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ADHS und Generalisierte Angststörung 

Eine neue,  repräsentative Studie, die online im Journal of Affective Disorders veröffentlicht wurde, ergab, dass einer von vier Erwachsenen im Alter von 20 bis 39 Jahren mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung an einer generalisierten Angststörung leidet.

Bei Personen mit ADHS war die Wahrscheinlichkeit, irgendwann in ihrem Leben an einer Generalisierten Angststörung (GAS) zu leiden, viermal höher als bei Personen ohne ADHS. Selbst nach Kontrolle anderer relevanter Faktoren, einschließlich soziodemografischer Daten, negativer Kindheitserfahrungen und einer lebenslangen Vorgeschichte von Substanzkonsumstörungen und schweren depressiven Störungen, war die Wahrscheinlichkeit, an GAS zu erkranken, bei Personen mit ADHS immer noch mehr als doppelt so hoch. "Diese Ergebnisse unterstreichen, wie anfällig Erwachsene mit ADHS für generalisierte Angststörungen sind", sagt die Hauptautorin Esme Fuller-Thomson, Professorin an der Factor-Inwentash-Fakultät für Sozialarbeit der Universität Toronto und Direktorin des Institute for Life Course & Aging.

Andererseits ist es (zumindest im deutschsprachigen Raum) sehr wahrscheinlich, dass bei vielen Kindern und später dann Erwachsenen mit lang anhaltenden Depressionen und Angststörungen wie der GAS eben überhaupt nicht an das Vorliegen einer ADHS-Konstitution gedacht wird. Und dann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Behandlungsrichtung gewählt wird, die schlicht und ergreifend nicht zum Erfolg führen KANN, ja zur weiteren Chronifizierung und Verschlechterung beitragen wird. 

"Es gibt viele Studien, die ADHS bei Erwachsenen mit Depressionen und Suizidalität in Verbindung bringen, aber weniger Aufmerksamkeit wurde generalisierten Aktivitätsstörungen und anderen nachteiligen Folgen im Lebensverlauf gewidmet.

Was sind nun die Symptome einer Generalisierten Angststörung?

Die Symptome einer generalisierten Angststörung können unterschiedlich sein.

Klassisches Merkmal einer Angststörung ist das Vermeidungsverhalten. Man geht also gar nicht mehr in die Situationen, in denen dann die Angst aufgreten können. Dann folgt die Angst vor der Angst. Also eine Anspannung bzw. innere Dauerunruhe, wenn man nur an die möglichen Auslösersituationen denkt.

Bei ADHS findet man dieses Vermeidungsverhalten nicht (so). Eher im Gegenteil : Mit ADHS macht man die gleichen Fehler immer und immer wieder, lernt also nicht wirklich aus den negativen Erlebnissen, bzw. sucht die Situationen dann doch immer wieder auf. 

Das ist sicher sehr pauschal und platt ausgedrück. Aber die Angst ist eher eine Realangst bzw. Erfahrung, das man in bestimmten Situationen einfach nicht zurecht kommt (etwa Orientierungsstörungen im Alltag, Entscheidungsprobleme, Probleme den Alltag zu schaffen).  Statt einer (unbegründeten) Furcht ist es eine reale Erfahrung des wiederholten Nicht-Könnens, obwohl man sehr wohl WILL.

Weniger also eine Befürchtung oder Vermeidung, mehr eine IST-Analyse und Erfahrung. 

Aus meiner Sicht gibt es dennoch viele Überschneidungen zur klassischen ADHS-Symptomatik bzw. chronischen Sorgen und Grübeln ("Worry"), da sich ja vielfach aufgrund der ADHS-Symptome bzw. der Probleme der höheren Handlungsfunktionen reale Ängste bzw. Schwierigkeiten ergeben. 

Tyische Beschwerden bei einer Generalisierten Angststörung sind : 

  •  Anhaltende Sorgen oder Ängste in einer Reihe von Bereichen, die in keinem Verhältnis zu den Auswirkungen der Ereignisse stehen

  • Unfähigkeit, sich zu entspannen, Unruhe, Erregung oder Nervosität

  •  Überdenken von Plänen und Lösungen für alle möglichen Worst-Case-Szenarien, also endlose Was-Wäre-Wenn-Schleifen

  • Wahrnehmung von Situationen und Ereignissen als bedrohlich, auch wenn sie es nicht sind

  • Schwierigkeiten im Umgang mit Ungewissheit (und dadurch erhöhtes Bedürfnis nach Kontrolle oder Perfektionismus)

  • Unentschlossenheit und Angst, die falsche Entscheidung zu treffen

  • Unfähigkeit, eine Sorge beiseite zu legen oder loszulassen

  • Konzentrationsschwierigkeiten oder das Gefühl, dass der Verstand "leer" wird

Es kann vorkommen, dass Ihre Sorgen Sie nicht völlig überwältigen, aber Sie fühlen sich trotzdem ängstlich, auch wenn es keinen offensichtlichen Grund dafür gibt. Sie können sich zum Beispiel große Sorgen um Ihre Sicherheit oder die Ihrer Angehörigen machen, oder Sie haben das Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren wird.

In der Studie wurden mehrere Faktoren identifiziert, die bei Menschen mit ADHS mit GAS in Verbindung gebracht wurden. Bei weiblichen Befragten mit ADHS war die Wahrscheinlichkeit, an GAD zu erkranken, fast fünfmal so hoch, selbst nach Kontrolle anderer Kovariaten.

"Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Frauen mit ADHS möglicherweise auch anfälliger für Angstzustände sind, was die Notwendigkeit einer stärkeren Unterstützung für Frauen mit ADHS unterstreicht."

