Heute gibt es für Euch etwas ganz besonderes - eine brandneue Geschichte in der Urfassung. Sie ist das erste Kapitel meines nächsten Romans. Ihr könnt den Beginn also schon mal lesen. Weitere Kapitel wird es an dieser Stelle nicht geben, aber gern erzähle ich Euch, was ich so vorhabe. Erst mal viel Spaß beim Lesen!

Kein Zweck, aber ein Auftrag

Erwachsene sind doof. Sie tun immer so, als wüssten sie alles und hätten für alles eine Erklärung. Was sie nicht sehen, das gibt es einfach nicht. Karo war zwar erst Zehn, aber sie hatte das selbst erlebt, jeden Abend aufs Neue wunderte sie sich. Denn wenn sie wieder schrie, weil die Nachtheuler kamen, versuchte ihre Mutter sie zu beruhigen. »Da ist nichts, denn es gibt nämlich keine Nachtheuler« oder »das bildest du dir nur ein«. Und das nur, weil sie die Monster nicht sah. Als ob das einen Unterschied machen würde, Karo konnte sie auch nicht erkennen, aber sie waren da. Sie waren nämlich nicht gerade leise, manchmal klangen sie wie der Sturm, wenn er um das Haus herumheult, was der Wind auch am liebsten machte, wenn Karo schlafen sollte. Deswegen nannte sie die Wesen auch Nachtheuler.

Außerdem war sie sich sicher, dass auch eingebildete Monster gefährlich sein konnten. Wenn ihre Mutter dann entnervt in den Wandschrank schaute, war dieser leer. Das war logisch, aber was kapierten Erwachsene denn schon? Die Nachtheuler kamen doch nur, wenn es ganz dunkel war – und eben nicht nur hinter den beiden Schiebetüren des Schranks. Sondern auch im Zimmer und am Flur. Wie oft sie versucht hat, das ihrer Mama zu erklären. Karo fand das eigentlich ganz einfach: Die gruseligen Nachtheuler kamen im Dunkeln und dann fürchtete sie sich. Deshalb wollte Karo eigentlich am liebsten bei Licht schlafen. Aber es wurde immer wieder ausgeschaltet, wegen der Umwelt und dem Energiesparen. Den Strom konnten die Erwachsenen zwar auch nicht sehen, aber sie wussten, dass er da ist. Weil er das Handy aufladen, den Thermomix laufen lassen und den Fön durch das Badezimmer wehen lassen konnte. Er sorgte für Licht, aber auch für Lärm. Das konnten die Monster aber auch, dachte Karo. Trotzdem glaubte ihre Mutter nicht an sie. Sie konnte sie nicht mal hören, wenn sie lostobten. Denn dann saß sie im Wohnzimmer und guckte Netflix. »Ich bin da, wenn etwas ist«, sagte sie und gab ihr einen Gutenachtkuss. Das machte sie jede Nacht. Dann ging sie, ließ Karo »nur noch zehn Minuten« lesen. Manchmal verging eine Viertelstunde, aber spätestens dann kam sie wieder und machte das Licht aus. Wie oft Karo schon gebittelt und gebettelt hatte, dass Mama bei ihr bleiben und im Dunkel mucksmäuschenstill auf die Monster warten müsse? Das wusste sie nicht mehr. Manchmal blieb ihre Mutter noch ein wenig, aber eben nicht lang genug. Es konnte auch sein, dass die Monster erst kamen, wenn die Erwachsenen weg waren.

Bei ihrem Vater fühlte sie sich sicherer. Der wohnte in München und sie sah ihn alle 14 Tage am Wochenende. Dann konnte sie ruhig schlafen, denn in der großen Stadt gab es ganz bestimmt keine Nachtheuler. Das war gar nicht möglich. Denn nie war es völlig dunkel und außerdem gab es immer Geräusche. In den Nachbarwohnungen wurde laut gestritten, gelacht und Krawall gemacht. Auf der Straße röhrten Autos, brüllten Motorräder und wenn ihr Vater mit seiner neuen Freundin redete, konnte sie von ihrem Schlafsofa aus jedes Wort hören. Das war ganz sicher nicht die Welt, in der solche Monster leben konnten. Wenn es hier jemals welche gegeben hatte, dann haben die längst einen anderen Ort zum Spuken gesucht. Karo hatte ihrem Vater natürlich von den Biestern erzählt, aber er hat noch nicht mal versucht, sie zu beruhigen. Er lachte sie einfach aus. Als Ingenieur fand er für alles im Leben eine Formel und so rechnete er ihr haargenau vor, warum es keine Monster geben konnte und auch nie welche gegeben hat. Also sagte sie irgendwann nichts mehr und genoss einfach die monsterfreie Zeit. Wenn sie dann aber im Zug nach Hause saß, freute sie sich auf ihre Mutter, aber mit jedem Kilometer kroch die Angst vor der nächsten Nacht immer weiter in ihr hoch. Ach, wenn sie doch nie mehr ins Bett gehen müsste…

