innen als Vorbild und Inspiration.
Schwartz' vielstimmiger, episodenhafter Roman macht mit seiner poetischen Sprache lesbische und feministische Ge­schichte auf einzigartige Weise greifbar. Er würdigt Pionier­*innen der Vergangenheit und ist zugleich hochaktuell und gibt Hoffnung für die Zukunft.

Saša Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne Luchterhand 30.5.

Verlagstext: Was wäre, wenn man nicht diese eine Entscheidung getroffen hätte, sondern diese ganz andere? Was wäre, hätte man der Erwartung getrotzt? Und: wäre es nicht schön, könnte man ein Leben probeweise erfahren, bevor man es wirklich lebt? Manchmal fürchten wir uns, feige gewesen zu sein, zu lange gezögert und etwas verpasst zu haben, das uns ein besseres Ich beschert hätte, ein größeres Glück und die besser aussehenden und lustigeren Haustiere und Partner. Die neuen Erzählungen von Saša Stanišić widmen sich diesem permanenten Grübeln an den Kreuzwegen unserer Biografie, an denen man doch auch einmal einen überraschenderen Weg hätte gehen, eine unübliche Wahl hätte treffen oder eine Lüge hätte aussprechen können. So wie die Reinigungskraft, die beschließt, mit einer Bürste aus Ziegenhaar in der Hand, endlich auch das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. So wie der deutsch-bosnische Schriftsteller, der zum ersten Mal nach Helgoland reist, nur um dort festzustellen, dass er schon einmal auf Helgoland gewesen ist. So wie der Vater, der bereit ist zu betrügen, um endlich gegen den achtjährigen Sohn im Memory zu gewinnen ...

Mariatext: Ich liebe schon allein den Mut für diesen Titel. Was da wohl rauskommt, wenn man im Buchhandel danach gefragt wird. Außerdem lese ich alles von Saša Stanišić mit Staunen und Bewunderung, hier über ich sicherheitshalber schon mal einen Kniefall.

Amy Liptrot: Wilde Geschöpfe übersetzt von Bettina Münch) btb Verlag 30.5.

Verlagstext: Amy Liptrot möchte das einsame Leben auf den Orkneyinseln hinter sich lassen und bucht einen One-Way-Flug nach Berlin. Sie mietet ein Hochbett in einer WG und beginnt, mit ihrem Handy nach Arbeit - und Liebe - zu suchen. »Wilde Geschöpfe« erzählt von einem bewegten Jahr in Berlin, in dem Amy der Tierwelt der Stadt an völlig unerwarteten Orten begegnet, den Zyklen des Mondes und den Flugbahnen der Zugvögel folgt. Sie erlebt die Einsamkeit des Online-Datings in der Wildnis der Großstadt und gibt sich der berauschenden Macht von Liebe und Lust hin.

Neu im Juni

Isabel Waidner: Vielleicht ging es immer darum, dass wir Feuer spucken (übersetzt von Ann Cotten) DuMont 17.6.

Verlagstext: Sterling Beckenbauer wird eines Morgens verhaftet, ohne etwas verbrochen zu haben. In eine erschreckende und unsinnige Welt gestürzt, nimmt Sterling - mithilfe deren drei besten Freund*innen - den Kampf gegen ein im Herzen konservatives System auf. Dabei scheut Isabel Waidner nicht das Spiel mit dem Surrealen: Sterlings Vater ist Franz Beckenbauer und in den 90ern an Aids gestorben, die Held*innen müssen sich bei ihrem Kampf um Gerechtigkeit Fußballern und Stierkämpfern stellen, es wird per Google Maps durch die Zeit gereist, und über allem schwebt eine Verschwörung um die Band »The Beach Boys«. An die Grenzen dessen gehend, was wir als Fiktion zu akzeptieren bereit sind, zeigt Isabel Waidner in unvergesslichen Szenen und schillernden Bildern, dass Gewalt gegen POCs und queeres Leben alles andere als fiktiv ist.

