GZ #27 God Gave Rock and Roll to You
Gofigramm

Ich lese gerade ein Buch, das ich wahnsinnig spannend finde. Es ist die Geschichte der populären christlichen Musik, die in den USA Contemporary Christian Music oder kurz CCM getauft wurde. Das Buch heißt „God Gave Rock and Roll to You - A History of Contemporary Christian Music” und ist von Leah Payne geschrieben worden. Sie schildert die vergleichsweise bescheidenen Anfänge zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Evangelisten, die mit ihren Zelten und ihren „Rallys“ durch das Land tourten, bemerkten, dass sich mit dem Verkauf von Liederbüchern stattliches Geld verdienen ließ. Es wurden Singe-Teams gebildet, die durch die Gemeinden tingelten, die Lieder vorsangen und dann die Bücher tausendfach verkauften. Evangelisation, also die Verkündigung der christlichen Botschaft, und Business gingen Hand in Hand und wurden gewissermaßen als etwa dasselbe verstanden.
Dies war auch ein wichtiger Grund, warum sich mehrere Denominationen zu den sogenannten ‘Evangelikalen’ zusammenschlossen. Ja, es ging um Evangelisation, aber ein wichtiger weiterer Grund war die Tatsache, dass man gemeinsam besser Geld verdienen konnte. Es hieß, man diene Gott auf dem Altar des Business, die Akteure nannten sich „Business Priests“. Diese Nähe zum wirtschaftlichen Denken ist so tief in die DNA der „evangelikalen Bewegung“ eingeschrieben, dass sie noch heute davon geprägt ist, nicht nur, was das Geschäftemachen angeht, sondern auch, wie man Kirche und Evangelisation denkt.
Nach nicht allzu vielen Jahrzehnten wurde die CCM zu einer mächtigen Industrie. Die Musikfachpresse hatte nur Hohn für sie übrig, aber die großen Player wie z. B. Disney wurden auf sie aufmerksam, weil sie die Kaufkraft ihrer Kunden bemerkten. Und wer waren diese Kunden hauptsächlich? Weiße, evangelikale Vorstadtmütter, die in den brummenden christlichen Buchläden ‘getaufte’ Rockmusik für ihre Kinder kauften. Sie wollten nämlich nicht, dass die Heranwachsenden mit der moralischen Verdorbenheit der weltlichen Popkultur in Berührung kamen, und kauften deshalb die Versionen, die zwar ähnlich klangen, aber die ‘richtigen’ Inhalte hatten.
Dieses Phänomen blieb dezidiert weiß und evangelikal. Nichtweiße Interpret*innen tauchten kaum auf. Auch die Theologie blieb homogen, weiß (also: nicht so sehr auf soziale Missstände oder Gerechtigkeit fokussiert, sondern auf das Seelenheil und sexuelle Enthaltsamkeit) und - ganz wichtig - patriotisch. Denn CCM war nicht nur Träger (einer bestimmten Version) der christlichen Botschaft, sondern auch der ‘richtigen’, also konservativen bis nationalistischen Politik. Schließlich hatte Amerika, das politische Amerika, eine Mission, die direkt von Gott stammte. Es stand im Kampf gegen den Kommunismus und später, als sich der Feind in Form der UdSSR in Luft auflöste, gegen den Islam, um die amerikanische Demokratie in die ganze Welt zu tragen.
CCM verfolgte also eine theologische und politische Agenda und war ein wichtiger Ausdruck des evangelikalen Lebens. Die Gatekeeper, die darüber wachten, dass das so blieb, waren (auch) weiße Mütter des Mittelstandes, die das mittels ihrer Kaufkraft konnten.
Bis das Internet kam, die Buchläden an Bedeutung verloren, weil es plötzlich Amazon und Napster gab, und die Gatekeeper entmachtet wurden. CCM verlor an Bedeutung und seinen Platz an die Worship-Kultur, die wesentlich internationaler aufgestellt war und sich rasant ausbreitete. Was geblieben ist, weil CCM natürlich davon immer nur ein Ausdruck war, sind die politischen, theologischen und wirtschaftlichen Überzeugungen, die fester Bestandteil des evangelikalen Phänomens sind und direkt bis zur Wiederwahl von Donald Trump nachzuvollziehen sind.
Warum fasziniert mich das so? Weil ich in meiner Jugend diese Musik geliebt und dabei ganz unwillkürlich eine bestimmte Art übernommen habe, die Welt zu sehen und zu verstehen.