Sie wusste, dass das dort, wo ihr Haus stand, früher ein Moor war. Da mochte ihr Vater ihr noch so wortreich erklären, dass das Moor mit den Dinosauriern verschwunden ist und man die Reste schon vor Jahrhunderten trockengelegt hatte. Wenn ihr seine Erklärung zu lange dauerte, fielen ihr die Augen zu. Aber am Tag darauf fragte sie sich stets wieder, ob das Moor trotzdem noch da war. Vielleicht versank ihr Haus irgendwann einfach, während sie schliefen? Und dann wachten sie auf und die Nachtheuler hielten sie gefangen, um sie aufzufressen? Das konnte sie sich vorstellen, denn die sahen so böse aus mit ihren langen spitzen Zähnen. Grün wie sie waren, mussten die Monster aus dem Moor kommen. Da Karo selbst gut im Rechnen war und kombinieren konnte, war sie sicher, dass ein Weg aus dem Schlamm direkt in ihren Wandschrank führen musste. Es konnte gar nicht anders sein, fand sie. Denn wo sollten die Ungeheuer denn sonst leben?

Sie wusste nun also, dass sie im sumpfigen Untergrund wohnten und dass sie ziemlich böse waren, wusste sie auch. Es war klar wie dicke Milch. Karo konnte es spüren, wenn die garstigen Monster aus dem Schrank kamen und sie durch die Dunkelheit hindurch anfunkelten. Bald würde es wieder so weit sein, denn das Licht war aus und sie lag in ihrem Bett und versuchte, den Atem anzuhalten. Vielleicht merkten die Gruselwesen gar nicht, dass sie hier ist. Aber sie bezweifelte das. Wenn sie ihr Herz laut schlagen hören konnte, vernahmen sie es auch. Ob sie heute Ruhe gaben? Nein, es ging schon wieder los. Es raschelte und zischelte, knisterte und krachte, lachte und kicherte, gluckerte und pluckerte. Sie konnte hören, wie das Onchao, seine Mutter Lyria und seine Schwester Kyara und die Elementeinhörner herumpurzelten. Zwar hatte sie lange nicht mehr mit ihnen gespielt, aber sie erkannte jedes Tier an seinem Klang. Karo schrie, es wurde still. Sie zwang sich, wieder ruhig zu sein und das Getöse, der Rabatz ging wieder von vorne los. Es klirrte und flirrte, trommelte und hämmerte, platschte und patschte erneut. Irgendwie vermeinte sie, ein Wispern und Flüstern zu hören. Es machte ihr Angst, weil es rostig und frostig klang und sie außerdem kein Wort verstand.

»He, Moment mal, Schlonk. Sag, hast du mitbekommen, was das kleine braunhaarige Mädchen da grad gedacht hat? Wir sollen böse und hässlich sein. Gut, ‚böse‘ lass ich durchgehen, aber hässlich? Ok, du bist wirklich nicht der Schönste und ziemlich popelgrün.«

»Pssst, Sperry, halt einfach die Klappe. Wenn du so laut plapperst, hört sie uns am Ende noch. Das wäre schlimm. Außerdem verstehe ich meine eigenen Gedanken nicht mehr. Lass uns einfach weiter mitdenken. Ach, so ein feines, zartes Wesen. Sie ist erstaunlich schlau für so ein zerbrechliches Ding, wenn du mich fragst.«

»Ich frag dich aber nicht, Schlonk.«

»Aber sag, Sperry, was sind denn eigentlich Monster?«

»Keine Ahnung, und nun sei ruhig. Sie hält schon wieder die Luft an. Wahrscheinlich will sie verstehen, was wir da tuscheln. Wir sollten sie lieber wieder zum Schreien bringen. Komm hilf mir, wir werfen diese Puppen da gegen das Holz. Und du rülpst dazu, das klingt schön fies.«

»Ok, aber warum müssen wir ihr eigentlich Angst machen? Ich meine, sie tut uns doch gar nichts. Außerdem ist sie voll süß.«

»Das machen wir Nachtheuler doch immer so und außerdem ist es unser verdammter Auftrag, Sperry. Du weißt doch, was der große Gnubbel gesagt hat…«

Kommentare sind nur für Mitglieder zugänglich. Nimm an der Diskussion teil …