Der frühe Vogel macht das Ding – oder nicht.

Willkommen zur ersten Ausgabe von WISSIB! Heute geht es um: Chronobiologie!

Die Fußball-Weltmeisterschaft (WM) der Herren findet dieses Jahr im Winter in Katar statt – aus unterschiedlichen Gründen sehr problematisch, vor allem aufgrund der massiven Menschenrechtsverletzungen [Quelle] dort. Bemerkenswert ist jedoch auch der Spielplan bei einem solchen Turnier, und damit meine ich nicht mal die enge Taktung der Spiele: Die Anstoßzeiten verteilen sich über den Tag, von 12 Uhr mittags Ortszeit, bis in die Nacht um 21 Uhr. Die letzte WM fand 2018 im Sommer statt. In Russland wurde zwischen 11 Uhr vormittags und 21 Uhr abends Ortszeit angestoßen. Bei der WM in Brasilien 2014 variierte die Anstoßzeit zwischen 12 Uhr mittags und 18 Uhr abends Ortszeit. Warum schreibe ich all das? Weil ich mich als Wissenschaftler natürlich frage, ob das einen Unterschied macht.

Prinzipiell gibt es auch in der Bundesliga unterschiedliche Anstoßzeiten, und Spieltage werden immer mehr zerstückelt, damit man Rechte noch exklusiver vermarkten kann, und man sich auch Märkten in anderen Zeitzonen öffnet. Das allein ist schon schlimm genug. Verzerrt das aber auch den Wettbewerb? Anders gefragt: 

Wirken sich Tages- und Jahreszeit auf das sportliche Leistungsvermögen im Allgemeinen und das Fußballspiel im Besonderen aus? 

Um diese Frage zu beantworten, habe ich mich einmal in die wissenschaftliche Fachliteratur eingelesen.

Von Nachteulen und Lerchen

Generell hat die Zeit einen Einfluss auf die Prozesse in unserem Körper. Damit meine ich jetzt nicht bloß das Alter, sondern kurzfristigere, periodische Schwankungen im Jahres- und Tagesrhythmus. Der Erforschung solcher biologischen Schwankungen widmet sich das Feld der Chronobiologie

Weil der Mensch (abseits von Twitter und Facebook) durchaus ein soziales Wesen ist, hat sich unser Verhalten einem täglichen Rhythmus untergeordnet. Der Schlaf, als Beispiel für einen physiologischen Prozess, findet bestenfalls nachts statt, wenn es dunkel ist. Wir sind eigentlich eher nicht darauf ausgelegt, nachts zu arbeiten und tagsüber zu schlafen, weswegen Nachtschichten für Menschen bekanntermaßen äußerst gesundheitsschädlich sind, wie meine Kollegin Dr. Christine Blume im Deutschlandfunk Nova erklärt. Abgesehen davon ist die Leistungsfähigkeit während des Tages von Mensch zu Mensch verschieden. 

Ihr habt vielleicht schon gelesen, dass manche Menschen als Lerchen (Leute, die früh aufstehen) und Nachteulen (solche, die spät produktiv sind) bezeichnet werden. Lerchen und Nachteulen in dem Zusammenhang bezeichnet man als Chronotypen (vom griechischen Wort chronos – Zeit). Diese durch wissenschaftliche Studien gestützte Einteilung zeigt uns, dass wir Menschen durchaus typabhängig zu unterschiedlichen Tageszeiten effizient und produktiv sind. Das sieht man ja auch bei Schülerinnen und Schülern, bei denen manche morgens sehr gut klarkommen und andere wiederum gar nicht wach werden, wenn sie um acht Uhr morgens im Klassenraum sitzen. Das hat aber nichts mit Faulheit oder ähnliches zu tun, oder dass man sich mehr anstrengen solle: Um unsere Biologie kommen wir hier nicht herum.

Denn: Müdigkeit und körperliche Aktivität werden nicht zuletzt durch unsere Hormone bestimmt. Die Ausschüttung solcher molekularer Botenstoffe schwankt nicht nur zwischen Tag und Nacht, sondern auch saisonal (dabei sind nicht die Bundesliga-Saisons gemeint sondern die Jahreszeiten!) Davon habe ich Jasmin schon bei Bugtales Episode 36 erzählt: Frühlingsgefühle.  Ein Beispiel für jahreszeitliche Schwankungen ist das Stresshormon Adrenocorticotropin, welches von der Hirnanhangdrüse ins Blut abgegeben wird und die Nebennierenrinde zur Produktion von Cortisol anregt. Die Menge an Cortisol im Körper ändert sich auch zwischen den Jahreszeiten. Der Höchstwert wird in unseren Breitengraden im Februar erreicht. Dann ist Cortisol auch im Speichel oder Haarproben nachweisbar ist (Christoph Daum, fühlen Sie sich gestresst?) Und wieso ist das wichtig, beziehungsweise, was macht Cortisol eigentlich? Nun, es führt dazu, dass wir kurzfristig mehr Energie zur Verfügung haben, was jedoch auf Kosten unseres Immunschutzes geht. 

