Das Fieber des Neuen

Johann Sebastian Bach: Konzert für vier Cembali in a-moll BWV 1065 (1729-1740)

In den Schleichwegen zur Klassik stelle ich regelmäßig Musikstücke vor, die ich sehr mag. Ich schreibe ein paar Zeilen dazu, mit dem Ziel, dir den Zugang zu erleichtern. Ich hoffe, dass du nach dem Lesen und Anhören sagst: Ich bin froh, diese Musik kennengelernt zu haben. Sie hat mein Leben etwas reicher gemacht. Wenn mir das gelingt, freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung auf Steady.

Jeder Mensch, der sich als kreativ versteht, kennt den Druck, etwas Originelles, etwas Neues schaffen zu müssen. Und in academia muss es nicht nur neu, sondern auch noch relevant sein. Mein Doktorvater sagte mir mal, etwas vollständig Neues zu schaffen, sei weder möglich noch wünschenswert. Das war sicher nett gemeint gegenüber dem völlig überforderten Doktoranden, aber ich hoffe dennoch, er hat unrecht.

Wenn man aber hinreichend unter Beweis gestellt hat, dass man das Neue im Akkord raushauen kann, dann darf man sich auch gefahrlos anderswo bedienen – sogar bei sich selbst. Johann Sebastian Bach hat all dies getan. Er schrieb eigene Werke, recycelte diese für andere Instrumente, und dann schrieb er noch Konzerte anderer Komponisten für neue Besetzungen um. So erarbeitete er sich das Komponieren für Solo-Cembalo, in dem er Violin- und andere Konzerte von Komponisten wie Antonio Vivaldi und Georg Philipp Telemann umschrieb.

Von Vivaldi stammte dann auch die Vorlage für das Stück, das ich euch heute vorstellen möchte. 1711 veröffentlichte der Italiener einen Zyklus von Konzerten für Violine und Orchester unter dem wenig bescheidenen Titel L’Estro Armonico (”Die harmonische Eingebung”). Diese zwölf Stücke enthielten so viele neue musikalische Ideen, dass in Europa das sogenannte Vivaldi-Fieber ausbrach; Verlage in Amsterdam, London und Paris druckten die Noten, die der Fantasie der europäischen Komponistenelite Zunder gab. So sind zum Beispiel Bachs Brandenburgische Konzerte unter dem Eindruck der ”Harmonischen Eingebung” entstanden.

Das dritte Konzert aus Vivaldis Zyklus aber diente Bach nicht nur lose als Inspiration; er schrieb das, was wir heute einen Remix nennen würden. Er ersetzte die Solovioline durch vier (!) Cembali, pimpte die Basslinien und brezelte überhaupt das ganze Stück auf. Und wie nebenbei ist sein Konzert mit der Werkverzeichnisnummer 1065 auch noch ein gutes Beispiel dafür, dass in moll geschriebene Musik nicht getragen und trübselig sein muss, im Gegenteil. Hört euch an, wie viel Bumms vier Cembali haben und wie cremig sie von vom Streichorchester unterstützt werden. Das Vivaldi-Fieber geht weiter – viel Spaß:

https://www.youtube.com/watch?v=emkJ0A7IfkY

Und hier noch die Links zum Streaming.

Schöne Grüße aus Berlin Gabriel

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