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Es bleibt so unendlich viel zu tun

Im Journalismus gibt es das Format der Blattkritik (bei Online-Medien nennt sie sich mittlerweile Site-Kritik), die zum einen innerhalb einer Redaktion zum Austausch über Texte genutzt werden kann, für die zum anderen hingegen auch viele Redaktionen regelmäßig externe Gäste einladen, um über einen Blick von außen zu lernen, was die Berichterstattung in anderen Menschen auslöst, was sie schätzen, was sie begeistert, was sie kritisch sehen, was ihnen fehlt. Innere Vielfalt in Redaktionen können Blattkritiken nicht ersetzen, zumindest jedoch dafür sensibilisieren, welche Blickwinkel im eigenen Medium fehlen. Eine ähnliche Funktion haben Leser_innen-Brief und -Mails sowie Reaktionen in sozialen Medien, die teilweise von Social-Teams ausgewertet und an die Redaktion zurückgespielt werden. Sind Redakteur_innen mit eigenen Accounts auf Twitter und anderen Netzwerken, können sie Wertschätzung und Kritik zudem direkt bekommen und darüber wieder in den Austausch mit Leser_innen gehen.

In den Jahren, seitdem ich als Journalistin arbeite, habe ich diese direkte Reaktionsmöglichkeit als etwas sehr Wertvolles erlebt und enorm viel über den Austausch mit den Menschen dazu gelernt, die meine Texte gelesen haben. Meine Haltung als Journalistin würde ich mit „Please read the comments“ beschreiben, denn es stimmt nicht, dass die Reaktionen auf Texte überwiegend negativ und unsachlich sind. Es gibt unzählige Menschen, die sich die Zeit nehmen, differenziert Kritik zu üben, die lange Dankesmails formulieren, die erzählen, was ein Artikel in ihnen bewegt hat, Fragen stellen, auf Leerstellen oder Fehler hinweisen, die in mir wieder neue Ideen entstehen lassen.

Seitdem vor rund zehn Tagen mein erstes Buch »Alle_Zeit« erschienen ist, bin ich in einer neuen Rolle. Ich werde von anderen Journalist_innen interviewt und auch porträtiert. Für mich selbst wären Rezensionen am interessantesten, weil ich wissen will, wie der Text auf andere gewirkt hat, weiß aber auch, dass Medien ihre Seiten mit unterschiedlichen Formaten füllen und zur Berichterstattung über Themen auch gehört, über die Personen zu schreiben, die sie vertreten. Sich darauf einzulassen ist für mich eine Gratwanderung, denn selbstverständlich will ich, dass über das Buch berichtet wird, da ich ein Anliegen habe und ein politisches Sachbuch geschrieben habe, damit es im besten Fall über die Zeit etwas gesellschaftlich bewegt und mehr sein kann als ein interessanter Text, den man liest und irgendwann wieder vergisst. Gleichzeitig sehe ich die Medienlogik der Personalisierung von Themen kritisch und ein Verdienst der aktuellen feministischen Bewegungen im deutschsprachigen Raum ist es, dass sie vielstimmig sind und bewusst versuchen, die Vielfalt sichtbar zu machen und zu erhöhen. Es ist eben keine Schwäche des jüngeren Feminismus, dass es keine Nachfolgerin von Alice Schwarzer gibt, es ist seine Stärke, das weder zu brauchen noch zu wollen.

Dennoch ist nachvollziehbar, dass Menschen sich weiterhin Themen auch darüber erschließen, dass sie sich für die Person interessieren, vielleicht sogar mit ihr identifizieren, die öffentlich über etwas spricht. Persönliche Hintergründe eines Menschens zu kennen, kann einem Thema etwas hinzugeben und erklären, warum sich jemand ausgerechnet für feministische Perspektiven, für Zeitgerechtigkeit, für ein anderes Demokratieverständnis engagiert. Oft braucht es jedoch die Beschreibungen einer Autor_in durch eine andere Person nicht und es könnte völlig ausreichend sein, ihre Texte zu lesen und ihr beim Sprechen zuzuhören, um sie als Autor_in zu erinnern. Über die meisten Autor_innen und Wissenschaftler_innen, deren Bücher ich zuletzt gelesen habe, weiß ich so gut wie nichts bzw. nur das, was sie durch ihre Texte über sich selbst erzählt haben. Manchmal, aber nicht immer, kenne ich das Autor_innen-Foto oder weiß durch einen Social-Media-Account, dass jemand Katzen hat oder lieber Tee statt Kaffee trinkt. 

