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Wann saßt Du zuletzt vier Stunden in einem gestrandeten ICE fest, weil man Dich einfach vergessen hat, während alle um Dich herum evakuiert wurden?

Unserem heutigen Interviewgast erging es so. Er konnte nicht aus dem Zug geholt werden, weil er im Rollstuhl saß. Behinderte Menschen wie er werden nicht nur in Evakuierungsplänen, sondern auch bei Klimaschutzmaßnahmen vergessen.

Warum der beste Klimaschutz inklusiv sein muss, kann wohl keiner besser erklären als: Raúl Krauthausen.

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#35 #Klimaschutz #Inklusion #Interview

Wir vergessen 8 Millionen Menschen

Raúl Krauthausen ist Deutschlands bekanntester Inklusionsaktivist. Er kritisiert, dass behinderte Menschen beim Klimaschutz systematisch ignoriert werden und verrät, wie wir es besser machen können. ~ 6 Minuten Lesezeit

Dass alle Menschen die gleichen Rechte haben und wir Diskriminierung nicht dulden – das sind unverrückbare Grundsätze. Sie stehen in nationalen Verfassungen, im internationalen Menschenrecht und in der Agenda 2030, mit der sich die UN-Staaten 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) gesetzt haben.

Die Realität sieht jedoch immer noch anders aus. Menschen werden aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft diskriminiert. Zu den Menschen, deren Bedürfnisse missachtet werden, gehören auch Menschen mit Behinderung.

Was das mit Klimaschutz zu tun hat? Alles. Die Klimakrise betrifft alle, deshalb müssen wir bei ihrer Bekämpfung auch alle mit ins Boot holen. Doch die Perspektive von Menschen mit Behinderung und die besonderen Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, werden bei der Planung von Maßnahmen systematisch ignoriert. Verrückt, wenn man bedenkt, dass in Deutschland 7,8 Millionen Menschen schwerbehindert sind.

Wir haben deshalb Deutschlands bekanntesten Inklusionsaktivisten zu Gast. Raúl Krauthausen kämpft seit Jahren für eine barrierefreie Gesellschaft, hat die Vereine AbilityWatch und Sozialheld*innen gegründet und trotz allem noch Zeit, um zu podcasten, zu moderieren und Bücher zu schreiben. Wir haben mit ihm über das diskriminierende Verbot von Plastikstrohhalmen, zu schmale Brücken und vergessene Flutopfer im Ahrtal gesprochen.

Hallo Raúl, lass uns mit einer Schätzfrage beginnen. Wie oft geht dir die Klimakrise durch den Kopf?

Wow, das ist eine gute Frage. Vielleicht einmal am Tag. Das ist schon viel, oder?

Ich denke auch, dass es bei vielen Menschen seltener ist.

Bei mir ist das primär beruflich bedingt, weil ich viele Anfragen von Klima-Medien bekomme. Deshalb kommt das Thema bei mir oft auf. Aber auch weil Menschen mit Behinderung im Zusammenhang mit der Klimakrise sehr häufig vergessen werden. Fast jedes Mal, wenn das Thema aufpoppt, stelle ich fest: Über behinderte Menschen habt ihr noch nicht nachgedacht.

Raúl Krauthausen ist Deutschlands bekanntester Inklusionsaktivist.

Kannst du das genauer erklären?

Viele Leute vergessen einfach, was etwa Notsituationen für Menschen mit Behinderung bedeuten, gerade wenn sie in Notfallplänen nicht mitgedacht werden. Was machen zum Beispiel Menschen, die auf Atemgeräte angewiesen sind, wenn der Strom ausfällt? Das kann bei Extremwetterereignissen, die durch die Klimakrise häufiger und extremer werden, schnell passieren.

Oder das 9-Euro-Ticket: Ja, es ist sicherlich sinnvoll, ein solches Ticket einzuführen, aber wenn die Züge dann so voll sind, dass behinderte Menschen nicht mehr mitfahren können, interessiert das die wenigsten. Sie sind die ersten, die unter solchen Maßnahmen leiden. Im schlimmsten Fall werden Klimaschutz und Inklusion gegeneinander ausgespielt. Das war zum Beispiel auch beim Verbot von Plastikstrohhalmen der Fall.

