„Ich bin eine Optimistin“

Opernsängerin Miriam Clark über Pläne, Träume und den Einfluss der Pandemie

Miriam Clark hatte gerade angesetzt zum Sprung auf die internationale Bühne, da kam die Corona-Pandemie. Langsam nimmt die Opernszene wieder Konturen an, und nun soll sich der Traum der 41-Jährigen erfüllen. Die gebürtige Frankfurterin, Tochter einer deutsch-ungarischen Mutter und eines US-Amerikaners mit karibischen Wurzeln, ist am Bayerischen Untermain aufgewachsen. Zunächst steuerte sie eine Karriere im Musical an, wechselte dann aber ins Opernfach. Als dramatischer Koloratursopran besetzt sie eine seltene Stimmlage. Miriam Clark, die heute in München lebt und zwei Kinder hat, hatte schon zu Beginn ihrer Karriere klare Vorstellungen, wo die Reise hingehen soll. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Miriam Clark: Wie war das damals? Die Überschrift des Artikels: Mein Traum ist berühmt zu werden.

Fotos: Florian Schrödinger

Ja genau. „Mein Ziel ist berühmt zu werden“. Das stimmt! Mir war etwas anderes nachdrücklich in Erinnerung geblieben: Du hattest damals gesagt, dass Du früher singen als sprechen konntest. Ist das bei Deinen beiden Jungs auch so gewesen?

Die singen ganz gerne, aber sie machen lieber andere Sachen – bauen, Eisenbahn spielen.

Und Du hattest damals gesagt, dass Du die Norma und die Lucia di Lammermoor singen möchest.

Die Norma habe ich geschafft, von der Lucia träume ich heute noch nachts. Aber es kann ja noch kommen, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ich singe zum Glück immer noch in der hohen Lage, und mit meinem dramatischen Koloratursopran kann ich ja auch viel machen. Die Tiefe in meiner Stimme ist mehr ausgebaut. Norma ist wunderbar, die Rolle ist jedes Mal wieder ein Fest und erfüllt mich total. Aber ich hoffe immer noch, dass ich einmal die Lucia singen darf. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Du hast mittlerweile zwei Kinder. Wie organisierst Du Deinen Alltag als Sängerin?

Mutter zu werden war natürlich ein riesiger Einschnitt. Alles war neu, man musste erstmal schauen, wie man klarkommt. Ich habe mir nicht viele Gedanken gemacht, sondern geschaut und mich dann organisiert. Ich habe zwei wunderbare Nannys, die mich sehr unterstützen. Es war immer sehr bodenständig. Ich bin für meine Auftritte auf die Bühne gegangen, wieder heruntergegangen und habe dann in den Pausen gestillt und mein Baby, später meine Kinder bei mir gehabt. Und dann bin ich wieder auf die Bühne.

Ich habe beide immer mitgenommen. Ich habe den Älteren drei Jahre, den Jüngeren zweieinhalb Jahre gestillt. Ich habe die Kinder nicht daheim gelassen. Jetzt sind sie größer, da kann man das mal machen, aber wenn die so klein sind, ist das nicht optimal. Zwischen den Engagements bin ich zu Hause in München.

Du hattest gerade Probenwochen. Für welches Stück?

Ja, in Karlsruhe. Dort wird gerade eine Neuinszenierung von Richard Strauss´ „Salomé“ einstudiert. Das ist etwas ganz Neues für mich. Strauss habe ich zwar schon gesungen, die Chrysotemis in „Elektra“ und die Kaiserin in „Die Frau ohne Schatten“, aber die Salomé zu geben ist doch noch einmal etwas ganz anderes, weil hier viel Schauspiel dabei ist. Ich muss mich hier auf der Bühne komplett neu organisieren. Es ist eine sehr gewagte Rolle, vor der ich sehr viel Respekt habe. Es ist aber toll zu entdecken, wie viele Facetten diese Rolle hat und wie gut man sie gestalten kann.

Hattest Du die Salomé als Rolle für Dich auf dem Schirm?

