Anspruch, Zorn und Wirklichkeit
Willkommen im Newsletter der Superredaktion – die monatliche Ration konstruktive Perspektiven, positive Botschaften und konkrete Anpackmaterialien für Menschen mit Lust auf Zukunft. Heute mit einem nur halb gerechtfertigten Aufreger und der Frage, warum wir uns so leidenschaftlich über ihn aufregen.
Froher werden
Klimaneutral billiger als gedacht
Ein neuer Bericht des interdisziplinären Forschungsprojektes Ariadne (Opens in a new window) rechnet aus (Opens in a new window): Zwar braucht ein klimaneutrales Deutschland bis 2045 über 100 Milliarden pro Jahr an Investitionen. Aber der Großteil dieser Kosten wird durch sinkende Ausgaben für fossile Energieträger wieder ausgeglichen. So beträgt der tatsächliche Aufwand unterm Strich nur maximal 26 Milliarden pro Jahr – und zusätzlich halbieren sich die durch die Erderhitzung verursachten Schäden.
Energiewende schneller als gefühlt
Letztes Jahr stammte schon fast ein Drittel der globalen Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen. In Europa war es knapp die Hälfte. Der weltweite Zubau an erneuerbaren Energien hat zum 22. Mal in Folge den Vorjahresrekord gebrochen: 93 Prozent aller neu gebauten Kraftwerkskapazitäten waren erneuerbar; 2023 waren es noch 86 Prozent. Die Nachfrage nach Öl ist 2024 drastisch gesunken, erstmals fiel der Anteil von Öl am globalen Energiebedarf auf unter 30 Prozent. Diese und noch viel mehr interessante Zahlen – nicht alle so erfreulich, aber doch einige – finden sich im neuen Global Energy Review (Opens in a new window) der Internationalen Energieagentur.
Und, vielleicht dieser Tage besonders tröstlich: Für Solar- und Windkraft wird in den USA in den nächsten drei Jahren 200mal so viel Ausbau erwartet (Opens in a new window) wie für fossile Kraftwerke. Ungeachtet der politischen Rhetorik (Opens in a new window) verzeichnen die USA, und zwar insbesondere in konservativen Bundesstaaten, gigantische Zuwächse an Erneuerbaren. Im vergangenen Jahr produzierte Texas fast doppelt so viel Wind- und Solarstrom wie Kalifornien.
E-Autos zahlreicher als erwartet
Die Zahl der weltweit verkauften E-Autos stieg (Opens in a new window) weiter exponentiell – von 14 Millionen im Jahr 2023 auf 17 Millionen im letzten Jahr; das entspricht einem Fünftel aller verkauften Autos. Norwegen könnte zum Ende des Jahres Geschichte schreiben, indem es das erste Land der Welt wird, in dem ausschließlich emissionsfreie (Opens in a new window) Autos verkauft werden.
Ein süßsaurer Zorn
Eine sechsspurige Autobahn durch den Regenwald wird nicht für den Klimagipfel in Brasilien gebaut, trotzdem erzählen es alle weiter.
Die Klimabewegung wird oft mit moralischen Erwartungen besetzt, an denen sie nur scheitern kann.
Wenn sie Scheinheiligkeit vermuten, reagieren Menschen darauf mit unverhältnismäßig großer negativer Emotionalität.
Im November diesen Jahres wird in Belém im brasilianischen Amazonasgebiet der 30. UN-Klimagipfel stattfinden. Und falls du davon schon etwas gehört hast, dann wird es mit großer Wahrscheinlichkeit eine dieser Schlagzeilen sein:

Wir sprechen ja in unseren Texten oft von der Kraft der Geschichten. Hier haben wir ein Paradebeispiel aus dem schon seit über 2000 Jahren (Opens in a new window) besonders kraftvollen Genre “Moralapostel werden beim unmoralischen Handeln ertappt, hähähä, siehst du, die sind auch nicht besser”.
All diese Schlagzeilen und die zugehörige weltweite Explosion von hämischen und/oder zornigen Kommentaren in den sozialen Medien gehen auf einen einzigen Artikel (Opens in a new window) der BBC zurück, der als erster den Zusammenhang zwischen Autobahn und Klimakonferenz herstellt.
Dieser Zusammenhang existiert so nicht.