Im Zivildienst zeigten mir dann meine neuen (nichtchristlichen) Freunde Musik, die mir besser gefiel und ganz andere Inhalte hatte. Diese Lieder waren viel düsterer, sie sprachen offen über Zweifel und Fragen, über Wut, Hass und Lust. Das war mein Abschied von der CCM, die mir bis dahin eine Art Identität als Heranwachsender beschafft hatte. Die neuen Lieder passten besser zu einer Lebensphase, die komplizierter und auch furchteinflößender war. Sie begleiteten mich dabei, als ich mir neue Überzeugungen und auch ein neues Verständnis von mir selbst und der Welt erarbeiten musste.
Warum schreibe ich Dir das alles? Ich habe keine Ahnung. Es interessiert mich eben. Und ich hoffe sehr, dass meine Kunst ebenfalls eine Wegbegleiterin sein kann und sich nicht hinter richtigen Aussagen versteckt, sondern den Mut zum freien und authentischen Ausdruck bewahrt. Dass Du mir durch Deine Unterstützung dabei hilfst, dafür danke ich Dir sehr!
Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!
Dein Gofi
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Art2Go
Leipzig, Sa., 9. Nov. 2024 | 00:35h


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Podcast
Jesus Rocks: Über christliche Popmusik - mit Andreas Malessa

Musik in der Kirche kann aufregend sein, wenn sie von Profis gemacht wird. Lange Zeit war das aber eher nicht der Fall. Bis 1961 ein christliches Lied die Charts stürmte. Warum? Weil sich viele Gläubige darüber aufregten und andere es deshalb kauften. "Danke für diesen guten Morgen" war der Beginn einer neuen Zeit für die Kirchenmusik in Deutschland. Doch in den USA entwickelten sich noch ganz andere Dinge: Jesus spielte plötzlich Klampfe und fing später sogar an, zu rocken. Die Musik, die dabei entstand, wurde von der einschlägigen Musikpresse zunächst noch belächelt, wurde aber im Lauf der Jahre zu einer echten wirtschaftlichen und kulturellen Größe. Wir haben einen darüber ausgefragt, der es wissen muss, weil er von Anfang an dabei gewesen ist: Andreas Malessa, Journalist und Autor, tourte damals mit dem Duo Arno und Andreas durch die Lande und spielte vor vollen Hallen und ausverkauften Häusern. Besucherzahlen, die in die Tausenden gingen, waren keine Seltenheit. Was war der Reiz an dieser Musik? Was suchten vor allem jüngere Menschen in ihr? Und wohin entwickelte sie sich weiter? Antworten gibt es bei diesem gleichzeitig launigen und informativen Gespräch mit einem Urgestein der christlichen Pop- und Rockmusik. Viel Spaß dabei! (Episodenbild erstellt mit ChatGPT)
Zur Musik, die wir zwischen den Kapiteln kurz einspielen, führt Dich dieser Link: https://gofimueller.bandcamp.com/album/ohne-mich-gehts-nicht (Opens in a new window)
00:00:00.00 Es gibt keine christliche Musik
00:16:13.24 Peinliche Bekenntnisse
00:35:00.01 Und heute?
00:56:33.17 Erlebnisse
01:07:33.18 Momente
Geschichte der Woche
Das Attentat
Korvin versucht, nicht an den Krieg zu denken, während er vom Beifahrersitz aus die norddeutsche Landschaft an sich vorüberziehen lässt. Es ist nicht sein Krieg. Er hat mit diesem Scheiß nichts zu tun. Von keinem Staat dieser Welt lässt er sich in eine Uniform stecken und an die Front schicken. Er trägt eine andere Uniform, auch wenn die hier verboten ist. Sein Krieg ist ein anderer.
Aber es ist nicht leicht, die Gedanken an zu Hause zu verdrängen. Erst vor ein paar Tagen haben die Russen Odessa mit Raketen beschossen. Mindestens 20 Menschen sind dabei getötet, über 70 verletzt worden. Es könnten Freunde unter ihnen sein. Es könnte seine Mutter unter ihnen sein. Er hat versucht, sie anzurufen, sie aber nicht erreicht. Am darauffolgenden Tag hat die Ukraine einen Gegenangriff gestartet. Eine Ölraffinerie in der Region Krasnodar ist in Flammen aufgegangen. Und gestern haben Bewaffnete das Krokus-Center in Moskau attackiert und 144 Leute getötet. Der Islamische Staat sagt, dass es seine Leute gewesen sind. Putin macht natürlich die Ukraine dafür verantwortlich. Schön wär’s. Aber wahrscheinlich ist es nicht.