Das bedeutet also auch, dass unser Immunsystem jahreszeitlichen Schwankungen unterläuft. Nicht ohne Grund gibt es eine Grippe-Saison, und auch die Corona-Infektionen treffen uns im Winter stärker als im Sommer. Doch selbst innerhalb eines Tages geht es mit der Fitness der Zellen in unserem Körper auf und ab. In einer wissenschaftlichen Arbeit, zu der ich einen Teil beitragen durfte, wurde gezeigt, dass unser Dünndarm zu unterschiedlichen Tageszeiten unterschiedlich stark durchlässig ist, was dafür sorgen kann, dass Medikamente zu bestimmten Tageszeiten nicht so gut oder zu schnell aufgenommen werden. 

Ein tägliches Auf und Ab

Auch unter den Fußballer:innen gibt es Lerchen und Nachteulen. Generell wirken sich bei Sportler:innen unterschiedliche Trainingszeiten (frühs / nachmittags / spät abends) auf die Trainingsleistungen aus, weil es mutmaßlich tageszeitliche Muster in Ruhe-Aktivitäts-Rhythmen gibt [Quelle].In einer wissenschaftlichen Arbeit (€€), die 2020 in der Fachzeitschrift Chronobiology International veröffentlicht wurde, wollte man untersuchen, inwieweit sich der Chronotyp von Spielern auf deren motorische Fähigkeiten auswirkt, aka: Bringen Lerchen andere körperliche Leistungen als Nachteulen auf dem Rasen? 

Um das herauszufinden, wurden zunächst 141 erwachsene Fußballspieler (wieder nur Männer) für die Teilnahme an der Studie rekrutiert. Mittels eines standardisierten Fragebogens wurde dann herausgefunden, ob es sich bei den Spielern eher um Lerchen oder Nachteulen handelte. Aus diesen wurden dann je 25 Lerchen, 25 Nachteulen und 25 Spieler herausgesucht, die sich weder zu Lerchen noch zu Nachteulen zuordnen ließen. Wichtig war, dass sich diese drei Gruppen nicht in Körpergröße und -masse unterschieden, denn das hätte sich sonst zusätzlich auf die sportlichen Übungen auswirken können, etwa wenn die Nachteulen alle groß und kräftig gewesen wären, die Lerchen hingegen klein und schmächtig. Dann wurden verschiedene Fitness- und Ausdauer-Tests um neun Uhr morgens und im Vergleich dazu 18 Uhr abends durchgeführt. 

Die Ergebnisse zeigen wenig überraschend, dass Lerchen-Fußballer am Morgen besser trainieren als am Abend, wohingegen es bei Nachteulen genau umgekehrt ist. Das Ausmaß der Unterschiede ist dann dennoch verblüffend, denn Nachteulen konnten in nur sechs Minuten abends fast 100 Meter mehr rennen als morgens. 

Ein 100-Meter-Sprint im Spiel kann entscheidend sein… 

Bei diesen Ergebnissen sollte es meiner Ansicht nach zumindest eine Überlegung wert sein, bei kleineren Trainingsgruppen die Fitness-Übungen an zwei Tageszeiten anzubieten – je nach Chronotypen im Team. Wie viele Lerchen und wie viele Nachteulen in einem Fußball-Team vorkommen, lässt sich übrigens nur schwer vorausahnen. Bei Sportler:innen im Allgemeinen und Fußballer:innen im Besonderen scheint sich nur etwa jede:r Sechste den Lerchen oder Nachteulen zuzuordnen zu lassen – der Rest besitzt keine Präferenz [Quelle]. Lerchen sind mit 11% allerdings mehr als doppelt so häufig vertreten wie Nachteulen (5%).  In der Allgemeinbevölkerung geht die Tendenz bei jüngeren Menschen eher zur Nachteule, wohingegen Ältere vorwiegend Lerchen sind.