Könnte es sein, dass es noch immer auffällt und nennenswert erscheint, ob eine Autor_in weiblich ist, ob sie Schwarz ist, lesbisch, trans, nicht-binär, muslimisch, eine internationale Geschichte hat, weil sie aus der Norm fällt und Seh- oder Lesegewohnheiten stört? Dass dementsprechend über diese Autor_innen häufiger als Person berichtet wird und weniger über ihren Text, weil sie und ihre Arbeit erklärungsbedürftig erscheinen? Weil es diesen Rest Irritation gibt darüber, dass diese Person überhaupt sichtbar ist, dass sie ihre Arbeit für selbstverständlich hält und es selbst überhaupt nicht erklärungsbedürftig findet, wie sie ihr Leben lebt.

An dieser Stelle kann man beispielsweise fragen, wie stark sich die Berichterstattung über Kim de l'Horizon, diesjährige Gewinner_in des Deutschenbuchpreises, auf Lebensgeschichte und Geschlechtsidentität konzentriert hat und zu welchem Anteil eine Auseinandersetzung mit dem Buch und der bisherigen künstlerischen Arbeit stattgefunden hat.

Das Porträt als journalistisches Format ist selbst eine Kunstform, durch seine Autor_in geprägt und in Allgemeingültigkeit extrem limitiert, womit diese Art von der Text leisten muss, transparent zu machen, wo seine Grenzen liegen. Wie nah kann man einer Person in einem Text kommen, wenn man sie nur oberflächlich kennt? Oder wenn die Person kontrollieren will, wie sie gesehen wird? Ein Porträt muss gleichzeitig erreichen, ein Bild einer Person zu vermitteln und Bewusstsein dafür schaffen, dass der Text lediglich eine Annäherung sein kann und subjektiv geprägt ist durch die Person, die schreibt. In ein Porträt einzuwilligen geht damit auch immer mit dem Risiko einher, dass man sich nicht gesehen, verstanden oder verletzt fühlen wird. Auf der anderen Seite kann es spannend und bereichernd sein, etwas Neues über sich selbst zu lernen darüber, dass eine andere Person beobachtet hat. 

Das Spiegel-Porträt über mich, das vor etwa zwei Wochen erschienen ist, basiert auf zwei Treffen – einem längeren Spaziergang und eine Begleitung auf die Buchpremiere von »Unlearn Patriarchy«, auf der ich fünf Minuten lang im offiziellen Programm gesprochen habe – und auf meinen älteren Texten, Interviews oder Podcast-Gesprächen. Sowohl aus meiner Perspektive als Mensch und als Journalistin ist das eher wenig Zeit und Material, um einer Person nahe zu kommen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, wer sie ist. 

Mal wieder bricht sich viel herunter auf: Zeit. Zeit, die wir zur Verfügung haben, uns nehmen, Zeit, die es braucht. Und dann muss man auch noch der begrenzten Zeit eine Qualität geben, die Nähe erlaubt. Als Journalist_in liegt das Können nicht nur darin, Fragen zu stellen, die später das Schreiben eines Porträts ermöglichen, sondern in kurzer Zeit zumindest ein Basisvertrauen aufzubauen, ohne dass man kaum etwas Neues, Unerwartetes, Noch-Nicht-Gesagtes erfahren kann. Zudem sollte man sensibilisiert sein für eigene Prägungen, da niemand von uns neutral auf einen anderen Menschen schaut. Was eine andere Person in uns auslöst, wie wir sie sehen, kann völlig unterschiedlich sein. Ein Porträt zu schreiben ist dementsprechend auch eine Übung in Selbstreflexion und für beide – die schreibende Person und die, die sich porträtieren lässt – ein Wagnis. Man könnte also sagen, dass auch Journalist_innen sich im Porträt-Schreiben verletzlich machen könnten, wäre die Öffentlichkeit, die Journalismus herstellt, ein machtfreier und völlig gleichberechtigter Raum.

