VH78 Friedrich Ebert – Ein Verräter an der Sache der Arbeiter?

Vor 100 Jahren verstarb Reichspräsident Friedrich Ebert. Für die extreme Linke wie für die extreme Rechte galt der SPD-Politiker als Verräter. Tatsächlich war Ebert ein Demokrat und Patriot, der seinem Land in schwierigsten Zeiten treu diente und 1925 viel zu jung starb. Schlichters Karikatur zeigt, wie neben den Rechtsextremen auch die Linksextremen demokratische Politiker der Mitte verhetzten und so zur Zerstörung der Weimarer Republik beitrugen.
Rudolf Schlichter, Das Urteil der Geschichte, Der Knüppel, März 1925 (Karikatur aus meinem Buch, Geschichte in Karikaturen II):
https://www.wochenschau-verlag.de/Geschichte-in-Karikaturen-II/41010 (Öffnet in neuem Fenster)Die Szene spielt auf einem Friedhof. Dominiert wird das (ursprünglich) farbige Bild von einem Grabstein sowie einem schwer verletzten Mann. Dieser trägt den linken Arm in einer Schlinge, sein Kopf ist bandagiert, seine Kleidung zerrissen und blutüberströmt. An seinem rechten Handgelenkt hängt eine gesprengte Kette. Auf dem Grabstein ist der Schriftzug „Hier ruht … Ebert“ zu erkennen. Der Mann kauert mit schmerzverzerrtem Gesicht vor dem Grabmal und schreibt mit seiner gesunden rechten Hand in großen (roten) Lettern das Wort „Verräter“ darauf.
Am 28. Februar 1925 starb Friedrich Ebert im Alter von nur 54 Jahren. Seine letzten Wochen im Amt hatte der Reichspräsident damit verbracht, sich gerichtlich gegen Vorwürfe durch die politische Rechte zu wehren, die ihm Vaterlandsverrat vorwarf. In einem Urteil vom 23. Dezember 1924 hatte ein Magdeburger Gericht diesen Vorwurf offiziell bestätigt. Ebert war von dem Richterspruch und den vorhergehenden Beleidigungen seiner Person schwer getroffen. Die zahlreichen Angriffe führten zu psychischer wie physischer Erschöpfung und trugen so mit zu seinem frühen Tod bei.
Das Magdeburger Richterurteil wie auch die vorliegende Karikatur sind bezeichnend für das politische Klima der Weimarer Republik. Ebert, die SPD und die übrigen Parteien der Weimarer Koalition wurden von den Extremisten der Linken und Rechten immer wieder auf das Schärfste angegriffen, persönlich verunglimpft und so langsam zerrieben. Die Rechtsextremen und die Kommunisten, die ja politisch völlig unterschiedliche Ziele verfolgten, einte dabei doch eines: Ihr Hass auf die Demokratie und seine Repräsentanten. Für den kommunistischen „Knüppel“ war Ebert ein „Verräter“, weil er durch seine Kooperation mit der Reichswehr und den kaiserlichen Eliten die Sache der Arbeiter verraten habe; die Rechte dagegen denunzierte den Reichspräsidenten als Vaterlandsverräter, der Deutschlands Interessen an das Ausland verkaufte.
Tendenz: agitatorisch-propagandistische Karikatur. Der Karikaturist erhebt schwerste Vorwürfe gegen den verstorbenen Reichspräsidenten. In seiner Kritik an der Niederschlagung des Spartakusaufstandes sowie am Ebert-Groener-Pakt ignoriert er die schwierige, ja fast unmögliche Situation, in der sich Ebert und die SPD-Führung in den Anfangsjahren der Weimarer Republik befanden: Mehr als einmal drohten Bürgerkrieg und Diktaturen von links und rechts.