Gar nicht! Mein Agent meinte, er suche mir mal eine Salomé. Ich war mir überhaupt nicht sicher, ob die Salomé stimmlich zu mir passt, und ich wusste natürlich auch, wer die Rolle schon vor mir gesungen hat. Aber ich habe vorgesungen, es hat gefallen, und dann waren im Januar die Vorproben und im April geht es auch schon los. 

Ich werde die zweite Premiere singen. Das finde ich auch ganz gut, denn die Kollegin, die die erste Premiere singt, hat die Rolle schon einmal gegeben. Ich glaube, für mein Debüt ist die zweite Premiere genau das Richtige. Bei einem Debüt ist man immer nochmal aufgeregter, vor allem bei einem deutschen Fach wie Strauss. Das ist doch immer noch Neuland für mich.

Und welche weiteren Pläne hast Du für dieses Jahr?

Ich werde „Rienzi“ singen an der Oper Leipzig, das ist eine frühe Oper von Wagner, im Herbst werde ich erstmals eine der Walküren singen mit den Dresdner Philharmonikern, und dann geht es weiter mit Aida, aber wo, das darf ich noch nicht verraten. Und es gibt ein Gastspiel in Shanghai, in Kooperation mit der Oper Mannheim, das wird wieder die Chrysotemis in „Elektra“ sein.

Wagner ist auch ganz neu für Dich, oder?

Komplett. Ich möchte aber nicht rein ins Wagnerfach gehen. Ich bin im Belcanto zu Hause, da fühle ich mich wohl. Für Wagner gibt es so viele Stimmen, die nur Wagner singen. Wenn man sich dafür entscheidet, wird man oft nur noch dafür engagiert. Die Flexibilität, die man beim Belcanto in der Stimme hat, könnte man verlieren, wenn man viel Wagner singt. Viele Kolleginnen vor mir haben versucht zweigleisig zu fahren, es hat aber nicht funktioniert. Ich fühle mich nicht als reine Wagnersängerin.

Du warst schon früher so klar.

Das sollte man auch sein. Man sollte wissen, was man kann und was nicht. Ein Angebot abzulehnen ist ein sehr schwerer Schritt, aber meine Mentorin und Lehrerin Fenna Kügel-Seifried aus München hat mir das sehr schnell beigebracht, dass es kein schwacher Zug ist, nein zu sagen, sondern nur das zu singen, wo die Stimme glänzt.

In Mannheim hattest Du eine Festanstellung, warum bist Du mittlerweile freischaffend?

Ich habe mich vor der Pandemie dafür entschieden. Damals kam mein zweites Kind auf die Welt und es war schwieriger zu pendeln. Es ist einfacher die Opernhäuser von München aus abzufahren, an die man engagiert wäre.

Hast Du die Festanstellung wegen der Kinder oder wegen der größeren Flexibilität für Angebote aufgegeben?

Das zweite. Ich war lange in Mannheim, drei Jahre, und es war Zeit weiterzugehen. Flexibilität ist in unserer Branche einfach wichtig. Mannheim war ein tolles Haus, um die ganz schweren Partien zu starten und den Verdi aufblühen zu lassen.

Ist es Dir schwergefallen, die Festanstellung aufzugeben?

Ein wenig schon, ja. Aber ich bin ein Optimistin und habe mir keine großen Sorgen gemacht. Ich hatte ja schon einmal ein festes Engagement in Bonn und bin in die Freiberuflichkeit gegangen.

Und warum bist Du zurück in eine Festanstellung?

Wegen der Partien. Es war einfach wunderbar diese großen Partien in einer Festanstellung zu singen, und das Nationaltheater in Mannheim hat mich so toll unterstützt und ist mir sehr entgegengekommen. Ich hatte eine Residenzvertrag und bin nur für die Partien gekommen, so dass ich zwischendurch auch längere Pausen hatte. Ich war da ziemlich schmerzfrei und bin teilweise am Tag der Vorstellung mit dem Auto oder dem Zug angereist. Die Babysitterin hat dann schon am Theater gewartet. Dieses Konzept steht und fällt natürlich mit einer Nanny.