Wie meinst du das?

Diese Maßnahme war ein Quick Win, der der Mehrheitsgesellschaft nicht weh tut. Aber was das für behinderte Menschen bedeutet, die auf Plastikstrohhalme angewiesen sind, können sich manche gar nicht ausmalen.

Nahrungsaufnahme sei ein Menschenrecht, dessen behinderte Menschen immer mehr beraubt werden, schreibt Raúl in einem Spiegel-Gastbeitrag. Ein Plastrikstrohhalm sei für ihn kein Luxus. „Es geht darum, Flüssiges aus einem Behälter in meinen Mund zu befördern.“ Die Alternativen aus Metall, Papier oder Holz seien nicht praktikabel, denn sie lassen sich nicht biegen, lösen Allergien aus, trocknen nicht und bringen oft Hygieneprobleme mit sich.

Du glaubst nicht, was ich seitdem an Debatten mit nichtbehinderten Menschen darüber führen muss, warum der Plastikstrohhalm für manche Menschen so wichtig ist und Glas, Metall oder andere Strohhalme keine akzeptable Alternative sind. Das ist ja auch Arbeit und Zeit, die man investieren muss. 

Und letztendlich macht uns das zu Täter°innen, wenn wir dann doch auf dem Plastikstrohhalm bestehen und uns jedes Mal rechtfertigen müssen. Das ist wirklich unglaublich stigmatisierend.

Passiert das auch bei anderen Maßnahmen?

Ja. Wir bauen zum Beispiel Tausende Ladesäulen für Elektroautos in Europa und Deutschland auf und die meisten davon sind nicht rollstuhlgerecht. Behinderte Menschen werden einfach immer vergessen. Das macht mich wütend.

Kannst du diese Wut nutzen oder wie schaffst du es, darin nicht unterzugehen?

Ich habe irgendwann mal das Wort Zorn gelernt. Das passt vielleicht besser, denn Wut ist ja ungerichtet. Ich versuche immer, die Energie zu kanalisieren und zum Beispiel Aufklärungsarbeit zu leisten oder an Lösungsansätzen zu arbeiten.

Gibt es neben Strohhalmen und Elektroautos noch andere Themen im Zusammenhang mit Klimaschutz und Inklusion, die dich beschäftigen?

Ich gucke immer ganz gerne, was in den USA passiert. Häufig geschehen dort Dinge, die später auch in Europa ankommen. Manchmal ist der Blick in die USA also wie ein Blick in die europäische Zukunft. Wir können dort ganz genau sehen, was passiert, wenn bestimmte Dinge nicht reguliert oder gewisse Probleme nicht gelöst werden.

Und? Was steht uns in Zukunft bevor?

In den USA ist zum Beispiel sehr frappierend, wie wenig man teilweise auf Hochwasser oder Tornados vorbereitet ist. Es kommt sehr oft zu Stromausfällen und Blackouts – und dabei sterben reihenweise behinderte Menschen, weil ihre Stadt, ihr Dorf oder ihr Haus tagelang nicht mit Strom versorgt werden können. Die gehen später aber nicht als Klima-Tote in die Statistik ein, da sie nun mal gestorben sind, weil ihr Atemgerät oder ihr Rollstuhl nicht mehr funktioniert hat.

Raúl wurde 1980 geboren und lebt in Berlin. Aufgrund der Erkrankung Osteogenesis imperfecta, auch Glasknochen genannt, ist er auf einen Rollstuhl angewiesen.

Passiert hier schon Ähnliches?

Während der Flutkatastrophe im Ahrtal im vergangenen Sommer sind über 130 Menschen gestorben. Zwölf davon waren Menschen mit Behinderung, die in einer Lebenshilfe-Einrichtung festsaßen und nicht evakuiert wurden. Man hat es einfach nicht kommen sehen und unterm Strich nicht für nötig erachtet, entsprechende Konzepte zu entwickeln oder gar zu evakuieren. Und wenn wir dann in den Nachrichten die Zahl 130 hören, sehen wir nicht, dass über zehn davon behinderte Menschen waren. Das wird dann einfach vergessen oder nicht mal gezählt.