Wie auch immer. Es ist nicht sein Krieg. Er ist ein Onepercenter. Seine Treue gehört dem Club. Und sein Krieg findet hier statt, in Bremen. Er atmet tief ein und versucht mit dem Ausatmen die Anspannung aus seinem Körper strömen zu lassen.
Alles klar? sagt Raffi. Nervös? Er sitzt am Steuer und grinst zu ihm herüber.
Quatsch, sagt Korvin. Kleine Sache. Nichts Besonderes.
Sie fahren über die B 75 nach Westen Richtung Huchting. Sie haben einen Auftrag. Wirklich nichts Großes. Ein Yuppie aus der Harlemer Straße ist mit den Zahlungen für sein Kokain im Verzug. Sie sollen klingeln, ein bisschen Angst machen, vielleicht sogar die Kohle abgreifen, wenn er sie gerade da hat, und wieder fahren. Das ist nichts. In Odessa hat er das jeden Tag gemacht. Na gut, zuerst nicht. Zuerst war er ein Hangaround und hat Drecksarbeit gemacht. Aber später, als Prospect, durfte er neben der Schufterei auch andere, für den Club wichtigere Dinge machen. Leider nur für kurze Zeit. Denn dann kamen die Russen, und er ist abgehauen. Hat sich auf sein Motorrad gesetzt und ist davongefahren.
Er hat kein Problem damit, zu töten. Er hat ein Problem damit, zu sterben. Er hat gelesen, dass manche Ukrainer, die vor dem Krieg geflohen sind, ein schlechtes Gewissen haben, weil ihre Landsleute kämpfen, während sie sich ein Leben im Westen aufbauen. Ihm ist das scheißegal. Aber er ist ja auch nicht geflohen, jedenfalls nicht vor dem Krieg. Er ist weggegangen, weil sein Leben ihm gehört und er es einsetzt, wofür er es will. Klar, er hat Respekt für das Asow-Regiment, das in Mariupol bis zuletzt gegen die Russen durchgehalten hat. Er hat aber auch Respekt für die Brüder, die auf Putins Seite kämpfen. Er hat Respekt. Aber kein Verständnis. Es ist ein Fehler, sein Leben für eine Gesellschaft einzusetzen, die sie ablehnt. Und dass Putin wirklich ein Freund der Hells Angels ist, wie er behauptet, glaubt er keine Sekunde. Er weiß zwar, wie das Spiel gespielt wird, und macht das auch verdammt gut. Aber er ist kein Angel.
Korvin weiß genau, wem seine Loyalität gehört. Und er ist bereit, alles dafür zu tun, um Teil der Familie zu sein und in den Rängen aufzusteigen. Das Charter West-Side hat ihn aufgenommen, als er nach Deutschland gekommen ist. Dass er sich die Raute mit dem 1%-Symbol auf das Brustbein hat tätowieren lassen, hat geholfen. Aber seinen Status als Prospect haben sie ihm nicht ohne Weiteres abgenommen. Fast schien es so, als müsse er noch einmal von vorn anfangen. Er hat sie angefleht, ihm eine Chance zu geben, einen wirklich großen Auftrag, durch den er seine Zuverlässigkeit unter Beweis stellen kann. Darauf wollten sie sich erst nicht einlassen. Aber dann haben sie ihm erlaubt, die kleine Litauerin zu bestrafen. Ihr Geheimnisverrat und ihre Untreue sind ihr Todesurteil gewesen.
Korvin hat kein Mitleid mit ihr gehabt. Wer die Angels verrät, hat sein Leben verwirkt. Es ging alles ganz schnell. Die Leiche hat er in die Weser geworfen. Seitdem wird er von den Brüdern anders behandelt. Er hat das Gefühl, in seiner neuen Heimat endlich angekommen zu sein.
Vor ihnen tauchen die zwei Tankstellen auf und die Brücke, hinter der die Ausfahrt liegt. Oben an der Heinrich-Plett-Allee biegen sie nach links ab und folgen der Straße hinein in den Ort, passieren den Laden mit den polnischen Spezialiäten. Korvin nimmt sich vor, dort endlich einmal einzukaufen. Gerade, als sie die Apotheke rechts liegen gelassen haben, geht alles ganz schnell. An der Stelle, an der die Straße leicht ansteigt und sich die Fahrspuren verengen, überholt sie ein dunkelgrüner Kadett, stellt sich quer und versperrt ihnen den Weg. Raffi flucht, macht eine Vollbremsung, die Reifen quietschen.