Vielleicht wird an dieser Stelle klar, wie wichtig ein diverser Journalismus ist, in dem sich die Pluralität der Gesellschaft in Redaktionen spiegelt, da sonst nicht nur Themen, sondern auch der Blick auf einzelne Menschen, über die berichtet wird, vornehmlich aus mächtigeren Perspektiven geschieht und ein empathischer, offener Blick je nach dem, über wen ich berichtet, ganz unterschiedliche voraussetzungsreich ist. Würde ich über eine weiße, in West-Deutschland geborene cis Frau in ihren 30ern schreiben, die ohne finanzielle Not aufgewachsen ist, käme ich ihr mutmaßlich schneller nahe, weil wir in unseren Lebenserfahrungen größere Schnittmengen haben, während ich mit Menschen, deren Erfahrungen sich stärker von meinen unterscheiden, vermutlich deutlich mehr Zeit verbringen, mehr fragen müsste, um eine vergleichbare Nähe herzustellen. Ich plädiere keinesfalls dafür, dass Journalist_in und porträtierte Person sich stark ähneln sollten, aber solange die Erfahrungen, die Menschen in dieser Welt machen, so weit auseinander liegen, fordert das Schreiben übereinander uns anders heraus, schreiben wir niemals aus einer unvoreingenommenen, unbedeutsamen Position. In dieser Welt ist das Schreiben idealerweise immer damit verbunden, sich selbst zu hinterfragen und die Leser_innen dazu anzuregen, das ebenfalls zu tun.

Einige Menschen, insbesondere mehrfach-marginalisierte, lehnen es grundsätzlich oder nach vorausgehenden Erfahrungen ab, sich porträtieren zu lassen aus der oben beschriebenen Schwierigkeit, dass die Texte über sie eher Diskriminierungserfahrungen wiederholen. Ich habe auch gezögert, weil mein erstes Bauchgefühl zu der Anfrage war, dass ich überhaupt keinen Bock darauf habe, porträtiert zu werden, weil ich die schlechten Erfahrungen von anderen Autorinnen kannte und über mich weiß, dass ich meistens mehrere Treffen brauche, um mit anderen Menschen warm zu werden. Schließlich habe zugesagt, da ich im Grunde idealistisch durch die Welt gehe und immer die Möglichkeit in Betracht ziehe, dass etwas unerwartet, überraschend und besser als gedacht ausgehen kann. 

2019 erschien im SZ-Magazin ein Porträt über Margarete Stokowski, das wie kaum ein anderer Text zeigte, warum Feminismus weiterhin nötig ist und wie sehr es einige cis Männer offenbar noch immer irritiert, wenn nicht sogar stört, dass Frauen die ungleichen Machtverhältnisse nicht akzeptieren werden. Aus dieser Sicht ist der Text ein interessantes, zeitgeschichtliches Dokument, das wenig über Margarete erzählt, aber viel über die Umstände, in denen sich feministische Autor_innen und FLINTA* generell in der Öffentlichkeit bewegen. Damals habe ich die Blattkritik für diesen Text in München gemacht (der Autor hatte an diesem Tag keine Zeit da zu sein) und die naive Hoffnung gehabt, dass sich der mediale Blick auf Feminist_innen ein wenig verändert, da der Text in sozialen Medien viel und differenziert diskutiert wurde. Das sicherlich Offenkundigste an diesem Porträt-Versuch war es, dass es dem Autor nicht einmal im Ansatz gelungen ist, Margarete Stokowski offen gegenüberzutreten und seine geringschätzende Sicht auf feministische Anliegen und Margarete Stokowski den gesamten Text durchtränkte. Vielmehr als ein Porträt war der Text eine seitenlange Selbstaussage. Das Gute daran ist jedoch, dass genau hier Redaktionen ansetzen könnten und Journalist_innen sich in der gemeinsamen Arbeit an Texten spiegeln könnten, ob zu viel von ihnen selbst in einem Porträt auftaucht oder ob eine Balance aus eigener Perspektive, Neugierde und Offenheit gelingt. 

