Ins kalte Wasser

Warum die Frankfurterin Mynia Deeg auf online-Schwimmkurse für Familien setzt

Um ein Haar wäre ihr kleiner Sohn Teil einer Statistik geworden. In letzter Sekunde zog Mynia Deeg den Dreijährigen vor zwei Sommern aus dem Wasser, er war schon untergegangen wie ein Stein. Es ist nichts passiert. Doch andere haben nicht so viel Glück. Das will die Frankfurterin ändern: mit ihrer online-Schwimmschule Swimstart - und richtet sich damit an Erwachsene, an Familien, die ihrem Kind das Schwimmen grundsätzlich schon selbst beibringen würden statt im heute üblichen Schwimmkurs, die aber nicht so recht wissen, wie das funktionieren könnte.

Schwimmen lernen ist eine überlebensnotwendige Fähigkeit. Hunderte Menschen ertrinken jedes Jahr allein in Deutschland in Schwimmbädern, an Badeseen und im Meer; fast 380 waren es laut DLRG allein in 2020. Besonders häufig sterben Kinder und junge Menschen, insbesondere, weil sie nicht schwimmen können, lautlos untergehen und nicht schnell genug aus dem Wasser gezogen werden. Maximal 30 Sekunden dauert es, dann ist ein Kleinkind unter Wasser nicht mehr am Leben. 23 Jungen und Mädchen im Kleinkind- und Grundschulalter sind in 2020 ertrunken. In den USA ist Ertrinken die Todesursache Nummer Eins bei Kindern bis vier Jahren.

Foto: Mynia Deeg

Ein hartes Thema, für das nicht oft genug sensibilisiert werden kann. Denn es geht nicht nur darum, eigene Kinder fit fürs Wasser zu machen. Sondern auch darum, selbst an Gewässern aller Art aufmerksam zu sein. Auch der Gartenteich, die wassergefüllte Schubkarre und die Regentonne können zur tödlichen Falle werden, selbst die Badewanne. Einmal mit dem Kopf unter Wasser, verlieren Nichtschwimmer, Kinder vor allem, die Orientierung und können sich deshalb nicht zu Wasseroberfläche drehen.

Schließungen maroder Bäder, für deren Sanierung niemand Geld hat, und die Corona-Pandemie verschärfen ein großes Problem: Kinder lernen zu selten, zu spät und zu schlecht schwimmen. Schwimmbäder haben in der Pandemie geschlossen oder strenge Zutrittsregelungen, Schwimmkurse finden nicht oder nicht in ausreichender Zahl statt. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG ging schon vor der Pandemie davon aus, dass 59 Prozent der 10-Jährigen keine sicheren Schwimmer sind und weist darauf hin, dass der Erwerb des Schwimmabzeichens Seepferdchen, für Kinder oft der erste stolze Schritt auf dem Weg zur Schwimmfähigkeit, kein Abzeichen für sicheres Schwimmen ist.

Kann ich da nicht was tun, fragte sich Mynia Deeg, als sie ihr Kind aus dem Wasser gerettet hatte – und gab sich die Antwort selbst: Ich kann. Und ich muss. So entstand ihr Startup Swimstart, das Erwachsene befähigen soll, Kindern ab zwei Jahren das Schwimmen beizubringen.

Die Frankfurterin, die in Betriebswirtschaftslehre promoviert und zuletzt bei verschiedenen Unternehmen überwiegend in der Gesundheitsbranche gearbeitet hat, will Familien dabei unterstützen, Kindern das Schwimmen selbst beizubringen - Eltern, Großeltern, Freunden. Kann das funktionieren? „Klar“, sagt die Mutter von drei kleinen Kindern. „Wir sind es heute nur einfach gewohnt, unsere Kinder für alles in Kurse zu bringen. Früher war das anders, da haben Kinder viel häufiger im Familienverbund schwimmen gelernt.“ 

Vor der Gründung brachte sie ihrem Sohn zunächst selbst das Schwimmen bei, wichtig fürs Überleben und fürs Geschäft, recherchierte Schwimmtechniken, nahm Kontakt zum norwegischen Sportprofessor und Schwimm-Experten Robert Keig Stallman und zu Leistungsschwimmern auf, konzipierte Material und eröffnete ihre online-Schwimmschule. „Das war wie eine zweite Doktorarbeit schreiben“, sagt sie.

Die Medienresonanz war riesig, Spiegel, Bild und Elternblogs berichteten. Ein klassisches Sommerthema? „Nein!“, sagt Mynia Deeg. „Die meisten Badeunfälle ereignen sich zwar in den Sommermonaten, aber schwimmen lernen müssen die Kinder vorher. Erst im Sommer mit einem Kurs zu starten, damit das Kind schnell noch vor dem Badeausflug schwimmen lernt, das ist zu spät.

Foto: pexels

Mit ihren online-Modulen will Mynia Deeg ihren Kunden das notwendige Handwerkszeug in Theorie und für die Praxis an die Hand geben, damit es im Schwimmbad mit dem Schwimmen klappt. Es geht unter anderem um die richtige Atmung, um Wassergewöhnung, Tauchen und Springen. Dazu gibt es Videos, ein Buch und jede Menge Übungen für zu Hause und im Schwimmbad; Fragen beantwortet Mynia Deeg in der Regel über WhatsApp. „Viele Übungen zur Wassergewöhnung kann man in der Badewanne üben“, sagt die Gründerin. „Regelmäßig ins Schwimmbad gehen muss man mit seinem Kind natürlich trotzdem.“ Ausdauer, ein gewisses Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten als Lehrer*in und Geduld sind mitzubringen. Wie viele Kinder durch ihr Angebot tatsächlich schwimmen gelernt haben, weiß Mynia Deeg nicht, die Rückmeldungen laufen noch.

Die DLRG sieht es kritisch, Kindern selbst das Schwimmen beizubringen, das weiß auch Mynia Deeg. Die Dreifach-Mutter und Start-Up-Gründerin sieht das – natürlich – anders. Es gehe erst einmal vor allem darum, Kinder zu befähigen sich über Wasser zu halten, auch für längere Zeit. Die 25 Meter am Stück, die fürs Seepferdchen erforderlich sind, sollten mit ihrem Kurs erlernbar sein. Und vor allem: der Respekt vor Wasser und seinen Gefahren. Techniken wie Kraul, Rücken oder Brust zu lernen, das sei erst der nächste Schritt. Mynia Deeg plädiert gerade bei kleinen Kindern für „freies Schwimmen lernen“ - Kinder sollen ihre Technik finden, mit der sie sich über Wasser halten können.  Einen unteren dreistelligen Betrag kostet ihr Kurs. Sie findet: „Ein Kurs im Schwimmbad ist genauso teuer - oder noch teurer.“ 

Ist sie zufrieden mit dem Start ihres Start Ups? Alles in allem ja, sagt die Frankfurterin. „Und ich habe festgestellt: Jede positive Rückmeldung, dass ein Kind schwimmen gelernt hat, ist für mich der größte Erfolg.“

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