Es braucht dringend Evakuierungskonzepte, die Menschen mit Behinderung berücksichtigen. Und das fängt schon viel früher an, es muss ja nicht gleich eine Katastrophe wie im Ahrtal sein.

„Es braucht dringend Evakuierungskonzepte, die Menschen mit Behinderung berücksichtigen.“

Ich bin vor einigen Jahren im ICE gestrandet, wegen des Sturms Xavier. Wir saßen vier Stunden in diesem Zug fest, ohne Strom. Es wurde immer dunkler und alle Nichtbehinderten wurden evakuiert. Die sind über Brücken in einen anderen Zug geholt worden. Aber diese Brücken waren nicht breit genug für Rollstuhlfahrer°innen. Das ist einfach nur ein Designfehler. Technisch wäre das überhaupt kein Ding, aber man hat es einfach nicht bedacht. Da habe ich mich das erste Mal so richtig verloren gefühlt.

Wie ist die Geschichte ausgegangen?

Die Bahnzentrale war überlastet und der Schaffner konnte niemanden erreichen, also hat er irgendwann eigenmächtig die Freiwillige Feuerwehr in der Region angerufen. Die Feuerwehrleute kamen und haben uns mit improvisierten Holzbrücken herausgeholt. Es war mein großes Glück, dass der Schaffner so ehrgeizig war und gesagt hat: Der Kapitän verlässt das Schiff zuletzt.

Im vergangenen Juni erschien eine Studie, die zeigt, dass vor allem Industrieländer bei Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen „systematisch ignorieren“. Wie kann das sein?

Das geht schon in Richtung Verdrängung. Es ist ein bisschen so wie mit dem Tod. Damit möchte man sich ja auch nicht auseinandersetzen und tut es erst, wenn man gezwungenermaßen mit ihm konfrontiert wird. 

Mit Katastrophen ist das genauso und erst recht mit der Frage, was Katastrophen für Menschen mit Behinderung bedeuten. Wir versuchen diese Dinge so weit es geht zu vermeiden.

„Wir sollten eher Kreuzfahrtschiffe verbieten als Plastikstrohhalme.“

Ich will gar nicht sagen, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern besonders schlecht da steht, denn das ist eine Sache, die grundsätzlich existiert. Ich denke nur, dass es gerade in Ländern wie Deutschland frappierend ist, wenn nicht genug Vorkehrungen getroffen werden, weil wir sie uns leisten könnten. Theoretisch.

Praktisch verdrängen wir es aber und in der Folge passiert dann so etwas wie in der Lebenshilfe-Einrichtung im Ahrtal?

Gegenfrage: Hast du einen Feuerlöscher zu Hause?

Nein.

Warum nicht? Kostet doch nichts. 20 Euro bei Amazon.

Da bestelle ich ungern.

Es geht mir um die Niedrigschwelligkeit. Ich habe mir irgendwann mal einen zugelegt. Ich hoffe, ich werde ihn nie gebrauchen, aber ich weiß: Ich habe einen, falls etwas passiert. Wenn es in deiner Wohnung brennt, wirst du dich tierisch ärgern, dass du keinen Feuerlöscher gekauft hast. Ich wette, dass du dann sogar einen von Amazon nehmen würdest.

Ziemlich sicher sogar. Was müsste denn passieren, damit Menschen mit Behinderung angemessen bei Klimamaßnahmen berücksichtigt werden?

Deutschland braucht eine Non-Profit-Organisation, die sich mit dem Thema Katastrophenschutz und Behinderung auseinandersetzt – und wenn es eine Unterabteilung des Technischen Hilfswerks ist. Von selbst werden Institutionen und Organisationen das Thema erst sehr spät mitdenken.

Steile Karriere: 2018 bei Jerks, vier Jahre später bei Treibhauspost zu Gast.

Eine völlig andere Sache, die aber genauso wichtig ist: Behinderte Menschen sind nicht Gegner°innen des Klimaschutzes. So werden sie aber oft dargestellt, wenn sie doch den Plastikstrohhalm haben wollen. Wir brauchen eine Versachlichung der Debatte. Die großen Probleme sind ja ganz andere.