Saisonale Fußballphasen

Aber unsere Leistungsfähigkeit schwankt nicht nur zwischen den Tageszeiten, sondern auch saisonal: Hormone in unserem Körper werden über das Jahr hinweg in unterschiedlichen Mengen ausgeschüttet. Wie bei der männlichen Allgemeinbevölkerung schwanken auch bei den Herren-Fußballern etwa das Testosteron-Level und die Menge an Cortisol nach Jahreszeiten [Quelle €]. Damit scheint wissenschaftlich belegt: Fußballer sind auch Menschen! 🤓 

In derselben Arbeit wurden auch die Konzentrationen von Vitamin D im Blut von 167 Fußballern gemessen. Hier wurden ebenfalls periodische Schwankungen mit den Jahreszeiten beobachtet. Je nach Jahreszeit verändert sich die Anzahl an Sonnenstunden, was sich direkt auf den Vitamin D-Spiegel auswirkt. Dieser wiederum beeinflusst nicht nur die Stimmung, sondern auch den Kalzium-Haushalt unseres Körpers und damit den Knochenerhalt. Die Knochen von Fußballspieler:innen sollten möglichst robust sein. Deshalb wird gerade in dunklen Monaten zusätzlich Vitamin D der Ernährung beigefügt, um in diesem Fall Knochenblessuren vorzubeugen. Die Ergebnisse liefern jedoch keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn, ob Fußballer einer im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung einer spezielleren Behandlung bedürfen. Spielerinnen wurden hier übrigens wieder einmal nicht untersucht. 

Was die Sonneneinstrahlung betrifft, sollte bei der WM in Katar ohnehin kein Mangel herrschen, obwohl das Turnier im Winter stattfindet. Ich werde mich vermutlich trotzdem vom 21.11. bis 18.12. in den Winterschlaf verabschieden, was meinen Profifußball-Konsum betrifft… 😴

Die Musik macht’s.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wie kann man sich für ein Spiel am späten Abend motivieren, wenn man eigentlich Typ Lerche ist? Die Wissenschaft liefert einen Vorschlag: Musik! ja, das klingt jetzt erst einmal seltsam, ich weiß. Bei diesem Versuch wurde ein Dutzend Fußballer zufällig in zwei Gruppen unterteilt:

1.  Gruppe: Hörte neutrale, vorgegebene Musik.

2.  Gruppe: Hörte selbst ausgesuchte Musik, die motivieren sollte.

Nach dem fünfminütigen Aufwärmen, wurde zehn Minuten der Musik gelauscht, dann wurden diverse Performance-Tests durchgeführt. Das Prozedere wurde morgens (7 Uhr) und abends (17 Uhr) durchgeführt. Das Ergebnis: 

Selbstausgesuchte Musik führte zu ≈5% besseren Performances und einer besseren Gefühlslage sowohl morgens, als auch abends im Vergleich zu einem Aufwärmen ohne Musik. 

Bei neutraler Musik zeigte sich dieser Trend nur morgens, nicht aber abends [Quelle €€]. Dennoch ist die Arbeit zu limitiert, als dass sich die Deutsche Nationalmannschaft trotz später Anstoßzeiten in Katar dank krassen Gangster-Raps des WM-Titels sicher sein könnte. Ist bei der WM aber vielleicht auch gar nicht so schlimm ...

Das Problem mit den Proben

Wissenschaftlich gibt es leider noch wenige Veröffentlichungen zum Zusammenspiel von Chronobiologie und Fußball. Die Arbeiten, die ich hier zitiere, sind zwar passabel designt, involvieren aber zu wenig Individuen und bilden die Diversität des Fußballsports überhaupt nicht ab. Deshalb fällt es mir schwer, endgültige Aussagen zu treffen und finale Einschätzungen zu gebem. Die Datenlage erlaubt weder ein Plädoyer, noch eine Verdammung variabler Anstoßzeiten im Tages- und Jahresrhythmus. Potenzial für die Optimierung der Trainingsgestaltung besteht aber allemal, indem individuelle Fitnessübungen angeordnet werden, wenn die jeweilige Person sich am aktivsten fühlt. Dafür müssen Spieler:innen nur sensibilisiert werden. Auf einen möglichst störungsfreien Biorhythmus zu achten, kommt der Gesundheit im Allgemeinen zugute, vermutlich verbessert es auch die Belastbarkeit und  Regenerationsfähigkeit beim Sport. Solltet ihr, wie ich, also keine Lust auf die WM im Winter haben, dann startet doch zu den jeweiligen Zeiten ein individuelles Fitnessprogramm, besucht Amateurspiele oder schaut den Profifußball der Frauen, oder geht früher schlafen – ihr habt die Wissenschaft auf eurer Seite. Danke!

Für die Nachspielzeit:

·  Ein Beitrag von sport inside zur WM in Katar: https://www.sportschau.de/fussball/fifa-wm-2022/video-fussball-wm--in-katar-einbruch-der-realitaet-100.html

·  Die ARD Sportschau zu Schein und Sein der WM in Katar: https://www.ardmediathek.de/video/sportschau/wm-2022-in-katar-schein-und-sein/das-erste/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTA4NGNjMTAzLTY2NWEtNGY4My1iM2I0LWNiZWI4MzI0NWM4Mw

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