Ruhe und Ordnung

Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben, wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben – das ist Ordnung. Wenn Werkleute rufen: »Lasst uns ans Licht! Wer Arbeit stiehlt, der muss vors Gericht!« Das ist Unordnung.

Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen, wenn dreizehn in einer Stube pennen – das ist Ordnung. Wenn einer ausbricht mit Gebrüll, weil er sein Alter sichern will – das ist Unordnung.

Wenn reiche Erben im Schweizer Schnee jubeln – und sommers am Comer See – dann herrscht Ruhe. Wenn Gefahr besteht, dass sich Dinge wandeln, wenn verboten wird, mit dem Boden zu handeln – dann herrscht Unordnung.

Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde hören. Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören. Nur nicht schrein. Mit der Zeit wird das schon. Alles bringt euch die Evolution. So hats euer Volksvertreter entdeckt. Seid ihr bis dahin alle verreckt? So wird man auf euern Gräbern doch lesen: sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen.

Kurt Tucholsky (* 9. Januar 1890 in Berlin; † 21. Dezember 1935 in Göteborg)

Comments are available for members only. Join the conversation …