GZ #26 Jemand hat die Ferkel geklaut
Gofigramm

Am vorletzten Wochenende sind drei süße kleine Ferkel geklaut worden. In Kopenhagen. Fies, oder? Sie waren Teil einer Kunstausstellung. Eigentlich waren sie sogar selbst das Kunstwerk. Der chilenisch-dänische Künstler Marco Evaristti hatte ihnen einen Käfig aus zwei Einkaufswagen gebastelt und wollte sie dort, vor aller Augen, verhungern lassen.
Die Diebe waren Tierschützer, die das nicht gut fanden. Während der Ausstellungsraum gerade geputzt wurde, kamen sie, vorgeblich, um zu schauen, wie es den Ferkeln geht, und nahmen sie, als niemand aufpasste, einfach mit.
Doch nicht so fies. Schön, dass es den Ferkeln jetzt wieder gut geht. Aber warum hat sich der Künstler so etwas Grausames ausgedacht? Die Ausstellung wird in einem Stadtgebiet gezeigt, in dem die Fleischproduktion angesiedelt ist. Hier werden riesige Mengen billiges Fleisch hergestellt und verschickt. Für diese Art von Fleischproduktion werden — wie wir alle wissen — Tiere massenhaft gezüchtet, gehalten und häufig grausam getötet. Dass dabei Ferkel verhungern, ist völlig normal. Es werden so viele Ferkel geboren, dass die Säue nicht alle versorgen können. Manche verrecken dann eben. Das ist wirtschaftlich verkraftbar. Unser ALDI-Fleisch bleibt trotzdem billig. Würde man es anders machen, könnten wir die Mengen, die wir uns davon reinziehen, überhaupt nicht bezahlen.
Marco Evaristti hat sein Werk AND NOW YOU CARE? genannt, also: Ach, und jetzt kümmert es dich plötzlich? Und damit trifft er einen wunden Punkt, oder? Wenn wir an all die kläglich und täglich verreckenden Tiere denken, die wir wenig später verspeisen, könnte uns das fast den Appetit an der Bratwurst vermiesen.
Dabei ist es gar nicht nötig, dass wir unsere Energie verpulvern und das Tierleid krampfhaft ausblenden. Es gibt wirklich leckere, vegane und vegetarische Gerichte, die wir stattdessen essen können. (Falls Du Dich fragst, worin der Unterschied besteht: ‘Vegan’ bedeutet, dass keinerlei tierische Produkte verarbeitet werden, auch nicht Milch oder Eier.)
Gestern zum Beispiel habe ich mal wieder einen veganen Döner gemacht und dazu eine (vegetarische) Joghurt Sauce. Es ist total einfach: Du kaufst Räuchertofu und verarbeitest ihn mit einem Kartoffelschäler zu Geschnetzeltem. Das vermischst Du in einer Schüssel mit gehackten Zwiebeln, Sesamöl und Sojasauce. Ich mag es würzig und FETT, also nehme ich viel davon. Nachdem Du alles gut durchgemischt hast, breitest Du es auf einem Backblech aus und röstest es bei 200° C im Ofen so kross, wie Du es magst. Währenddessen machst Du die Joghurtsauce. Gestern habe ich ganz schön viel gemacht: knapp 500 ml neutraler Joghurt, kräftig Pfeffer, eine Prise Salz, ein Esslöffel Limettensaft, ein großer Esslöffel Tahini (das ist Sesammus und für den Geschmack wirklich wichtig!), frische gehackte Kräuter wie z. B Petersilie oder Schnittlauch und wenn Du willst eine zerdrückte Knoblauchzehe. Schmeckt halt besser.
Dazu gibt es Salat, Tomatenscheiben, vielleicht Chiliflocken, Schafskäse und was Du sonst noch so magst. Statt Fladenbrot kannst Du auch Tortillas oder Wraps nehmen, dann schmeckt es wie Lahmacun. Einfach lecker! Ich wohne mit einem neunzehnjährigen und einem zweiundzwanzigjährigen Mann zusammen, und die hauen bei diesem Gericht rein, als gäbe es kein Morgen.
Ganz ehrlich, ich liebe Fleisch. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich das erste Mal ein wirklich gutes Rindersteak gegessen habe. Das ist über zehn Jahre her und war in Berlin. Der Laden hieß The Bird. Und ich war zutiefst glücklich, weil es einfach so un-glaub-lich gut geschmeckt hat.
Aber ich esse immer weniger davon. Denn ich finde, Marco Evaristti hat recht. Wenn mich das Leid von Tieren in der einen Situation betroffen macht, dann kann es mir in einer anderen nicht vollkommen egal sein. Trotzdem: Ich bin froh, dass jemand die Ferkel geklaut hat.
Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!
Dein Gofi
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Jasmin Brückner: Was ich jetzt machen werde
https://youtube.com/shorts/gEU_jHbqBwM?feature=share (Opens in a new window)Diese Aufnahme stammt aus der aktuellen Podcastfolge von Cobains Erben: Antifaschistischer Pudding: Poetry Talk mit Jasmin Brückner und Marco Michalzik. (Opens in a new window)
Jasmin Brückner lebt in Halle an der Saale. Dort arbeitet sie als Sozialarbeiterin, Spoken Word Künstlerin, Texterin und Workshopleiterin für Biografisches und Kreatives Schreiben. Seit 2017 steht sie auf Kleinkunst- und Poetry Slam Bühnen und teilt Spoken Word Texte über Großartiges und Feinfühliges, Weltschmerz und die eigene Unfähigkeit, einen Eimer Wandfarbe auf einem Fahrradgepäckträger transportieren zu können. 2020 veröffentlichte sie die Anthologie am Goldenen Faden, 2021 folgte das Buchprojekt Hoffnung². Im November 2023 beendete sie erfolgreich ihren Master im Biografischen und Kreativen Schreiben an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin.

