„Natürlich bin ich schon am Schreibtisch“, das steht auf der Emaille-Tasse der „präraffaelitische Girls“ von Christiane Frohmann, die ich mir vor einigen Tagen endlich bestellt habe, um von nun an im Büro immer meinen ersten Kaffee aus ihr zu trinken und mich aufs Schreiben zu konzentrieren. „Eigentlich will ich gar nicht so wütend sein dauernd“, deswegen bleibt Twitter aus. 

Natürlich kam die Tasse am Donnerstag an, an dem Tag, an dem Berlin erneut verkündete, die Kitas wieder zu schließen. Statt Kaffee hätte ich mir am liebsten Schnaps in die Tasse gegossen, denn wenn die Kitas schließen, sieht es mit Schreibtischzeit schlecht aus. Drei Wochen etwa war meine ältere Tochter wieder in der Kita. Sie war wie ausgewechselt, unbeschwert, sang die ganze Zeit, wenn sie nach dem Tag in der Kita wieder Zuhause war. Über drei Monate hatten die Kitas geschlossen, bevor sie nun einen kleinen Augenblick wieder geöffnet haben. So kurz, als hätten wir es geträumt.

Warum man die Kitas überhaupt so kurz vor den Osterferien wieder für alle Kinder geöffnet hatte – da viele Kitas ohnehin wieder zwei Wochen lang schließen würden – habe ich Anfang März schon nicht verstanden. Die Inzidenzen waren zu hoch, niedriger als jetzt, aber es wäre sinnvoller gewesen, Kitas und Schulen noch bis Ostern geschlossen zu halten und die Infektionszahlen stärker zu drücken durch sinnvolle Maßnahmen für all die unterschiedlichen Bereiche, in denen Menschen sich weiterhin mit Covid-19 anstecken. Stattdessen wollten die Ministerpräsident_innen entgegen des wissenschaftliches Rates zuvor geschlossene Angebote wieder öffnen. Was für eine Schnapsidee. Wir wissen aus den vergangenen Monaten: Wenn Diskussionen über „Lockerungen“ beginnen, werden die Leute lockerer, treffen sich mehr, halten weniger Abstand zueinander.  „Wir sind auf einem guten Weg“,Michael Müller, das sagte Michael Müller, der regierende Bürgermeister von Berlin, sagte im Februar, während Wissenschaftler_innen das Gegenteil davon prognostizierten.

Es ist gekommen, wie es kommen musste. Die dritte Welle ist im März bedrohlicher geworden, weil die für die Pandemie-Eindämmung zuständigen Politiker_innen so taten, als sei die Welle noch unsichtbar, als würde sie durch eine paradoxe Intervention verschwinden können: Einschränkungen aufheben, Einrichtungen und Geschäfte öffnen und gleichzeitig auf das Verschwinden des Virus hoffen. Hat das wirklich jemand geglaubt? Nun hat diese Zeit, in der Beschränkungen zurückgenommen wurden, kaum mehr gebracht, als dass strubbelige Menschen einen Haarschnitt bekommen haben. Waren diese Haarschnitte es wert, dass wir nun auch noch den Frühling im Lockdown verbringen?

Wie erkläre ich einem sechsjährigen Kind ohne Zynismus, dass ihre Kita wieder schließt? Dass sie nach einem kurzen Beisammensein, nach dem Wiederankommen im Kita-Alltag, dem Wiedersehen von Kindern, die sie so lange nicht gesehen hatte, schon wieder von ihren Freund_innen getrennt wird? Noch bevor sich die kindlichen Beziehungen wieder gefestigt haben. 

Der Pädagoge Armin Krenz, mit dem ich für eine Kolumne vor ein paar Wochen telefonierte, sagte mir zwar, dass für die Kinder jede Pause von ihrer Isolation wertvoll sei, Kindern im Moment leben würden und die Zeit anders als wir Erwachsene erlebten, aber obwohl selbst diese kurze Pause vom Zuhausebleiben für die Kinder ohne Frage eine Entlastung war, nehmen sie das Hin und Her wahr. Sie wundern sich. Sie nehmen wahr, dass es wieder einmal ihr Alltag ist, der sich verändert, während es für Erwachsene weitergeht wie bisher. 