„Deutschland braucht eine Non-Profit-Organisation, die sich mit dem Thema Katastrophenschutz und Behinderung auseinandersetzt.“

Es gibt Dinge, die man viel eher verbieten sollte. Dass nicht alle immer wieder Plastikstrohhalme verwenden dürfen – fair enough. Aber wenn du wirklich einen brauchst, musst du ihn auch kriegen können. Wir sollten eher Kreuzfahrtschiffe verbieten als Plastikstrohhalme. Mein Punkt ist: Behinderte Menschen dürfen nicht zu Täter°innen gemacht werden. Ich beobachte aber, dass das immer wieder passiert.

Könnte eine neue Umweltschutz-Inklusions-Bewegung zur Lösung beitragen?

Wir müssen eher das Mitdenken von Menschen mit Behinderung im Mainstream verankern. Es gibt ja beispielsweise auch keine Klimaschutzorganisation der Frauen. Denn Klimaschutz geht einfach uns alle etwas an. Und genauso wie Klimaschutzmaßnahmen alle Geschlechter einbeziehen, müssen sie auch Menschen mit Behinderung einbeziehen. 

„Wir beziehen behinderte Menschen immer nur dann in ein Gespräch ein, wenn nichtbehinderte Menschen auf die Idee kommen, dass behinderte Menschen tangiert sein könnten.“

Um darauf hinzuweisen, kann man gerne eine Organisation gründen, die dann anderen Organisationen dabei hilft, diese Haltung zum Mainstream zu machen. Aber wir dürfen uns auf gar keinen Fall vereinzeln lassen. Mein Klimaschutz ist nicht wichtiger als dein Klimaschutz.

Leider kenne die Geschichte der Umweltbewegung nicht übermäßig viele behinderte Menschen, die sich engagieren, schreibt Raúl im Spiegel-Gastbeitrag. Dafür brauche es mehr Aktivist°innen wie Cécile Lecomte, eine Umweltaktivistin im Rollstuhl.

Wir machen in Deutschland grundsätzlich immer wieder den gleichen Fehler: Wir beziehen behinderte Menschen immer nur dann in ein Gespräch ein, wenn nichtbehinderte Menschen auf die Idee kommen, dass behinderte Menschen tangiert sein könnten. Letztendlich müssen wir aber feststellen, dass jedes Thema behinderte Menschen tangieren kann und sie deswegen auch immer mitgedacht werden sollten.

Bei all den Themen von Plastikstrohhalmen bis zur Flutkatastrophe im Ahrtal – wie blickst du in die Zukunft: eher optimistisch oder eher sorgenvoll?

Ich bin eher sorgenvoll, aber das passt auch zu meiner Rolle als Aktivist. Wenn wir uns die Ahrtal-Katastrophe oder andere Ereignisse angucken, fällt auf, dass sie oft als tragische Einzelfälle dargestellt werden – besonders wenn behinderte Menschen betroffen sind. Dabei vergessen wir, dass das Problem systemisch ist. Ich würde mir wünschen, dass wir endlich ganzheitlicher denken.

Lieber Raúl, vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch.

Und Dir, vielen Dank fürs Lesen! Wir freuen uns, dass Dir unser Planet genauso am Herzen liegt wie uns. Kannst Du unsere Arbeit mit einem kleinen monatlichen Beitrag unterstützen?

Wenn Du noch nicht genug hast für heute: Du findest alle unsere bisherigen Ausgaben online.

Zum Schluss noch eine Bitte

Wir freuen uns riesig, wenn Du dieses Interview an Deine Familie, Freund°innen oder Kolleg°innen weiterleitest oder in Deinen Chat-Gruppen teilst. Danke! Die nächste Treibhauspost bekommst Du am 29. Oktober.

Bis dahin! Manuel

Herzlichen Dank an alle Unterstützer°innen und an Thomas K., Ulrich S., Sigurd M., Peter B., Malte N., Martin V., Macha B., Familie E., Petra F., Birgit S. & K. F., Beate H., Antje H., Konrad H., Volker H., Markus H., Stefanie J., Oliver K., Joanna K., Klemens K., Alois K., Reto L., Annika N., Johannes P., Ralf R., Isabel S., Sabine S., Guido S., Annette T., Daniela T., Kurt W. und Anett W., die uns mit dem höchsten Betrag supporten!

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