Bei einem Porträt über mich fühle ich vor allem deswegen weniger frei, es zu kritisieren, da ich befangen bin und mit der Einwilligung in ein Porträt zulasse, und ohnehin schon damit, über meine Texte Teil der Öffentlichkeit zu sein, missverstanden, kritisiert, beurteilt zu werden. Ich habe eine Weile gebraucht, meine Gedanken und Gefühle dazu zu sortieren und mit Freund_innen darüber gesprochen, wie sie den Text sehen, um meinen Blick zu weiten, es waren viele unterschiedliche Eindrücke dabei. Ich bin von mehreren Menschen kritisiert worden oder gefragt worden, warum ich es schon zum Erscheinen in sozialen Netzwerken geteilt habe, ohne den Inhalt persönlich zu kommentieren. Ich finde die Kritik nachvollziehbar und angebracht, da so nicht deutlich wurde, dass ich insbesondere die Herabwürdigung anderer Feminist_innen als „Twitterkrawallschachteln“ komplett daneben und misogyn finde, genau wie ich es bezeichnend finde, dass die Buch-Premiere von „Unlearn Patriarchy“ mit dem Fazit „Man hat sich lieb“ verniedlicht und damit  das Buch als politisches Projekt diskreditiert wurde und die Solidarität der Autor_innen untereinander und die Freude darüber, gemeinsam ein Buch geschrieben zu haben, zu einem Kaffeeklatsch umgedeutet wurde. Ich habe vorausgesetzt, dass für andere klar war, dass ich bei diesen Passagen laut aufgestöhnt und mich geärgert habe, was ich nicht voraussetzen sollte, da vermutlich viele der Leute, die mir auf Instagram oder Twitter folgen, diese Dinge nicht seit Jahren verfolgen und die unterschwellige Misogynie nicht gleich erkennen. Sehr lesenswert ist dazu das Buch von Nicole Seifert „FRAUEN LITERATUR. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ (erschienen 2021) das darstellt, wie anders die Literatur von Frauen nach wie vor besprochen wird und wie oft frauenfeindliche Klischees in der Auseinandersetzung mit Werken von Autorinnen reproduziert werden.

Warum spürt der Text der Frage nicht nach, warum „Unlearn Patriarchy“ von so vielen Menschen gelesen wird und mehrere hundert Menschen zur Premiere kamen? Mögliche Anworten darauf würden mich interessieren, denn aus dem Absatz zur Buchpremiere erfährt man kaum etwas dazu, wo der feministische Diskurs in Deutschland aktuell steht.

Dazu beigetragen, dass ich den Text zunächst unkommentiert geteilt habe – quasi schulterzuckend –, war wohl auch, dass für mich unklar bleibt, worauf der Text hinauswill, dass ich dort irgendwie beschrieben werde, aber nichts für mich Neues darin fand, nichts, woran ich mich reiben konnte, weder positiv noch negativ. Ich wollte zwar nicht allein über den Text nachdenken, hatte gleichzeitig noch nicht die Worte dafür, was ich empfand. Das zumindest trifft der Text richtig: Ich bin nicht sonderlich emotional, zeige nach außen wenig, was ich spüre. Das Share-Pic des Spiegels, das ich auf Instagram geteilt habe, enthält ein Zitat aus meinem Buch, an dem ich so lange gearbeitet habe und auf das ich stolz bin. (Im Artikel hingegen entsteht der Eindruck, ich hätte den zitierten Satz in einem Gespräch gesagt.) Rückmeldungen habe ich dann tatsächlich vor allem zu dem Zitat bekommen, kaum zum Text, da es für diesen ,aufmerksamkeitsökonomisch‘ wohl besser gewesen wäre, ich hätte ihn in irgendeiner Weise kommentiert, zumal er hinter der Paywall bzw. im Magazin ist. Es wäre jedenfalls, so sehe ich das gerade, die bessere Wahl gewesen, den Text erst einmal liegen zu lassen, mir selbst Zeit zu geben und ihn zunächst nicht zu teilen. Und ich bin nach wie vor unschlüssig, ob ich die Anfrage rückblickend lieber abgesagt hätte und was ich anderen Autor_innen raten würde.