Bei Erwachsenen, die in ihrer Kindheit negative Erfahrungen wie sexuellen oder körperlichen Missbrauch in der Kindheit oder chronische häusliche Gewalt durch die Eltern gemacht hatten, war die Wahrscheinlichkeit, an einer generalisierten Angststörung zu leiden, dreimal höher.

Hier ist dann naturgemäss die Abgrenzung zur PTBS bzw. Traumafolgestörungen wichtig (aber nicht leicht).

Sechzig Prozent der Menschen mit ADHS, die Angststörungen hatten, hatten mindestens eine dieser negativen Kindheitserfahrungen gemacht.

Zu den weiteren Faktoren, die bei Erwachsenen mit ADHS mit GAS in Verbindung gebracht werden, gehören ein Einkommen von weniger als 40 000 Dollar, weniger enge Beziehungen und eine lebenslange Vorgeschichte mit einer schweren depressiven Störung.

"Diese Ergebnisse machen deutlich, wie wichtig es ist, bei der Betreuung von Menschen mit ADHS auf psychische Erkrankungen zu achten und depressive Symptome anzusprechen", sagte Lauren Carrique, die vor kurzem ihr MSW-Programm an der Universität Toronto abgeschlossen hat und als Sozialarbeiterin am Toronto General Hospital arbeitet.

"Menschen mit ADHS, GAS und Depressionen sind eine besonders gefährdete Untergruppe, die möglicherweise eine gezielte Betreuung durch Gesundheitsfachkräfte benötigt."

Die Forscher untersuchten eine landesweit repräsentative Stichprobe von 6.898 Befragten aus dem Canadian Community Health Survey-Mental Health im Alter von 20 bis 39 Jahren, von denen 272 an ADHS und 682 an GAS litten. Leider hatten die Forscher keinen Zugang zu Informationen darüber, ob und welche Behandlungen die Befragten mit ADHS zur Behandlung ihrer Ängste erhielten.

Eine besonders vielversprechende gesprächsbasierte Therapie, die kognitive Verhaltenstherapie, auch CBT genannt, hat sich als sehr wirksam bei der Verbesserung von Angstzuständen, Depressionen und ADHS-Symptomen erwiesen.

"Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Menschen mit ADHS, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, Hilfe bei ihrem Hausarzt oder anderen psychosozialen Fachkräften wie Sozialarbeitern, Psychologen und Psychiatern suchen. Es gibt wirksame Behandlungen, wie z. B. CBT, die die Lebensqualität erheblich verbessern können", so Fuller-Thomson.

Warum ist das Berücksichtigen der Zusammenhänge von ADHS und GAS so wichtig ?

Angststörungen wie die GAS werden üblicherweise mit Gesprächspsychotherapie, im Idealfall eher mit verhaltenstherapeutischen Methoden behandelt. Dabei sollen dysfunktionale Gedanken und Schemata identifiziert werden, korrigiert und dann über Expositionsübungen Neuerfahrungen gemacht werden.

So sehr ich die Verhaltenstherapie schätze, so wenig wird dies dann bei ADHS und GAS klappen. Denn ADHS ist ja kein Mangel an Wollen oder Wissen, es ist ein Umsetzungsprobleme (Performance-Störung), die sich eben auch nach einer Sitzung Psychotherapie nicht in Luft auflöst.

Eher im Gegenteil : Die Klienten verlieren den letzten Funken Selbstkontrollüberzeugung, weil sie ja einmal mehr auch in der Psychotherapie "versagen".  Immer wieder wird ihnen dann auch seitens der Psychotherapeuten mehr oder weniger deutlich vermittelt, dass sie ja nur einen Widerstand oder ein Vermeidungsverhalten kultivieren, da es ja keine Fortschritte in der Therapie gibt.

Medikamentös werden dann meist zunächst Antidepressiva (hier wohl häufig die SSRI = Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer) eingesetzt, die das Problem aber auch eher verschlimmbessern und eher eine Zunahme der inneren Unruhe erzeugen. Zumindest erlebe ich es häufig in der Klinik, dass die Patienten etliche Antidepressiva durch haben, die aber eben nicht helfen. Ja nicht helfen können, weil die zugrunde liegende Problematik mit den SSRI nicht erfasst und verändert wird).

Leider ist die nächste Stufe dann bei vielen Psychiater die Gabe von (atypischen) Neuroleptika. Einmal davon abgesehen, dass ich die massenweise Verordnung von Medikamenten wie Quetiapin ausserhalb der Behandlung von Psychosen überhaupt nicht verstehe, wird dann eben eine weitere Zunahme der ADHS-Symptomatik und damit auch Verschlechterung der Symptomatik erreicht.

Eine ganz fürchterliche Entwicklung, die dann häufig die Erwerbsunfähigkeit dieser Patienten begründet und chronifiziert.

Kann man Psychostimulanzien bei GAS und ADHS einsetzen ?

Es ist eine der urbanen Legenden in der Psychotherapie und Psychiatrie, dass ADHS-Medikamente wie Methylphenidat oder Lisdexamphetamin (also Elvanse) über die Aktivierung des Sympathikus und damit dem Anstieg der Herzfrequenz und anderer vegetativer Symptome zu einer ZUNAHME dre Angst bzw. dem Teufelskreis der Angst führen.

Daher werden 8 von 10 Psychiatern ganz sicher davor abraten, solche Medikamente bei Angstpatienten einzusetzen. Vermutlich eher 99 von 100, wenn ich genauer darüber nachdenke.

Die Evidenzlage ist natürlich wieder genau umgekehrt.

Würde man Kindern mit ADHS in der Kindheit schon eine leitliniengerechte medikamentöse Therapie zukommen lassen, dann würde die Angst abnehmen (Opens in a new window)(bzw. gar nicht erst entstehen).

Quelle : 

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S016503272101096X?via%3Dihub (Opens in a new window)

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