Die brasilianische Regierung fördert und betreut mit Bundesgeldern eine ganze Reihe von Infrastrukturprojekten speziell im Kontext der Klimakonferenz in Belém. Die betreffende Straße gehört, anders als im BBC-Artikel beschrieben, nicht dazu. Das ist inzwischen sowohl von der Regierung (Opens in a new window) des zuständigen Bundesstaates Pará als auch von der Leitung der Konferenz (Opens in a new window) selbst richtig gestellt worden. Die Straße war bereits seit 2012 geplant, erste Bauarbeiten begannen 2020, lange bevor Belém als Austragungsort für die Konferenz ausgewählt worden war.
Dass eine neue Autobahn durch ein hochgradig artenreiches Stück Regenwald unbedingt kritisch betrachtet werden muss – geschenkt. Und dass der Bau der Straße erst seit Anfang 2024 mit der Ankündigung der Konferenz und dem damit einhergehenden Modernisierungs- und Infrastruktur-Enthusiasmus wieder richtig an Fahrt aufgenommen hat, nachdem er zuvor wegen Umweltbedenken immer wieder verzögert wurde, ist sicherlich kein Zufall.
Aber die Geschichte, die die vielfach kopierte Überschrift erzählt – “Amazon forest felled to build road for climate summit” – ist eine andere. Und ohne diesen Zusammenhang wäre die Geschichte nicht mal halb so gut weiterzuerzählen.
Einige wenige Publikationen haben inzwischen differenziertere Darstellungen nachgeschoben, aber nach denen musst du wirklich gründlich suchen; die meisten Menschen werden das nicht tun. Was stattdessen hängen bleibt, ist die herrlich bitzelnde Aufreger-Story von der Klimagipfel-Autobahn durch den Regenwald.
Das war der Faktencheck. Allerdings soll die Tatsache, dass diese Geschichte so nicht stimmt, heute gar nicht unser Hauptthema sein, sondern vielmehr die Frage, warum sie mit solchem Enthusiasmus weitererzählt wird. Und das, während jede andere internationale Großveranstaltung in einer aus Konfliktdiamanten gebauten Skihalle in Dubai stattfinden könnte, ohne dass sich jemand dafür interessieren würde – es handelt sich um einen Fall von Doppelmoral, beim Blick auf die Klimabewegung kein seltenes Phänomen.

Klimakonferenzen, Klimaaktivismus, Klimapolitik, da sind die von außen herangetragenen moralischen Ansprüche scheinbar klar, haben gefälligst CO2-frei stattzufinden, und Rohstoffe verbrauchen sollen sie auch keine. Die ideale Klimakonferenz wird regional im Freien auf einer Wiese abgehalten, und wenn diese Kriterien nicht erfüllt werden, sind wir sehr, sehr zornig.
Unverhältnismäßig zornig!
Aber insgeheim auch ein bisschen froh.
Für beide Reaktionen hält die psychologische Forschung Erklärungsangebote parat.
Warum zornig?
Mensch 1 sagt: Hundewelpen anschreien ist gemein.
Mensch 2 sagt: Ich schreie niemals, niemals Hundewelpen an.
Beide Menschen werden in flagranti ertappt, wie sie Hundewelpen anschreien.
Eine psychologische Studie (Opens in a new window) von einem Team von Forschenden in Yale hat festgestellt: Der Verstoß von Mensch 1, der lediglich die Gültigkeit einer moralischen Norm in den Raum stellt, wirkt auf uns schwerwiegender als der von Mensch 2, der uns über die Einhaltung eben dieser Norm belogen hat. Und das in einem Ausmaß, von dem die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durchaus überrascht waren.
Eine mögliche Erklärung: Wenn jemand ein moralisches Urteil äußert, nehmen wir unbewusst oft an, dass diese Person sich selbst immer daran hält – warum das so ist, ist jedoch noch nicht vollständig geklärt. In den Experimenten im Rahmen der erwähnten Studie hat sich ganz konkret gezeigt, dass wir einer Person, die sagt, Welpenanschreien sei kein moralisches Verhalten, mit größerer Wahrscheinlichkeit unterstellen, dass sie keine Welpen anschreit, als einer Person, die von sich selber ausdrücklich sagt, dass sie keine Welpen anschreit. Dementsprechend sind wir dann bei er ersten Person empörter, wenn wir davon erfahren, dass sie Welpen angeschrien hat.
Emotional ist das für viele vielleicht gar keine so große Überraschung, weil intuitiv: Wer mag schon Heuchelei? Aber, liebe Menschen 3 bis unendlich: Rational ist das nicht! Denn wenn man der Meinung ist, dass man Welpen nicht anschreien sollte (und davon gehen wir unbedingt aus) – sollte man dann nicht erstmal froh sein über jede Person, die dabei hilft, das Anschreien von Welpen gesellschaftlich zu ächten, egal, wie sie selber handelt?
