Glückskind

Herzstillstand, Pseudotumor, Krebs: Warum Carina Hilfenhaus´ Leben mehr als Schicksal ist

Carina Hilfenhaus hat sich versöhnt. „Ich habe alles erreicht, was man im Leben erreichen kann. Alles, was jetzt noch kommt, ist die Kür“, sagt sie, mit ihren gerade einmal 36 Jahren. Keine Gedanken mehr daran, dass es in der Ewigkeit schöner sein wird als auf Erden. Sie mag ihr Leben. Wieder.

Sie hat sich also versöhnt, weil sie sich verziehen hat. Carina Hilfenhaus hat sich verziehen, dass sie mit ihren neun Jahren nichts tun konnte, als ihre kleine Schwester von einem Auto angefahren wurde. Sie hat sich verziehen, dass sie ihre Tochter fallenließ, als ihr Herz stehenblieb. Sie hat sich verziehen, dass sie auch nach ihrem zweiten Herzstillstand und der Schock-Diagnose Pseudotumor cerebri immer weiter und weiter gearbeitet hat. Und dass sie, als sie ganz unten war, dem Tod näher war als dem Leben.

Sie ist jetzt wieder da, mit funktionstüchtigem Herzen dank Herzschrittmacher. Und voller Lebensmut. Ihre Geschichte ist so irre, dass Carina Hilfenhaus sie immer und immer wieder erzählen muss. Und will. Sie kann und sie will ein Vorbild sein, dass man es schaffen kann. Das Leben. Die Herausforderungen. Und dass niemand Angst haben muss. Weder vor dem Leben noch vor dem Tod.

Fotos: privat

Die 36-Jährige, die in Freigericht-Somborn lebt, lässt jetzt alles viel stärker auf sich zukommen, und das ist ihre wichtigste Botschaft. Ihr großes Projekt heißt jetzt Mut zum Leben, Mut zur Persönlichkeit.

Ihr Weg hat sie mutig gemacht, zwangsläufig. In ihrem anderen Leben studierte Carina Hilfenhaus Pflegewissenschaften, weil sie bei der Pflege ihrer eigenen Großmutter miterlebt hatte, wie wichtig und erfüllend dieser Beruf sein kann. In ihrem anderen Leben bekam sie mit 23 Jahren, mitten im Studium, ihre Tochter, arbeitete an den Wochenenden in der Pflege und dachte, sie sei unbesiegbar, weil sie so viel und alles auf einmal wuppte. In diesem anderen Leben bleibt auf dem Heimflug von einem Familienurlaub in Ägypten plötzlich ihr Herz stehen, über den Wolken, wo man dem Himmel näher ist als der Erde. 25 Jahre ist Carina Hilfenhaus damals alt. Ironie der Geschichte: Ihre kleine Schwester sitzt daneben und kann nichts tun.

Kaum wieder halbwegs auf dem Damm, zog Carina Hilfenhaus in diesem anderen Leben zusammen mit einer Geschäftspartnerin binnen weniger Jahre einen Pflegedienst mit 50 Mitarbeitern auf. Vier Jahre nach dem ersten Mal bleibt wieder ihr Herz stehen, genauso unerwartet. Doch dieses Mal ist die Location günstiger. Carina Hilfenhaus ist gerade im Krankenhaus zur Untersuchung, als sie stirbt. Die Nulllinie ihres EKGs und die neu beginnende Kurve ihres Herzschlags hat sie sich auf den Arm tätowieren lassen, zusammen mit einem Wort: Glückskind.

Wieder gönnt sich die nun 29-Jährige keine Pause, hetzt zurück zur Arbeit, will um jeden Preis funktionieren. Die Ursache für die Herzstillstände ist jetzt klar, der Motor für den Herzschlag funktioniert nicht richtig – Sick-Sinus-Syndrom, kranker Sinusknoten-Syndrom. Bei gesunden Menschen geben die Herzmuskelzellen des Sinus-Knotens in rhythmischen Abständen elektrische Impulse ab, die sich auf das Herz ausbreiten und es zum Arbeiten antreiben. Bei Carina Hilfenhaus übernimmt seit dem zweiten Herzstillstand ein Herzschrittmacher diese lebensnotwendige Aufgabe.

Foto: pexels

Ihr zweiter Tod geht ihr wesentlich näher als der erste. „Das war eine richtige Nahtod-Erfahrung“, erinnert sie sich an die Momente zwischen Ewigkeit und Erdenleben. „Ich habe mich leicht und frei gefühlt.“ Das wird noch wichtig werden.

Zwei Jahre später der nächste Schlag. Dieses Mal heißt die Diagnose: Pseudotumor cerebri, eine seltene neurologische Erkrankung unbekannter Ursache. Carina Hilfenhaus´ Körper kann das Hirnwasser nicht mehr absorbieren, es muss alle paar Wochen im Krankenhaus über eine Lumbalpunktion abgesaugt werden. Mehr als einmal entlässt Carina Hilfenhaus sich nach dem Eingriff selbst und sitzt wieder gleich am Schreibtisch. Innehalten, Ruhe gönnen – das kommt für sie gar nicht in Frage.