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Podcast
Und führe uns nicht in Versuchung - Über Lust, Genuss und Verzicht

Der openSPACE Podcast ist eine Mischung aus einer alternativen Form, Gottesdienst zu feiern, und eine Live-Podcast-Aufnahme, bei der jede/r eingeladen ist, daran teilzunehmen, und der sich an alle richtet, die an spirituellen Fragen interessiert sind und sich mehr oder weniger für den christlichen Glauben interessieren. Jede Folge enthält Gebete, Meditationen, einen Vortrag zum Thema und ein anschließendes offenes Gespräch darüber und dauert etwa eine Stunde.
Du kannst den openSPACE-Podcast überall abonnieren, wo es Podcasts gibt.
Der Podcast verbindet eine Kunstausstellung in Kopenhagen mit der Bitte aus dem "Vaterunser": "Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen." Der Künstler Marco Evaristti stellte Ferkel in einem Stall aus Einkaufswagen aus und wollte sie verhungern lassen, um auf Massentierhaltung und Tierleid aufmerksam zu machen. Dies führt zur Frage, was Versuchung ist und wie Gott uns leitet. Gofi argumentiert, dass Lust und Bedürfnisse zum Leben gehören, aber wenn sie anderen schaden, entsteht das Böse. Versuchung sei allgegenwärtig, besonders in einer Konsumgesellschaft. Das Gebet bittet um Hilfe, Versuchungen zu widerstehen, verantwortungsvoll zu genießen und Leid zu vermeiden - nicht aus Angst vor der Hölle, sondern um das Leben nicht zur Hölle zu machen. Am Ende steht die Hoffnung auf Erlösung und der Aufruf, gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung vorzugehen.
Hier geht es zur Folge. (Opens in a new window)
https://youtu.be/D25Ps5PYhDc?feature=shared (Opens in a new window)Micro Story der Woche
Déjà-vu

als kind der siebziger weiß ich
wie das ist
von einem misanthropischen
sexuell frustrierten
erwachsenen
zur schnecke gemacht zu werden
man traf sie am schalter
des postamtes
oder
in der abteilung für
unterhaltungselektronik
arschlöcher
deren tag nur dann
von ihnen als erfolgreich
empfunden wurde
wenn sie wenigstens einmal
einen ahnungslosen mitmenschen
zusammengeschissen hatten
heute hatte ich ein déja vu
die begegnung mit einer spezies
die ich für ausgestorben
gehalten hatte
mein anruf beim kundendienst
der stadtwerke
verlief angenehm
die mitarbeiterin
gab sich keine mühe
zu verheimlichen
dass sie mich
so schnell wie möglich
loswerden wollte
doch blieb sie freundlich
ein lichtdurchfluteter vorhof
professioneller nettigkeit
vor den stufen hinab
zu den katakomben
in denen andere wesen lauern
sie vermittelte mich
an eine abteilung
die sie für mich
für zuständig hielt
der männliche mitarbeiter
konnte sein genervtsein
nur schwer verheimlichen
nein natürlich sagte er
sei er nicht zuständig
aber er könne sich schon denken
dass man mir das gesagt habe
ich solle es bitte
unter folgender nummer versuchen
wen ich dort antreffen würde
traute ich mich zu fragen
und erwartete den namen
einer abteilung oder firma
stattdessen gab er die namen
zweier männer an
herrn s. und herrn w.
unschuldig wählte ich
die mir empfohlene nummer
und musste nur wenige
klingeltöne abwarten
um urplötzlich
eine reise anzutreten
eine zeitreise in meine kindheit
ich sei überhaupt nicht sein kunde
und ich solle gefälligst
meinen anbieter anrufen
und ich solle ihn nicht nerven
und nicht raten und nicht planlos
durch die gegend telefonieren
und ich müsse dieses und solle
verdammt nochmal jenes
und wie ich auf die idee käme
und so weiter und so fort
zwischen seinen tiraden
ließ er pausen
die ich als aufforderungen
verstand zu antworten
doch was immer ich sagte
wollte er gar nicht hören
dieses gespräch
so wurde mir klar
war kein austausch von informationen
sondern eine rhetorische
sparringrunde
mit einem vergessenen herrenmenschen
den man tief in seiner bürohöhle hausend
vor jahrzehnten vergessen hatte
vielen dank sagte ich
so höflich ich konnte
für ihre freundliche auskunft
tschüss
noch bevor mein finger
den roten knopf zum auflegen
finden konnte
hörte ich sein gebelltes
aufwiederhören
und wusste
dass er meinen mittelfinger
gesehen hatte
Veröffentlicht in: Gofi Müller, Den Stier bei den Hörnern packen, 30 Gedichte, mit Illustrationen von Alica Waldmann, Norderstedt 2024.
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