Immerhin habe ich gleich über den Einstieg des Textes beim ersten Lesen sehr laut gelacht. 

„Wer als Journalist eine Feministin porträtiert, sollte vielleicht nicht mit einer Äußerlichkeit in den Text einsteigen. Aber dann ist da diese Stimme. Die Stimme klingt schwer und ruhig, das Timbre dunkel, als wohnte sie in einem kräftigen, einem großen Körper. Diese Stimme lebt aber in einer zierlichen Gestalt: Das irritiert – einen entscheidenden Moment lang.“ 

Dass 2022 ein Porträt über eine feministische Autorin mit diesen Sätzen eröffnet würde, hätte ich wirklich nicht für möglich gehalten, ähnlich wie Margarete es auf Twitter schreibt und zudem belustigt anmerkt, dass wohl in keinem Text über eine Feministin fehlen darf, dass sie im Netz eine Marke sei.  Diese Phrase kann man über jede Person schreiben, die ein wenig bekannter ist.

Sollte es Absicht des Autors gewesen sein, mich mit dem Einstieg zum Lachen zu bringen, ist das gelungen. Als Kollegin hätte ich ihm einen entscheidenden Moment lang tief in die Augen geschaut und gefragt: „Dein Ernst?“

Dann noch einmal zur Stelle: „Bücker stellt etwas dar, aber sie ist keine Selbstdarstellerin wie manch andere Netzfeministin. Keine dieser Twitter-Krawallschachteln, die vor allem den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie folgen. Bücker folgt ihrem Kopf.“

Es fängt damit an, dass ich den Begriff „Netzfeministin“ unnötig und unpräzise finde, da prinzipiell alle Autor_innen und Feminist_innen, die in den 80ern Jahren geboren wurde, das Internet nutzen, das Label „Netzfeminismus“ aber, als es aufkam, überwiegend diskreditierend genutzt wurde, um die Arbeit jüngerer Feminist_innen als etwas zu beschreiben, das lediglich in einem kleineren gesellschaftlichen Raum stattfand, keine allgemeine Gültigkeit habe, kein ,richtiger‘ Feminismus sei, sondern fauler Klick-Aktivismus. Ich habe mich selbst nie als Netzfeministin bezeichnet und labele auch keine andere Feminist_in so, denn sie alle arbeiten an den unterschiedlichsten Orten dieser Gesellschaft, mit einer Vielzahl von Medien, aber immer mit völlig realen, atmenden, politisch interessierten Menschen, die ein vollständiges Leben mit konkreten Problemen leben, mitten in dieser Welt, nicht nur im Netz, aber eben auch da, weil das Netz Teil der Welt ist.

„Twitter-Krawallschachtel“ ist eine geschlechtsspezifische Abwertung. Und warum muss überhaupt über die Abwertung anderer eine Einschätzung meiner Arbeit konstruiert werden? Denn dort steht nun, was ich nicht sei, nicht aber, als was der Autor mich sieht. Wenn ich als Autorin meinem Kopf folge – meinem Wissen – und mich da angeblich besonders macht, an was orientieren sich dann angeblich andere Feminist_innen? In der Regel beginnen Menschen, sich feministisch zu interessieren, weil sie neues Wissen erlangen, Zusammenhänge verstehen. Der Weg zum Feminismus entsteht immer auch über den Kopf. Aber vielleicht habe ich die Feminst_innen, die aus Lust an Krawall zu ihrer Haltung gefunden haben, nur noch nicht getroffen.

