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Und plötzlich: Licht

Es wird alles gut. Also Schwamm über die Affäre und ab nach Rom!

Im Licht leben kann sich fremd anfühlen. Habe ich auch nicht gewusst, ist aber so. Seit zwei Wochen weiß ich, dass mein Arsch gerettet ist. Vorerst. Denn seit zwei Wochen weiß ich, dass es ein neues Sachbuch von mir geben wird. Doch seit letztem Sonntag ist der Vertrag auch tatsächlich unterschrieben und die nächsten Monate damit in knochentrockenen Tüchern. Denn ein neues Sachbuch bedeutet, dass ich wieder Autorin bin. Dass ich wieder das tun darf, was mir am meisten Erfüllung bringt. Dass ich nicht mehr in ständiger Angst vor Mietschulden leben muss.

Der Vorschuss ist leider nicht so hoch, dass ich es mir bis auf Widerruf gutgehen lassen kann, aber ich kann das Darlehen, das meine liebe Freundin Pola mir gewährt hat, in einem überschaubaren Zeitraum zurückzahlen und einige Dinge, die mir in den letzten zwei Jahren aus- oder kaputtgegangen gegangen sind, nachkaufen. Nach einer neuen Tastatur, einer neuen Waage, einem neuen Haarschneider, einem neuen Ladekabel und einem Vorrat von meinem medizinischen Shampoo, das ich wegen meiner spinnerten Kopfhaut benutzen muss, sind jetzt schon locker 250 Euro weg und vielleicht liegt es daran, dass sich das Licht noch so fremd anfühlt.

Auch wenn mein Kostenapparat so wie er jetzt ist, bis Ende dieses Jahres gedeckt ist und es mir damit monetär und perspektivisch deutlich besser geht, bin ich weiter auf meine Steady-Abos angewiesen, um meine Miete zu bezahlen, warte ich weiterhin auf die Verlängerung meines Wohngelds, und die Liste mit Dingen, die ich wegen Kaputtheit kaufen müsste, ist immer noch länger als die Dinge, die ich kaufen kann. Von den Dingen, die ich mir (oder Katzi) gerne kaufen würde, spreche ich gar nicht. Meine Situation hat sich durch den Buchvertrag signifikant verbessert und doch kann ich dieses Geühl bevorstehenden Unheils noch nicht recht abschütteln. Es fühlt sich ein bisschen wie der Unterschied zwischen jemandem, der in der Todeszelle wartet, und jemandem, dessen Prozess noch in der Berufung hängt. Oder wie ein Tier, das aus schlimmen Zustzänden gerettet wurde und erst einmal überwältigt und verwirrt wie versteinert auf der Weide steht, weil es noch nicht glauben kann, dass der Horror vorbei ist.

Das Gute an einer Sachbuchveröffentlichung ist, dass sie in der Regel mit Lesungen und/oder Vorträgen, also zusätlichen Einnahmequellen, einhergeht. Wenn mir also im nächsten Jahr nicht wieder eine Pandemie mit Lockdown in die Quere kommt, dann bleibt der Honorarvorschuss nicht das einzige Einkommen. Auch das Gefühl, wieder etwas Sinnvolles und Relevantes zu tun zu haben, bringt mir Stabilität.

Der letzte Absatz wäre unnötig, wenn ich wieder zurück in meinem “normalen” Selbst wäre. Zuversicht und Optimismus kämen von selbst, ich bin ein Stehaufmädchen, ich bräuchte keine konkreten Aussichten, um mich stark zu fühlen, mein Selbstvertrauen wäre auch so genug.

So nachhaltig hat mich bisher noch keine Krise in ihren Klauen gehabt. Normalerweise manövriere ich durch die Stromschnellen meines Lebens und wenn ich es geschafft habe, löst sich ein Knoten und ich fühle mich von heute auf morgen unangreifbar. Und bevor da jemand fragt: Nein, ich bin nicht bipolar, das hat mir meine Therapeutin bei meiner letzten Therapie bestätigt. Ich bin nur ohne unmittelbar drohenden Untergang sehr resilient, sehr gelassen, sehr energetisch. Kaum etwas oder jemand kann mir dann wehtun, meine Kraft ist zwar nicht unerschöpflich, aber sehr groß, mein Ego und Selbstbewusstsein sind dann extrem robust. Und da bin ich einfach noch nicht.

Vielleicht war diese Krise zu lang, um sie von heute auf morgen abzuschütteln. Vielleicht haben sich Sorgen und enttäuschte Hoffnungen so tief in meine Gehirnwindungen gegraben, dass es jetzt eine Weile dauert, bis ich sie mit einer Zahnbürste und Bleiche aus allen Fugen geschrubbt bekomme. Jedesmal, wenn ich in den letzten zwei Jahren glaubte, nun hätte ich genug angeleihert, damit schon irgendetwas klappt, war es nicht so. Jedesmal, wenn ich mir ein wenig Unbeschwertheit und Optimismus erlaubt habe, blieb doch alles unverändert. Am Ende stand ich wieder ohne Perspektive, ohne Zukunft, ohne Hoffnung da, weil meine Rechnung nicht aufgegangen war, weil ich sie ohne den Wirt gemacht hatte.

Ich bin definitiv raus aus der depressiven Episode, kann mein Antidepressivum wieder reduzieren, der Schlaf bringt zumindest etwas Erholung, ich spüre Appetit und Genuss, mein Körpergefühl bessert sich ein bisschen. Aber ich warte auf den Tag, an dem ich mit einem irren Energieschub alle Fenster putzen will. An dem ich abends wieder täglich Sport machen will. An dem meine Konzentration ihren Shit together kriegt. Ich auch ohne Promethazin gut schlafen kann. Ich nicht mehr mit täglichen Übungen gegen die Rückenschmerzen angehen muss, die jede Krise begleiten, und ich mich in meinem Körper so schön und sexy fühle, dass ich mich selbst ficken wollen würde.

Ich weiß, ich weiß, ich muss geduldig sein. Ich werde auch nicht grantig mit mir, weil das so lange dauert. Ich weiß, wie schlimm die letzten zweieinhalb Jahre waren, ich weiß, wie sehr sie mich von meinem Lebenswillen entfernt haben, ich weiß, wie allein ich mich in meinem Kampf lange gefühlt habe. Es wäre nicht verwunderlich, wenn das tiefere Furchen hinterlassen hätte als etwa ein Liebeskummer.

Und doch hätte ich gerne mein altes Ich wieder. Mein altes Ich ist mir auch Freundin und Verbündete. Diese Meike kämpft für mich, sie versteht mich und liebt mich. Sie ist wie die große, mutige Schwester, die ich nie hatte. Mit ihr bin ich nie allein in mir selbst. Ich vermisse sie. Nicht nur, weil die Fenster geputzt werden müssen.

Fassen wir zusammen: Ich bin dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen, mir droht keine Zwangsräumung und ich freue mich sehr auf das Schreiben dieses Buches. Aber bitte kündigt nicht Eure Steady-Abos deswegen. Ohne sie lande ich trotz Buchvertrag schneller wieder in der Not als mir lieb ist. Ich würde mich so gerne wenigstens ein paar Monate erholen dürfen.

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Topic Psychische Gesundheit

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