Sind wir aber nicht. Uns sind Lügner lieber. Sagt die Wissenschaft.
Und dieser sehr wirkmächtige psychologische Mechanismus verstellt uns nicht nur den Blick aufs Netto, wenn wir auf politische Bewegungen schauen – auf die Abwägung zwischen Ressourcenverbrauch, Inkonsistenz, Imperfektion auf der einen und erreichten oder zu erwartenden Fortschritten auf der anderen Seite.
Es ist ein Mechanismus, der uns im Verhältnis milde und nachsichtig stimmt gegenüber den Vergehen derer, die zurecht am allerwenigsten unter Unfehlbarkeitsverdacht stehen. Zum Beispiel gegenüber all den Männern, die die Welt verbrennen (Opens in a new window), bei denen unser Zorn gewiss noch besser aufgehoben wäre als bei denen, die eigentlich das Richtige wollen und sich für eine sauberere, gesündere, lebenswertere Zukunft für uns alle einsetzen.
Und es ist ein Mechanismus, der uns darüberhinaus empfänglich, sogar dankbar macht für die Empörung über Geschichten wie die von der Klimagipfel-Autobahn durch den Regenwald.
[Wir haben schon mal aus einer anderen Perspektive über diese Studie geschrieben, in unserem Newsletter (Opens in a new window) von vor ziemlich genau zwei Jahren über die Frage, ob man gleichzeitig fehlbar sein und sich in Klimafragen öffentlich positionieren darf. Kurzfassung: Man darf und sollte.]
Warum froh?
Eine Dissonanz ist ein Missklang, ein schwer auszuhaltendes Geräusch. Eine kognitive Dissonanz ist das Geräusch, das entsteht, wenn dein Handeln und deine Wertvorstellungen auseinanderklaffen. Dieses Phänomen hat 1957 erstmals der US-amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger als einen Mechanismus beschrieben, der Unbehagen und Anspannung verursacht, wenn Glauben und Werte nicht zur erlebten Realität passen.

Die Geschichte (Opens in a new window), die Festinger zur Entwicklung dieses Konzeptes brachte, ist zu gut, um sie hier nicht zumindest kurz anzureißen: Er hatte sich in eine Sekte eingeschlichen, die zu einem präzisen Datum in naher Zukunft den Weltuntergang durch eine neue Sintflut erwartete – und die Rettung der Sektenmitglieder durch außerirdische Raumschiffe. Das Datum kam, das Datum ging. Die Welt, du ahnst es vielleicht, ging nicht unter.
Aber war das das Ende der Sekte? Ganz im Gegenteil, das Ausbleiben der Apokalypse war erklärbar, und zwar wie folgt: Durch ihre gelebte Frömmigkeit hatten die Mitglieder offensichtlich in der letzten Sekunde die Welt vorm Untergang bewahrt. Ganz beseelt von diesem Gedanken begannen sie nun aktiv, neue Mitglieder zu missionieren – und das mit Erfolg.
Wer also kognitive Dissonanz empfindet, möchte sie so schnell wie möglich auflösen. Dafür gibt es drei Schrauben: Entweder ich ändere mein Verhalten, so dass es zu meinen Werten passt. Oder ich ändere meine Werte, so dass sie zu meinem Verhalten passen. Oder ich suche nach Wegen, die Diskrepanz zu rechtfertigen, zu rationalisieren, damit ich sie besser aushalten kann. Um das gleich klarzumachen: Ganz offenbar ist die erste Schraube, die Verhaltensänderung, diejenige, die am sorgfältigsten festgezogen ist, die ist am schwierigsten zu drehen. Wir schauen auf die dritte, aufs Rationalisieren.
Dafür gibt es verschiedene verbreitete Strategien, und wir beherrschen sie alle – auch wenn wir es in vielen Fällen vermutlich gar nicht merken.
Zum Beispiel die Technik der sogenannten “moralischen Lizenzierung (Opens in a new window)”: Ich tue etwas “Gutes” und kann dadurch ohne schlechtes Gewissen später etwas “Böses” tun. Mülltrennung “erlaubt” so die Kreuzfahrt, der Verzehr einer vegetarischen Bolognese “erlaubt” das Grillfest, und wenn ich an vergangenes besonders moralisches Verhalten erinnert werde, macht mich das oft weniger hilfsbereit gegenüber Bedürftigen im Hier und Jetzt. Es handelt sich um eine Art Moral-Konto, das wir regelmäßig leerräumen und bei dem wir je nach Bedarf den Wechselkurs zwischen Tugend und Laster immer wieder neu bestimmen.