Es ist dann ihr Mann, der die Vollbremsung für ihr Leben vollführt. Er ist 36 Jahre alt, als Darmkrebs diagnostiziert wird. Als ihr Mann in den OP geschoben wird, kann niemand Carina Hilfenhaus sagen, ob sie ihn lebend wiedersehen wird. Es ist der Punkt, an dem sie zusammenbricht. „Ich hatte auf einmal solche Angst vor dem Leben, ich konnte nicht mehr.“ Vor einem Leben allein. „Mein Mann war in all den Jahren meine Stütze, mein Halt, er war immer für mich da.“ Und jetzt soll unklar sein, ob er leben wird?

„Ich bin in ein tiefes, tiefes Loch gefallen. Ich hätte nicht gedacht, dass man so tief fallen könnte, aber es war so.“ In diesem Moment erinnert sich Carina Hilfenhaus an das Gefühl der grenzenlosen Freiheit, das sie bei ihrem zweiten Tod gespürt hat. „Ich kann rückblickend sagen, dass es wirklich haarscharf war.“ Es gibt nur noch einen Grund fürs Weiterleben: ihr Kind. „Ich wusste, meine Tochter ist noch zu klein, als dass ich gehen könnte. Sie braucht mich noch ein paar Jahre.“

Eine psychosomatisch-neurologische Reha am Chiemsee stellt Carina Hilfenhaus zurück aufs Gleis ihres Lebens. All die Antworten, die sie vorher auf ihre drängende Frage „Warum lebe ich noch?“ nicht gefunden hat, nicht im Kloster, nicht auf Reisen, findet sie dort. Wobei, eine Ordensschwester hatte ihr schon gesagt: Warum Carina Hilfenhaus noch lebe, wisse sie auch nicht. „Aber ich weiß, dass Du irgendwann den Menschen erzählen wirst, dass sie keine Angst vor dem Sterben haben brauchen.“ In ihrer Verzweiflung sieht Carina Hilfenhaus damals keinen Sinn in diesem Satz. Heute weiß sie, dass die Nonne recht hatte.

Als sie vom Chiemsee nach Hause kommt, gibt sie als Erstes den Pflegedienst auf. „Zu diesem Zeitpunkt ist mir das nicht schwergefallen. Es war die einzig mögliche Entscheidung.“ Sie hat neue Ziele vor Augen: gesund werden, abnehmen, das Leben radikal umstellen, keine Lumbalpunktionen mehr. Alles muss, alles soll anders werden.

Sie zieht das konsequent durch. Nur ihre Familie hat sie aus dem „alten“ Leben mitgenommen, und das Haus in Freigericht-Somborn. An dem hängt gar nicht so sehr ihr Herz. Aber das ihres Mannes. Es stecken so viel Zeit und Liebe darin. „Wenn ich Ihren Weg rezeptieren könnte, gäbe es weniger Behandlungen“, sagt ein Neurologe. Ein Schlüsselsatz. Als Coach, Motivator und Speakerin erzählt die 36-Jährige jetzt von ihrer Geschichte und will Menschen mit ähnlichen Erfahrungen durch deren Krisen helfen. „Ich decke mit meiner Vergangenheit ja sehr viel ab, Herzstillstand, Herzschrittmacher, Pseudotumor“, sagt Carina Hilfenhaus. Die Pflege hat sie nicht ganz aufgegeben. Statt selbst ein Unternehmen zu führen, berät die 36-Jährige jetzt Unternehmen aus dem Pflegebereich, zum Beispiel zum Umgang mit dementen Senioren, zu Gewalt in der Pflege und Mitarbeiterführung.

Noch am Chiemsee setzt sie sich ein sportliches Ziel, ein Triathlon soll es sein. Weil das mit Herzschrittmacher nicht einfach ist, wird eine 370-Kilometer-Radtour rund um Garmisch-Partenkirchen daraus. Eine sportliche Herausforderung, für den ihr ein Sponsor für Sport-Events Bahnrad-Olympiasiegerin Miriam Welte und Triathletin Laura Chacon Biebach zur Seite stellt.

Im September 2021 schafft Carina Hilfenhaus in vier Tagen ihre „mychallenge 2021“ – und fällt nicht in ein Loch, als das Event vorbei ist. Davor hatte man sie gewarnt. Doch was ist schon der Zieleinlauf einer Radtour im Vergleich zu den Höhen und Tiefen, die hinter ihr liegen?

In einer Erfolgsgeschichte, in dem das Leben die Hauptrolle spielt und es irgendwie immer weitergegangen ist, müsste am Ende konsequenterweise das nächste Event in Sichtweite sein. Tatsächlich hatte Carina Hilfenhaus Pläne für 2022, die sich vorerst alle zerschlagen haben. Das sei erst einmal komisch gewesen, gibt sie zu. Aber sie hat ja verstanden: „einfach nur“ leben ist wunderbar. Es fühlt sich richtig gut an. Und Lumbalpunktionen braucht sie keine mehr.

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