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#014

06.07.2019, 22:30

mein geliebtes kind. nichts fühlt sich in meinem kopf und herzen komischer an, als ohne dich zu hause zu sein. deine kleine große schwester trinkt die milch, die eine maschine an deiner stelle abpumpt. dein wickeltisch bleibt leer und der platz neben mir im bett auch. und immer wieder, in stillen momenten besonders, beschleicht mich eine traurigkeit. gepaart mit der angst, das könnte sich niemals ändern. papa schreibt heute morgen, dass du die winzige milchmenge, die du im fläschchen bekommst, drin behalten hast. dass luft im beutel an deinem künstlichen darmausgang war und davon auch etwas in die windel gegangen ist. du tolerierst endlich einen nuckel, nachdem du im grunde auf alles in deinem mund mit würgen und erbrechen reagiert hast und gestern ist das kindspech abgegangen, das schon vor über einer woche hätte deinen kleinen körper verlassen sollen. papa sagt, momentan kommt niemand mehr ins klinikzimmer, wenn es nicht piept; das sei ein gutes zeichen, weil keiner mehr deinetwegen in alarmbereitschaft ist. es scheint, als würde alles ganz langsam gut werden. aber nichts davon nimmt mir diese schwelende angst. und ich weiß gar nicht, wie das jemals wieder aufhören kann. du fehlst mir so, deine mama.


“Wenn ich du wäre, könnte ich mir dieses Video nicht ansehen”, schrieb gestern jemand auf Instagram als Reaktion auf eine Story mit einem Video von vor zwei Jahren. Fritzi erzählt die Szene vom Stockmann, in der der Papa endlich wieder nach Hause kommt, mehrfach mit Staunen und Freuden und überlegt anschließend, was sie essen möchte.

Es gibt viele Videos meiner Tochter und dieses ist eines der wenigen, das wirklich einfängt, wie sie war. Wie ihre Augenbrauen sich gehoben haben, wenn sie erstaunt war. Wenn sie mitgefiebert hat, empathisch war. Wie ihre Augen geleuchtet haben, wenn etwas gut gegangen ist, wenn sie ihre Freude zum Ausdruck bringen konnte. Es zeigt, wie sie gut nachgedacht hat, was sie braucht. Keine Scheu hatte, sich umzuentscheiden, um sicher zu sein. So war Fritzi. In sich zufrieden und mit soviel Kontakt im Außen, das Leben genießend.

Als ich den oben zitierten Brief schrieb, da war kurz Ruhe inmitten des Tornados und für einen Augenblick haben andere gedacht, alles würde noch gut. In mir schwelte Angst und sie war gerechtfertigt. In jenem Moment und für immer.

Drei Jahre lang habe ich das gewusst und gefühlt und nichts konnte daran rütteln. Ich wollte nie Recht behalten und tat es trotzdem.
Drei Jahre lang kam mir nichts falscher vor, als immer wieder von meinem schwerkranken Kind zu sein - nie wissend, ob ich wieder sehen kann.

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Topic Briefe an Fritzi

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