IhreTW: Suizid, Vergewaltigung, Tod, Krieg In diesen Zeiten über das Vergessen zu schreiben ist eine Anstrengung. Nicht an das Leid der Ukrainer*innen zu denken, ist fast unmöglich. In jeder Minute  erhalten wir Updates über Kriegsverläufe, es ist ein Ritual geworden, dem wir uns nur schwer entziehen können. Meine Solidarität gilt den Ukrainer*innen, aber auch Russ*innen in Russland, die gegen den Krieg auf die Straße gehen. Und genau in diesen Zeiten den Fokus zu verschieben, einen Moment des Privilegs zu nutzen, um nicht weiter der Routine zu verfallen, wiegt noch schwerer. Über Männlichkeit kann und sollte besonders jetzt viel geschrieben werden, trägt sie doch in vielerlei Hinsicht die Handschrift von Krieg und Großmachtsfantasien, die wir bei Putin, aber nicht nur bei ihm, schon länger mit Sorge beobachten. Vor einigen Tagen, noch bevor die schrecklichen Entwicklungen ihren Lauf nahmen, bin ich auf einen Begriff gestoßen. Pierre Bourdieu, französischer Soziologe und Philosoph, schreibt in seinem Buch "Männliche Herrschaft", dass Männer im Laufe ihres Lebens eine sogenannte libido dominandi entwickeln -  eine Lust an Dominanz und Konkurrenz. Diese drückt sich darin aus, wie Männer nicht nur gegenüber FLINTA-Personen Ausschlüsse manifestieren, sondern auch untereinander. BourdiIhreeu spricht von  "Spielen der Macht", an denen partizipiert, erlernt wird, wie legitime Männlichkeit aussieht, was sie nicht sein darf und vor allem was ihr hauptsächliches Ziel ist: Eine Selbstverständlichkeit und den Anspruch zu erlernen, als Mann in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens nach Macht zu streben. Diese Spiele sind aber keine Spiele im klassischen Sinne. Sie sind Umgangsformen, Handlungspraxen oder wie Judith Butler sagt, doing gender , also dass Männlichkeit nicht durch Geburt, im biologisierenden Sinne, etwas sei, womit als männlich gelesene Personen geboren werden, sondern bewusst angeeignet wird. Heute will ich über ein konkretes Spiel sprechen, in dem es viele Regeln gibt. Dass ich in meiner Kindheit so gerne und bis heute spiele. Und wir jeden Tag aufs neue damit konfrontiert werden. Aber einige Grenzen durch Spieler überschritten werden,  diese auf dem Spielfeld jedoch nicht erkennbar sind. Und genau diese Verstöße, ich will sie Skandale nennen, brauchen noch mehr Sichtbarkeit, denn sie geraten immer dann in den Hintergrund, wenn sie es nicht dürfen: Geschlechtsspezifische Gewalt durch und im Männerfußball. Ich möchte Vorbilder sprechen, die man nicht ablegen will. Und die Notwendigkeit, es zu tun. Denn wenn wir Fußball als Gesellschaft so viel Raum geben, müssen wir ihn auch als solchen begreifen, von dem radikale Veränderungen für die Gesellschaft ausgehen muss. Denn diese Gewalt wird auch durch den Fussball erlernt.

Über die Vorbilder Ganz ohne Vorbilder geht es manchmal eben auch nicht. Für mich ist eine davon Mona Eltahawy, ägyptisch-US-amerikanische Autorin des  fantastischen Newsletters "Feminist Giant". In ihrem Essay "Feminism, Football, Fucking"  schreibt sie einen Brief an ihren Herzensclub Manchester United, und beklagt ihren Umgang mit Spielern wie Mason Greenwood und Cristiano Ronaldo (und Ryan Giggs, für alle, die ihn noch kennen). Mason Greenwood ist besonders in den letzten Wochen in die Schlagzeilen geraten - ihm wird Vergewaltigung und Körperverletzung vorgeworfen. Von seinem Club wurde er dafür zurecht suspendiert. Ich hatte die Nachricht damals gelesen, mich empört und schnell wieder vergessen. Fußball ist für mich noch immer Sehnsucht, ein Festhalten an die wenigen Gemeinsamkeiten mit meinem Vater, gemeinsames Jubeln und Namen von Menschen auf dem Rücken tragen, die man nicht persönlich kennt - und es deshalb oftmals egal wird, was sie privat machen. Dieses Leben scheint für uns abseits unserer Realität stattzufinden. Aber genau das darf nicht passieren. Denn ihre Wirklichkeit beeinflusst auch unsere. Eine der größten Vorbilder für viele fußballspielende Jugendliche ist vermutlich, auch wenn man das nicht mögen muss,  Cristiano Ronaldo.  2009 beschuldigte ihn Kathryn Mayorga, sie vergewaltigt zu haben, kurz danach wechselte er zu Real Madrid. Seinem Image haben die ernsten Vorwürfe bis heute nicht geschadet. Es gab kein öffentliches Urteil, kein von der Bildfläche verschwinden. Er gewann danach 4x den Ballon D'or und wird heute als lebende Legende gefeiert- und entledigte sich der straftrechtlichen Konsequenzen nach einer Zahlung von über 375.000 €. 2018 erneuerte Sie ihre Vorwürfe, passiert ist bis heute wieder nichts. Perfide genug, dass er in einem Interview 2018 sagte,  dass die erneuten Vorwürfe sein "persönlich schwierigstes Jahr" waren. Das sind nicht nur Anzeichen einer Täter-Opfer-Umkehr, sondern auch das Privileg, sich Verletzungen, die man in dem Kontext Frauen emotional und physisch hinzufügt, rauskaufen kann. Das Patriarchat versteht sich sehr gut mit dem Kapital, Cristiano Ronaldo ist das beste Beispiel dafür.

