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Buch «Verbot und Verzicht»

Seien es auch nur die Ahnung eines sich abzeichnenden Verbots, einer Forderung des Verzichts: Ein indignierter Aufschrei ist vorprogrammiert. Sogar wir Umweltbewegten und Klimaschützerinnen, die uns im persönlichen Verzicht auf dies und jenes üben, schrecken vor dem Ruf danach präventiv zurück – wo wir nicht gar im selben Geiste darauf reagieren. Dass sich die Politik geflissentlich hüten sollte, Gebote des Konsumverzichts auch nur zuhinterst in ihre Agenda zu schreiben, ist gleichwohl ein neueres Phänomen. Es ist das Resultat eines neoliberalen Welt- und Menschenbildes, das „Freiheit“ zuvorderst als eine Freiheit des Konsums interpretiert und staatliche Lenkungsinstrumente radikal ablehnt. Wie sich diese Denkweise in unsere Köpfe schlich, zeichnet Philipp Lepenies in seinem Buch minutiös nach.

Um uns die Dimension dieser weltanschaulichen Suggestion einsichtig zu machen, setzt sie Philipp Lepenies erst einmal in Kontrast. Dass wir vor Verboten ja keineswegs grundsätzlich zurückschrecken, belegt uns der Berliner Ökonom und Politikwissenschaftler dabei ebenso, wie er nachweist, wie Verzicht die längste Zeit als eine zivilisatorische Tugend gewertet und geübt wurde. Entlang der Ideen und Argumentationen von neoliberalen Vordenkerinnen wie Friedrich Hayek, Ayn Rand oder Milton Friedmann geleitet er uns danach durch das zwanzigste Jahrhundert bis ins digitalisierte, globalisierte Jetzt, das in jeder legislativen Lenkung sogleich den Totalitarismus verwirklicht sieht. Besondere Aufmerksamkeit und Detailtreue widmet er dabei den ökonomischen Denkmodellen des Neoliberalismus und den Methoden und Kräften, mittels derer sie ihren Einfluss auf die Politik befestigten – wobei er ihre Irrtümer, übersteigerten Heilsversprechen und ideologischen Verzerrungen auch gnadenlos offenlegt. Da hinein spielen dann unabdingbar immer wieder belangvolle Einsichten zur Herkunft und Manifestation unserer aktuellen Shopping-Kultur und dem Siegeszug eines Individualismus, der sich hauptsächlich in konsumistischer Konformität ausdrückt.

Auch wenn Philipp Lepenies seine herausragend dichte und tiefschürfende Arbeit mit einem starken Plädoyer gegen die „Politik des Unterlassens“ legitimer regulatorischer Eingriffe beschliesst: Um die Herausarbeitung von Alternativen geht es ihm darin vorerst nicht. Das könnte uns ebenso ein Anlass zur Kritik sein wie die Ahnung, dass Leserinnen ohne gepflegtes sozialwissenschaftliches Vokabular sich von dem Buch frustriert abwenden könnten. Doch wir halten – möchten wir zu einer handlungsfähigen Klimapolitik vorstossen – seine Gedanken und Kenntnisse für so relevante, dass sie alle Mühe übertrumpfen. Das Eingeständnis, wie tief die Ideen und Glaubenssätze des manifesten, unnachhaltigen Neoliberalismus unsere Kultur, unsere Politik und unser Denken prägen, kann nur dabei helfen, sie zu überwinden. Philipp Lepenies Buch führt uns mit Garantie und reichlich zusätzlichem Erkenntnisgewinn dahin.

Rezension: Sacha Rufer

Autor Philipp Lepenies 

Verlag Suhrkamp 

Umfang 265 Seiten 

ISBN 978-3-518-12787-2 

Preis Fr. 25.90 (UVP)

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