In diesem Absatz findet sich also Tone-Policing, eine Kritiktechnik, mit der Menschen, die sich mit feministischen und anderen gesellschaftskritischen Diskursen befassen und darüber schreiben, gut vertraut sein sollten. Für alle anderen, erklärt es die Journalistin Melina Borčak in diesem Text:

„Tone Policing impliziert, dass Emotionalität und Rationalität nicht koexistieren können und dass nur ruhige Gespräche konstruktiv und lehrreich sein können. Es verlangt, dass Menschen sich von Angst, Trauer oder Wut loslösen. Doch auch das ist ein Privileg: zum Beispiel können POC nicht einfach nen Knopf drücken und aufhören, Angst vor rassistischen Angriffen zu haben.“

Genau dieses Zitat von Melina habe ich schon einmal in einem Text über Wut verwendet, den ich vor zwei Jahren für das SZ-Magazin geschrieben habe und in dem ich quasi exakt das schon einmal geschrieben habe, das nun wieder im Spiegel-Porträt, das mit »Radikal besonnen« überschrieben ist, passiert ist.

Damals schrieb ich: „Ich bekomme regelmäßig das Kompliment, ich sei »unaufgeregt«, und werde oft gefragt, wie ich es schaffe, in kontroversen Diskussionsrunden so ruhig zu bleiben. Dass ich innerlich brodle und manchmal einen anderen Menschen in diesen Runden am liebsten schütteln und anschreien würde, sieht man mir nicht an.

Dass ich das Stereotyp einer Feministin spiegele, ist dabei zunächst ein Vorteil. Ich kann feministischen Anliegen mehr Gehör und Gewicht verleihen, weil ich dort sitze und eloquent, sachlich und manchmal witzig diskutiere und durch meine äußere Erscheinung als wenig gefährlich wahrgenommen werde. Ich bin nicht die »hysterische Feministin«, ich überblende radikale Forderungen mit meiner Contenance. (…)

Meine Besonnenheit öffnet mir Türen, die Menschen, die ihre Wut nicht auf die Weise verleugnen können, wie ich es kann, verschlossen bleiben. Meine unaufgeregte Natur ist jedoch das Ergebnis davon, dass ich mit Geschlechternormen groß geworden bin, die meine echten Gefühle im Zaum gehalten haben.“

Es gibt also einen zwei Jahre alten Text von mir, den man online leicht findet, in dem ich erzähle, dass meine ruhige Persönlichkeit mir als feministische Autorin schon mehrfach vergiftete Komplimente eingebracht hat, weil meine Art zu sprechen das Klischee der irrationalen, zu wütenden, zu lauten Feministin (das rassifizierte Menschen noch einmal mehr trifft) kontrastiert. Einer Person zu sagen, dass sie unaufgeregt argumentiere, enthält aber noch immer keine Würdigung dessen, was sie inhaltlich argumentiert.

Diese Art von persönlichichkeitsbezogener Wertung enthält zudem die Botschaft, dass ,laute Frauen‘ noch immer nicht akzeptiert werden, dass sie nerven, und bestätigt, dass emotionaler vorgetragene Anliegen weiterhin weniger ernstgenommen werden. Die Botschaft kann man weiterdenken in: 

Ihr dürft nicht verschieden sein.

Ihr solltet eure Anliegen nur auf eine bestimmte Weise vortragen.

Die Regeln werden bleiben wie sie sind.

Das ist genau das Gegenteil der Haltung, für die Feminist_innen schon immer kämpfen. Progressive politische Bewegungen brauchen und unterstützen ganz unterschiedliche Menschen, die Themen und Anliegen auf unterschiedliche Weise transportieren. Denn nur so können sie mehr Menschen erreichen, sensibilisieren und einbinden. Wer auch immer nun mit „Twitter-Krawallschachtel“ gemeint ist, der Feminismus braucht sie, ich bin ihnen verbunden, ich weiß, was ich an ihnen habe. 