Eine andere Strategie ist die der Ablenkung: Wenn die Pharisäer da hinten, die für sich selbst moralische Unfehlbarkeit in Anspruch nehmen – tun sie in der Regel gar nicht, aber siehe oben – an ihren hehren Ansprüchen so spektakulär scheitern, was sind dagegen dann meine kleinen Fehltritte?
Und mit einem Mal ist der Missklang zwischen meinen eigenen Vorstellungen und Verhaltensweisen nur noch halb so laut, und das ist ein viel besseres Gefühl als vorher.
Was man damit macht
Kenne dich selbst (Dieter Bohlen) – immer ein guter Rat, so auch hier. Mach dir nichts vor, du bist höchstwahrscheinlich keine Ausnahme. Auch du reagierst stärker auf empfundene Scheinheiligkeit, als rational gut begründbar ist. Auch du suchst unbewusst intensiv nach Möglichkeiten, deine Fehltritte mit deinen Prinzipien, Werten, Ansichten auszusöhnen - das machen wir alle.
Wenn dir also eine Geschichte begegnet, die dich ganz besonders aufregt, dann ist das ein Signal. Dann kann es gut sein, dass es deine kognitive Dissonanz ist, die deinen Zorn verstärkt. Um nicht der Sehnsucht nach ihrer Auflösung zum Opfer zu fallen, lohnt sich dann ein Schritt zurück und ein Bemühen um einen nüchternen Blick, um die separate Betrachtung von Botschaft und Sender, um Nachsicht und um die Erinnerung daran, dass in einer komplexen Welt keine Lösung perfekt, aber viele sehr viel besser als nichts sind.
Wenn umgekehrt du der Sender bist, dich moralisch aus dem Fenster zu lehnen traust und hoffst, dass deine Botschaft nicht auf der Empfangsseite an einer Zorneswand abprallt, empfehlen die Forschenden aus Yale:
Sei transparent mit deiner eigenen Fehlbarkeit.
So verhinderst du wirkungsvoll, dass andere zwischen den Zeilen lesen, dass du behauptest, unfehlbar zu sein. Als eine nicht-heilige, nicht-unfehlbare Person hilfst du den Welpen am besten, wenn du sagst: Ja, ich schreie auch manchmal Welpen an, die Versuchung ist zu groß. Aber wäre es nicht schön, in einer Welt zu leben, die es uns allen leichter macht, seltener Welpen anzuschreien?
Freunde treffen
Aus nachvollziehbaren Gründen denken derzeit viele darüber nach, ob und wie sie Produkte und Dienste aus den USA boykottieren sollten. Die Frage ist pauschal nicht leicht zu beantworten, weil die Zusammenhänge von Fall zu Fall komplex sind: Coca-Cola zum Beispiel ist das Ur-US-Produkt schlechthin, wird aber in Deutschland hergestellt, das man dann gleich mitboykottiert.
Dreht man die Frage aber um, wird sie klarer und außerdem ins Konstruktive gewendet: Zu welchen Diensten und Produkten gibt es europäische Alternativen, die man unterstützen und stärken kann? Dazu haben wir schon im letzten (Opens in a new window) Newsletter ein paar Zeilen geschrieben, mit dem Hinweis, dass es insbesondere für den Verbleib auf X nur noch sehr wenige gute Gründe gibt.
Die Kolleginnen und Kollegen bei Perspective Daily haben zum Thema Befreiung des digitalen Alltags von Trump einen schönen Artikel (Opens in a new window) mit konkreten Vorschlägen parat.
Weiterhin lohnt die Initiative Go European (Opens in a new window) einen Blick – eine von zahlreichen Freiwilligen aus ganz Europa initiierte und gepflegte Datenbank mit Suchfunktion, die für eine wachsende und schon jetzt eindrucksvoll große Zahl von US-Produkten und Diensten aller Art europäische Alternativen ausfindig macht. Dort ebenfalls im Angebot: Eine Browsererweiterung (Opens in a new window), die beim Surfen darauf hinweist, wenn man sich auf Seiten mit US-basierten Servern rumtreibt (was man ja selbst oft gar nicht unbedingt auf dem Schirm hat) und auch gleich Vorschläge macht, wo man sich stattdessen rumtreiben könnte.
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