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Der Übermedien-Newsletter von Lisa Kräher

Liebe Übonnent:innen,

seit Mitte Juni wurde eine 17-Jährige aus der Nähe von Dortmund vermisst. Vergangene Woche wurde ihre Leiche gefunden. In Verdacht, die Tat begangen zu haben: ihr Exfreund.

Nach einer solchen Gewalttat gibt es viele Fragen, die man als Zeitung stellen könnte. Zum Beispiel: Warum passiert das so oft, dass ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin tötet und was kann man dagegen tun? Oder: Wo bekommen  Eltern, die ihre Tochter verloren haben, in solchen Fällen Unterstützung? Also man könnte das fragen.

Bei den „Ruhr Nachrichten“ fragt man andere Sachen. Zum Beispiel: „Was geht in solch einem Menschen vor?“ Also im mutmaßlichen Täter. 

Und wen fragt man da? Klar. Einen Psychologen. Expert:innen das Innenleben und damit die Motive von Tätern deuten zu lassen, ist ja fast schon ein „Klassiker“, Ferndiagnosen ein beliebtes Genre. Wir haben das schon öfter kritisiert. Hier und hier zum Beispiel. Aber scheinbar haben Medien teilweise immer noch den Anspruch, Taten irgendwie nachvollziehbar zu machen.

Im Dortmunder Fall geschieht das mit Hilfe von Christian Lüdke. Er ist nicht nur Psychologe, sondern auch Autor eines Buches, einer „Anleitung“, wie man „Profile des Bösen“ erkennt. Sein Werk darf er bei den „Ruhr Nachrichten“ auch schön in die Kamera halten

Im Video-Interview diese Woche spricht er von „massiver Kränkung“ und einem „Gesichtsverlust“ des Mannes, der womöglich nie gelernt habe, mit seinen Emotionen zurechtzukommen. Für den Töten „Konfliktbewältigung“ sei. Zum Ort, an dem er die Leiche abgelegt hat, habe er möglicherweise einen „emotionalen Bezug“ gehabt. Also kann sein. So genau weiß man das zwar nicht, aber er sagt’s trotzdem mal. Er spricht von einer „klassischen Beziehungstat“.

Mich wundert es nicht, wenn dann manche Leser:innen den Eindruck haben könnten: Ach, so ist das also. Sie hat ihn gekränkt und er kann nicht mit Emotionen umzugehen. Was für ein tragisches „Beziehungsdrama“! 

Klar, es liegt zum einen an den Fragen, die ihm die Redaktion stellt, dass sie sich überhaupt dafür entscheidet, das zum Thema zu machen und ihm die Bühne zu geben. Und er formuliert auch durchaus einen Aspekt, der in ähnlichen Fällen sonst oft nicht so zur Sprache kommt: den Besitzanspruch eines Täters. „Wenn ich dich nicht haben kann, dann töte ich dich.“ Dennoch wirkt das, was Lüdke sagt, zu einem großen Teil verharmlosend. 

Und weil so ein Thema ja gut geklickt wird, brachten die „Ruhr Nachrichten“ diese Woche noch mehr – auch wenn es eigentlich nicht viel zu berichten gab. Während die Staatsanwaltschaft am Montag keine neuen Erkenntnisse zum Fall hatte, suchte ein Redakteur das Haus des Verdächtigen auf. Im Teaser des Stücks, das diese Woche zeitweise die Klickcharts der Seite anführte, steht wieder eine Frage. „Wer war er?“ Was irreführend ist. Denn im Gegensatz zu seiner Ex-Freundin lebt der Mann ja noch.

Beantworten kann der Text das sowieso nicht wirklich. Deshalb versucht man sich ein paar Dinge zusammenzustückeln. Ah, ein schwarzer Stiefel im Fenster. „Er könnte zu einer Motorradausrüstung gehören“. Was dann ja auch zur Erzählung eines Nachbarn und der Kawasaki auf dem Foto passen könnte, das man bei der Recherche in den sozialen Netzwerken gefunden hat. Warum diese Informationen relevant sind, bleibt unklar. 

Ach ja, die Nachbarn. Die wollen nicht fotografiert oder mit Namen genannt werden. Sie kannten den Mann, der da wohnte, eigentlich nicht, heißt es. Aber irgendwie müssen die drei Minuten geschätze Lesezeit des Artikels ja gefüllt werden. Drum steht da: „Was genau der mutmaßlich tatverdächtige Bewohner des Hauses in Deren beruflich gemachte habe, wisse der Nachbar nicht – irgendwas im Elektrik-Bereich.“ 

Im Text wird auch nochmal wiederholt, dass das Opfer angezündet wurde. Ein Versuch, Spuren zu verwischen. „Doch der war nicht von Erfolg gekrönt.“ Diese Formulierug in diesem Kontext ist aus meiner Sicht nicht nur unglücklich, sondern respektlos.

