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Einfach mal Abschalten: Wenn Fußball schauen Stress bedeutet

Aus, Aus, Aus, das Spiel ist aus

Mit dem Finale der Champions League der Männer gestern (das übrigens weniger spektakulär war als das der Frauen in diesem Jahr, ich mein ja nur) ist die Saison 2021/2022 so allmählich vorbei. Nur noch ein paar Länderspiele werden im Fernsehen zu sehen sein, dann hält die Sommerpause Einzug. Manche Menschen freuen sich auf die fußballfreie Zeit, andere geraten in Panik und suchen schon mal ihre Lieblingsvideos auf YouTube heraus (für eines meiner Lieblingsvideos, siehe „Für die Nachspielzeit“ unten), um über die Zeit ohne Live-Fußball hinwegzukommen. Allein der Gedanke an diese Phase löst bei manchen Leuten regelrechte Stresszustände aus. Dabei kann es auch stressig sein, ein Fußballspiel live zu schauen, zumal, wenn man Sympathien oder Antipathien für ein beteiligtes Team empfindet und/oder mit anderen Menschen gemeinsam schaut. Ich habe den Finalstress zum Anlass genommen, um euch wieder mal etwas Wissenschaft zu servieren. Herzlich willkommen zur vierten Ausgabe von Wissenschaft im Ballbesitz.

Hier kommt Cortisol

Bekanntermaßen können die Emotionen beim Fußballschauen hochkochen. So wurde in einer wissenschaftlichen Arbeit gezeigt, dass spanische Fans am Spieltag ihrer Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft (WM) der Männer 2010 mehr Testosteron und Cortisol ausschütteten (wenn sie das Spiel schauten) als an anderen Tagen. Testosteron und Cortisol sind Hormone, also Botenstoffe, die unser Körper produziert und ausschüttet, und damit auf Veränderungen unserer Umwelt zu reagieren. Umweltveränderungen können Jahreszeiten sein (siehe den WISSIB-Beitrag zur Chronobiologie), oder Halbzeiten eines Fußballspiels.

Wenn wir also ein Fußballspiel schauen, reagiert unser Körper darauf, indem er bestimmte Hormone produziert. Cortisol ist als Stresshormon bekannt. Denn es wird von unserem Körper in Reaktion auf stressige Situationen ausgeschüttet, um notfalls schnell aktiv werden zu können (also der Körper, ja, ich bin gestresst, ich wusel jetzt hier rum!) Cortisol lässt sich in Blut, Urin und Speichel nachweisen. Ist der Körper gestresst, ist auch die Menge an Cortisol erhöht, was kurzfristig hilfreich ist, auf Dauer jedoch negative Auswirkungen haben kann, denn: Unser Immunsystem wird durch Cortisol unterdrückt, und unser Stoffwechsel befindet sich im Notfall-Modus.

Fußball als Stresstestspiel

Aber wieso sollte das Anschauen eines Fußballspiels für den Körper Stress und einen Notfall-Modus bedeuten? Kurz gesagt: Weil es Angst um den sozialen Status auslöst, der durch das geschaute Spiel bedroht werden könnte. Das besagt zumindest die „social self-preservation theory“ – also die Theorie zur Erhaltung des sozialen Rangs (Quelle [€€]). Wenn ich ein Spiel schaue, bin ich gestresst, weil ich Angst habe, dass mich die Anderen doof finden, wenn mein Team verliert. Die eingangs bereits erwähnte Arbeit zeigte: Die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol ist höher, umso stärker sich die Zuschauer:innen mit der spielenden Mannschaft identifizierten – je mehr Fan desto mehr Stress (Abbildung). Allerdings ist das Sozialverhalten beim Fußballschauen komplex.

Studieren geht über Interpretieren

In einer weiteren Arbeit (€€) wurde eine Pilotstudie durchgeführt mit 41 Teilnehmer:innen aus Brasilien bei der WM der Männer 2014. Weil die Kohorte klein ist, müssen diese Ergebnisse natürlich mit Vorsicht genossen werden.  Aber auch in dieser Arbeit wurde beim Fußballschauen das Stresshormon Cortisol vermehrt im Speichel der Proband:innen nachgewiesen. Zusätzlich war das Stress-Level umso höher, je mehr die Zuschauer:innen sich als Teil einer Gruppe (beim Schauen) wahrnahmen – und zwar unabhängig davon, ob sie selbst Fan waren oder nicht. Plakativ gesprochen: Wenn das Publikum zu einer Einheit verschmilzt, steigt der Cortisol-Spiegel. Mir scheint, da wäre es weniger stressig, in einer Menge unbeteiligter Zuschauer:innen (oder vielleicht sogar allein?) zu schauen. Ich will meine persönliche Erfahrung hier nicht zu hoch hängen, aber die dramatische Niederlage meines FC St. Pauli gegen den FC Schalke 04 in der 2. Fußballbundesliga der Männer am 15.05.2022 war für mich live vor Ort emotional wirklich schwer zu verkraften... 🤎🤍💔

Gemeinsam Fußball schauen als Herzensangelegenheit

Als Zusammenfassung kann durchaus der Titel der oben beschriebenen Arbeit herhalten: „Devoted fans release more cortisol when watching live soccer matches“ – hingebungsvolle Fans stoßen mehr Cortisol aus, wenn sie live Fußballspiele schauen. Bei den Schlussfolgerungen sollte man hingegen vorsichtig sein. Die Autor:innen diskutieren die Ergebnisse mit Bezug auf die Beobachtung, dass beim Schauen von Fußball-WM-Spielen das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, steige (Quelle [€€]). 

Das sollte man meiner Ansicht nach jedoch nicht pauschalisieren, denn dass an den Spieltagen der deutschen Fußballnationalmannschaft der Männer während der WM 2006 mehr Schlaganfälle als sonst in Deutschland registriert wurden, heißt keinesfalls, dass das Schauen der Spiele dafür ursächlich war. Es könnte auch sein, dass mehr Notfälle gemeldet wurden, weil die Leute nicht unbemerkt in ihren Wohnungen verstarben, sondern auf der Straße bemerkt wurden, wo zu der Zeit ohnehin vermehrt Sicherheitsvorkehrungen (Rettungsdienste etc.) getroffen worden waren.

Dennoch: Wenn ein Gruppen-Gefühl das Stress-Level erhöht, ergäben sich direkte Konsequenzen etwa für die Planung von Public Viewing-Events. Noch haben wir ja eine Sommerpause vor uns, in der wir mal abschalten und uns darüber Gedanken machen können. Ich hoffe, #WISSIB konnte hier einen Anstoß liefern.

Für die Nachspielzeit:

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