Würdest Du auf Engagements verzichten wegen der Familie?

Muss ich nicht! Da ich eine so tolle Unterstützung habe, muss ich das nicht.

Willst Du Dich jetzt mehr ins Ausland orientieren?

Auf jeden Fall! Durch die Pandemie ist viel weggebrochen. Ich möchte mich internationaler orientieren. Ich finde es interessant, und ich mag es auch gerne, in verschiedenen Ländern zu sein. Ohne die Pandemie wäre mein Startschluss die Salzburger Festspiele gewesen, dort hätte ich Anja Hateros gecovert. Aber ich bin ein optimistischer Mensch und denke: Das kommt wieder, und im Moment planen alle Theater sehr kurzfristig. Ich freue mich sehr, dass im Moment wieder so viel Neues hinzukommt.

Empfindest Du den Konkurrenzdruck auf der internationalen Bühne als noch höher?

Ich glaube, das kann man gar nicht so sagen. Man muss einfach immer schauen, wie man sich positioniert.

Hast Du die Pandemie als Rückschritt oder Karriereknick empfunden?

Es war furchtbar. Ich glaube, jeder im künstlerischen Bereich hat daran geglaubt, dass es sich so weit und lange auswirkt. Es war eine Aufgabe, die man mit sich ausmachen musste. Für mich war es sehr schwierig, muss ich gestehen, da ich es überhaupt nicht gewohnt bin, die ganze Zeit zu Hause zu sein. Das war ein neues Erleben wie es ist, nur als Mama, und ich habe für mich entschieden, dass ich auf Dauer nicht zu Hause bleiben möchte.

Für die Karriere war es schon eine Einbuße. Manche Kollegen haben aufgegeben, ich habe immer gedacht, es wird weitergehen und habe immer mal wieder im Rahmen der Möglichkeiten geprobt. Aufgeben wäre für mich keine Option gewesen, dafür bin ich zu gerne Sängerin. Aber es war keine leichte Zeit.

Hat sich Deine Stimme durch die lange Pause verändert?

Zum Glück nicht zum Negativen! Im tieferen Bereich ist eine Mittellage aufgegangen, die tieferen Töne kamen satter.

Wer hat Dich in Deiner Kindheit am meisten musikalisch geprägt?

Mein Vater! Meine Oma hat schon in Gospelchören gesungen, und mein Vater hat immer gesungen, ob beim Putzen, Kochen oder Rasenmähen. Von ihm habe ich ja auch den R´n´B und Soul, den Gospel bekommen.

Dein Vater ist US-Amerikaner mit karibischen Wurzeln. Wie ist Dein Eindruck: Spielen deine multikulturellen Wurzeln eine Rolle auf der Bühne?

Die Reaktionen sind da. Ich verkörpere einfach eine gewisse Exotik auf der Bühne. Ich polarisiere. Nicht jeder mag, was ich mache, muss auch nicht jeder. Es ist aber auch einfach schön zu sehen, dass ich Leute auch begeistern und ihnen einen schönen Abend bereiten kann.

Diversität ist ein riesiges Thema geworden, auch in der Opernwelt. Ist das wichtig oder übertrieben?

Es gibt immer noch in verschiedenen Ländern ein Veto gegen verschiedene Nationalitäten auch im künstlerischen Bereich, nicht nur in der Politik. Aber die Welt der Künstler ist so bunt gemischt und so vielfältig, und das ist ja auch das, was viele Zuschauer anzieht. Verschiedene Nationalitäten haben verschiedene Klangfarben, die Stimmen haben eine unterschiedliche Anatomie, und das macht den Gesang unglaublich interessant. Ich finde es sehr gut, dass man nicht mehr so unterscheidet, welche Nationalität welche Rolle in einer Oper übernehmen muss. Man ist mutiger geworden und toleranter.

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