„Warum musst du eigentlich arbeiten, wenn ich nicht in die Kita kann?“, das fragte mich meine Tochter vor einigen Wochen. Ja, warum? Warum ermöglichen wir uns als Gesellschaft nicht eine solidarische Pause, in der es so vielen Menschen wie möglich ermöglicht wird, Zuhause zu bleiben ohne Sorgen, sich gut umeinander zu kümmern, klar zu kommen, und damit sich und andere vor einer Übertragung eines gefährlichen Virus zu schützen?

Ich kann all die (jungen) Menschen, die sich gerade draußen treffen, nur zu gut verstehen. Ich kann ihnen nicht böse sein. Ich verstehe jeden, der nicht mehr kann und eine Pause braucht. Alle, die ein echtes Gespräch brauchen, einen Moment zusammen in der Sonne. 

Dass sich weniger Menschen an Kontaktbeschränkungen halten, hat auch damit zu tun, dass die Pandemie-Politik nahezu alle überlastet hat, weil nicht darauf geachtet wurde, unter welchen Bedingungen die Pandemie durchzuhalten ist. Appelle, wie man sie von Angela Merkel oder Jens Spahn immer wieder hörte, dass man noch ein wenig durchhalten müsse, dass es harte Monate werden würden, sind wirkungslos, rufen Frustration hervor, wenn zu wenig dafür getan wird, dass diese Zeit einigermaßen zu überstehen ist. 

Was dabei helfen könnte, wäre eine Perspektive. Doch die wurde nie formuliert, offenbar auch nicht verfolgt. Dafür hätten Ministerpräsident_innen und Kanzleramt nicht nur unter sich – sondern mit Expert_innen aus vielen Bereichen nachdenken müssen darüber, wie ein Weg aus der Pandemie aussieht, den möglichst noch viele eine Weile lang mitgehen können. 

Der deutschen Wirtschaft geht es derweil recht gut. Viel besser als zu Beginn der Pandemie erwartet wurde. Aber wie geht es den Menschen? Wie geht es den Kindern? Wer kann sich schützen? Wer wird krank, wer nicht?

Wo stünden wir heute, hätte die Politik schon im Dezember oder Januar eine Zero-Covid- oder No-Covid-Strategie verfolgt? Nein, die Inzidenzen wären nicht bei null, hätten wir vier Wochen lang alles geschlossen, aber sie hätten in einen Bereich sinken können, in dem das Virus jetzt weniger gefährlich wäre, da Infektionsketten erkannt und durchbrochen werden könnten. Ich habe Zero-Covid nicht verstanden als Strategie, kompromisslos gegen null zu gehen, aber als große, gemeinsame Anstrengung, um das Infektionsgeschehen so klein wie möglich zu machen – um dann wieder mehr Freiheit zu haben. Eine Anstrengung, die zudem Vertrauen hätte wiederherstellen können, weil Solidarität spürbar wird. 

Die Kita-Schließungen werden  verkündet, ohne Unterstützungsangebote für Familien zu haben. Die kommen  irgendwann später. Über Ostern können Eltern sich sorgen, die Politik denkt nach.

Der Frühling beginnt. Drei Tage in dieser Woche fühlten sich leicht an, da die Sonne schien und es wärmer wurde. So kann es bleiben, dachte ich kurz – aber in Wirklichkeit beginnt gerade ein Grauen. Über 200 Menschen verlieren gerade in Deutschland jeden Tag ihr Leben und hinterlassen eine Lücke im Leben ihren Angehörigen und Freund_innen. Mehrere Tausend Menschen jeden Monat, weil der Politik eine Pause lange unmachbar schien. Nicht vermittelbar. Die Pandemie ist jetzt viel schwerer in den Griff zu bekommen als noch vor ein paar Wochen.