Was diese pauschale Kritik zudem auch verunmöglicht, ist ihr präzise zu widersprechen. Die Spiegel-Leser_innen können nicht überprüfen, ob sie überhaupt valide sein könnte, da es ihrer Fantasie, ihrer Perspektive überlassen wird, an wen und an wie viele sie bei „Twitter-Krawallschachteln“ denken. Ich denke ja bei Twitter-Krawallschachtel spontan an Donald Trump.

Zudem hat mich an dem Text überrascht, dass trotz der Menge an Text nur bestimmte inhaltliche Aspekte des Buches dargestellt werden. Nach Lesen des Porträts könnte man vermuten, in meinem Buch gehe es irgendwie um Familien und Arbeit und wie stressig das alles ist, in der Tendenz ein Vereinbarkeitsbuch und damit ein Frauenbuch, dessen Idee auf mein persönliches Leben zurückgehe. So lange an einem Buch über Vereinbarkeit zu schreiben hätte nicht nur mich zu Tode gelangweilt, sondern auch jeden Verlag. Das Risiko, das man als Autorin nach wie vor eingeht, auch 2022, wenn man auch über Kinder und Familie schreibt, ist auf diese Themen reduziert zu werden. Die Wahl, nicht mehr darüber zu schreiben, ist genauso scheiße. Die Spiegel-Bildredaktion fragte schließlich sogar an, ob sie ein Foto von mir und meinen Kindern für den Text haben könne, was ich abgelehnt habe.

Ich habe »ALLE_ZEIT« jedoch nicht als Vereinbarkeitsbuch, sondern als umfassende Gesellschaftskritik geschrieben, in der es vor allem um unser Menschenbild und das Versprechen der Demokratie geht. Warum inmitten all der Krisen, die gerade das Weltgeschehen prägen, es wichtig, wenn nicht unverzichtbar ist, über Zeit als politisches Mittel zu sprechen. 

Es ist auch ein persönliches Buch, klar. Aber nicht weil ich Kinder habe, sondern – um es mit Chiara Zamboni zu sagen – weil ich eine Person bin, die „sich als Teil der Menschheit empfindet, als Teil der Menschen nah und fern, [die] also, mit einem Wort, die Politik liebt“. 

Vielleicht werde ich so selten wütend, weil ich mir die Energie, die mich das kosten würde (und die wiederum andere beflügelt, die nicht so sind wie ich), eher dafür aufhebe, weiterzumachen. Es bleibt so unendlich viel zu tun.

Ich freu mich, wenn ihr euch selbst ein Bild macht und »Alle_Zeit« lest, vorlest oder hört, kauft, ausleiht oder verschenkt, mit Freund_innen darüber sprecht oder mit mir und anderen auf einer der nächsten Veranstaltungen, auf denen ich bin. Zum Beispiel beim Streitraum am 6.11. in der Schaubühne mit Carolin Emcke, Asal Dardan, Tucké Royal, Georgine Kellermann, bei der Lesung in Berlin am 10.11., in der Urania Berlin am 18.11. (Eintritt frei), oder einer der Termine in anderen Städten wie Hamburg, Köln, Karlsruhe (und 2023 stehen schon Dortmund und Bremen fest). Eine Lesung auf Instagram wird es auch noch geben. Und mich anfragen für weitere Lesungen, Vorträge und Diskussionen könnt ihr jederzeit gern. Ich antworte nur oft nicht so schnell (was im Porträt ebenfalls angemerkt wird), weil neben all diesen  Mails noch so viel Leben passiert. Aber wenn ich dann Zeit habe, die Zeit so frei ist, dass ich präsent sein kann, mich einlassen kann, dann antworte ich lang und gern und viel.

Bis bald wieder Teresa

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