Im Männerfußball ist Cristiano Ronaldo aber nur die Spitze des Eisbergs. Benjamin Mendy von Manchester City wird in mehreren Fällen Vergewaltigung vorgeworfen - er wurde entlassen. Der Sportausrüster Nike hat 2020 seinen Sponsoring-Vertrag mit dem brasilianischen Nationalspieler und PSG-Star Neymar aufgelöst, nachdem er eine Nike-Mitarbeiterin sexuell belästigt haben soll. Jérôme Boateng ist wegen Körperverletzung gegenüber Sherin S. verurteilt und wurde im Rahmen seiner Beziehung zu seiner Ex-Freundina Kasia Lenhardt der Körperverletzung angeklagt. Nachdem Boateng medienwirksam sich gegen die Vorwürfe wehrte und ihr vorwarf, seine Karriere zerstören zu wollen, begann eine beispiellose mediale Hetzjagd gegen sie. Kurze Zeit später begeht sie Suizid.  Wenn auch für kurze Zeit viel Kritik geübt wird, so verliefen die Anschuldigungen im Sand und geraten aus dem öffentlichen Fokus. Neymar unterzeichnete kurze Zeit später einen mit 100-Millionen-Dollar dotierten Vertrag mit dem deutschen Sportausrüster Puma, Boateng wechselte vom FC Bayern München zu Olympique Lyon und musste sogar kurz nach seiner Vorstellung zurück nach München zum Prozessbeginn. Das ist also der Zustand unserer Gesellschaft: Niemand stört sich an Männern, die Gewalt ausgeübt haben. Denn der Fußball ist wichtiger. Oftmals verschwinden für viele Menschen mit der Bekanntheit von Fußballern auch die gedankliche Möglichkeit, dass auch sie falsch liegen können und Grenzen überschreiten. Das reflexartige Verteidigen von Fußballern ist nur ein Indiz dafür, wie schwer der Männerfußball einem patriarchalen Kodex unterliegt, der ihn vor Konsequenzen schützt. Und ihre Stukturen Ich muss mich leider wiederholen: Das ist die Spitze des Eisbergs. Eine junge Frau aus Island beschuldigt mehrere Spieler der isländischen Männer-Fußballnationalmannschaft der sexuellen Übergriffe, danach kommen mehrere Fälle ans Licht. Selbst im Jugendfussball in Deutschland sind Fälle bekannt geworden. Nur weil bei Neymar, Boateng und Ronaldo nichts passiert, heißt das natürlich nicht, dass grundsätzlich nichts passiert. Der Vorstand des isländischen Verbandes ist zurückgetreten, es wurden im betroffenenVerein Jugendfußball Ermittlungen aufgenommen. Dazu heißt es auf der Homepage des Vereins TSV Neuried, dass zur Thematik sexuelle Gewalt eine eigene Vertrauenspersonen installiert wurde, mit einem „Schutz- und Notfallkonzept“, Fortbildungen für alle Mitarbeiter*innen und ein Verhaltenskodex entwickelt wurde. Wichtige, aber noch winzige Schritte in die richtige Richtung. Wenn wir das Problem von Männerfußball im Zusammenhang von geschlechtsspezifischer Gewalt sehen, müssen wir notwendigerweise größer denken. In Nordrhein-Westfalen wurde 2021 ein erstes Projekt mit dem DFB, dem nordrhein-westfälischen Familienministerium und der Informations-und Kontaktstelle gegen sexuellen Missbrauch Zartbitter e.V. entwickelt, dass Strategien von Täter*innenn bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aufzeigt, um Eltern als auch Jugendliche zu sensibilisieren. Wichtig, wenn man bedenkt wie viele Menschen in Deutschland Fußballspielen und in seinen Strukturen aktiv sind. Denn noch immer sind in Deutschland 2,1 Millionen Jugendliche in einem Fussballklub aktiv, über 7 Millionen insgesamt in über 27.000 Vereinen angemeldet. Und genau in diesen Räumen muss konsequent und radikal gehandelt werden. Eine Männlichkeit vorgelebt werden, die keine Lust an Dominanz und Konkurrenz entwickelt, sondern sich ihrer Gefahren für Spieler als auch ihrem Umfeld bewusst wird.  In Großbritannien haben sich vor kurzem drei NGOs zusammengetan, um wirksame Mittel zu entwickeln, um die Kultur des geschlechtsspezifischen Gewalt im Fussball zu konfrontieren. Darunter:

  • Einführung obligatorischen anti-geschlechtsspezifische Gewalttraining für Trainer*innen und Spieler*innen.
  • Charta zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt, die Clubs unterzeichnen müssen; 
  • Klare Richtlinien und Protokolle zu sexuellem Fehlverhalten mit der Befugnis, Disziplinarmaßnahmen gegen Spieler zu verhängen; und für Fußballakademien, um Präventionsprogramme für junge Menschen einzuführen

Ich frage mich: Worauf wartest du, lieber DFB? Denn du hast eine Mitverantwortung, welche Vorbilder du produzierst und wie diese Vorbilder in unsere Gesellschaft wirken. Es muss endgültig aufhören, dass diese Spieler geschützt werden, und damit zu Vorbildern werden, die Männlichkeit danach leben, wie gut sie dominieren können, sich gegenseitig schützen und vor allem denken: Ich muss keine Konsequenzen fürchten. Wir müssen die (viel zu große) Fußballwelt in Deutschland als Ort unzähliger Probleme sehen. Aber auch als einen Ort begreifen, der weit über einzelne Sportplätze für gesellschaftliche Veränderungen sorgen kann. Deshalb: Solidarität mit allen Opfern geschlechtsspezifischer Gewalt, und Konsequenzen für alle Täter.

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