Der Erfurter Cosmo-Studie zufolge vertrauen nur noch 30 Prozent der Bürger_innen dem Krisenmanagement der Bundesregierung. Dieser Wert sinkt Woche für Woche und das Team der Psychologie-Professorin Cornelia Betsch formuliert klar, wozu dieser immese Vertrauensverlust führt: dass selbst „mehr und besser Regierungskommunikation relevante Teile der Gesellschaft nicht (mehr) erreichen kann“. Die Appelle, die Politiker_innen jetzt an die Bürger_innen richten, werden immer mehr ignoriert.

In der Pandemie-Politik der letzten Monate haben einige Politiker_innen immer wieder behauptet, Menschen müssten den Schrecken des Virus erst begreifen, stark steigende Inzidenzen kennen, bevor sie Einschränkungen ihres Alltags akzeptieren würden. Damit stufen sie Politik herab zu einer Tätigkeit, die lediglich reagieren soll auf Geschehnisse, statt Dinge kommen zu sehen und sie zu lenken. Politik ist aber etwas anderes als Reaktion. Politik folgt Ideen, entwirft Ziele. Politik will die Welt gestalten, nicht dem Geschehen hinterherhecheln. Die Corona-Politik wirkte jedoch zuletzt, als habe sie überhaupt kein Ziel mehr. 

Zu dieser Ziellosigkeit fiel mir eine Passage aus dem dem Band „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ von der italienischen Philosophin Luisa Muraro ein, die beschreibt, was es bedeutet Politik zu lieben: 

„Wer sich engagiert, um die eigene Situation und die der eigenen Bezugsgruppe zum Besseren zu verändern, wer den Wunsch hat, für sich selbst und die anderen da zu sein, wer sich nicht im eigenen »Besonderen« einschließen, sondern im Austausch mit anderen symbolischen Reichtum gewinnen möchte, wer sich als Teil der Menschheit empfindet, als Teil der Menschen nah und fern, wer also, mit einem Wort, die Politik liebt, kann nicht darüber hinwegsehen, dass die Logik der Macht sich immer auf Kosten des freien und schöpferischen Handelns durchsetzt.“

An dieser Beschreibung ausschlaggebend finde ich die Stelle „wer sich als Teil der Menschheit empfindet, als Teil der Menschen nah und fern“ – diese Fähigkeit, diese Motivation als Kern des eigenen politischen Engagements zu setzen, das wäre ein Ausgangspunkt, an dem sich müde gewordene Politik_innen wiederbeleben könnten. Nachspüren, ob sie sich nicht allzu sehr abgeschottet haben. Sich fragen, ob sie sich als Teil der Menschen verstehen – nah und fern – die seit einem Jahr in pandemischen Zeiten leben. Nachdenken darüber, ob sie Politik noch lieben.

Genug nachgedacht für heute, bis bald.

Teresa

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In der Kolumne fürs SZ-Magazin habe ich diese Woche über das Nichtstun geschrieben, die Sehnsucht nach der Davor-Zeit, wie und ob es gelingen kann, gerade nicht permanent wütend zu sein und welchen Einfluss soziale Medien darauf haben.

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Vielleicht ist es einen Versuch wert, das legitime Vermissen des Lebens vor der Pandemie loszulassen und sich einzulassen auf das, was jetzt ist. Denn wir bleiben real, wir können nicht nichts tun, und all das, was gerade machbar ist, was wir erleben zwischen vier Wänden, was wir schaffen, trotz Müdigkeit, all das ist bereits etwas. Dem Kind die Puzzle-Teile reichen, dem Baby beim Wachsen zuschauen, den ersten Krokus nur ansehen, statt ihn noch zu fotografieren. Das Buch lesen, ohne dass alle Freund*innen davon wissen müssen. Es stattdessen an jemanden verschenken, der es mögen wird. Kaffee kochen, atmen, aushalten. Es könnte zunächst sogar anstrengender sein, diese bewusste Pause zu machen, als sich am digitalen Rauschen treiben zu lassen. Aber irgendwo unter der digitalen Schutzschicht ist das, was wir gerade vermissen.

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