Mariatext: Nach Geile Deko (Merve 2019) freue ich mich auf Ann Cotten Übersetzungen von Isabel Waidner. Was für eine großartige Kombination.

Annie Ernaux: Eine Leidenschaft (übersetzt von Sonja Finck) Suhrkamp 17.6.

Verlagstext: Annie Ernaux erzählt von einer alles verzehrenden Leidenschaft für einen irritierend teilnahmslosen Mann - unerschrocken gründlich sucht sie nach der Wahrheit hinter einer Existenz, in der sie sich zusehends aufzugeben droht. Das körperliche Leiden, die Angst des Wartens, die immer nur kurze Erleichterung des Liebemachens, die darauffolgende Lethargie und Müdigkeit, das erneute Verlangen, die kleinen Demütigungen und Erniedrigungen der Besessenheit und des Verlassenseins - mit ruhiger Selbstverständlichkeit berichtet Annie Ernaux von einer schmerzlich langen Episode ihres Lebens; wie sie sich immer heftiger in eine Affäre verstrickt, einem verheirateten osteuropäischen Geschäftsmann verfallen, der eine vage Ähnlichkeit mit Alain Delon hat, schnelle Autos und Alkohol mag und im Französischen keine »obszönen Ausdrücke kennt, oder er hatte einfach keine Lust, sie zu benutzen«.
Annie Ernaux beschreibt einen zweijährigen Schwebezustand, worin jedes Wort, jedes Ereignis und jede andere Person entweder eine dringliche Verbindung zu diesem Mann hat oder aber von ihr mit kalter Gleichgültigkeit beschieden wird. Zu einem Mann, der ihr fremder nicht sein könnte.

Eve Babitz: Sex & Rage (übersetzt von Hanna Hesse) S. Fischer 26.6.

Verlagstext: Der große Roman der aufregendsten Autorin Hollywoods: »Eve Babitz' Genialität ist zu offensichtlich, zu strahlend, zu wahr, um ein Geheimnis zu bleiben.« Vanity Fair
Eve Babitz zählt zu den aufregendsten Wiederentdeckungen der letzten Zeit. Lange wurden ihre gleichzeitig scharfsinningen und leichthändigen Texte übersehen. Erst kurz vor ihrem Tod wurde eine Generation auf sie aufmerksam, die heute so jung ist, wie Eve Babitz zu Beginn ihrer Karriere. In Sex & Rage erzählt sie von Glamour und tiefen Abgründen - und von einer Muse, die in den 1970er-Jahren die Unverfrorenheit besitzt, selbst Künstlerin zu werden. Atemlos folgen wir der jungen Jacaranda, aufgewachsen am Strand von Los Angeles, wie sie sich durch die Höhen und Tiefen des Lebens trinkt, tanzt und feiert - und dabei mit spitzer Zunge und unbestechlicher Beobachtungsgabe ihren Zielen folgt. 

So, wer bis hierhin durchgehalten hat: Chapeau! Ihr seid die Coolsten!

Der nächste Newsletter kommt am ersten Sonntag im März und wird zweifelsfrei der kürzeste der MCP-Newsletter-Geschichte werden. Danach pendeln wir uns auf einer gemütlichen Mitte ein, ja? Immer dem Lesen verbunden.

Ich wünsche euch immer genau das Buch, das ihr sucht, das ihr genau in dem Moment braucht, das euch beruhigt oder beflügelt, stärkt oder auch mal durchrütteln darf. Ich wünsche euch die Gewissheit, dass Verlage großartige Arbeit für uns alle tun und es wert sind, dass wir diese Arbeit sehen. Ich beende diesen Newsletter mit Freude und Dankbarkeit und natürlich dem sicheren Gefühl, ganz viele bemerkenswerte Titel übersehen zu haben. Noch. Was für ein Glück, dass sie mich finden werden.

Mögen auch euch auch die richtigen Bücher zur richtigen Zeit finden. Ich helfe gern, wo ich kann.

Auf das Lesen!

Maria

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