Die Beifahrertür des grünen Autos wird aufgerissen, ein blonder Typ springt heraus und reißt den rechten Arm nach oben. Dann ertönen Schüsse. Bam. Bambam. Bam. Bam. Über die Frontscheibe ziehen sich Risse wie ein Spinnennetz. An der Stelle, von der die Risse ausgehen, klafft ein kleines Loch. Ein Schlag hat Korbin mit unglaublicher Wucht an der linken Schulter getroffen, sodass er nach hinten geworfen worden und von der Lehne des Sitzes wieder zurückgeschnellt ist und nach vorne fällt. Erst spürt er nichts als Taubheit. Dann setzt der Schmerz ein. Als er an sich herabsieht, entdeckt er Blut.
Ich bin getroffen, flüstert er auf Ukrainisch. Dann brüllt er. Verdammte Scheiße, ich bin getroffen. Er hört wieder das Quietschen von Reifen, diesmal sind es die des anderen.
Bist du okay? schreit Raffi. Was ist los? Gottverdammtescheiße, Mann. Hat’s dich erwischt? Bist du getroffen?
Krankenhaus, stammelt Korvin. Getroffen. Krankenhaus.
Fuck, brüllt Raffi, rammt den Schalthebel nach vorne und gibt Gas. Der grüne Kadett ist nicht mehr zu sehen. Sie rasen auf die Ampelkreuzung am Ende der Heinrich-Plett-Allee zu. Raffi achtet nicht auf die rote Ampel. Es wird gehupt und gerufen, als er auf die Kreuzung abbiegt. Er selbst schlägt wie von Sinnen auf die eigene Hupe ein, weicht Fußgängern und Autos aus und schleudert den Wagen hinein in den dichten Verkehr auf der Kirchhuchtinger Landstraße.
Bring mich Krankenhaus, schreit Korvin. Der Schmerz ist unerträglich geworden, das Blut fließt unaufhörlich, er merkt, dass ihm schwindlig wird und kalt.
Ja, verdammt, brüllt, Raffi. Ich bin dabei. Halt durch, Mann.
Korvin lehnt den Kopf zurück und schließt die Augen. Es ist nur die Schulter, denkt er, das kann nicht so schlimm sein. Nur die Schulter. Hauptsache, ich verliere nicht zu viel Blut. Wer war das? Wer wusste, dass wir hier sind? Vielleicht die Bandidos. Vielleicht die Türken, mit denen neulich der Deal geplatzt ist. Das war eine Racheaktion. Aber wofür?
Auf Höhe des Roland Centers kotzt Korvin in den Fußraum. Oh Gott, murmelt er, oh Gott. Kann nicht mehr.
Raffi zieht den Wagen nach links über die Spuren des entgegenkommenden Verkehrs und bleibt mitten auf dem Fahrradweg vor einem Bürogebäude stehen. Korvin bleibt zusammengesunken und mit geschlossenen Augen hocken. Die Beifahrertür wird aufgerissen, Raffi löst seinen Sicherheitsgurt und zerrt ihn aus dem Wagen.
Was machst du? fragt Korvin. Wo sind wir?
Ich bring dich da rein, sagt Raffi. Die helfen dir. Er schiebt seine Schulter unter Korvins Achsel und schleift ihn mehr, als dass er ihn führt, zu einem Gebäude, auf dem in großen Lettern steht: AOK - DIE GESUNDHEITSKASSE. Setz dich hier hin, sagt er und lässt den Verletzten auf den Fußboden des Vorraums sinken. Die helfen dir. Keine Sorge. Die kennen sich aus. Halt durch, sagt er, als er sich wieder aufrichtet. Keine Sorge. Das wird schon wieder. Er tritt durch die Glastür hinaus auf die Straße und lässt Korvin alleine zurück.
Hast du ihn erwischt, fragt Franco. Sie sitzen im Esszimmer der Sedanstraße 98. Nach dem dritten Glas Tullamore Dew hören ihre Hände endlich auf zu zittern. Keine Ahnung, sagt Benjamin Stochardt-Barenbaum. Ich glaube, schon.
News
Wieder unterwegs mit Jasmin Brückner und POETRY TALK

Die Dichterin Jasmin Brückner und Halle werden bald wieder zusammen unterwegs sein, um unser gemeinsames Programm Poetry Talk aufzuführen. Alle wichtigen Informationen erhältst Du unter https://poetry-talk.de/. (Opens in a new window)
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