Wissen Sie, welche Frage ich mir dabei stelle? Wie es sich für Eltern, Familienmitglieder oder Freund:innen dieses Opfers oder Opfer ähnlicher Gewalttaten anfühlt, so etwas zu hören oder zu lesen.

Diese Woche bei Übermedien

Niemand kann so gut schlecht in die Zukunft sehen wie „Echo der Frau“ | „Hellseherin Soraya“ liefert seit 20 Jahren Schlagzeilen. Der Presserat hat das Funke-Blatt auf unsere Beschwerde hin gerügt.

Wie der britische Weselsky zum Social-Media-Star wurde | In Großbritannien sind Bahn-Streiks. Einige Medien wollen den Gewerkschafter Mick Lynch vorführen. Doch der lässt sich das nicht gefallen.

Rechter „Kontrafunk“ | Es gibt ein neues Webradio für alle, die an Impfungen, dem Klimawandel und allen anderen Radios zweifeln. Andrej Reisin hat für uns reingehört.

Wie kommt Geld von der VG Wort zu mir? |  Jedes Jahr ab 1. Juli  freuen sich Journalist:innen und Medienhäuser über die Ausschüttung der Verwertungsgestellschaft. Wie funktioniert das eigentlich? 

Zwischen Faszination und Skepsis | Der Podcast „Crypto Island“ porträtiert die Menschen, die versuchen, mit Crypowährungen reich zu werden. Ein gelungener Eindruck in einen Hype, findet Sandro Schroeder. (Ü)

(Ü) Exklusiv für Übonnent:innen.

Bundeskanzler Olaf Scholz stand diese Woche in der Kritik für die Antwort, die er einer Journalistin bei der Pressekonferenz nach dem G7-Gipfel gab. Wobei, eigentlich war es keine Antwort. Rosalia Romaniec von der „Deutschen Welle“ fragte Scholz höflich nach den Sicherheitsgarantien, die die G7 der Ukraine auch nach dem Krieg versprächen: 

Romaniec: „Könnten Sie konkretiesieren, welche Sicherheitsgarantien das sind?“

Scholz: „Ja. [Lange Pause]. Könnt' ich. [Nochmal Pause. Alle fragen sich, kommt da noch was?] Das war's.“

Wärhend seiner Pausen machte Scholz dazu noch schnaubende Geräusche, die man gut auch als selbstgefälliges Lachen deuten könnte. 

Was war da los? Warum reagiert Scholz so auf eine berechtigte und auch erwartbare Frage einer Journalistin? Hat er ein Problem mit ihr und anderen Medienvertreter:innen?

Darüber spricht Holger Klein diese Woche im Podcast mit Mark Schieritz. Der stellvertretende Leiter des Politikressorts bei der „Zeit“ hat zum Amtsantritt des Bundeskanzlers ein Buch über ihn geschrieben und beobachtet seinen Kommunikationsstil schon lange. 

Die neue Folge „Holger ruft an...“  hören Sie hier

Die nächste Folge gibt es dann Mitte August. Bis dahin legt Holger Klein seine wohlverdiente Sommerpause ein. Wenn Sie es nicht ohne aushalten, dann können Sie hier nochmal alle alten Folgen anhören. 

In Hamburg sagt man Tschüss, hat Heidi Kabel gesungen, aber, also, nee. Gerade sagen sie da alle: „Ja, moin! Hallooo! Wie schön, dass du da bist, Ajmone!“ Und wir hier in Berlin müssen also Tschüss sagen und allet Jute! Weil uns unsere Redakteurin Ajmone Kuqi verlässt. Macht einfach ‘n Abjang. Ganz rüber nach Hamburg, wo sie vor ein paar Monaten bereits mit Mann und Kindern hingezogen ist. 

Neue Stadt, neuer Job jetzt auch. Und wir rufen: Danke, Ajmone – für deine Arbeit, deinen Einsatz, deinen Humor! Und dass du uns so gut durchorganisiert hast. Wir hoffen, dass Hamburg freundlich zu dir ist, und singen jetzt irgendwas von Freddy Quinn oder Heinz Rühmann, das macht den Abschied vielleicht leichter. Ahoi! Die Redaktion wird dich vermissen.

Herzliche Grüße und schönen Sonntag, 

Ihre Lisa Kräher

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